Spruch der Woche – Heimatblase

Wie stark deine Sehnsucht und wie groß deine Geisteskraft auch sein mögen, niemals kehrst du dorthin zurück, woher du gekommen bist.“


Charles de Foucauld

Jedes Mal wenn es stark regnet und sich in den Pfützen kleine Kuppeln aus Tropfen  bilden, taucht vor meinem inneren Ohr ein Wort auf: пузыри, (puseri) Bläschen. Denn als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter erklärt, dass die Tropfen Bläschen werfen, wenn es länger regnen wird. Längst ist Deutsch zu meiner Denk-, Traum- und Flüstersprache geworden. Doch wenn ich Tropfen sehe, die in den Pfützen hochspringen, denkt mein Hirn: pusari. Auch in der Stadt, die jetzt meine Heimat ist. Nicht nur meine gewählte, sondern auch die gefühlte Heimat.

Foto: Heinz Benaczek CC BY-SA 3.0

Heimat – dieses Wort habe ich früher weitestgehend vermieden. Es war nicht salonfähig, denn zu viel Blut und Boden und Volkstümelei haftete daran. Als Russlanddeutsche ist mein Bezug dazu auch viel zu komplex, um in irgendwelche Stadt-Land-Fluss-Begrifflichkeiten gepresst zu werden. Ich lasse mich nicht so einfach verorten oder auf pure geografische Koordinaten reduzieren.
Wo ich herkomme ist zunächst klar. Omsk. Eine sibirische Großstadt an der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irtysch gelegen. Ich habe sie im Alter von acht Jahren verlassen.

Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja, eine davon. Es ist eben nicht nur das Fleckchen Erde, auf dem wir zufälligerweise geboren wurden, das uns ausmacht. Auch nicht nur die Luft und die Pflanzenwelt, die uns dort umgibt. Es sind auch die Sprache, die Geschichten und die Träume, dieses kollektive Fluidum, in das wir als Kinder eintauchen. Die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen. Außer dem Birkensud, den Pelmeni und diesem sahnigen Eis erinnere ich mich bewusst auch an unzählige Folgen von Nu pogodi. Das ist das sowjetische Pendant zu Tom & Jerry, nur dass sich hier Hase und Wolf das Leben schwer machen. Das alles hat mich geprägt, ist in meine Stofflichkeit übergegangen, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. In Sibirien liegen auch die Sondersiedlungen und die Verbannungsorte, an die alle gekommen sind, die deutsch waren. Auch aus meiner Familie. Auch das formt einen Teil von mir.

Ist die Ukraine meine Heimat? Das Vaterland, in das ich noch nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber Vaters deutsche Verwandtschaft seit Generationen gesiedelt hat. In ihrer eigenen bäuerlichen Parallelwelt. Sie sind irgendwann aus Ostpreußen und aus der Pfalz dorthin eingewandert und an die 140 Jahre dort geblieben, bis zu der großen Umwälzung, die der zweite Weltkrieg mit sich gebracht hat. Was von dieser ländlichen Kultur und von den Erlebnissen während der Wanderungen ist in meine Träume eingedrungen? Gibt es einen direkten Einfluss, außer dieser fast unmerklichen Melancholie und dem Fernweh nach dieser Landschaft, die mich manchmal befallen?

Ist mir die Kleinstadt im Rheinland, wo ich meine zweite Kindheit verlebt habe, zur Heimat geworden? Lange habe ich mit dem Ort gehadert, habe mich dort fremd gefühlt, wie zu Besuch. Die mit dem Lineal gezogenen Grenzen zwischen den Feldern und die mit dem Lineal gezogenen Beziehungen zwischen den Menschen habe ich nicht als Teil von mir annehmen können. Heute erinnere ich mich an diese Lebensabschnitte und merke, dass auch sie mich verändert und berührt haben. Auch wenn mich der rheinische Frohsinn noch immer eher abschreckt. Wie einen bösen Geist, der im Karneval vertrieben werden soll.

Ist es Hamburg? Hamburg, meine Perle? Ich bin eine Wahlhamburgerin, wie die meisten, die ich hier kennengelernt habe. Doch wie tief geht meine Verwurzelung in den Asphalt deines städtischen Dschungels? Seit ich im Norden bin, erlebe ich erstmalig so etwas wie eine Widerspiegelung in der Landschaft, fühle mich mit den Menschen verbunden.

Neulich sagte ein Freund, Heimat sei für ihn etwas sehr Lokales. Nicht nur die Stadt, mit der er sich identifizieren, sondern der Stadtteil. Der Kiez, in dem er wohnt und in dem er Freundschaften aufgebaut hat, auch durch die Kinder. Die unmittelbare Nachbarschaft vermittle ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit,  aber doch nicht etwas so Abstraktes wie eine Nation.

Soll Heimat wirklich so austauschbar sein dürfen und sich mit jedem Umzug durch eine reine Koordinatenverschiebung ändern? Bleibt nichts von den alten Heimaten, den wirklichen und den ideellen etwas an uns haften? Ein Ton, eine Färbung, ein Zungenschlag? Die Vorlieben für bestimmte Speisen, die Art, wie du dich verhältst, wenn es wirklich brenzlig wird? Die Fähigkeit, indirekt zu sein? Es zu lieben, wenn Menschen nach einem guten Essen anfangen zu singen? Die Art mit Kindern umzugehen und mit Alten?

