Wieder ein Film über Russland

Das Konzert (Originaltitel Le Concert) ist ein französischer Film von Radu Mihăileanu aus dem Jahr 2009 (In Wirklichkeit waren wieder mehrere Länder dran beteiligt: Frankreich, Italien, Rumänien, Belgien und Russland.)

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Hoffen aus eine neue Chance in Paris: geniale Musiker eines Exorchesters

Einige Rezensionen bei Amazon kreiden diesem Film an, der Plot wäre an den Haaren herbeigezogen und die Geschichte voller Klischees und unrealistischen Darstellungen.

Zum einen finde ich die Darstellung sehr realistisch. Die Achtziger Jahre kommen gut durch und auch die Jetzt-Zeit in Moskau. Nach Jahrzehnten affenartiger, überzeichneter Russenmenschen in amerikanischen Filmen, freut es mich, ein wenig von echter russischer Mentalität und Ausdrucksweise in einem Film zu sehen. Besonders wenn man sich den Film in den Originalsprachen Russisch/Französisch angeschaut, wirkt er authentisch. Und unterhaltsam ist er auch. Zum anderen sind die Vorurteile in diesem Streifen mit einem Zwinkern erzählt und gehen nie unter die Gürtellinie.

Irgendwie haben die Russen und die Franzosen diese besondere Verbindung. Immer noch.

Und das der Regisseur ein Rumäne ist, ist ein großer Pluspunkt, so kennt er sich im Ostblock und mit Grenzgängen gut aus.

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Hat für diesen Film Geige gelernt – die französische Schauspielerin Mélanie Laurent

Der Plot ist nicht dokumentarisch. Das gebe ich auch zu, aber es ist auch keine Doku oder ein gut recherchierter Zeitungsartikel. Die Kunst darf sich die Freiheit nehmen, zu überzeichnen und poetisch zu sein. Zu erdichten und verdichten. Kein Zuschauer will und wird sich ansehen, was wirklich geschehen ist mit Künstlern, die ins Gefängnis oder in die Psychiatrie gesteckt wurden, weil sie regimekritisch waren. Keiner will sehen, wie Leben endgültig zerstört wurden ohne eine Wiedergutmachung in einem Théatre de Châtelet. Und was mit den Kindern derer, die in Lagern umgekommen sind geschehen ist. Die Menschen wenden sich gern ab, wenn es darum geht. Die Wahrheit ist unansehnlich und schwer auszuhalten. Da ist es doch wunderbar, wenn ein Autor und ein Regisseur dahingehen und ein Märchen schaffen, in dem das Gut und Böse miteinander spielen, wo durch das verdichtete Gespinst ein Stück Realität durchblitzt. Ich sage einfach Bravo.

Der einzige Kritikpunkt, den ich auch hätte, ist die Darstellung der schacherischen umtriebigen Juden. Sie ist wirklich grenzwertig. Aber wie der Dirigent Filipov in einer Szene sagt, es ging ihm nicht dazu Juden zu verteidigen. Er wollte Musik machen, vollkommene Harmonie und dazu brauchte er seine jüdischen Musiker. Und Vater und Sohn, die beiden Trompeten im Orchester, dass sie so versessen sind, ihre Handys an den Mann zu bringen und zu spät zur Vorstellung kommen, ist sicher geschmacklos und würde in einem deutschen Film nicht geduldet. Aber die Produktion ist je keine deutsche.

Und die anderen Klischees, die neureichen Russen, Le Trou Normand mit seiner Bauchtänzerin, die am Flughafen ausgestellten Pässe, die machen den Film eher witzig und liebenswert. Werden doch die Nationalitäten, die Ausbuchtungen der Menschen auf die Schippe genommen. Und die virtuosen und findigen Synti und Roma kommen doch super weg. Sie sind es, die die Lage retten und das Konzert erst möglich machen. Da werden Klischees sogar kontrakariert, wie man so schön sagt. Aufgehoben.

Als ich den Film zum zweiten Mal alleine und auf OT mit U (Originalton mit Untertiteln) gesehen habe, hat er mich richtig berührt. Ich habe Russland erkannt und ich habe das Schicksal anerkannt, das die junge Frau getroffen hat. Und mich hat berührt, dass sie im selben Jahr Russland verlassen hat wie wir oder einige Monate nach uns. Das Jahr 1980, das so wichtig für mich wurde ist das schicksalhafte Jahr des ersten abgebrochenen Konzerts.

