Blütengestöber

In Großvaters Garten standen mehrere Kirschbäume, auf die wir Kinder im Sommer klettern durften und uns erst mal selbst die Bäuche vollschlagen, bevor wir einige Handvoll Früchte für den Rest Familie gepflückt haben. Ganze Nachmittage hingen wir in den Bäumen und wenn uns die Lust vergangen war, gingen wir in Opas Holzwerkstatt und bauten aus Resten kleine Segelboote, die wir in den Aryks schwimmen ließen, den eingefassten Kanälen, die in den Dörfern Kasachstans neben jedem Haus entlang fließen.

Der Großvater hatte für alles einen Vergleich parat gehabt. Irgendeine Parabel, in die er die Realität verpackte, so dass ihre Spitzen nicht so deutlich hervorstachen.

Er konnte sich im Mai den blühenden Kirschbaum anschauen und sagen, „Glaub gar nicht, dass sich aus jeder Blüte eine Kirsche entwickelt. Zu Hunderten hängen sie auf den Zweigen, aber Regen oder Wind reißen die Blütenblätter oft vorzeitig ab. Dann liegen sie nass und zerdrückt auf dem feuchten Boden. Aus der, die bis zum Schluss ausharrt, die Wind und Wetter verschont haben, wird eine Frucht. Die hat dann Glück gehabt.“

„Oder auch nicht, Opa, wenn die doch gegessen wird?“

„Ja, das ist wahr, sie wird von uns und den Vögeln verspeist und hat dann ihre Bestimmung erreicht. Aber die anderen, die drumherum sind, die vorzeitig zerstört werden, vom Wind vom Regen, die sind da, um sie zu schützen, sie bilden einen Schutzschild. Verstehst du, dann haben sie auch nicht umsonst am Baum gehangen. Ihre Bestimmung ist, die eine zu beschützen. Der Wind schafft es vielleicht, vier Blüten zu zerrupfen aber an die fünfte kommt er nicht ran.“

almond-blossom-kl
Nach einer Windbrise, leicht zerrupft.

Das konnte ein langer Vortrag werden, ich kannte das schon. Und sicher kam er am Ende mit: so wie diese Kirschen sind auch wir Menschen, weißt du Grashalm. Nur dass er mich natürlich nie Grashalm nannte, sondern Olenka. Oder Olja. Seine erste Enkelin nach neun Jungs.

„Das ist doch seltsam, dass man die vielen braucht, damit diese eine gedeihen kann,“ fuhr er fort und machte ein neues Loch in einen Ledergürtel oder baute einen Verschluss aus Draht oder oder beulte einen Metallbecher fürs Händewaschen aus. Immer hatte er was zum Reparieren in der Hand. „Und sie selbst, die anderen, fallen. Die zarten Blütenblätter rieseln herab und das, was eine Frucht hätte werden können, verdorrt. Bleibt fruchtlos. Sie wird erst gar nicht bestäubt, von den fliegenden Insekten, den Bienen und Schmetterlingen. Wenn ich ein Wissenschaftler wäre, so würde ich mich den ganzen Tag mit solchen Fragen beschäftigen. Wie viele Blüten müssen abgehen, damit du eine einzige Kirsche bekommst?“

„Na, hast du doch gesagt, vier auf eine, oder so.“

„Die Rechnung ist nicht immer so einfach. Es gibt ja auch Jahre mit besonders reicher Kirschernte, so wie es Apfeljahre oder Kartoffeljahre gibt. Letztes Jahr zum Beispiel gab es viele Äpfel, aber wenig Kirschen. Vielleicht ist es so, dass genau in der empfindsamen Zeit der Blüte es weder starken Regen noch Wind geben darf. Und in diesem Klima wachsen ganz viele zur Fruchtreife heran und. Müssen nicht zerknickt auf dem Boden liegen. Und wenn die Sonne sie zum Reifen bringt, füllen sich die Früchte mit süßen Säften. Werden besonders gut. Verstehst du, was ich sagen will?“

Damals habe ich sicher genickt, aber verstanden habe ich es nicht. Vielleicht spielte er auf den Zusammenhalt der Familie an, dass sich die einen für die anderen aufopfern. Oder er wollte erklären, warum er nicht Wissenschaftler, sondern Automechaniker geworden ist. Eine der Blüten, die es nicht zur Reife gebracht hat, dass äußere Unbilde seine Entwicklung verhindern können. Was ist unser Wind und Sturm? Bei Großvater war es sicher der Krieg. Er wollte damit vielleicht das Unerklärliche erklären, wie tausende und abertausende vom Weg abkamen oder sogar den Tod fanden.

Weiße und rosa Blütenblätter, hingeworfen auf dunkler Erde. Aber dann will ich diesen Vergleich nicht. Denn die Stürme, die Stalin und Hitler und ihre Koalitionspartner und Kontrahenten über die halbe Welt haben fegen lassen, kann man nicht mit einem Frühlingsgewitter gleichsetzen.

Doch der Großvater liebte solche Gleichnisse und suchte und fand sie überall. Wir sind wie diese Blüten. Wir sind wie die Sonnenblumenkerne in der Pfanne. Wir sind wie die Zugvögel. Wie die Holzboote in einem Aryk.

