Die Schatulle

Wir fahren öfter daran vorbei. Es ist eine Art Nische in der Mauer in der Gerichtstraße, gleich beim Bolzplatz. Weniger als einen Meter lang, mehr als einen halben hoch und etwa ebenso tief.

Dieser Platz ist ein Wechsellager für Nachbarn und Anwohnerinnen. Bücher werden dorthin gelegt, abgetragene Klamotten und Schuhe. Manchmal kommt Kinderspielzeug hinein, Blumentöpfe, die einer über hat, allerlei Krimskrams. Ich deponiere dort ab und zu selbst Ausgelesenes, das ich nicht behalten möchte oder ein Kleidungsstück, von dem ich weiß, dass ich es nie wieder werde anziehen können.

An dem Tag war die Nische fast leer. Daher fiel uns die kleine schwarze Schatulle sofort auf. Ich habe gleich gesehen, dass es eine russische Lackdose ist. Heute würde ich schwören, ich hätte sie zuerst gesehen, aber Karlotta ist anderer Meinung. Sie besteht darauf, dass sie sie gefunden hat.

Solche Lackdöschen mit irgendeinem Motiv, meistens einer Troika, sind beliebte Souvenirs in Russland. Ich weiß noch, dass ich gezögert habe, sie mitzunehmen, denn auf solchen Touristenkitsch stehe ich normalerweise nicht. Es gibt sie zuhauf, diese Holzschatullen an den Ständen in Russland, ebenso wie wie bunte Matrjöschkas, Holzlöffel oder Anstecker mit Leninkopf. Lange Zeit bewahrt Karlotta ihre doppelten Panini-Bildchen darin auf. Die Schatulle, außen schwarz und innen leuchtend rot lackiert, hat eben genau die richtige Größe.

Warum ich sie heute geöffnet habe, weiß ich nicht. Vielleicht weil sie seit Wochen ständig im Wohnzimmer rumliegt und überall im Weg ist. Im roten Lack des Deckels entdecke ich einen Stempel. Mit Krone und dem Doppelkopfadler und kyrillischen Buchstaben.

Halt mal, sage ich, die ist sicher mehr als hundert Jahre alt. Noch vor der Revolution. Und wirklich, nach einiger Recherche im Netz finden wir heraus, dass diese Lackdose aus der Werkstatt von Wassilij Ossipowitsch Wischnjakow und Söhne stammt und um 1880 entstanden ist.

Kann nicht sein, denke ich und schaue mir die Miniatur auf dem Deckel genau an. Die Figuren und die Gesichter sind fein gezeichnet, sogar bei dieser Größe. So als wären sie mit einem Haarpinsel ausgeführt worden. Die Perspektive stimmt nicht immer, so wirkt das hintere Pferd der Trojka größer als das vordere. Aber Naive Bauernmalerei ist das nicht. Die Farben sind nicht grell sondern sehr nuanciert und es ziehen sich feine Maserungen durch den Lack. Das hätte mir doch früher auffallen können. Ist es aber nicht. Im Vordergrund befindet sich ein Baumstumpf mit Ast, wie auf etlichen anderen Modellen von Wischnjakow und Söhne, seine Lichter und Schatten sind fein modelliert.

Da haben wir wirklich einen Fang gemacht.

Meine Dose, sagt Karlotta.

Die verkaufe ich nicht, fügt sie hinzu als wir herausfinden, wieviel man bei eBay für so ein schmuckes Stück haben kann.

Ist mir recht, sag ich. Seufze und lege die Paninibildchen wieder hinein.

Advertisements

Internet-Geplänkel und noch ein kulinarisches Intermezzo

Wir Russlanddeutschen essen nur russische Gerichte. Sprich, wir passen uns nicht an. Dieses Postulat lese ich gelegentlich. Wie neulich bei einer Diskussion in den sozialen Netzwerken. Im Thread hinter einem Artikel der Zeit, bei dem Aussiedler als identitätsverwirrte Russlandnostalgiker*innen dargestellt wurden, die durch russische Medien gehirngewaschen sind und den starken Kerl Putin toll finden und darüber hinaus sich in Russendiskos auf Highheels zu uralten Sowjetsongs drehen.

Es ist wirklich erschreckend, welches Bild die russischen Sender von Europa zeichnen. Aber in den Kommentaren gings nicht darum. Sie waren wie üblich so:

Sehen fast aus wie Tortellini diese Pelmeni. Aber nur fast…

Nun dann auf zurück zu Putin , wenns den Damen und Herren in Deutschland nicht gefällt.“

Nutzliche Idioten des russischen Despoten!“

Sie würden als stimmvieh für die CDU reingelassen und jetzt müssen wir es ausbaden“

…die wolga wartet! die aufgabe von journalismus ist zu fragen und aufdecken, nicht leugnen und verdunkeln. wer sich auf rt verlässt, den interessieren fakten nur preripher….“

Nix wie ab nach Russland.“

(Ich habe die Rechtschreibung und die Interpunktion so gelassen, wie sie war.)