Eine alte Heimat und eine neue, die im besten Fall einvernehmlich ineinander verzahnt sind. Deren feine Grenzlinien nicht wie Wunden brennen. Wenn Heimat und Heimat sich wie Freunde begegnen, nicht wie Feinde nach alten Kriegen.

Vielleicht kann der Freund locker behaupten, dass ethnische Zugehörigkeit unwichtig und die Heimat auf einige Straßenzüge begrenzt sei, weil er sie niemals verloren hat. Er, der jederzeit in einen Zug steigen kann, um seinen Geburtsort in Hessen zu besuchen. Wo möglicherweise noch ein Elternhaus auf ihn wartet, auf dessen Dachboden seine Spielsachen von damals schlummern, leicht muffig, aber gut erhalten. Seine Muttersprache wird von seiner Umgebung gesprochen, egal, in welchem Kiez in Hamburg er sich aufhält. Oder in Berlin. Oder Köln.

Dann könnte ich auch sagen, meine Heimat ist der Kiez, in dem ich wohne. Alles andere ist egal. Aber ich kann es nicht. Zu viele Werst liegen zwischen der Omka und der Elbe. Zu viele Stunden. Und ich meine nicht nur die vier Stunden Zeitunterschied.

Ich habe nicht geweint, als ich dort weg bin. Erst viele Jahre später. Lange durfte ich nicht zeigen, dass ich die Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue Heimat einfügen, vor der es hieß, das sei die historische Heimat meiner Ahnen. Ahnen von denen ich nichts wusste, die für mich keine Gesichter und keine Namen hatten. Heimat sollte immer Deutschland sein.

Daheim war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa wir? Zieht euch warm an, sonst werdet ihr noch russifiziert. Klingt nach einem schlimmen Bazillus. Kein einziger bemalter Holzlöffel, keine Matrjoschkapuppe und schon gar nicht ein Samowar sollten an das erinnern, wo wir herkommen.

Neulich hatte eine Frau mir sogar bescheinigt, ich hätte Null Akzent und hätte mich nahtlos intrigiert in die neue Gesellschaft. Das ist kein Schreibfehler. Sie sagte wirklich intrigiert. Als hätte ich mich hinein gemogelt in eine Gemeinschaft, in der ich eigentlich nichts zu suchen habe.

Als Kind durfte ich nicht trauern. Nicht um meinen Kiez in Omsk mit den vielen Spielplätzen, nicht um die Freunde, die ich verloren hatte. Und auch nicht um die Hündin, die ich so lange erträumt und erbettelt und ins Herz geschlossen hatte und die kurzerhand an irgendeinen Nachbarn meines Großvaters gegeben wurde. Als Kettenhund.

Das Gewesene einfach über Bord zu werfen. Einen Cut zu machen. Sich neu erfinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Und vor allem fordert Anpassung einen hohen Preis. Ein Stück von dir geht für immer verloren, wenn du die Heimat verlierst.

Die Heimat liegt wie die Kindheit in einem Raum, der nicht existiert. Es gibt zwar ein Rücksehnen oder Erinnern daran, aber es führt kein realer Weg dorthin. Selbst wenn jemand an dem Fleckchen Erde lebt, den seine Vorfahren seit grauen Urzeiten nicht verlassen haben. Die Welt um diesen Ort verändert sich. Unaufhörlich. Es bleibt nichts so wie es ist. Bei manchen Menschen trifft Heimweh eben auf Fernweh, so wie bei mir.

Der Ort an dem ich lebe, ist real. Der Ort, an dem ich gelebt habe, liegt zurück in der Zeit. Auch wenn es reinräumlich gesehen der gleiche ist. Aber es ist eben nicht derselbe. Und einige Anteile meiner Heimat, meiner Beheimatung teile ich mit Leuten. Mich verbindet etwas. Die Sprache wohl am meisten. Über die Worte habe ich gelernt mich mit diesem Land zu verbinden. Ich habe neue Denkstrukturen übernommen, aber auch sie stoßen in mir an ihre Grenzen. Wenn sie auf die älteren Muster treffen. Die Grenzen liegen in mir. Ich habe Grenzen überflogen, aber die eigentlichen Grenzen liegen in mir. Feine Haarrisse, Mosaikteilchen, die an den Kanten nicht ganz passen, aber dennoch mein inneres Mosaik bilden.

Zurück in das Land der Kindheit kann ich nicht mehr, aber ab und an taucht etwas daraus auf, wie ein Bild, eine Melodie oder das Wörtchen puseri, wenn es wie aus Kübeln gießt. Und ich lebe ja in Hamburg, in einer Heimat, in der es öfter mal erbarmungslos regnet.