Auch heute, mehr als dreißig Jahre nach diesem Gespräch, steht ein Kirschbaum hinter unserem Haus. Es ist nicht genau unser Haus und auch nicht unser Baum, er steht auch nicht in unserem, sondern im Garten der Nachbarn, aber er ist hoch und ragt mit seinen obersten Zweigen fast an die dritte Etage heran. Dieser Baum ist sehr alt. In manchen Jahren glaubten wir schon, er treibt gar keine Blüten mehr aus, so nah wie er an der schattigen Mauer steht. Außerdem wird er von Efeuranken fast erstickt. Doch dann, im Frühling erwacht er wieder zu neuem Leben und zieht sein weißes Kleid an. Er bringt nicht ganz so viele Kirschen hervor, die die Bäume in Großvaters Garten, aber diejenigen, die es schaffen, werden saftig und rot. Doch leider wuchsen sie bisher weit außerhalb unserer Reichweite. Seit diesem Frühling, durch den monströsen neuen Balkon, den der Vermieter zwecks Steigerung der Wohnqualität hat anbringen lassen, kommen wir fast mit der Hand an sie heran.

Gestern musste ich an den Großvater und seine Geschichten denken. Die mandelförmigen, dunkelgrünen Blätter des Baums waren nach einem Regenschauer wie gesprenkelt. Immer wieder legte sich ein winziges weißes Blatt in eine Windbö und segelte sacht herunter. Dann wieder flirrte eine Meise heran, landete auf einem Zweig und zupfte Blütenblätter mit ihrem Schnabel ab und schmiss sie runter. Vielleicht sind die unreifen noch unentwickelten Knospen für diese Vögel eine Delikatesse.

Es ist seltsam, dass wir nur ein Wort dafür haben. Blatt, Blütenblatt. Dabei sind diese zarten Gebilde überhaupt nicht zu vergleichen mit Zeitungsblättern oder den Blättern der Kreissäge. Ich sehe diesen zarten Tanz und finde keinen passenden Begriff dafür. Vielleicht gibt’s im Japanischen bessere Bezeichnungen. Oh ja, die gibt es!

hanabusa – Blütenkelch, hanabira – Blütenblatt, hana no kushibiru – Blütenlippen, hana no rin – Blütenrund, hana no kumo – Kirschblütenwolken, hana no nishiki – Blütenbrokat. Sie haben ein extra Wort für sacht abfallende Kirschblüten und eine Bezeichnung für umherwirbelnde Blüten. Für Kirschblütengestöber. Und Wellen, auf denen Blüten schwimmen, tauchen auch oft in der Dichtung auf. Als Motiv, nicht als eigenes Wort.

Als Lächeln einer Kirschblüte wird in Japan der Moment bezeichnet, in dem sie sich öffnet. Die dortigen Dichter haben auch die allmählich intensiver werdende Färbung eines Blütenblatts mit einem eigenen Wort bedacht. Das alles hätte Opa sicher gefallen, wenn er das gehört hätte.

Es gibt sogar einen extra Begriff für eine taube Blüte, die keine Frucht trägt – adabana.

War er eine taube Blüte? Nicht zu seiner Bestimmung gelangt. Und bin ich es auch? Eine taube Blüte, frühzeitig vom Baum gerissen und auf einem fremden Ast gelandet? Adabana – klingt dabei so schön. Aber auch sie haben ihren Zweck, diese leeren Kelche, die in alle Winde zerstäubten Blütenblätter. Sie konnten zwar ihren nicht zur Kirsche heranreifen, haben aber durchaus eine poetische Wirkung mit ihrem Dasein erzielt. Oder, laut meinem Großvater, haben die eine Kirschblüte umgeben, die dann zur Reife gelangt ist. Die adabanas haben dem Regen, dem Wind und den Dichtern etwas zum Spielen gegeben, die das weiß-rosa Gestöber, die Blütenfälle ebenso innig besungen haben wie die Blütenpracht und die ausgereiften Kirschen, vielleicht sogar noch mehr. Schönheit und Vergänglichkeit in einem.

Wenn die Kirschen reif sind, werden wir uns einen Obstpflücker ausleihen, einen Teleskopstab mit einem Leinensäckchen daran und einem bezahnten Rand, um die kleinen Kirschköpfe besser von ihren Stängeln zu reißen, dort, wo wir nicht dran kommen. Und vielleicht wirft der alte knorrige und efeuumrankte Baum dort hinten in Nachbars Garten soviel ab, dass wir ein Glas Marmelade kochen können. So wie es auch Großvater mit den Kirschen in seinem Garten in Kasachstan immer gemacht hat. Mit den Kirschen, die wir Kinder ihm übriggelassen haben.

Werbeanzeigen

Der angebrochene Tag

Heute hat ihr Traum dort aufgehört, wo er am spannendsten war. Bevor er ganz entschwindet, schmeckt Olga ihn noch einmal nach, holt die letzten Bilder hervor, versucht den Nebelschleier niederzureißen, um sich zu erinnern. Da war doch. Aber er greift nicht, der Traum, kommt nicht an gegen diese Mauer aus schwerer Schlacke, durch die sie durchwaten muss.