Aber an anderer Stelle stand: Denn als Deutsche sehen sie sich nur wenn es um Vorteile und Demokratie geht, an sonst reden und atmen die russisch.

Darauf schrieb ich, woher er das wüsste und nicht alle seien so. Auf die Nachfrage, ob der Kommentator wohl schlechte Erfahrungen gemacht hätte kam, dass er vor einiger Zeit auf so Biker getroffen hätte, die ihn nicht reingelassen haben in einen Treff, nur wenn er die Tickets auf Russisch verlangt hätte. (Spannend zu erfahren, woher er Russisch konnte, aber das habe ich nicht gefragt.)

Er schrieb:

… es ist Fakt das die Rußlanddeutschen untereinander russisch sprechen, russische Musik und Filme schauen, russisches Fernsehen sehen und auch russisch kochen.
Das alles ist nicht verwerflich, es ist auch kein Haß von meiner Seite. Es ist nur objektiv gesehen und die Wahrheit. […] Der Zusammenhalt ist außergewöhnlich, Hut ab, aber in die falsche Richtung. “

Es gibt diese geschlossenen Gesellschaften, die sich hermetisch abriegeln, weil sie sich ausgeschlossen fühlen. Oder warum auch immer. Biker. Womöglich noch graue Wölfe.

Aber es gibt genug Aussiedler*innen, die sich gut eingelebt haben und mit diesem Land und diesen Leuten hier verbunden sind. Und trotzdem ab und zu so einen Film auf Russisch schauen.

Und was das russische, bzw. mittelasiatische Essen angeht, andere bringen doch auch Gerichte aus dem Urlaub mit und kochen gern italienisch oder thailändisch oder auch japanisch. Kokosmilch und Algen gibt es an fast jeder Ecke.

So kann man es doch auch betrachten, die Deutschen haben aus Russland eben auch kulinarische Anregungen mitgebracht. Aus ihrem mehr als 200 Jahre währenden „Urlaub“ dort. Unterbrochen von einigen mageren Jahren und Fastenzeiten, wie Hungersnöten und Kriegen oder den gelegentlichen Ausflügen in den Gulag und in die Sondersiedlungszonen. Da haben sich die Leute halt angepasst und landesüblich gekocht. Wenn Kohl da war, wurde halt Kohl genommen. Wenn Baumrinde da war, wurde halt Baumrinde genommen. Punkt. Nicht immer gab es kulinarische Highlights zu erwarten. Aber es sollte satt machen. Hat es oft leider nicht.

Seltsam aber, dass die berühmte Kartoffelschalensuppe oder Salate aus Unkräutern heute unter den Aussiedlern kaum verbreitet sind, sondern nur Speisen aus den „fetten Jahren“ wie Borsch‘ und Manty und natürlich Plow. Viele von uns können noch Tomaten und Paprika einlegen und kochen auch Kobra, das ist so eine scharfe Soße, ähnlich wie Sambal Oelek, noch selbst ein.

Es braucht Zeit, sich kulinarisch einzuleben. Ich denke an die ersten Spaghetti Bolognese, die meine Mutter, auf meinen sehnlichsten Wunsch hin zubereitet hatte. Selbst die schmeckten irgendwie russisch, obwohl Tomatensoße dran war. Aber die Soße erinnerte eher an das Innere von Pelmeni und an Frikadellen. Mit viel Zwiebeln und Pfeffer.

Und was sollen die Frauen, wenn sie hierher kommen, auch sofort anderes kochen, als das, was sie schon kennen? Ich spreche meist von Frauen, von Herrinnen über Haus und Küche. Es scheint, als hätten sie mit den Gerichten auch ein althergebrachtes Frauenbild im Gepäck dabei, das so von 1763 oder so stammt. Wirkt zumindest so. Aber es gibt auch rühmliche Ausnahmen, wie zum Beispiel Onkel Jos’ka, einen Freund meiner Eltern. Seine Canneloni schmecken wie beim Italiener. Nee, besser. Er räuchert auch Fisch selbst und keltert eigenen Kirschwein. Überhaupt ist DIY, also tu alles, was du kannst selber, auch ein Thema aus der Community. Das haben die Deutschen aus den Steppen ebenfalls mitgebracht, alles selbst zu machen, vom Räucherofen bis zum Hausausbau. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ich frage mich, warum ich so empfindlich auf die Pauschalisierungen und dieses immerwährende Aussiedler-Bashing reagiere? Einer der Kommentatoren meinte auf den Einwand, der Zeitartikel sei etwas einseitig und woher die Autorin wohl diese Vorzeigeexemplare hätte:

Steht im Titel: „In Berlins größtem Club für Russlanddeutsche“ – Nicht jede Reportage, nicht jedes Portrait kann und muss alle Meinungen abdecken. Dafür gibt’s demographische Umfragen. Es steht ja auch nirgends im Text, dass ALLE so denken. Natürlich gibt es auch unter Russlanddeutschen ein breites Spektrum von Meinungen, und viele, die Putin ablehnen – aber es gibt eben auch das beschriebene Millieu, und es ist nicht klein; auch wenn das für so manchen schmerzhaft oder peinlich ist. Im Übrigen kommt die Autorin wohl selbst aus Russland.‘

Allerdings kommen mir  wirklich viele Artikel über Russlanddeutsche und wie sie sich geben unter die Nase. Komisch, aber sie fallen mir eben auf. Und die wenigsten von ihnen beleuchten die andere Seite des Spektrums.

Ich leugne es nicht. Es gibt sie. Die nur Russia Today schauen, die Biker, die sich weigern auf Deutsch zu antworten. Auch die Teenies, die keinerlei Geschichtsbewusstsein haben und glauben Wladimir Putin wäre ein weiser, gütiger Monarch. Ähem, ich meine natürlich Präsident, oder Kanzler? Was ist er nun seit der letzten Wahl? Es gibt sie, die AfD-Kandidatinnen mit russlanddeutschem Hintergrund, die Hitlerbildchen auf Whats-App versenden und hinterher meinen, es sei doch alles nur ein Scherz gewesen.

Aber bitte, liebe Presseleute und fleißigen Kommentierer*innen, das bildet doch nicht alle ab. Mich nicht und die meisten meiner Freunde und Freundinnen aus den Reihen der Aussiedler auch nicht. Ein Artikel kann nicht alle Meinungen abbilden. Aber in der Summe sind sie doch sehr tendentiös. Mal wieder.

Wir sind gut integriert. Auch wenn wir gern mal einen Teller Borsch‘ essen oder einen ganzen Topf mit Pelmeni (wer mag sie eigentlich lieber mit Essig?) vertilgen und dabei eine alte Sowjetschnulzette auf Youtube schauen. Schnulzette trifft es aber eigentlich nicht. Diese Machwerke mit ihrer ungeschlagenen Mischung aus Naivität und Abgeklärtheit, gibt es sonst kaum. Außer vielleicht im italienischen Autorenfilm der früher Fünfziger Jahre. Aber zu diesen Filmen passen nun wirklich eher Canneloni oder eine selbstgemachte Pizza. Abgesehen davon darf man nicht vorm Bildschirm essen! Das ist nun wirklich kulturlos. Habe ich das geschrieben? War alles bloß Fake-News.

Erzähl mal Snegurotschka oder Endjahrespause

Der russische Weihnachtsmann oder Дед Мороз (Ded Marós) geht oft mit einem Schneeflocken-Mädchen einher, Снегурочка (Snegúratschka) genannt.
Und mit dieser Hommage an die russische Variante des Christkindes geht die Scherbensammlerin in die Weihnachtsferien.

 

Übrigens heißt es, dass die Nu pagadi-Folgen mit dem Wolf und dem Hasen ein sozialistischer Tom&Jerry-Verschnitt seien. Also wenn der Westen dem Osten den Santa entlehnt hat, warum nicht umgekehrt mit einem Gegenklau kontern. Aber die Pseudo-Sneguratschka mit Fluppe im Maul ist doch irgendwie frotziger, oder?

Allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch!

С РОЖДЕСТВОМ ХРИСТОВЫМ И С НОВЫМ ГОДОМ!

 

Angenehmes Knacken – Sonnenblumenkerne im Vergleich

Ich weiß nicht, wie viele Wörter die Inuit für Schnee kennen, im Lexikon der russischen Sprache von Wladimir Iwanowitsch Dahl gibt es jedenfalls dreizehn Synonyme für das Knabbern von Sonnenblumenkernen: лущить, лузгать, шелушить, грызть, вылущать, щелкать, выковыривать, вылуплять, облупливать, лушпинить, щелкотить, лустерить und жущерить.