Die Kirche im Dorf gelassen – eine fotografische Zeitreise

Wenn da einer ist, der im digitalen Zeitalter mit einer alten Plattenkamera hantiert und ausschließlich mit Nassplattentechnik arbeitet, ist das schon retro. Wenn er damit auch noch Gebäude ablichtet, die seit Jahrzehnten lediglich als Relikte einer verlorenen Welt existieren, so wie die ehemaligen deutsche Kirchen an der Wolga, dann ist es wohl retro hoch zwei. Aber es passt.

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kaum zu glauben, aber das ist eine Aufnahme von 2012

Der Fotograf Artjom Uffelmann ist vor zwei Jahren zu einer Reise in die Vergangenheit aufgebrochen und ist mit rund zwei Dutzend belichteten Glasplatten von Kirchen aus der Wolgaregion zurückgekommen. Sein Projekt nennt er „Vergessene Zivilisation“. Denn zum Teil existieren die Dörfer nicht mehr, in den ehemaligen Kirchen wird weder jemand gesegnet noch getraut noch konfirmiert. Gras wächst zwischen den Steinplatten und durch die halbverfallenen Wände streift der Wind. Die sakralen Gebäude, die er vorfindet, sind längst Ruinen. Sie wurden nach 1941, nachdem die dort lebenden Deutschen in entlegene Gegenden zwangsumgesiedelt wurden, zunächst als Viehunterstand oder Dorfklub genutzt. Heute stehen nur noch ihre Überreste.

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Das Verfahren mit dem Uffelmann arbeitet, heißt Ambrotypie und war von 1850 bis 1890 der letzte Schrei in der Fotografie. Es ist ein Direktpositiv-Verfahren: eine Kolidiumschicht wird auf eine Glasplatte aufgetragen und in einer Plattenkamera direkt belichtet und danach sofort entwickelt. Anfangs ist die Glasplatte ein Negativ und nur durch das Auflegen auf eine schwarzlackierte Platte oder schwarzen Samt wird das Bild in ein positiv wahrgenommenes umgewandelt. Uffelmann benutzt lackierte Aluminiumplatten, auf die er das Glas legt, um diesen Effekt zu erzielen. Die so entstandenen Scheinpositive bleiben so und werden nicht vervielfältigt. Es gibt keinen Film als Zwischenmedium und jede Platte ist ein Unikat. Sie kann also weder bearbeitet noch manipuliert werden.

Genau das ist es, was ihn an dieser Technik reizt, dass man nicht mogeln kann. Es ist empfindlicher Prozess. Sekunden und Chemikalien müssen genaustens aufeinander abgestimmt sein, jeder Handgriff muss sitzen. „Du legst dein gesamtes Können, dein Wollen, deine ganze Liebe hinein“, sagt Uffelmann. Der Reisebus, mit dem er unterwegs ist, kann in Windeseile in ein mobiles Fotolabor umgewandelt werden.

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Ambrotypie kommt übrigens vom griechischen ambrotos, was unsterblich bedeutet. Ein sinnreiches Paradox mit einem unsterblichen Verfahren die Gebäude abzulichten, die für die Ewigkeit gebaut, jedoch nur wenige Generationen überdauert haben. Außerdem wurden viele der Kirchen genau zu der Zeit gebaut, als dieses Verfahren entstanden ist, um 1850.

Wenn er noch einmal zu einem ähnlichen Projekt nach Russland aufbrechen würde, dann nur mit mehr Zeit im Gepäck und der Assistenz eines Ortskundigen. Denn die Suche nach den Kirchen war ein waghalsiges Abenteuer. Die Karten, selbst militärische, die er sich in St Petersburg besorgt hatte, stimmten nicht mit den Gegebenheiten vor Ort überein und er musste zusehen, nachts mit dem Bus aus den Dörfern rauszukommen, weils sonst zu gefährlich geworden wäre.