Halb fünf Uhr morgens, die Wolfsstunde ist eigentlich schon vorbei. Seit Tagen, seit Wochen ist das die übliche Zeit. Da wacht sie immer auf. Manchmal schafft sie es nach einer Stunde wieder einzuschlafen, doch oft wird das Kopfkino sofort wieder angeknipst und sie liegt da, bis zum Weckerklingeln und ihre Gedanken kreisen, ziehen sie herab in die Tiefe. Auch heute ist das Grundgefühl ein dunkles, als hätte sie etwas versäumt, etwas unerledigt gelassen, das aber wichtig wäre. Elementar. Und sie weiß nicht was. Sie kommt nicht drauf. Schuld, Schuld, Schuld, die sich einhämmert in ihren Kopf. Bis sie kaum noch atmen kann, ganz in sich zusammengezogen, verzogen vor lauter schlechtem Gefühl, falsch klingend. Stumm. Was hat sie unterlassen? Was verbrochen? Woher kommt diese Schuld?

Sie kann nicht vor und nicht zurück, wird von Stimmungen niedergedrückt, aufgespießt, wie ein Insekt, das von einem Universalgenie des achtzehnten Jahrhunderts zwecks Artbestimmung in einen kleinen Schaukasten gesteckt wird. Doch sie kann sich nicht unter die Lupe nehmen, kann ihre Angst und ihr feiges Lebensgefühl nicht anschauen, nichts analysieren. Jetzt nicht. Sie muss sich dieser Gefühlsschlacke entledigen, sie abstreifen, um aufzustehen, den Alltag zu mimen. Mit fahrigen Bewegungen durch die Küche wanken wie durch Sirup. Und wehe heute sagt jemand etwas Falsches. Alles ist zuviel, zuviel, zuviel. Der Geist ist noch befasst mit dem Tragen des Nachtalbs, der sich ihr in die Brust krallt. Und ihr die letzte Kraft aussaugt. Schuldig, schuldig, schuldig. Aber worin besteht ihre Schuld? Was hat sie unterlassen, was getan, dass diese Schwere sie so in Beschlag nimmt?

Neulich hat Olga geträumt, sie hätte im Zimmer Mehl verschüttet. Im Traum schnappt sie sich einen Besen und fegt es auf, versucht es, erreicht aber nur, dass es aufsteigt und sich überall verteilt, eine weiße Wolke, wie besessen fegt sie, kehrt den feinen Staub zusammen, die Leute kommen doch gleich, sie muss fertig sein. Aber anstatt dass der Boden sauber wird, verwischt sie alles nur. Immer noch Traum, ihre Mutter kommt zur Tür, sagt etwas auf Russisch, sie versteht nur das Wort „мука“ (muka) also Mehl. Mehl, was sonst. Als Olga aufwacht wird ihr bewusst, dass das Wort noch eine andere Bedeutung hat: „му́ка“, auf der ersten statt auf der letzten Silbe betont, heißt Leiden, Qual im Sinne von мучения (mutschenjia). Und мучить (mutschitj) bedeutet leiden, sich selber quälen oder andere. Die Syntax der Träume ist schon seltsam, und dass diese beiden in ihrem Traum ein Wortpaar bilden, einen fast eineiigen Zwilling; мукá – му́ка, unglaublich, geradezu freudianisch.

Was wollte die Mutter in ihrem Traum sagen? Hör auf, dich zu quälen? Feg die Qual einfach beiseite. Einfach aufhören damit. Das wärs. Wenn sie es schaffen könnte, ihre Aufmerksamkeit von den Dingen abzuziehen, die sie niederdrücken. Aber das ist eine Kunst. Und wer schon den Weg der Selbstzerfleischung eingeschlagen hat, kommt davon nicht so leicht los. Erkenne dich selbst, steht auf einer Stehle in Delphi eingraviert. Da steht nicht seit tausenden von Jahren, zermarter dein Hirn, finde raus, warum dich etwas fertig macht. Aber vielleicht muss sie erst durch Tonnen von Mehl-Qual waten, um zur Leichtigkeit zu gelangen, zu dem guten Leben? In ihrem Traum verschwimmt beides ineinander. Mehl – Qual. Sie quält sich. Oder sie kehrt das Leid zusammen wie verschüttetes Mehl. Das eigene oder das anderer Leute. Sie will den Raum von all der Qual befreien. Aber wie?