Die Liebe der russischen Nation zu diesen Winzlingen ist bekanntermaßen groß. Über ihre Funktion als eine  in Trance versetzende Substanz habe ich schon geschrieben. Kalzium und gutes Fett und was nicht alles, ist ebenfalls in diesen kompakten Leichtgewichten enthalten. Das einzig Negative ist vielleicht noch der Dreck, der übrig bleibt, der Suchtfaktor und das Geräusch, das alle in der Umgebung, die nicht so engagiert knurspeln, in den Wahnsinn treibt.

sunflower-seed-on-the-plate

So wie es Testseiten für Computer, Lautsprecher oder Yachten gibt, so darf auch eine Seite nicht fehlen, auf der die Sonnenblumenkerne diverser Marken dargeboten werden. Was mich wundert, sie ist auf Deutsch und für in Deutschland lebende Konsumenten gemacht, womöglich für eine in der Diaspora lebende russischsprechende Paralellgesellschaft. Ich habe sie per Zufall entdeckt, das heißt, sie hat mich entdeckt. Irgendwann war da ein Kommentar von einem ihrer Betreiber unter einem Text von mir mit einem Link auf ihre übersichtlich und modern gestaltete Seite.

Hier werden Kerne mit oder ohne Schale einem Geschmackstest unterworfen und dürfen per Mausklick erworben werden. Im praktischen Eimerchen oder in großen Tüten. Als Nostalgiebonus wird meistens zum Größenvergleich ein Rubelstück neben die getesteten Kerne gelegt. (Bloß bei Rapunzel Sonnenblumenkernen ohne Schale liegt ein 20 Cent Stück.)

Hier ein paar Schmankerl aus den Testberichten:

Die Schale ist dick und benötigt ein wenig Kraft zum Knacken. Für geübte Semetschki-Esser ist dieses aber kein Problem. Eher ein feiner Knackspaß.

Oder

Sie schmecken leicht säuerlich nach Walnuss mit einem Spritzer Grasgeschmack. Der Geschmack ist nicht als schlecht zu verstehen. Man könnte ihn mit dem Liegen, auf einer Steppen-Wiese, an einem späten Frühlingstag, in der Taiga vergleichen.

sonnenblumenkerne_960_720

Ich finde die Idee sehr schön, darauf hat die Welt gewartet. Im Ernst jetzt. Nur zwei Dinge stören mich: kein einziges Mal schreiben die Tester*innen dass die Dinger ranzig riechen oder zu mau sind oder zu klein. Ich werde den Verdacht nicht los, dass sie von den Herstellern saftige Provisionen erhalten: in Form von Sonnenblumenkernen womöglich. Ich selbst hatte beim Kauf von bereits gebratenen Sonnenblumenkernen schon so manch böse Überraschung erlebt.

Und das zweite Manko: alle Links, die zum Kauf führen, landen auf der Seite eines Großversenders, der mit Am.. anfängt und mit ..on endet. Und mit der Tradition des Sonnenblumenkern-Knackens nicht das geringste zu tun hat. Und dann die Mengen, Vorteilspackung von 5x1kg. Da knispel ich mir ja den Mund fransig, bis ich die bis zum Verfallsdatum aufgeknackt habe. Lieber hätte ichs gesehen, wenn man damit die lokalen Anbieter unterstützen würde, irgendwo hinter den Karpaten oder im Ural. All die Babuschkas und Deduschkas, die ihren Ertrag Becherweise in zusammengerollten Zeitungstütchen verkaufen. Aber diese Zeiten sind wohl trotz Rubel und humorigen Sprüchen für immer vorbei. Um das zu verarbeiten, muss ich wohl gleich zu einer Handvoll knackfrischer, nicht zu labriger selbstgerösteter Kerne greifen. Nicht vergessen, auf die ukrainische Art kommen beim Rösten mit Schale einige Tropfen Öl dazu, na klar, Sonnenblumenöl, so werden sie noch nussiger und bratiger – falls es dieses Wort überhaupt gibt. Welches ist besser: mit Grillaroma? Der feine Geschmack des leicht Angebratenen? Deftig und herzhaft? Es gab doch ein japanisches Wort dafür: umami. Aber das ist es auch nicht. Der Geschmack frisch gerösteter Kerne ist einfach unvergleichlich.

Jedenfalls verfügt die semetschki-Seite über ein Dossier mit durchaus praktischen Anleitungen. Darin wird erklärt, wie die Schalen aufgeknackt werden, für all diejenigen, die keine gefiederten Freunde sind oder das Aufkneifen mit der Zungenzahnlückentechnik nicht von klein auf gelernt haben. Und die beiden Arten zum Kernrösten werden auch vorgestellt: die Backofenvariante und die Pfannen-Variante. Alles mit einem leichten Grinsen geschrieben.

Humorig kommen auch die Kommentare beim Geschmackstest daher, da heißt es schon mal:

Klicke Hier, wenn du ein Mann bist! 3x450g im praktischem Eimerchen.

Oder ist es doch kein Witz? Los, Männer an die Kerne!