Schon als Kind hat er seinem Vater beim Vergrößern von Fotos über die Schulter geschaut und so die Grundlagen der Fotoentwicklung gelernt. Mit 12 Jahren kam er Mitte der Neunziger nach Deutschland. Und fühlte sich, wie viele seiner Generation in der neuen Heimat zunächst fehl am Platz. Doch diese Reise in die Vergangenheit seiner Vorfahren hat Arjom Uffelmann verändert. Er sagt, er fühlt sich endlich angekommen und nicht mehr zwischen den Stühlen. Er hat sein Zuhause gefunden. In sich selbst.

Hier das Projekt auf youtube:

Und hier die Website von Artjom Uffelmann: www.photographische-anstalt.de

Übrigens, dieser Tage sind seine Bilder noch im Mannheimer Schloss zu sehen. Und zwar im Ausstellungsraum der Katakomben, also wer dort in der Gegend ist, im Original sind die Bilder sicher noch beeindruckender!

 

Vergessene Opfergruppe

Vor einigen Jahren kam ich in Deutschland zufällig mit einem älteren Mann ins Gespräch. Als er merkte, dass ich mit schwäbischem Akzent sprach,  fragte er mich:
„Woher sind Sie denn?“
„Aus Russland.“
„Gab es denn dort Deutsche?“
„Ja, etwa drei Millionen!“ (S.84)

Was sich anhört, wie ein weiterer Aussiedlerwitz, oder dessen bittere Variante,  ist ein Zitat aus dem Buch  „Mein Herz blieb in Russland“ – Russlanddeutsche erzählen aus ihrem Leben.

Darin sind exemplarisch 34 Erfahrungsberichte versammelt, aus den unterschiedlichsten Regionen und von Menschen aus mehreren Generationen. Solchen, die in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts geboren wurden und die Zwangskollektivierung und „Deportationen hinter den Ural oder den Zwangseinsatz in der berüchtigten  Arbeitsarmee miterlebt haben, aber auch solchen, die 60 Jahre später zur Welt gekommen sind und ihre eigenen Erfahrungen mit Russland gemacht haben. Keine Angst, neben den traumatischen Erlebnissen ist auch die Rede „von erfreulichen und hoffnungsvollen Ereignissen, wie dem geglückten privaten und beruflichen Neuanfang in Deutschland.“

Schicksal für Schicksal wird aufgerollt, andere Namen, andere Generationen, andere Geburtsorte und doch kreist sich alles um das unheilvolle Datum im Juni 1941. Es ist der Wendepunkt im Leben jeder der Familien. Die deutschen Truppen marschieren in Russland ein und Stalin befiehlt die sofortige Deportation aller in Russland lebender Deutschen nach Kasachstan und Sibirien. Für Bewohner der Wolgaregion und anderer Gebiete bleibt keine Möglichkeit zur Flucht. Die Schwarzmeerdeutschen bleiben noch in ihren Dörfern und ziehen erst 1943  in zwei großen Trecks Richtung Westen als die russische Armee die Gebiete zurückerobert.

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Klassenfoto der Schule Nr. 18 aufgenommen 1941, kurz vor dem Tag, der alles ändern wird
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1968 und eine Generation später: entspannte Sitmmung im Pionierlager Artek

Aus der Pressemitteilung des Verlages: „Auch das 20. Jahrhundert, …, kennt wenige schriftliche Zeugnisse – in Deportation, Gefangenschaft, Zwangsarbeit, in den nachfolgenden Jahren entsagungsreichen Wiederaufstiegs in einer Sowjetunion des Kalten Krieges dachte man ans Überleben und nicht an Dokumentation. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen gingen weitgehend verloren, die offiziellen Dokumente der Vertreibung – Deportationsbefehle, Haftunterlagen, Passierscheine, Essensmarken, Entlassungspapiere etc. – ruhen in regionalen Archiven. So bleiben in der Tat nur die Erinnerungen der Betroffenen, vor allem der älteren Menschen.“