 

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Bildetrachtungen – Rodtschenkos Mutter

Nicht umsonst steckte neulich in meinem Glückskeks die folgende Botschaft: Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Das Bild der Mutter habe ich zum ersten Mal vor fast 20 Jahren in Düsseldorf gesehen. Und mich sofort in das Portrait verliebt, das der Kostruktivist Alexandr Rodtschenko von seiner eigenen Mutter Olga (Ольга Евдокимовна Родченко) gemacht hat. Entstanden ist es um 1924 oder 1928. Da war sie um die sechzig Jahre alt. Rodtschenko selbst war damals Ende dreißig.


Die Wärme und Intensität dieses Fotos ist mir in Erinnerung geblieben.

Aber wie das Bild genau ausgesehen hatte, habe ich dann irgendwann vergessen. Hatte nur noch ein diffuses Gefühl davon. Bis vor ein paar Wochen.

Als es darum ging, wie ich mich auf einem Foto präsentieren will, habe ich daran gedacht, mich von diesem Bild inspirieren zu lassen. Vorerst wollte ich dieses Bild nur als Avatar für mein Facebook-Profil nutzen.

Bei der Recherche nach dem Foto erlebte ich eine Überraschung. Mit lateinischen Buchstaben eingegeben, tauchte ein Bild von einem Gesicht auf, im Anschnitt, ohne Hintergrund.

Hatte mich mein Gedächtnis betrogen? Erinnerte ich mich doch genau an einen Tisch, auf dem sogar etwas lag, ein Buch? Ein Heft? Ich konnte mich sogar an Fenster oder einen Wintergarten (so eine verglaste Veranda wie sie bei vielen russischen Wohnungen typisch war) auf der rechten Seite erinnern, mit Tomatenpflanzen die dort wuchsen und karierten Stoff. Tischtuch? Vorhänge? In meiner Erinnerung war der Raum nicht groß aber irgendwie gemütlich.

Das Gesicht ist ja nach unten gebeugt, sie konzentriert sich auf etwas, einen Brief? Lektüre?

Unglaublich, dachte ich, dass ich mich all die Jahre getäuscht habe, dass Rodtschenkos Mutter in einem Raum gewesen sein sollte, den ich mir nur eingebildet hatte.
Kann es wirklich sein, dass auf dem Originalportrait nur ihr Gesicht großflächig abgebildet war, mit Kopftuch aber ohne das russische Schreibheft mit blass-lila Linien auf der fleckigen Tischplatte.

Hielt sie nicht doch einen von diesen Briefen in ihrer Hand?

Kennt jemand noch die typischen Briefe aus der Sowjetzeit? Aus Schulheften herausgetrennte Seiten, mit eben diesen blass-lila Linien. Sie wurden auf der rechten Seite um etwa vier Zentimeter geknickt, damit sie in die genormten Umschläge passten. Bis zu dieser Knickstelle wurden sie beschrieben. Das haben damals alle so gemacht. An ein anderes Briefpapier kann ich mich nicht erinnern. Aber vielleicht weist auch hier mein Gedächtnis Lücken auf, dichtet was dazu, erschafft einen Raum, ein Emblem.

Wie das von Rodtschenkos Mutter.

Emblem I: Mutter mit gepunktetem Kopftuch
Emblem II: liniertes Schreibheft als Briefpapier
Emblem III: verglaste Veranda mit Tomatenzöglingen

Wie groß war meine Erleichterung, als bei einer engeren Recherche dann doch ein Raum zutage trat und das unvollständige Bild als das entlarvt wurde, was es war, ein Ausschnitt. Wenn auch ohne Briefpapier, ohne Tomatenpflanzen und ohne Vorhänge:

Was hatte mich damals so stark berührt?

Etwas ist darin eingefangen, der Blick des Fotografen/Sohns ist nicht rein äußerlich. Sein Respekt und seine Liebe sind deutlich spürbar. Er kommt ihr ganz nah und ist dennoch kein Voyeur. Er befindet sich wie selbstverständlich mit ihr in einem Raum. Sie nimmt ihn kaum wahr, wird aufgenommen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie wirft sich nicht in Pose, so scheint es, sondern ist einfach in ihre Lektüre vertieft. Es ist ein intimer Moment, aber ohne dass die abgebildete Person bloßgestellt wird.

Olga Evdokimovna Rodtschenko, geboren 1865, hat als Waschfrau gearbeitet. Ihre Hände haben mit großen Stecken Weißwäsche in Bottichen umgerührt, Unterhemden in Lauge getaucht und Hosen über Waschbretter gerieben. Sie steckten bis zu den Ellenbogen in warmer Lauge. Haben Kopfkissen und Bettlaken ausgewrungen, hochgeschleudert, auf Wäscheleinen gehängt, und mit Klammern befestigt. Sich gebückt, Heißwasser geschleppt, Wasser aus Eimern gekippt, umgegossen. Sie haben den Schweiß von der Stirn gewischt. Haben sich Kühlung zugefächert.

Die Hände einer Arbeiterin. Nicht zimperlich. Den Ehering trägt sie am kleinen Finger. Vielleicht weil durch die viele Arbeit die Findergelenke so dick wurden, dass er ihr nicht mehr an den Ringfinger passte?