Ob echter Mann oder echtes Weib, hier, der ultimative Geschmackstest für alle, die selbst mal Semetschki knurspeln, zerknipsen, aushülsen, abspelzen, aufknackseln oder herauszwengeln wollen:

http://www.semetschki.de/

sunflower-210803_960_720

 

Die Russisch Brot Story

Es gibt bei uns diverse kulinarische Erzeugnisse, die das Prädikat „russisch“ beinhalten, aber in Russland völlig unbekannt sind, zumindest unter dieser Bezeichnung. Wie russische Eier, russischer Salat, der russische Zupfkuchen und eben Russisch Brot, das jedes Kind und jeder Erwachsene – in Deutschland – kennt. Das heißt, die gefüllten halbierten Eier gibt es dort schon, die Salate, die Vinaigrette oder Salat Olivier heißen auch, nur gelten sie nicht als besondere russische Spezialität. Diese Kekse aus dem fettfreien Eiweißteig mit hohem Kakaoanteil dagegen sucht man in ganz Russland vergeblich. Und es ist auch schon auffällig, dass die angeblich so russischen Buchstabenkekse immer nur aus dem lateinischen Alphabet stammen. Nach dem Grund gefragt, warum es dieses Gebäck nicht mit kyrillischen Buchstaben gibt, meinte einer der Hersteller: „Unsere Buchstaben bleiben wie sie sind, denn das lateinische Alphabet ist ja auch hier in Russland weit verbreitet.“

Auf dem blog von Wildgans, die neben Gedichten und stimmungsvollen Texten ihre Followerschaft regelmäßig mit einem besonderen Wort des Tages beglückt, tauchte vor kurzem der Begriff russische Eier auf. Das hat mich nicht losgelassen und zu dem folgenden Projekt angeregt. Und irgendwie passen Kekse ja auch zu Weihnachten. Also vielen Dank und bon appetit!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Russisch Brot gleich русский хлеб?

Legenden und Fakten:

Angeblich sollen bereits die Zaren in ihren Petersburger Residenzen diese Leckerei gekannt und genossen haben. Wie die Journalistin Felicia Englmann für ihr Buch, Sorry, das haben wir nicht  recherchiert hat, existieren über das Gelangen dieser Spezialität nach Deutschland gleich mehrere Mythen:

Mythos Nummer eins: Das Rezept für Russisch Brot komme ursprünglich aus St. Petersburg. Um 1844 soll der Dresdner Bäckergeselle Ferdinand Wilhelm Hanke die Rezeptur von der Walz aus der Zarenstadt in seine sächsische Heimat mitgebracht haben. Die „Bukwi“ waren damals in St. Petersburg angeblich sehr beliebt. Hanke habe sie in seiner Lehrzeit auf dem Newski Prospekt, backen gelernt und eröffnete gleich nach seiner Rückkehr in Dresden eine „Deutsche & Russische Bäckerei“.

Mythos Nummer zwei: Die Ursprünge des „Russisch Brot“ gehen angeblich auf den Wiener Kongress 1814 zurück. Dem Petersburger Gesandten sollte etwas Gutes widerfahren und man entsann sich des Brauchs, den Fremden in Russland mit Brot und Salz zu begrüßen. Wiener Zuckerbäcker nahmen sich der Sache an, konnten aber nicht kyrillisch schreiben. Für diese Version spräche etwa, dass in Österreich für dieses Gebäck ausschließlich die Bezeichnung Patiencen verwendet wird und das Gebäck aus Lateinischen und nicht kyrillischen Buchstaben besteht, was eine russische Herkunft nahelegen würde.

Seltsam ist nur, dass sich all diese Geschichten nicht belegen lassen und von einem Eintrag zum anderen einfach kopiert werden.  Dieser Bäckermeister Hanke lässt sich in Petersburg nicht finden. Vielleicht weiß jemand von den Deutschen aus den Petersburger Kolonien mehr darüber. Ich werde mich mal umhören…

Fakt ist:

Das Gebäck mit der Bezeichnung Russisch Brot gehört zu den Klassikern der industriellen Lebensmittelherstellung. Seit Ende das 19. Jahrhunderts produzierte die Dresdner Firma Gebr. Hörmann Russisch Brot und exportierte es weltweit. Bahlsen stellte es erstmals 1906 her. Die Spezialitätenbäckerei Dr. Quendt aus Dresden produziert das beliebte Süßgebäck entweder seit 1959 oder vielleicht sogar erst nach der Neugründung 1991.

Ähnliche Buchstaben gibt es in Österreich unter dem Namen Patiencen. Seit 1858 stellte Victor Schmidt und Söhne (heute Firma Manner) diese Patiencen als Backware und als Schokoladeversion her, noch heute sind beide in Österreich ein beliebtes saisonales Produkt zur Weihnachtszeit.