Um so wertvoller sind diese Erinnerungen, die in diesem Buch versammelt sind. Denn sie bilden eine „Geschichte aus dem Gedächtnis“, damit wir nicht vergessen, wie es gewesen ist. Drüben. Damals. Wir sehen nur die Ausprägungen dessen. Die Menschen die hier ankommen und sich anpassen oder eben nicht, Menschen mit einem mehr oder weniger starken Akzent. Sie klagen nicht, meistens. Wenn hier alle wüssten, was sie durchlitten haben, genau weil sie Deutsche auf dem falschen Territorium und zur falschen Zeit waren, würden sie  sie niemals mehr „Russen“ nennen. Auch nicht so dahergesagt. Auch nicht im Scherz. Niemand würde sich nach der Lektüre dieses Buches erdreisten, zu sagen: „Jeder, der auch einen deutschen Schäferhund besessen hat, hat doch rübergemacht.“ Ich weiß, ich schweife ab. Die Bitterkeit steigt hoch und ich habe diesen Satz auch schon seit gut zehn Jahren nicht mehr gehört. Weiter im Text.

Ich musste nicht weinen, als ich es in einem Rutsch gelesen habe. Nein. Die Sprache, in der diese zum Teil unsagbaren Dinge erzählt werden, ist klar und sachlich, nicht anklagend.  Aber mir wurde auf einmal deutlich, dass das, was mein Vater aus seiner Kindheit  und Jugend erzählt, nicht das Schicksal eines einzelnen ist, den es besonders schwer getroffen hat. Es waren viele. Tausende. Hunderttausende, die so hin und her geworfen wurden, vergessen von der Geschichte. Sie haben trotzdem studiert, haben sich weitergebildet und überlebt. Haben sich verliebt und Familien gegründet. Ein fast normales Leben. Aber die Erlebnisse eines Lagers oder einer Verschickung kann sich keiner aus dem Gesicht wischen. Das prägt.

Und da kam noch mal ein anderes Gefühl auf. So viele haben das durchgemacht und kein Mensch weiß was darüber. Nur die Familien selbst. Vielleicht. Aber ich bezweifle, dass darüber beim Frühstückstisch gesprochen wurde, so wie es bei uns üblich war. Wo aus heiterem Himmel mein Vater darauf kommt, dass im Frühling, diejenigen, die  im Winter gestorben sind,  aus dem Schnee schmolzen und dann erst begraben werden konnten. Ich weiß gar nicht mehr, wie er darauf kam. Vielleicht haben wir über das Wetter geredet, darüber, dass der Frühling dieses Jahr so früh da war. Und dann in unser Brötchen gebissen.

Am Anfang steht eine Einführung in das Thema und am Ende der Zeitzeugenberichte befindet sich noch ein nützliches Glossar, in dem Begriffe, Personen oder Orte erklärt werden, die für Nicht-Aussiedler eher nicht geläufig sind. Banja oder Babuschka werden viele kennen, aber wer weiß, was mit Rabfak, DOSAAF oder Burshuika gemeint ist?

Das Buch 2012 ist im Zeitgut-Verlag erschienen. Es ist nicht einer der großen namhaften Verlage, was allerdings eher gegen die namhaften Verlage spricht, sondern ein kleiner Spartenverlag, der sich auf historische Themen und Zeitzeugenberichte spezialisiert hat. (Sparten– wird zu meinem Lieblings-Präfix, sehe ich grade. Bin ich eine Sparten-Deutsche? Vermutlich). Dennoch ist es eine gute Entwicklung, dass Geschichte und Lebensberichte dieser nicht grade kleinen Bevölkerungsgruppe publik gemacht werden. Wurde auch Zeit.

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„Mein Herz blieb in Russland“ – Russlanddeutsche erzählen aus ihrem Leben
Herausgegeben von Larissa Dyck und Heinrich Mehl.
34 Erinnerungen, 448 Seiten mit mehr als 60 Fotos und Dokumenten, 40 Seiten Wissensbereich mit kleinem Russland-Lexikon, vielen Karten, Ortsregister, Literaturverzeichnis, Zeitgut Verlag, Berlin. ISBN 978-3-86614-145-2, Euro 12,90

Wostok-Zapad, eine Liebe in Russland

Der Film Восто́к – За́пад, oder auf französisch Est- Oest, wurde 1999 als eine französchisch-ukrainische-russisch-spanisch-bulgarische Produktion gedreht. Die Regie führte Régis Wargnier.