Und hier in diesem einen festgehaltenen Augenblick, sehen wir sie beim Lesen. Tief über die Zeitung gebeugt, eine kurzsichtige Frau in ihren Sechzigern, nicht elegant, ihre Brille wie ein Lorngnon vor das rechte Auge haltend. Etwas extravagant eigentlich, diese Geste. Ungewöhnlich. Eventuell hat diese Geste eine einfache Erklärung. Nur ein Brillenglas passt zu ihrer Sehstärke, daher hat sie die Brille nicht auf. Vielleicht ist es sogar gar nicht ihre eigene. Sie besucht ihren Sohn, will Zeitung lesen und hat die Brille vergessen. Also gibt er ihr eine Brille, die er da hat, und sie versucht mit dieser fremden Sehhilfe, die Schrift zu entziffern. Konzentriert sich. Aber jetzt: Spekulation aus. Fazit ein:

Nach zwanzig Jahren, seit ich es in einer Ausstellung gesehen habe, hat die Wirkung dieses Bildes nicht nachgelassen. Mir gefällt, wie sie als Frau dargestellt wird, wie sich der Fotograf hier zu dem Objekt/Subjekt verhält. Dieses Bild ist ganz anders als viele Portraits, die wir in unserer von Selfies und Selbstdarstellung durchsetzten Zeit zu sehen bekommen. Zurückhaltend und doch sehr präsent.

Die Schatulle

Wir fahren öfter daran vorbei. Es ist eine Art Nische in der Mauer in der Gerichtstraße, gleich beim Bolzplatz. Weniger als einen Meter lang, mehr als einen halben hoch und etwa ebenso tief.

Dieser Platz ist ein Wechsellager für Nachbarn und Anwohnerinnen. Bücher werden dorthin gelegt, abgetragene Klamotten und Schuhe. Manchmal kommt Kinderspielzeug hinein, Blumentöpfe, die einer über hat, allerlei Krimskrams. Ich deponiere dort ab und zu selbst Ausgelesenes, das ich nicht behalten möchte oder ein Kleidungsstück, von dem ich weiß, dass ich es nie wieder werde anziehen können.

An dem Tag war die Nische fast leer. Daher fiel uns die kleine schwarze Schatulle sofort auf. Ich habe gleich gesehen, dass es eine russische Lackdose ist. Heute würde ich schwören, ich hätte sie zuerst gesehen, aber Karlotta ist anderer Meinung. Sie besteht darauf, dass sie sie gefunden hat.

Solche Lackdöschen mit irgendeinem Motiv, meistens einer Troika, sind beliebte Souvenirs in Russland. Ich weiß noch, dass ich gezögert habe, sie mitzunehmen, denn auf solchen Touristenkitsch stehe ich normalerweise nicht. Es gibt sie zuhauf, diese Holzschatullen an den Ständen in Russland, ebenso wie wie bunte Matrjöschkas, Holzlöffel oder Anstecker mit Leninkopf. Lange Zeit bewahrt Karlotta ihre doppelten Panini-Bildchen darin auf. Die Schatulle, außen schwarz und innen leuchtend rot lackiert, hat eben genau die richtige Größe.

Warum ich sie heute geöffnet habe, weiß ich nicht. Vielleicht weil sie seit Wochen ständig im Wohnzimmer rumliegt und überall im Weg ist. Im roten Lack des Deckels entdecke ich einen Stempel. Mit Krone und dem Doppelkopfadler und kyrillischen Buchstaben.

Halt mal, sage ich, die ist sicher mehr als hundert Jahre alt. Noch vor der Revolution. Und wirklich, nach einiger Recherche im Netz finden wir heraus, dass diese Lackdose aus der Werkstatt von Wassilij Ossipowitsch Wischnjakow und Söhne stammt und um 1880 entstanden ist.

Kann nicht sein, denke ich und schaue mir die Miniatur auf dem Deckel genau an. Die Figuren und die Gesichter sind fein gezeichnet, sogar bei dieser Größe. So als wären sie mit einem Haarpinsel ausgeführt worden. Die Perspektive stimmt nicht immer, so wirkt das hintere Pferd der Trojka größer als das vordere. Aber Naive Bauernmalerei ist das nicht. Die Farben sind nicht grell sondern sehr nuanciert und es ziehen sich feine Maserungen durch den Lack. Das hätte mir doch früher auffallen können. Ist es aber nicht. Im Vordergrund befindet sich ein Baumstumpf mit Ast, wie auf etlichen anderen Modellen von Wischnjakow und Söhne, seine Lichter und Schatten sind fein modelliert.

Da haben wir wirklich einen Fang gemacht.

Meine Dose, sagt Karlotta.

Die verkaufe ich nicht, fügt sie hinzu als wir herausfinden, wieviel man bei eBay für so ein schmuckes Stück haben kann.

Ist mir recht, sag ich. Seufze und lege die Paninibildchen wieder hinein.

Internet-Geplänkel und noch ein kulinarisches Intermezzo

Wir Russlanddeutschen essen nur russische Gerichte. Sprich, wir passen uns nicht an. Dieses Postulat lese ich gelegentlich. Wie neulich bei einer Diskussion in den sozialen Netzwerken. Im Thread hinter einem Artikel der Zeit, bei dem Aussiedler als identitätsverwirrte Russlandnostalgiker*innen dargestellt wurden, die durch russische Medien gehirngewaschen sind und den starken Kerl Putin toll finden und darüber hinaus sich in Russendiskos auf Highheels zu uralten Sowjetsongs drehen.