Ich erinnere mich dunkel daran, dass wir in Kasachstan im Russisch Unterricht ein Gedicht durchgenommen haben. Da ging es um den Krieg und darum, dass Soldaten der roten Armee durch ihren Sieg über die Faschisten dafür gesorgt haben, dass das duftende russische Brot nicht auf Deutsch „BROT“ genannt wird. Und das Wort BROT hat die Lehrerin, die ich sonst sehr gerne mochte, mit einer solchen Abscheu ausgespuckt. Das hat sich mir eingeprägt.

Aber vielleicht hat sich diese negative Einschätzung im kollektiven Bewusstsein schon längst gelegt und die Firmen Balsen und Dr. Quendt täten gut daran, dieses trockene Gebäck wieder auf dem Newskij Prospekt feilzubieten. Allerdings würde es wohl mehr Sinn machen, wenn sie es unter dem Namen: немецкий хлеб, also Deutsches Brot vermarkten würden.

Politisch nicht so ganz korrekt – Witze jenseits des Polarkreises

Sibirisch ging es heute draußen zu, der Wind hat tüchtig geheult, ein paar Zentimeter Schnee sind schon gefallen und auf den Ästen lag eine dünne weiße Schicht. Näher kommen wir hier in Norddeutschland dieses Jahr wohl nicht an den Winter heran. Es ist eine gute Gelegenheit, um über die Tschukotka zu schreiben, die nordöstlichste Halbinsel gegenüber Alaska, auf der ursprünglich Inuit und Tchuktschen lebten. Bevor sie von Russland eingenommen wurden, noch zur Zarenzeit, waren die Tschuktschen Nomaden oder Seminomaden, sie lebten von der Rentierzucht oder vom Fischfang und von der Jagd auf Walross und Robbe. Ihre Behausungen hießen Jarangas und die Weißen wurden von ihnen Tangitan genannt.

800px-Anadyr_residents_1906
Einwohner von Anadyr um 1906

Heute sind die Tschuktschen in Russland (und auch hier unter Russlanddeutschen) vor allem als primitive Antihelden unzähliger Witze bekannt.

Und das ist sicher kein einfaches Los, zumal man in Russland mit anderen Ethnien, wie sage ich es politisch korrekt, in der Welt des Humors unbedarfter umgeht als hierzulande oder in anderen Ländern der westlichen Welt. Ukrainer oder Georgier kommen überhaupt nicht gut weg. Am schlimmsten aber hat es dieses kleine Nordvolk getroffen. Witze über Deutsche gibt’s übrigens so gut wie gar nicht, in allgemeinen Anekdoten kommen sie manchmal vor, nach dem Motto, ein Amerikaner, ein Deutscher und ein Russe…

Ein Russland-Journal schreibt online: Tschuktscha-Witze (russ.: чукча) sind in Russland sehr beliebt und vergleichbar mit Ostfriesen-Witzen.

Das ist schlicht und ergreifend nicht wahr, das heißt die Witze sind schon beliebt, aber der Vergleich hinkt. Was ich meine: das Machtgefälle ist ein ganz anderes. Man kann sich eher vorstellen, dass die Tschuktschen mit den indigenen Völkern Nordamerikas vergleichbar sind (und sie sind ja auch mit den Inuit auf der anderen Seite der Behringstraße verwandt).

Und da möchte ich erleben, wie ein weißer Amerikaner über einen Apachen oder Crow Witze reißt, öffentlich und in aller Gemütsruhe. Er hätte, noch bevor er die Pointe zu Ende erzählt hätte, ein halbes Dutzend Anwälte wegen Verleumdung und Verletzung der ethnischen Würde am Hals.

Oder dass ein Kanadier öffentlich über die Inuit herzieht oder ein Finne über die Sami. Aber vielleicht gibt es das ja. In einem Forum habe ich folgende Aussage gefunden:

Witze über Lappen finden sich nur verstreut, sie sind weniger verbreitet als etwa Witze über Tavastländer*. Der politischen Korrektheit wegen wird gelegentlich gefordert, die Ureinwohner der skandinavisch-finnischen Nordkalotte nicht mit Lappen anzusprechen, weil dies eine ursprünglich (!) abwertende Bezeichnung war. Stattdessen solle man die Urbevölkerung so nennen, wie sie es selbst tut, nämlich saami, zu deutsch Samen.

(*vielleicht sind die Tavastländer mit den Ostfriesen vergleichbar???)

Da geht man mit den Tschuktschen viel ungenierter um, hier zwei Beispiele:

I

Чукчу спрашивают на суде:
– Вот зачем ты убиваешь оленя?
– Как, мясо нужно!
– Вот зачем ты убиваешь медведя?
– Как, шкура нужна!
– Ну, зачем ты геологов убил!?
– Как, соль, спичка нужна!

Ein Tschuktsche wird bei Gericht befragt:
– Also weshalb hast du das Rentier getötet?
– Was denn, Fleisch brauch ich.
– Und weshalb hast du den Bären getötet?
– Was denn, Fell brauch ich.
– Na, und weshalb hast du die Geologen getötet?
– Na was denn, Salz, Streichhölzer brauche ich doch auch!