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Alexej versucht Marie zu bremsen.

Er weist so namhafte Schauspieler auf wie Oleg Menschikow (Олег Меньшиков), Sandrine Bonnaire (Сандрин Боннэр) und Catherine Deneuve (Катрин Денёв).

Der Plot spielt kurz nach dem WWII: Stalin ruft alle ins Ausland geflohenen Russen zurück ins Heimatland (es gibt sogar ein Wort dafür: Репатриант, Repatriant). Tausende folgen seinem Ruf. Doch statt eines proletarischen Paradieses empfängt sie der Geheimdienst und alle werden sofort verhört und dann als imperialistische Spione verschickt. So soll die französische Ehefrau (Сандрин Боннэр) des Arztes Alexej (Олег Меньшиков), auch verhaftet werden, doch er verbürgt sich für sie und, anders als die anderen, landen sie mit ihrem kleinen Sohn nicht im Lager sondern in einer Kommunalka in der Provinz.
Ihr französischer Pass wurde vom böswilligen KGB-Agenten zerstört und und somit die Aussicht auf eine Rückkehr zunichte gemacht. Doch Marie gibt nicht auf. Sie kämpft und mithilfe des jungen Sportschwimmers Sascha (Серге́й Бодро́в jr), der auch in der Kommunalka lebt und einer kommunistisch gesinnten Diva aus Paris (Катрин Денёв), bekommt sie die Chance, den eisernen Vorhang zu überwinden. Auch wenn es sie viele Jahre und einige Rückschläge kosten wird.

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Schwimmprofi Sascha ist Maries große Hoffnung

Man könnte sagen, die Kleidung der vierziger Jahre, dieses nostalgische Etwas, das Sandrine Bonnaire nonchalant trägt, ist in dem Film überbetont. Aber abgesehen davon, ist das Setting sehr realitätsgetreu, die Intrigen und Verräter der kommunalen Wohngemeinschaft, die Stumpfheit des stalinschen Behörden und die Tristesse der abblätternden Tapeten kommen sehr gut zur Geltung. Die Darstellung des Lebens im Lager wird uns zwar erspart. Aber ansonsten werden die Brutalität und Willkür des Regimes und die Mitläufermentalität schonungslos gezeigt.

Kein Wunder, denn der Drehbuchautor Rustam Ibragimbekov (viele kennen ihn als Autor von „Urga“) und der Filmemacher Sergei Bodrov sen. haben am Skript mitgewirkt. So kommt es, dass, obwohl die Bilder schön sind, obwohl die Geschichte leicht filmisch verklärt ist, der Film die stalinistische Zeit ohne verwestlichten Blick oder den Hauch von Sowjetpropaganda zeigt. Und spannend erzählt ist er allemal.

Ich denke, dieser Film ist ein wertvolles Stück Aufarbeitung und interassant für alle, die etwas von der Zeit damals spüren wollen. Auch die Sprachen Französisch und Russisch, die in dem Streifen gemischt werden, verleihen ihm ein Stück Authentizität.

Leider ist er nicht auf Amaz-duweißtschonwas oder anderen bekannten Plattformen erhältlich. Aber auf russischen Seiten kann man ihn runterladen.

Es gibt auch kritische Stimmen dazu:

„Wargnier, der bereits in Indochine die Kolo­ni­al­nost­algie mancher Franzosen zerpflückt hatte, insze­niert das Umkippen des Traums in den Alptraum genüßlich. Mit allen Mitteln des Melodrams klagt er die Diktatur an, zwischen den unschul­digen Haupt­fi­guren und den bösen Kommu­nisten bleibt wenig Platz für Grautöne. Der Beweis politisch-korrekter Gesinnung überwiegt allen Realismus“, schrieb Rüdiger Suchsland von Artechock e.V.

Und noch ein Detail: der in Russland sehr bekannte Mime Oleg Menschikow hat 1982 in dem Fernsehzweiteiler „Das Pokrowski-Tor“ („Покровские ворота“) einen jungen Mann in einem ähnlichen Setting gespielt. Also ohne Stalin-Kritik und Franzosen aber sonst war alles da, die Komunalwohnung und die Fünfziger-Jahre. Bloß ganz volksnah, unkritisch naiv und nostalgisch verklärt. Eine Art Doris Day Szenario für Russen. Bewohner der Komunalwohnung als Gutmenschen mit Liebesproblemen. Was für ein Kontrast!