Es ist wirklich erschreckend, welches Bild die russischen Sender von Europa zeichnen. Aber in den Kommentaren gings nicht darum. Sie waren wie üblich so:

Sehen fast aus wie Tortellini diese Pelmeni. Aber nur fast…

Nun dann auf zurück zu Putin , wenns den Damen und Herren in Deutschland nicht gefällt.“

Nutzliche Idioten des russischen Despoten!“

Sie würden als stimmvieh für die CDU reingelassen und jetzt müssen wir es ausbaden“

…die wolga wartet! die aufgabe von journalismus ist zu fragen und aufdecken, nicht leugnen und verdunkeln. wer sich auf rt verlässt, den interessieren fakten nur preripher….“

Nix wie ab nach Russland.“

(Ich habe die Rechtschreibung und die Interpunktion so gelassen, wie sie war.)

Aber an anderer Stelle stand: Denn als Deutsche sehen sie sich nur wenn es um Vorteile und Demokratie geht, an sonst reden und atmen die russisch.

Darauf schrieb ich, woher er das wüsste und nicht alle seien so. Auf die Nachfrage, ob der Kommentator wohl schlechte Erfahrungen gemacht hätte kam, dass er vor einiger Zeit auf so Biker getroffen hätte, die ihn nicht reingelassen haben in einen Treff, nur wenn er die Tickets auf Russisch verlangt hätte. (Spannend zu erfahren, woher er Russisch konnte, aber das habe ich nicht gefragt.)

Er schrieb:

… es ist Fakt das die Rußlanddeutschen untereinander russisch sprechen, russische Musik und Filme schauen, russisches Fernsehen sehen und auch russisch kochen.
Das alles ist nicht verwerflich, es ist auch kein Haß von meiner Seite. Es ist nur objektiv gesehen und die Wahrheit. […] Der Zusammenhalt ist außergewöhnlich, Hut ab, aber in die falsche Richtung. “

Es gibt diese geschlossenen Gesellschaften, die sich hermetisch abriegeln, weil sie sich ausgeschlossen fühlen. Oder warum auch immer. Biker. Womöglich noch graue Wölfe.

Aber es gibt genug Aussiedler*innen, die sich gut eingelebt haben und mit diesem Land und diesen Leuten hier verbunden sind. Und trotzdem ab und zu so einen Film auf Russisch schauen.

Und was das russische, bzw. mittelasiatische Essen angeht, andere bringen doch auch Gerichte aus dem Urlaub mit und kochen gern italienisch oder thailändisch oder auch japanisch. Kokosmilch und Algen gibt es an fast jeder Ecke.

So kann man es doch auch betrachten, die Deutschen haben aus Russland eben auch kulinarische Anregungen mitgebracht. Aus ihrem mehr als 200 Jahre währenden „Urlaub“ dort. Unterbrochen von einigen mageren Jahren und Fastenzeiten, wie Hungersnöten und Kriegen oder den gelegentlichen Ausflügen in den Gulag und in die Sondersiedlungszonen. Da haben sich die Leute halt angepasst und landesüblich gekocht. Wenn Kohl da war, wurde halt Kohl genommen. Wenn Baumrinde da war, wurde halt Baumrinde genommen. Punkt. Nicht immer gab es kulinarische Highlights zu erwarten. Aber es sollte satt machen. Hat es oft leider nicht.

Seltsam aber, dass die berühmte Kartoffelschalensuppe oder Salate aus Unkräutern heute unter den Aussiedlern kaum verbreitet sind, sondern nur Speisen aus den „fetten Jahren“ wie Borsch‘ und Manty und natürlich Plow. Viele von uns können noch Tomaten und Paprika einlegen und kochen auch Kobra, das ist so eine scharfe Soße, ähnlich wie Sambal Oelek, noch selbst ein.

Es braucht Zeit, sich kulinarisch einzuleben. Ich denke an die ersten Spaghetti Bolognese, die meine Mutter, auf meinen sehnlichsten Wunsch hin zubereitet hatte. Selbst die schmeckten irgendwie russisch, obwohl Tomatensoße dran war. Aber die Soße erinnerte eher an das Innere von Pelmeni und an Frikadellen. Mit viel Zwiebeln und Pfeffer.