II

Чукча приехал домой из Москвы и говорит:
– Чукча в Москве был, чукча умным стал, все знает. Оказывается, Карл Маркс, Фридрих Энгельс не четыре человека, а два, а ‚Слава КПСС‘ – вообще не человек.

Ein Tschuktsche kehrt aus Moskau heim und erzählt:
– Tschuktscha war in Moskau, Tschuktscha klug geworden, weiß alles. Karl Marx und Friedrich Engels sind nicht vier Leute, sondern zwei, und Slava KPSS*, ist überhaupt kein Mensch!

*(Teekesselchen: Slava= Männername= Ehre, also Ehre der Kommunistischen Partei der Sowjetunion)

III

Пришел чукча к своему другу эскимосу.
Видит на полу лежит шкура белого медведя с разинутой пастью.
Спрашивает эскимоса:
– Ты сколько раз в него стрелял?
– Десять.
– А сколько раз попал?
– Ни одного.
– А от чего же он умер?
– От смеха…

Kam ein Tschuktsche zu seinem Freund, dem Eskimo**.
Sieht auf dem Boden die Haut eines Eisbären liegen und fragt:
– Wie oft hast du auf ihn geschossen?
– Zehn Mal.
– Und wie oft hast du getroffen?
– Kein einziges Mal.
– Und wie ist er gestorben?
– Vor Lachen!

**(allein das würden wir nicht sagen)

In einem von den Anekdoten-Büchern von Papa Schulz sind ganze 12 auf diese nordsibirische Ethnie gemünzte Witze zu finden. Aber das ist nur ein Auszug. Sicher gibt es mehr als 15.000 Witze über sie. Immer wenn ein treudoofer Unzivilisierter mit echt barbarischen Bräuchen gesucht wird, greift man gern nach einem Vertreter dieses Stammes.

Darf Humor das? Wer verteidigt sie?

Die heutigen Tschuktschen sind wohl ein gutmütiges Volk, außerdem leben sie weit weit weg und pflegen die Witze von Papa Schulz nicht zu lesen. Vielleicht hat man sie auch gewählt, weil sie sich nicht wehren und auch keine Lobby haben und nicht sehr zahlreich sind.

Ihre Population zählt heute nur noch knappe 15.000. Sie haben sich zwar im Achtzehnten Jahrhundert mutig gegen die Invasion aus Russland gewehrt. Aber irgendwann war die Übermacht zu groß.

Und jetzt fristen sie ein Dasein als Witzfiguren.

Nein. Nicht ganz.
Ich habe einen Autor ausfindig gemacht, Juri Rytchёy (1930-2008). Seine Bücher kann man wohl zur Gattung der Minderheitenliteratur zählen. Er verleiht den Tschuktschen eine Stimme, in einem Roman, den ich habe, kommen die Russen eher nicht so gut weg…Da sind sie die Barbaren und diejenigen, die nichts verstehen.

Wikipedia über diesen Autor:

Bis zur Perestroika zeichnete sich Rytchёy wie die meisten Vertreter der staatlich geförderten „Nationalliteraturen“ vor allem durch weitgehende Regimetreue und ideologische Zuverlässigkeit aus. Diese Frühwerke sind fast ausschließlich in russischer Sprache erschienen und nie übersetzt worden. Das Sujet seiner Werke aus den 70er-Jahren, die stark vom sozialistischen Realismus geprägt sind, stellt zumeist die „lange Reise“ der indigenen Völker des Nordens aus der „Rückständigkeit“ in die sowjetische Zivilisation dar. Sie gehören damit in ein Genre, das im Wesentlichen vom sowjetischen Staat gefordert und gefördert wurde.
(…)
In den 80er-Jahren änderte sich der Tonfall seiner Werke, zunächst indem Rytcheu etwa die Figur des Schamanen zur positiven Figur erhob und es wagte, das Wort „Zivilisation“ erstmals in Anführungszeichen zu setzen und später, indem er während und nach der Perestroika wie viele andere Nationalschriftsteller auch, offene Kritik übte, indem er etwa die Behandlung der indigenen Völker als „stillen Genozid“ anklagte.

Ich habe den Roman Gold der Tundra gelesen, eins seiner späteren Werke. Es macht großen Spaß aus seiner abseitigen und humorvollen Sicht die Wirrnisse der Übergangszeit der Neunziger und die fast skurrilen Ereignisse während der Sowjetzeit zu betrachten.