Nemez der Film out now

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NEMEZ ist ab sofort online auf iTunes, Amazon und Co. erhältlich!Und ich wollte mich schon darüber aufregen, dass solche Spartenfilme nirgendwo zu sehen sind und man Aussiedler-Themen eh untern Tisch fallen lässt. Aber nein.

Hier gibt’s die Übersicht der Plattformen:
http://nemez-film.de/VoD.html

Nemez – ein Kinofilm von Stanislav Güntner

Gesehen gestern im Rahmen des kleinen Fernsehspiels im Zweiten Deutschen Fernsehen.

Ein junger Russlanddeutscher, Dima, lässt sich in Berlin auf kriminelle Machenschaften ein. Er arbeitet für den georgischen Kunstdieb Georgij, der ihm den Spitznamen „Nemez“ gibt. Dima wird erwischt und landet im Gefängnis. Wieder draußen, verliebt er sich in die Kunststudentin Nadja (nur der Name ist russisch) und sucht einen Weg mit der Vergangenheit als Kunstdieb abzuschließen, die ihn immer wieder einholt.

Wir erfahren, dass er den Einbruch nur mitgemacht hat, um seinem Vater, der Geologe ist und in Berlin als Taxifahrer arbeitet, das nötige Startkapital zu beschaffen, damit er ein eigenes Taxiunternehmen gründen kann. Doch der hat eh andere Pläne, er will zurück nach Russland, will wieder in seinem Beruf arbeiten.

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© Filmschaft Maas & Füllmich und Nominal Film

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist der erste Film, den ich gesehen habe, in dem ein Russlanddeutscher die Hauptrolle spielt. Seine Herkunft und seine Konflikte werden leise und unaufdringlich thematisiert. Ich habe dennoch vieles wiedererkannt. Die Coolnes der Jungs, wie die Mutter ihm noch mehr auf den Teller tut. Pelmeni essen. Auch die Idee mit der Gefrierkammer. Schön.

Vielleicht kommt er so echt rüber, gerade weil der Film mit echten Russlanddeutschen, also (zum Teil) mit Laienschauspielern besetzt ist. Aber das sorgt auf jeden Fall für die nötige Authentizität. Man merkt, dass Regie und Drehbuch nicht von Leuten stammen, die die russische Seele nur aus Konsalikverfilmungen kennen und deutsche Schauspieler als Klischeerussen auftreten lassen, die mit einem aufgesetzten Akzent grammatikalisch korrekte aber typisch deutsche Sätze drechseln.

Für meinen Geschmack ist Dimas Grund, kriminell zu werden,  nämlich um das Leiden des Vaters zu beenden, einen Tick zu altruistisch.
Dennoch. Starke Bilder. Wie Dima sich an die Glocke hängt, das Motiv der Leiter, die durch den ganzen Film zieht. Starker Auftritt der beiden Hauptdarsteller.

Meine Mutter, die ebenfalls lange wachgeblieben ist, um ihn zu sehen, ist hellauf begeistert. Wie gut sie gespielt haben, Dima und Nadja auch. Sie erzählte mir am Telefon, nicht nur für deine Generation, für Leute meines Alters hat er auch was zu sagen, der Film. Für die Älteren. Da sieht man ja, wie stark die Kinder mit den Geschichten von den Eltern verwickelt sind.

Schade, dass ich nicht rechtzeitig gelesen hab, dass man über Twitter mit dem Regisseur Kontakt aufnehmen kann. Ich hätt ihn so einiges fragen können. Zum Beispiel wenn der Georgier Dima Nemez nennt, also Deutscher in Anlehnung an seine Herkunft, was ist mit den anderen Jungs, die er für seine Diebereien einspannt. Sind die denn keine Russlanddeutschen? Aber unwichtig. Spitznamen haben ihre eigenen Gesetze.

Was mich irritiert ist, dass die Mutter bei ihrem Sohn bleibt und den Mann ziehen lässt.