Und was sollen die Frauen, wenn sie hierher kommen, auch sofort anderes kochen, als das, was sie schon kennen? Ich spreche meist von Frauen, von Herrinnen über Haus und Küche. Es scheint, als hätten sie mit den Gerichten auch ein althergebrachtes Frauenbild im Gepäck dabei, das so von 1763 oder so stammt. Wirkt zumindest so. Aber es gibt auch rühmliche Ausnahmen, wie zum Beispiel Onkel Jos’ka, einen Freund meiner Eltern. Seine Canneloni schmecken wie beim Italiener. Nee, besser. Er räuchert auch Fisch selbst und keltert eigenen Kirschwein. Überhaupt ist DIY, also tu alles, was du kannst selber, auch ein Thema aus der Community. Das haben die Deutschen aus den Steppen ebenfalls mitgebracht, alles selbst zu machen, vom Räucherofen bis zum Hausausbau. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ich frage mich, warum ich so empfindlich auf die Pauschalisierungen und dieses immerwährende Aussiedler-Bashing reagiere? Einer der Kommentatoren meinte auf den Einwand, der Zeitartikel sei etwas einseitig und woher die Autorin wohl diese Vorzeigeexemplare hätte:

Steht im Titel: „In Berlins größtem Club für Russlanddeutsche“ – Nicht jede Reportage, nicht jedes Portrait kann und muss alle Meinungen abdecken. Dafür gibt’s demographische Umfragen. Es steht ja auch nirgends im Text, dass ALLE so denken. Natürlich gibt es auch unter Russlanddeutschen ein breites Spektrum von Meinungen, und viele, die Putin ablehnen – aber es gibt eben auch das beschriebene Millieu, und es ist nicht klein; auch wenn das für so manchen schmerzhaft oder peinlich ist. Im Übrigen kommt die Autorin wohl selbst aus Russland.‘

Allerdings kommen mir  wirklich viele Artikel über Russlanddeutsche und wie sie sich geben unter die Nase. Komisch, aber sie fallen mir eben auf. Und die wenigsten von ihnen beleuchten die andere Seite des Spektrums.

Ich leugne es nicht. Es gibt sie. Die nur Russia Today schauen, die Biker, die sich weigern auf Deutsch zu antworten. Auch die Teenies, die keinerlei Geschichtsbewusstsein haben und glauben Wladimir Putin wäre ein weiser, gütiger Monarch. Ähem, ich meine natürlich Präsident, oder Kanzler? Was ist er nun seit der letzten Wahl? Es gibt sie, die AfD-Kandidatinnen mit russlanddeutschem Hintergrund, die Hitlerbildchen auf Whats-App versenden und hinterher meinen, es sei doch alles nur ein Scherz gewesen.

Aber bitte, liebe Presseleute und fleißigen Kommentierer*innen, das bildet doch nicht alle ab. Mich nicht und die meisten meiner Freunde und Freundinnen aus den Reihen der Aussiedler auch nicht. Ein Artikel kann nicht alle Meinungen abbilden. Aber in der Summe sind sie doch sehr tendentiös. Mal wieder.

Wir sind gut integriert. Auch wenn wir gern mal einen Teller Borsch‘ essen oder einen ganzen Topf mit Pelmeni (wer mag sie eigentlich lieber mit Essig?) vertilgen und dabei eine alte Sowjetschnulzette auf Youtube schauen. Schnulzette trifft es aber eigentlich nicht. Diese Machwerke mit ihrer ungeschlagenen Mischung aus Naivität und Abgeklärtheit, gibt es sonst kaum. Außer vielleicht im italienischen Autorenfilm der früher Fünfziger Jahre. Aber zu diesen Filmen passen nun wirklich eher Canneloni oder eine selbstgemachte Pizza. Abgesehen davon darf man nicht vorm Bildschirm essen! Das ist nun wirklich kulturlos. Habe ich das geschrieben? War alles bloß Fake-News.

Erzähl mal Snegurotschka oder Endjahrespause

Der russische Weihnachtsmann oder Дед Мороз (Ded Marós) geht oft mit einem Schneeflocken-Mädchen einher, Снегурочка (Snegúratschka) genannt.
Und mit dieser Hommage an die russische Variante des Christkindes geht die Scherbensammlerin in die Weihnachtsferien.

 

Übrigens heißt es, dass die Nu pagadi-Folgen mit dem Wolf und dem Hasen ein sozialistischer Tom&Jerry-Verschnitt seien. Also wenn der Westen dem Osten den Santa entlehnt hat, warum nicht umgekehrt mit einem Gegenklau kontern. Aber die Pseudo-Sneguratschka mit Fluppe im Maul ist doch irgendwie frotziger, oder?

Allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch!

С РОЖДЕСТВОМ ХРИСТОВЫМ И С НОВЫМ ГОДОМ!

 

Angenehmes Knacken – Sonnenblumenkerne im Vergleich

Ich weiß nicht, wie viele Wörter die Inuit für Schnee kennen, im Lexikon der russischen Sprache von Wladimir Iwanowitsch Dahl gibt es jedenfalls dreizehn Synonyme für das Knabbern von Sonnenblumenkernen: лущить, лузгать, шелушить, грызть, вылущать, щелкать, выковыривать, вылуплять, облупливать, лушпинить, щелкотить, лустерить und жущерить.

Die Liebe der russischen Nation zu diesen Winzlingen ist bekanntermaßen groß. Über ihre Funktion als eine  in Trance versetzende Substanz habe ich schon geschrieben. Kalzium und gutes Fett und was nicht alles, ist ebenfalls in diesen kompakten Leichtgewichten enthalten. Das einzig Negative ist vielleicht noch der Dreck, der übrig bleibt, der Suchtfaktor und das Geräusch, das alle in der Umgebung, die nicht so engagiert knurspeln, in den Wahnsinn treibt.