An einer Stelle macht sich einer der Charaktere darüber Gedanken, dass Tangitan, die sich am Polarkreis aufhalten, wenn es auch nur wenige Tage sind, oder auf einer Eisscholle treiben, mit zuverlässigem Rettungsgerät und Sanitäter und Klavier (!) als Helden gefeiert werden. Aber:

Warum bezeichnet man die Rentierzüchter, die unter weit schlechteren Bedingungen lebten als diese heiteren, wohlgenährten Bartmenschen, nie als Helden? Später ging ihm dann auf, dass sich der Tangitan natürlich nicht auf einer Stufe mit dem Rentierzüchter oder dem Meeresjäger sah. Er stand darüber. Und der Eingeborene, der war gewissermaßen Teil der Landschaft… (S 252)

Als ich noch Mal nach dem Entstehungsjahr (2001) des Buches geschaut habe, las ich zu meiner Überraschung, dass der russische Titel von Gold der Tundra ‚Tschukotskij Anekdot‘ (Чукотский Анекдот), also Tschuktschen-Witz lautet.

 

Baba Dunja und ihre letzte Liebe

Der Hahn Konstantin sieht wohl etwas älter aus...
Idylle mit Hahn

Eine alte Frau ist in ihr Heimatdorf zurückgekehrt. Es war lange verlassen und nach und nach folgen ihr andere Alte. Das Dorf heißt Tschernowo und liegt in der Todeszone um den Reaktor, in dem es 1986 einen radioaktiven Gau gab. Das ist die Ausgangssituation des Romans Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky.

Es macht Spaß zu lesen, aus welchen klitzekleinen Alltäglichkeiten ihr Leben besteht und wie scheinbar nebenbei die großen Themen eingebunden werden. Die Familie, Zwischenmenschliches und Geschichte und immer wieder ragt er aus dem Text hervor: der Reaktor mit seinen Folgen. Mit ironischer Distanz und mit Wärme betrachtet Baba Dunja ihre Mitmenschen, die Tiere wie den Hahn Konstantin und die Welt um sich herum.
Die Geschichte kommt in Schwung als ein Unbekannter mit seinem Töchterchen im Tschernowo auftaucht und auch Baba Dunjas Enkelin Laura, die sie noch nie gesehn hat, ihr einen Brief auf Ausländisch schickt. Einige Herausforderungen hat sie noch zu bestehen, die alte Babuschka mit ihrem Kopftuch, die weder Tod noch Teufel fürchtet. (Ich stelle mir einfach vor, dass sie ein Kopftuch trägt…)

Es gibt Tage, da treten sich auf unserer Hauptstraße die Toten auf die Füße. Sie reden durcheinander und merken nicht, welchen Unsinn sie erzählen. Das Stimmengewirr hängt über ihren Köpfen. Dann gibt es Tage da sind Sie wiederum alle weg. Wohin es sie dann verschlägt, weiß ich nicht.

Die Autorin stellt das Leben in der reaktornahen Provinz genauso authentisch dar wie die Enkelin aus dem fernen, uns nahen Deutschland, die ihr auf englisch schreibt und sie dadurch in Aufregung versetzt. Und ich mag auch besonders die Hörbuchfassung die von der österreichischen Schauspielerin und Sängerin Sophie Rois gelesen wird. Unverwechselbar. Die Figur entwickelt in dieser Darstellung soviel Eigensinn, soviel altersweise Findigkeit, dass man sie einfach ins Herz schließen muss.

Sophie Rois ist est Mitte 50, die Autorin fünfzehn Jahre jünger. Dennoch schaffen es die beiden, in uns die Illusion einer betagten Frau entstehen zu lassen, die allem trotzt auch dem Reaktor Tschernobyl. Zum Nachhören ist diese Fassung in der Reihe „Heimat“ noch bis zum 7. Oktober 2015 auf NDR Kultur/Mediathek.

Alina Bronsky,  geboren 1978 in Jekaterinburg/Russland, ist mit ihrem Debütroman Scherbenpark über eine junge Aussiedlerin in einer Hochhaussiedlung bekannt geworden. Es folgten die Romane Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche und Nenn mich einfach Superheld. Heute lebt die Autorin in Berlin und ihre Bücher werden in vielen Ländern außerhalb Deutschlands gelesen. Baba Dunjas letzte Liebe war übrigens für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Die nächstliegende Lesung dieses Romans, die ich gefunden habe:

16.10.2015 | 19:00 Uhr
Altes Rathaus
Göttingen
veranstaltet vom Literarischen Zentrum Göttingen

Baba_Dunja_Cover
Alina Bronsky: “Baba Dunjas letzte Liebe”
Kiepenheuer&Witsch € 16,00
als eBook € 13,99
Bei Roof Music als Hörbuch auf CD, gelesen von Sophie Rois € 19,99
Hier ein Interview mit der Autorin von der bloggerin Sophie Weigand:
http://literatourismus.net/2015/08/alina-bronsky-im-interview/