Halb fünf, wie immer. Tagesanbruch. Und was soll sie mit dem angebrochenen Tag anfangen? Nicht mehr heil und geheimnisvoll, nicht glänzend verpackt in Alufolie, sondern an der einen Ecke angebissen. So liegt sie wach und hat Angst, das Falsche zu tun. Stets das Falsche getan zu haben. Aber was wäre denn das Richtige? Nach drüben fahren in ein ihr unbekanntes Land, tausende von Kilometer entfernt und das Grab der Großmutter öffnen lassen? Nach der kleinen flachen Metallkiste suchen, die in der Erde versteckt ist. Die Großmutter vor ihrem Tod bestimmt, dass alles mit ihr begraben wird. Alle Fotos, die Briefe, die Erinnerung. Das war ihr letzter Wille. Wovor hatte sie so große Angst gehabt? Wollte sie nicht, dass bestimmte Dinge durchsickern, die der Familie schaden? Was würde sie finden in dem luftdicht verpackten Kasten? Fotos mit SS-Abzeichen am Hemd? Ein Brief aus dem Westen? Verhängnisvolle Klagen gegen die Sowjetregierung? Eine Schimpftirade gegen Stalin? Wohl kaum. Die Großmutter ahnte ja nicht, dass das alles einmal ungefährlich werden sollte, nur eine Gefahr für die Seele nicht für den Leib. Aber warum hat sie nicht alles einfach verbrannt? Wie der Großvater, der Jahre später, vor seiner Ausreise, alles vom Dachboden in den Garten hat bringen lassen und alles dem Feuer übergeben hat. Hefte, Zeichnungen, Bilder, Fotos. Vielleicht sogar noch verbliebene Dokumente. Und auch der Koffer musste dran glauben, der große Pappkoffer mit den Metallecken, mitgebracht aus dem großdeutschen Reich, ein Opfer der Flammen. Der Koffer. Als der Krieg vorbei war und die russische Armee vorrückte, haben Olgas Vater und sein achtjähriger Bruder Heiner beobachtet, wie das Volk die Geschäfte plündert. Alle sind in die Läden gerannt, um schnell noch das, was noch brauchbar war, an sich zu reißen. Der Mai 1945 war eine Zeit, als alle Gesetze außer Kraft gehoben waren. Auch in Dahme, dem kleinen Städtchen irgendwo im Osten der Republik, in dem sie kurze Monate verbracht haben. Und der kleine Georg und sein Bruder Heiner stürmen also ein Kleidergeschäft, schnappen sich einen Riesenkoffer und füllen ihn mit Hüten und Socken, mit Kleidern und Röcken, mit Hosen und Jacken. Mit diesen typischen Ledershorts, die in Russland niemand trug. Nur die Deutschen. Während der Vertreibung in den Osten, in den Ural und später in der sibirischen Sondersiedlung am Salzsee hat sie dieser Koffer, haben diese Klamotten sie gerettet, davor bewahrt, zu verhungern. Ein Filzhut mit Feder eingetauscht gegen ein Ei. Ein luftiges Sommerkleid gegen einen Leib Brot oder etwas Milch. Denn der Hunger ist jetzt, aber irgendwann wird die schlimme Zeit vorbeigehen und dann braucht man wieder was Schönes, was fürs Auge. Irgendwann wird das zivile Leben weitergehen. Damit der gestohlene Koffer ihnen nicht ihrerseits gestohlen wurde, schlief ihr Vater immer darauf, die ganze Reise hindurch. Er klammerte sich an dieses Stück Deutschland wie an sein Leben. Ein fünfjähriger Knirps schlafend auf einem Koffer. Sicher nicht viel länger als ein Meter lang – das Gepäckstück wie das Kind. In schweren Zeiten werden Kinder nicht sehr groß. Nur ihre Knie werden knubbelig und die Bäuche aufgedunsen.

Sollte sie wirklich noch diesen Monat nach Duschanbe fliegen? Und versuchen, an diese Metallkiste zu kommen? Oder bleibt sie für immer die Frau, die keine Fahrkarte kauft? Die nachts wach liegt und stumm leidet? Als ob eine kleine flache Kiste den Teufelskreis durchbrechen könnte. Lächerlich.

Die junge Frau und der Fluss

  1. Mai 2015 Tver – Die britische Fitnesstrainerin, Schauspielerin und Abenteurerin Laura Kennington will in einem Kajak dem Lauf der Wolga folgen. Gestartet ist sie vorgestern in der Nähe von Tver und will im August an der Mündung zum Kaspischen Meer ankommen. Das sind insgesamt 2300 Meilen oder 3700 und ein Kilometer.
eine Frau, ein Boot - 2300 Meilen die Wolga entlang
eine Frau, ein Boot – 2300 Meilen die Wolga entlang

Kennington, die als Kind neben Hugh Grant in About a Boy vor der Kamera gestanden hat, nennt diesen Trip Caspian Challenge. Sie hat die Absicht, ganz ohne Hilfe von außen auszukommen, sie nennt es selfsufficiant, das heißt soviel wie auf sich selbst gestellt und nur mit eigenem Proviant und aus eigener Kraft heraus.

Die 28-Jährige wird täglich an die 12 Stunden paddeln und schätzt, dass sie für diese Reise ca. drei Monate brauchen wird. Also Safe the Date! Auf ihren Bericht bin ich schon jetzt sehr gespannt. Übrigens der Hintergrund dieser Reise ist ein wohltätiger Kennington sammelt Geld für Waisenhäuser.