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So wie es Testseiten für Computer, Lautsprecher oder Yachten gibt, so darf auch eine Seite nicht fehlen, auf der die Sonnenblumenkerne diverser Marken dargeboten werden. Was mich wundert, sie ist auf Deutsch und für in Deutschland lebende Konsumenten gemacht, womöglich für eine in der Diaspora lebende russischsprechende Paralellgesellschaft. Ich habe sie per Zufall entdeckt, das heißt, sie hat mich entdeckt. Irgendwann war da ein Kommentar von einem ihrer Betreiber unter einem Text von mir mit einem Link auf ihre übersichtlich und modern gestaltete Seite.

Hier werden Kerne mit oder ohne Schale einem Geschmackstest unterworfen und dürfen per Mausklick erworben werden. Im praktischen Eimerchen oder in großen Tüten. Als Nostalgiebonus wird meistens zum Größenvergleich ein Rubelstück neben die getesteten Kerne gelegt. (Bloß bei Rapunzel Sonnenblumenkernen ohne Schale liegt ein 20 Cent Stück.)

Hier ein paar Schmankerl aus den Testberichten:

Die Schale ist dick und benötigt ein wenig Kraft zum Knacken. Für geübte Semetschki-Esser ist dieses aber kein Problem. Eher ein feiner Knackspaß.

Oder

Sie schmecken leicht säuerlich nach Walnuss mit einem Spritzer Grasgeschmack. Der Geschmack ist nicht als schlecht zu verstehen. Man könnte ihn mit dem Liegen, auf einer Steppen-Wiese, an einem späten Frühlingstag, in der Taiga vergleichen.

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Ich finde die Idee sehr schön, darauf hat die Welt gewartet. Im Ernst jetzt. Nur zwei Dinge stören mich: kein einziges Mal schreiben die Tester*innen dass die Dinger ranzig riechen oder zu mau sind oder zu klein. Ich werde den Verdacht nicht los, dass sie von den Herstellern saftige Provisionen erhalten: in Form von Sonnenblumenkernen womöglich. Ich selbst hatte beim Kauf von bereits gebratenen Sonnenblumenkernen schon so manch böse Überraschung erlebt.

Und das zweite Manko: alle Links, die zum Kauf führen, landen auf der Seite eines Großversenders, der mit Am.. anfängt und mit ..on endet. Und mit der Tradition des Sonnenblumenkern-Knackens nicht das geringste zu tun hat. Und dann die Mengen, Vorteilspackung von 5x1kg. Da knispel ich mir ja den Mund fransig, bis ich die bis zum Verfallsdatum aufgeknackt habe. Lieber hätte ichs gesehen, wenn man damit die lokalen Anbieter unterstützen würde, irgendwo hinter den Karpaten oder im Ural. All die Babuschkas und Deduschkas, die ihren Ertrag Becherweise in zusammengerollten Zeitungstütchen verkaufen. Aber diese Zeiten sind wohl trotz Rubel und humorigen Sprüchen für immer vorbei. Um das zu verarbeiten, muss ich wohl gleich zu einer Handvoll knackfrischer, nicht zu labriger selbstgerösteter Kerne greifen. Nicht vergessen, auf die ukrainische Art kommen beim Rösten mit Schale einige Tropfen Öl dazu, na klar, Sonnenblumenöl, so werden sie noch nussiger und bratiger – falls es dieses Wort überhaupt gibt. Welches ist besser: mit Grillaroma? Der feine Geschmack des leicht Angebratenen? Deftig und herzhaft? Es gab doch ein japanisches Wort dafür: umami. Aber das ist es auch nicht. Der Geschmack frisch gerösteter Kerne ist einfach unvergleichlich.

Jedenfalls verfügt die semetschki-Seite über ein Dossier mit durchaus praktischen Anleitungen. Darin wird erklärt, wie die Schalen aufgeknackt werden, für all diejenigen, die keine gefiederten Freunde sind oder das Aufkneifen mit der Zungenzahnlückentechnik nicht von klein auf gelernt haben. Und die beiden Arten zum Kernrösten werden auch vorgestellt: die Backofenvariante und die Pfannen-Variante. Alles mit einem leichten Grinsen geschrieben.

Humorig kommen auch die Kommentare beim Geschmackstest daher, da heißt es schon mal:

Klicke Hier, wenn du ein Mann bist! 3x450g im praktischem Eimerchen.

Oder ist es doch kein Witz? Los, Männer an die Kerne!