Ein russlanddeutsches Märchen. Ein edler Junge, gute Anlagen, der abgerutscht ist und seinen Weg sucht. Ich hätte dem Film vermutlich ein böseres Ende verpasst. Aber Dima kommt ja auch nicht ganz mit heiler Haut davon.

Das Aufbleiben hat sich gelohnt. Auch wenn ich es schade finde, dass dieser Film nicht um viertel nach acht läuft, außer auf einem Spartensender, den ich nicht reinbekomme.

Und auf ARD wurde fast zeitgleich eine Doku zum Thema Deutsche in Polen gezeigt. Sicherlich reiner Zufall. Die Programmdirektoren haben sich wohl kaum abgesprochen und gesagt, nun machen wir mal nen Vertriebenen/Aussiedler-Abend.

Nein, ich will mich nicht beschweren. Super.

mehr Infos

http://www.nemez-film.de/trailer.html

Harte Jungs

Harte Jungs
Frankfurter Tatort, „Wer das Schweigen bricht.“ Regie: Edward Berger/Drehbuch: Lars Krume

Ich muss mich berichtigen. Spätaussiedler kommen doch in den Medien vor. Wie gestern wieder beim Frankfurter Tatort. Es war zwar eine Wiederholung eines Tatorts vom April 2013, aber damals habe ich ihn nicht gesehen. Er spielte in einem Jugendknast und da dürfen Deutschrussen, wie wir mittlerweile genannt werden, bekanntlich nicht fehlen. Jurij und Sergej. Über und über tätowiert mit slavischen und religiösen Symbolen und nur am trainieren. Klitschkomäßig. Knallhart. Sie stehen unter Verdacht einen Libanesen gefoltert und umgebracht zu haben und Drogen haben sie auch bei Ihnen gefunden. Das einzige Wort, dass diese harten Jungs im Skript zu sagen haben, ist: „Eigenbedarf“,  mit rollemdem R natürlich. Diese Jungs zeigen alle Anzeichen der homo sovieticus Mentalität. Sie waren es am Ende doch nicht, Gott sei Dank, also das mit den Drogen natürlich schon, aber den Mord haben nicht sie begangen.

Wieso wird nicht mal ein ganzer Tatort genau über diese Typen gemacht und mit dem ganzen Milleu und dem Hintergrund? Wäre doch spannend. Für mich. Vielleicht für 99% der Bundesbürger nicht. Weil das Thema ja irgendwie nicht so öffentlich behandelt wird. Wo sie Borsch essen und „Nu Pogadi“ gucken, und wo ihre Oma bei einer Beerdigung noch die deutschen Lieder aus den Kolonien singt.
Aussiedler oder Deutschrussen (klingt irgendwie rauer als Russlanddeutsche, Russen mit nem deutschen Namen oder besser: Russen mit nem deutschen Schäferhund…) als kriminelle Drogendealer, das entspricht dem Bild in der Öffentlichkeit. Ich will jetzt nicht in Abrede stellen, dass sich unter den Spätaussiedlern kein Drogendealer befindet. Oder die Gründe und damit alles Soziologische aufrollen, das haben andere vor mir besser getan.
Es ist schade, dass nur dieser Splitter der ganzen Gruppe wahrgenommen wird. Die Krankenschwestern und die Ärztin in dem Film hätten auch in Karaganda oder Dnjepropetrovsk ihren Abschluss gemacht haben können. Aber nein. Nur die Knastis haben den Russen-Touch.

Gut, es gibt noch Nadeshda im Münsteraner Tatort. Ihre Eltern feiern exakt wie die Russen. Bloß in einer Kneipe (!?) und nicht zuhause. Sehr untypisch und zudem schlecht recherchiert. Ich habe da nichts von mir und meinen Leuten wiedererkannt. Nada. Niente. Nitschewo. Wer sie geschrieben hat, diese Rolle, hat wohl nicht soviel Ahnung. Sie hat nämlich gar keinen Hintergrund, weder einen Immigrations-, noch einen Deportations- noch einen sonstwie Background. Oder ist das das Gute? Ein positives Beispiel für eine gelungenen Integration? Na denn, dann ist ja alles gut. Oder wie Jurij oder Sergej sagen würden: Прикрасно!

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