Hier kann man ihrer Fahrt auf einer Landkarte folgen: http://z6z.co/caspianchallenge

 

Die Gleichung vom Glück

glueckskind_mittel

Irgendwann hat Olga ganz verlernt, auf die guten Momente zu achten. Hat angefangen, nur die Ärgernisse zu betonen, das was schief läuft zu kolportieren, durchzuhecheln mit Freundinnen, mit Leuten, die es eigentlich gar nicht hören wollten. Flasche im Supermarkt an der Kasse geplatzt. Halb so schlimm. Das Konzert, das ausverkauft war, der Drucker, der wiedermal streikt, wenn die Bewerbung raus soll. Shit happens. Was überhaupt alles kaputtgehen kann und erforderlich macht, dass man sich drum kümmert. Reißverschlüsse, Jalousien, Kühlschränke und gern mal Waschmaschinen. Aber auch Gurte von Taschen und der Rekordmeister: das Fahrrad. Damit ist ständig was. Sie braucht sich nur von Zimmer zu Zimmer zu bewegen und sieht das Unperfekte, Verbogene, Unnütze herausstechen. Der Nupsi vom Wasserkocher, die schöne Teekanne, die jetzt hin ist. Genau. Einhändig, weil irgendwas schnell getan werden musste, hat sie was vom Spülgitter genommen, rausgezerrt und dabei ist ein Topf rausgerutscht und hat die Teekanne mitgerissen. Der Kannenkörper ist unversehrt, aber die Halterung für den Henkel total hinüber. Unwiederbringlich. Falsche Bewegung, zu viel Eile. Und schon ist die Katastrophe passiert. Kleines Pech. Im Gegensatz zum ganz großen Unglück.

Wenn nichts sonst klappt, immerhin hatte sie ihre Teezeremonie am morgen. Gehabt. Jetzt ist das Teetrinken keine entspannte Angelegenheit mehr. Eine andere wäre am selben Tag zum Teehaus Kröger gefahren und hätt sich kurzerhand eine neue Kanne geholt. Aber nicht sie. Nicht Olga. Erst mal leiden. Der Welt zeigen, wie arm sie dran ist. Ach. Deine Teekanne ist kaputt, einmal ein Ohhhh! Für die kleine Olga!

Der Mangel ist ein breites Feld. Da kann man sich so richtig reinwerfen und sich drin verlieren. Sich darin suhlen, wie dieser große schwarze Eber auf dem Bauernhof mit seinen abstehenden Hauern. Bis zu den Knien eingesunken im Matsch, bewegt er sich schwerfällig wankend, grunzend, sinkt ein bei jedem Schritt, den er macht. So wie diese zertrampelte Schlammkuhle sind die Gedanken, die sie sich macht, darüber, was schief läuft, darüber was man nicht hat, was man versäumt hat oder falsch entschieden hat. Sie bilden den Bodensatz in ihrem seelischen Schweinekoben, durch den sie täglich waten muss, um an den Trog zu kommen. Kein Wunder, dass sie am Ende eines Tages immer so erschlagen ist, so viel Schlamm, wie sie immer bewegen muss. Im Kopf. Hirmmasse. Schlammlawine.

Ihr Großvater soll immer gesagt haben, mach dir keine Sorgen wegen dem, was du verlierst. „Genau soviel wie verloren ist, Oljenka,“ hat er immer zu ihr gesagt, „kriegst du auch wieder zurück. Und noch mehr. Wenn dir jemand fünf Rubel klaut, dann passiert kurze Zeit später etwas, ein Zufall, und du bekommst was genau im Wert von diesen fünf Rubeln zurück. Also ein Nachbar bringt ein Huhn, weil beim Schlachten eins über war.“ Schlechtes wird durch Gutes aufgewogen. Das ist wie Minus und Plus. Daran hat der Großvater fest geglaubt. Doch irgendwann hat sie die Rechnung einfach umgedreht: Wenn du zuviel Glück hast, dann kommt irgendwann das dicke Ende.

Und sie war wirklich sehr darauf bedacht, nicht allzu viel Glück zu haben. Nicht wie in dem einen Lied „Wenn ich mir was wünschen dürfte“, weil sie dann „Heimweh nach dem Traurigsein“ hätt.  Sie würde liebend gern auf  die vielen Mißgeschicke verzichten. Oder weil sie fand, es stünde ihr nicht zu. Das spielte schon eher eine Rolle. Wenn andere so litten, andere vor ihr so gelitten haben, warum sollte ausgerechnet sie glücklich sein dürfen? Aber eigentlich ging es ihr um eine simple gradezu mathematische Gleichung. Es galt, eine Ausgewogenheit zu schaffen, sich mit kleinen Unglücken ein wenig Glück zu erschleichen. Sich das große Glück zu versagen, um echte Katastrophen zu vermeiden. Weil sie fest davon überzeugt war, dass das Pech durch übermäßiges Glück angezogen wird.