Ob echter Mann oder echtes Weib, hier, der ultimative Geschmackstest für alle, die selbst mal Semetschki knurspeln, zerknipsen, aushülsen, abspelzen, aufknackseln oder herauszwengeln wollen:

http://www.semetschki.de/

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Die Russisch Brot Story

Es gibt bei uns diverse kulinarische Erzeugnisse, die das Prädikat „russisch“ beinhalten, aber in Russland völlig unbekannt sind, zumindest unter dieser Bezeichnung. Wie russische Eier, russischer Salat, der russische Zupfkuchen und eben Russisch Brot, das jedes Kind und jeder Erwachsene – in Deutschland – kennt. Das heißt, die gefüllten halbierten Eier gibt es dort schon, die Salate, die Vinaigrette oder Salat Olivier heißen auch, nur gelten sie nicht als besondere russische Spezialität. Diese Kekse aus dem fettfreien Eiweißteig mit hohem Kakaoanteil dagegen sucht man in ganz Russland vergeblich. Und es ist auch schon auffällig, dass die angeblich so russischen Buchstabenkekse immer nur aus dem lateinischen Alphabet stammen. Nach dem Grund gefragt, warum es dieses Gebäck nicht mit kyrillischen Buchstaben gibt, meinte einer der Hersteller: „Unsere Buchstaben bleiben wie sie sind, denn das lateinische Alphabet ist ja auch hier in Russland weit verbreitet.“

Auf dem blog von Wildgans, die neben Gedichten und stimmungsvollen Texten ihre Followerschaft regelmäßig mit einem besonderen Wort des Tages beglückt, tauchte vor kurzem der Begriff russische Eier auf. Das hat mich nicht losgelassen und zu dem folgenden Projekt angeregt. Und irgendwie passen Kekse ja auch zu Weihnachten. Also vielen Dank und bon appetit!

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Russisch Brot gleich русский хлеб?

Legenden und Fakten:

Angeblich sollen bereits die Zaren in ihren Petersburger Residenzen diese Leckerei gekannt und genossen haben. Wie die Journalistin Felicia Englmann für ihr Buch, Sorry, das haben wir nicht  recherchiert hat, existieren über das Gelangen dieser Spezialität nach Deutschland gleich mehrere Mythen:

Mythos Nummer eins: Das Rezept für Russisch Brot komme ursprünglich aus St. Petersburg. Um 1844 soll der Dresdner Bäckergeselle Ferdinand Wilhelm Hanke die Rezeptur von der Walz aus der Zarenstadt in seine sächsische Heimat mitgebracht haben. Die „Bukwi“ waren damals in St. Petersburg angeblich sehr beliebt. Hanke habe sie in seiner Lehrzeit auf dem Newski Prospekt, backen gelernt und eröffnete gleich nach seiner Rückkehr in Dresden eine „Deutsche & Russische Bäckerei“.

Mythos Nummer zwei: Die Ursprünge des „Russisch Brot“ gehen angeblich auf den Wiener Kongress 1814 zurück. Dem Petersburger Gesandten sollte etwas Gutes widerfahren und man entsann sich des Brauchs, den Fremden in Russland mit Brot und Salz zu begrüßen. Wiener Zuckerbäcker nahmen sich der Sache an, konnten aber nicht kyrillisch schreiben. Für diese Version spräche etwa, dass in Österreich für dieses Gebäck ausschließlich die Bezeichnung Patiencen verwendet wird und das Gebäck aus Lateinischen und nicht kyrillischen Buchstaben besteht, was eine russische Herkunft nahelegen würde.

Seltsam ist nur, dass sich all diese Geschichten nicht belegen lassen und von einem Eintrag zum anderen einfach kopiert werden.  Dieser Bäckermeister Hanke lässt sich in Petersburg nicht finden. Vielleicht weiß jemand von den Deutschen aus den Petersburger Kolonien mehr darüber. Ich werde mich mal umhören…

Fakt ist:

Das Gebäck mit der Bezeichnung Russisch Brot gehört zu den Klassikern der industriellen Lebensmittelherstellung. Seit Ende das 19. Jahrhunderts produzierte die Dresdner Firma Gebr. Hörmann Russisch Brot und exportierte es weltweit. Bahlsen stellte es erstmals 1906 her. Die Spezialitätenbäckerei Dr. Quendt aus Dresden produziert das beliebte Süßgebäck entweder seit 1959 oder vielleicht sogar erst nach der Neugründung 1991.

Ähnliche Buchstaben gibt es in Österreich unter dem Namen Patiencen. Seit 1858 stellte Victor Schmidt und Söhne (heute Firma Manner) diese Patiencen als Backware und als Schokoladeversion her, noch heute sind beide in Österreich ein beliebtes saisonales Produkt zur Weihnachtszeit.

Ich erinnere mich dunkel daran, dass wir in Kasachstan im Russisch Unterricht ein Gedicht durchgenommen haben. Da ging es um den Krieg und darum, dass Soldaten der roten Armee durch ihren Sieg über die Faschisten dafür gesorgt haben, dass das duftende russische Brot nicht auf Deutsch „BROT“ genannt wird. Und das Wort BROT hat die Lehrerin, die ich sonst sehr gerne mochte, mit einer solchen Abscheu ausgespuckt. Das hat sich mir eingeprägt.

Aber vielleicht hat sich diese negative Einschätzung im kollektiven Bewusstsein schon längst gelegt und die Firmen Balsen und Dr. Quendt täten gut daran, dieses trockene Gebäck wieder auf dem Newskij Prospekt feilzubieten. Allerdings würde es wohl mehr Sinn machen, wenn sie es unter dem Namen: немецкий хлеб, also Deutsches Brot vermarkten würden.