Denn wenn du dein Glück offen zur Schau stellst, kann es durchaus geschehen, dass ein paar angeödete Gottheiten auf dich aufmerksam werden und Lust bekommen, ihre grausamen Spielchen mit dir zu treiben. Für sie ist es ein Leichtes, am Rad des Schicksals zu drehen und Schwupp, Bein ab. Oder noch Schlimmeres. Weil du ihnen aufgefallen bist, weil Glück ihnen ins Auge sticht. Also Obacht. Das hat die Mutter auch immer gesagt:„Kind, du darfst niemandem zeigen, wie gut es dir geht, was du Gutes kannst oder hast. Führe nie deinen Stolz oder deine Zufriedenheit spazieren, denn du weißt nicht, wem du alles begegnest.“ Sie bezog sich zwar nicht auf die Fiesigkeit der Götter, sondern auf den Neid ihrer Mitmenschen. Aber die kleine Olga hat sich das auf den Schnurrbart gebunden. Oder hinter die Ohren geschrieben, wie es hier in Deutschland heißt. Glück versteckt man, wie eine dreckige Unterhose. In früheren Sowjetzeiten war das auch wichtig gewesen, überlebenswichtig, als die Mutter selbst Kind war und auch später. Warst du stolz auf eine kleine Wohnung, die du nicht mit sechzehn anderen teilen musstest? Schnell hat jemand dem zuständigen Hauswart was gesteckt und du bist zum Mineralien schöpfen in den hohen Norden gekommen. Ohne mit der Wimper zu zucken und ohne Gerichtsverfahren.

Diese Zeiten waren längst vorbei. Doch gelernt ist gelernt. Und so geht Olga geduckt durch die Welt, damit sie nicht auffällt, damit niemand sie schief angucken kann. Schön unauffällig bleiben. Das große Glück, nicht für mich. Verzichte dankend.

Außerdem hat sie regelrecht Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. Dann macht sie lieber gar nichts, nimmt das was kommt, das was ihr vor die Füße fällt und greift nicht nach Wünschen, nicht nach den Sternen. Falsche Entscheidungen hat es in ihrer Familiengeschichte nämlich schon einige gegeben. Da war die Urgroßmutter, die einem vorbeiziehenden Soldaten nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen hat, so zerlumpt wie er aussah, ein Russe, abgemergelt, sie hat ihm Wasser gegeben, eine Kelle aus dem Bottich gereicht, damit er seinen Durst löschen konnte und dann? Der Soldat ist weitermarschiert, weitergestolpert bis er auf seine Leute traf oder auf die Feinde, auf die Weißen. Aber der kleine Erreger, der ist geblieben, der saß im Wasserbottich und als die Männer vom Feld kamen, als das Abendessen auf dem Tisch stand, hat er sich rausgetraut.

Die schweren Stiefel, die guten, hat der Vater vor der Tür stehen lassen, um die würde er sich morgen früh kümmern. Es wusch sich die Hände an der Tränke, nahm eine Kelle vom kühlen Brunnenwasser und setzte sich an den Tisch. Es war seine Aufgabe, das Brot zu schneiden.

„Gibst du mir das Brot, Mutter?“

„Stellt euch vor, heute war ein Soldat hier,“ die Mutter wickelte das Brot aus dem Tuch und gab es ihm zusammen mit dem Messer, „ein Roter, alle Knöpfe lose an seiner alten zusammengeschusterten Jacke, aber ganz höflich war der, hat Wasser getrunken und sich bedankt. Auf russisch. Spassiba bolshoje, hat er gesagt.“

„Ein Soldat?“, schrie Jakob der Zweitjüngste, „warum war ich nur nicht hier, ich wär mit ihm mitgegangen. Ich will auch kämpfen, Vater, erlauben Sie es mir endlich! Sagen Sie denen, dass ich schon alt genug bin, ich will auch gegen das Unrecht kämpfen.“

„Sei still,“, hat der Vater streng gesagt, „muss ich dich wieder im Kühlkammer einsperren wie beim letzten Mal, als die Soldaten kamen? Andere sperren ihre Töchter ein und ich meinen halbwüchsigen Sohn, weil er so toll aufs Soldatenleben ist.“

„Der hat wohl schon vergessen, dass wir nicht länger hier bleiben“ warf sein älterer Bruder ein, der Karl, “ nach Ostern fahren wir eh alle rüber, nach Amerika. Dort kämpfen auch Rote gegen Weiße, da kann er mitmischen, wenn er noch will.“

„Ja, die Papiere sind schon da“, meinte der Vater, „Onkel Friedrich hat doch geschrieben, sie haben alles vorbereitet für uns, einen Platz ausgesucht, da können wir das neue Haus bauen.“

Die Mutter trug die Suppe auf und sie aßen schweigend. In dieser Nacht ging es dem Vater gar nicht gut. Er hat zu schwitzen angefangen, alles tat ihm weh wie bei einer Grippe. Und am nächsten Tag standen die erdklumpigen Stiefen noch immer an der Vortreppe. Aber keiner kam dazu, sie mal sauber zu machen. Die zwanzigjährige Eugenie, die war schon immer schwächer als die anderen, hat es nach ihm erwischt, dann die Mutter. Die kleineren Geschwister und die älteste, Olga waren die einzigen, die sich nicht angesteckt haben. Einige Tage hohes Fieber, dann der Durchfall. Einer der Kleineren wurde auf dem Klepper aufs Nachbardorf geschickt nach dem Doktor. Als der kam, konnte er schon nichts mehr machen. Der Typhus hatte sie im Griff. Der Karl, der hat überlebt und der Jakob, und die älteren Schwestern auch, aber die Eugenie und der Vater und die Mutter, die sind innerhalb einer Woche gestorben. Und nach Ostern fuhren sie nicht nach Amerika. Dem Onkel musste man schreiben, dass daraus vorerst nichts wird. Die guten Stiefel wollten sie dem Vater mit ins Grab legen, aber Karl, der Älterste nahm sie an sich und mit den Worten, die lass mal, wir wissen nicht, was noch auf uns zukommt hier.

Ortserkennung

Sie kommt geografisch einfach nicht zurecht. Wenn Olga eine neue Adresse aufsuchen muss, selbst wenns in einem Viertel ist, das sie schon kennt, wird ihr Atem flacher und die Hände fangen an zu schwitzen. Es graust ihr, ihren angestammten Stadtteil zu verlassen. Altona ist mein Rayon, denkt sie. Da bin ich sicher. Besonders schlimm ist es, wenn sie zu einem Vorstellungsgespräch nach Jott wie De rausfahren muss. Ihre Angst vor Befragungen und ihre Angst, eine Adresse nicht vorzufinden, oder sich zu verlaufen, vervielfachen sich. Und dann kommt noch dazu, dass sie sich selbst sabotiert und die Zeitplanung schief läuft. Ausgerechnet an dem Morgen klappt was nicht, es gibt Stress, oder sie sucht was, einen Schirm. Wo doch alle Schirme normalerweise im Flur hängen. Aber in dem Moment: kein einziger. Das sind die verhexten Augenblicke, in denen sie sich wie im falschen Film vorkommt. Und so geht sie erst kurz vor knapp los und irrt umher. Natürlich ist es self-fulfillig prophecy, natürlich sind das die Geister, die sie rief. Aber sie ruft sie regelmäßig und bekommt Panik. Läuft wie ein weidwundes Reh durch die unbekannten Straßen und biegt in die falsche Richtung ab. Garantiert. Sie kann sich Hausnummern und Straßen einfach nicht merken oder verwechselt sie ständig. Vielleicht ist das normal. Andere haben sich möglicherweise Tricks zurechtgelegt, um mit solchen Situationen fertig zu werden. Aber Olga gerät immer in eine Spirale der Panik. Bis sie doch irgendwann doch vor der richtigen Tür steht. Verschwitzt und verschüchtert. Nicht grade die optimale Voraussetzung für ein Vorstellungsgespräch. Da hat ihr jemand mal einen Schuhoutlet empfohlen. Ganz einfach zu finden. Nur drei Haltestellen von ihrer Straße stadtauswärts und dann immer gradeaus. Es war aber das falsche Gradeaus und nach einer halben Stunde hat sie es aufgegeben. Beim zweiten Anlauf erst, einige Tage später hat sie dann diesen Laden gefunden. Aber so ist es mit neuen Orten, mit unbekannten Straßen und unlogischen Hausnummern. Wie oft hat sie erlebt, dass es die Nummer zwei in dieser und jener Straße nicht gibt. Oder nach 44 irgendwann die 56 kommt und die dazwischen sind wie ausgeblendet. Das ist, wie in einem Albtraum gefangen zu sein. Das Ankommen ist gefährlich, hat sie irgendwo mal gelesen. Gibt es keine Geo-Coaches, die einen unterstützen, wenn man durch die Stadt fährt? Sie kann doch nicht nonstop mit einer kleinen Frau im Ohr rumlaufen, die ihr sagt, in drei Schritten links abbiegen, nach der Apotheke, links abbiegen. Das ist ihr dann doch zu peinlich.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ihr ureigenes GPS ist außer Kraft gesetzt. In Russland kannte sie sich aus. Da ist sie gut zurecht gekommen, sie wusste instinktiv wo abbiegen und welches Links das richtige war. Aber hier kommt es ihr vor, als hätte sie ihr inneres Orientierungssystem verloren.

Im Radio kam was über Orientierung. Das Ehepaar Moser aus Norwegen, Edvard und May-Britt, haben dieses Jahr den Nobelpreis in Medizin bekommen, dafür, dass sie solche Orientierungszellen im Gehirn gefunden haben. Bei Ihren Versuchen mit Laborratten haben sie entdeckt, dass es die sogenannten „Grid-Cells“ gibt, also „Gitternetz-Zellen“, die eine Art Koordinatensystem im Gehirn darstellen und es dem Tier erlauben, präzise Informationen über ihre aktuelle Position zu finden – und damit auch die Möglichkeit zu haben, einen anderen Ort zu finden.
Warum finde ich meinen Ort dann nicht?, denkt Olga. Wie ist es eigentlich, wenn man diese Ratten aus ihrer Umgebung rausnimmt und zig-Tausend Kilometer weit weg verpflanzt. Funktionieren die Gitternetz-Zellen dann genauso wie in ihrem Heimatkäfig? Oder sind die Koordinaten verschoben. Man sagt nach langen Reisen ja auch, die Seele ist noch nicht angekommen, die Seele braucht länger als der Körper.

Wenn sich nun ihre Zellen an das Omsker Stadtsystem angepasst haben? Kein Wunder, dass ich mich dauernd verrenne, denkt sie. Im Raum. Im Leben. Zumindest ein paar Sackgassen sind ihr sicher. Aber wie sagte ein kluger Mann: Sich zu verlaufen, erweitert die Ortskenntnis. Wer weiß, vielleicht heißt das ja, dass neue Orts- und Gitterzellen gebildet werden.
Es kann doch nicht sein, dass es allen so geht, die ausgewandert sind. Dann würde doch die Hälfte der Bevölkerung orientierungslos durch die Gegend torkeln. In Großstädten zumindest. Witzig, denn als Kind konnte sie sich genaustens orientieren. Ist weiter und immer weiter weggelaufen von der Wohnstraße und hat immer zurückgefunden. Wie eine Taube mit einem Erdmagnetsensor. Oder die Ratte in May-Britts und Edvards Labor. Aber bei ihr ist diese Gabe irgendwann abhanden gekommen und sie wurde hilflos. Irgendwo hat sie noch gelesen, dass der Orientierungssinn von der Menge an männlichen und weiblichen Hormonen im Körper abhängt. Je mehr Östrogene, desto verwirrter? Das ist doch der Freibrief für Diskriminierungen. Dann ist ihr die unbewiesene Theorie mit den verschobenen Gitterzellen doch lieber. Sie ist doch keine Laborratte. Oder?

Ach, hier ist es, die Nummer 43. Na dann mal los.

Sonnenblumenkerne II

„Weißt du, Oljetschka“, sagt der Großvater und rührt mit dem Holzschaber in der alten ausgedellten Pfanne, „das mit den Menschen ist wie mit den Sonnenblumekernen.“

Sie stehen in der Küche ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung, Olja und der Opa, und der Opa röstet ihnen grade ein paar frische Sonnenblumenkerne auf dem Gasherd zurecht. Kerne mit schwarzer Schale. Das sind die besten. Und natürlich ohne Salz, aber mit einem Tropfen Öl, auf ukrainische Art.

„Nimm an, diese Sonnenblumenkerne, das sind wir alle. Ein Haufen miteinander. Manche dicker, manche dünner, größer oder kleiner. Und die Pfanne da, das ist die Welt, rund ist sie ja auch. Und unten in der Welt, wo es ganz heiß ist, da sammelt sich das ganze Leid. Mach mal das Fenster auf,  mein Täubchen, die Schalen fangen schon an zu schmaucheln, gleich sind sie fertig.“

Olja steigt auf den Taburet, einen schmalen hohen Hocker und öffnet vom Fenster, das kleine obere Teil. Fortatschka genannt. Die Schwaden der gerösteten Kerne vermischen sich mit der Frühlingsluft.

„Der Holzlöffel hier“, fährt der Großvater fort, „ist was uns umtreibt. Was eben so mit einem passiert. Die Hand des Schicksals oder eben der Ukas von Väterchen Stalin. Der Löffel rührt in der Pfanne, damit alle was von der Hitze des Bodens abbekommen und gut werden. Damit nicht einige unten ausharren und verbrennen und die anderen roh bleiben, denn du weißt ja mein Täubchen, wer rohe Sonnenblumenkerne knuspert, kriegt leicht Bauchweh, hat dir deine Mama das schon erzählt?“

„Ja, das weiß ich doch Opa“, sagt Olja.

„Ach, mein Täubchen, du fragst dich doch sicher, wann Onkelchen Stalin mir Sonnenblumenkerne geröstet hat? Das ist nur so ein Beispiel. So wie in der Pfanne geht’s drunter und drüber in der Welt, die einen kommen hinter Stacheldraht und die anderen auf einen hohen Posten. Denn wie gut ich auch rühre, ich kann nicht gleichmäßig alle anrösten. Das ist eben Schicksal. Manche bleiben länger unten am Boden, sie werden zu stark gebraten, verkohlen. Und andere sind kaum angeröstet, fast weiß. Mia esse sie trotzdem, gell Oljenka“,  fügt er auf deutsch hinzu.

„Schau Opa“, ruft sie und zeigt mit ihrem Fingerchen in die Pfanne, „dieser Kern da bist du und dieser bin ich!“

„Genau, und bei meinem Glück lande ich öfter und länger unten, wo es richtig heiß ist. Jeder kriegt sein Los ab, aber siehst du, manche eben mehr, und andere bleiben verschont. So wie du.“

„Warum?“

„Weil du mein Augapfel bist, Oljenka.“

„Kann ich den schon jetzt haben, Opa, meinen, ich will ihn schon knacken, bitte!“

„Hier, warte“, er fischt ihn vorsichtig raus, bevor er noch wegflutscht, „dein Kern, der soll vom Feuer nicht zu viel abbekommen.“

Die Mutter schaut rein, „Hu, Vater, wie ist es verraucht, und wie es stinkt, was bringst du Olga eigentlich bei? Sonnenblumenkerne knacken doch nur die alten Omas auf den Bänken vor den Häusern. Und gesund ist das doch auch nicht .“ Sie geht ans Fenster und reißt noch ein Fensterchen auf.

„Ach lass, Lenotschka, lass uns doch, wenns ihr schmeckt. Weißt du mein Täubchen“, sagt der Opa und kippt die Ladung Sonnenblumenkerne auf eine Zeitung zum Abkühlen, „das Feuer ist aber auch wichtig, nur wenn sie genug Hitze abbekommen, die Kerne, schmecken sie uns doch.“