Unsere kleinlauten Momente

MEINS!, so heißt ein Band mit Erzählungen, das die Autorin Ida Häusser kürzlich herausgebracht hat. Ursprünglich sind einige der Texte in einem Kurs für autobiografisches Schreiben entstanden, doch sind sie weit mehr als bloße Schreibübungen. Vor uns breitet die Autorin erzählerisch gekonnt ihre Kindheit und Jugend im Norden Kasachstans aus, in Aktjubinsk, „einer aufstrebenden Industriestadt am Fuße des Uralgebirges, das bekanntlich Europa und Asien trennt.“

„Aufgewachsen: zwischen mehreren Kulturen, oben die offizielle sozialistische des Kindergartens und der Schule, mit auswendig gelernten Parolen, darunter, in unserer jungen Siedlung, ein Nebeneinander der sowjetischen „Brudervölker“, mit Menschen unterschiedlichster Nationalitäten, Ethnien, Überzeugungen und Stände; Russen, Kasachen, Griechen, Polen, Juden, Koreaner. Menschenmassen, die wie von einer übermächtigen Hand in diese einsame Gegend gesetzt wurden. […]

Und inmitten all des Durcheinanders die dritte Kultur, der heimliche deutsche Kokon – daheim.
[…]

Parallelwelten. Mehrfach parallel.“
S.11

„Meins!“ so lautet der Titel dieses Bändchens. Doch es ist ein stückweit nicht nur „ihrs“ es ist auch „meins“ oder genau genommen: „unser“. Die beschriebenen Themen kennen wir, die wir aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind, nur zu gut. Die Gerüche, die Worte, die Wege und die Schikanen haben sich in anderen russlanddeutschen Familien genau so oder so ähnlich abgespielt. Einiges ist wiedererkennbar, vieles nachvollziehbar.
Worte wie Loskutiki oder Taburetka oder Motozikl.
Tanten, die Mädchen Ratschläge geben. Oder auch diese kleinen süßen Äpfel, die es hier bei uns nicht gibt. Schwärmereien über diese Äpfelchen habe ich in der russlanddetuschen Community schon vielfach gehört und gelesen. Ranetki heißen sie.

Auch über das weitverbreitete Vergnügen sowjetischer Mädchen,   Bonbonpapierchen unter Glasscherben zu verstecken, habe ich bereits hier auf dem Blog geschrieben. Als Kinder, als Mädchen haben wir ebenfalls Sekretiki gespielt, nur einen Tick anders. Auch dieses Spiel kommt in dem Büchlein vor.

In 21 Kapiteln reiht die Autorin lose zusammenhängende Erinnerungsfragmente aneinander und bringt sie in einen Bezug zu ihrem jetzigen Leben. Dennoch ist da keine Ostalgie spürbar, pragmatisch und mit viel Liebe für die Menschen zeichnet sie das Bild der damaligen Zeit. Sie beschreibt ihre ersten Erinnerungen als ein Leben in einem Kokon, wo das Russische sich draußen abspielte und das Deutsche innen. Sie spielt mit Vergleichen und verbindet konkrete Erinnerungen mit Überlegungen über den Aspekt der Heimat oder die Geschichte ihrer Familie.  Ida Häusser befördert Fragmente ans Tageslicht, die unser Gedächtnis nach hinten geschoben hat. Manche Anekdoten erinnern an ein sozialistisches Bullerbü. Sie handeln davon, wie die Kinder selbst gezogene Radieschen auf dem Markt verkaufen oder ein ausrangiertes Schaukelpferdchen heimschleppen, das später beim Brüderchen unterm Weihnachtsbaum landet.

Es sind eben nicht nur sehnsüchtige Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit, wunderbar leicht erzählt, sondern in die Tiefe gehende Momentaufnahmen aus einer verschwundenen Zeit. Es gelingt der Autorin ebenfalls, auf leichtfüßige Weise, die tragische Geschichte hinter den Geschichten zu erzählen, ohne wehleidig zu wirken und ohne anzuklagen.

Meine Mutter sagt immer Wald, wenn sie mit ihren Geschwistern über ihre Kindheit in Archangelsk spricht, auch heute noch. Wie ein Code-Wort. Nie Verbannung oder Sondersiedlung. Gelegentlich sagen sei vielleicht noch Sibirien, wenn sie mit anderen darüber sprechen. Aber untereinander sagen sie immer Wald. Wald, und schon ist alles gesagt.“
S 87

Kulturelle Mißverständnisse ziehen sich durch die Geschichten ebenso wie das Bestreben der kleinen Ida, ihren Weg zu finden. In einem der ersten Kapitel, die sich auch wie kleine abgeschlossene Geschichten lesen lassen, geht es um diese kleinen Äpfelchen, wie sie nur in asiatischen Ländern wachsen und vielleicht noch in Sibirien. Eingebettet ist diese Erinnerung in Überlegungen zum Thema Herkunft und Heimat, deren Aneignung und Verlust:

Ich hatte doch einen Platz, wo ich mich geborgen fühlte, das war im Aktjubinsk meiner Kindheit. Unter unserer Ranetka. […] Mein Vater pflanzte sie in dem Dreieck zwischen den Eingangsstufen zum Haus, dem Durchgang zur Garage und dem Weg zur Sommerküche. […] Ich stellte mir eine Klappliege darunter und schaute den Äpfelchen beim Reifen zu. Auf den Boden daneben legte ich eine alte Zeitung und darauf einen Berg Ranetki, nahm ein Buch in die Hand und tauchte ab.“
S 25

In Deutschland versucht sie dieses Gefühl wieder hervorzuholen und diese Apfelsorte in Baumschulen und Gärtnereien ausfindig zu machen. Bisher vergeblich.

Die letzte Geschichte, die mit den Tulpenfeldern in der Steppe, handelt vom Abschied. Die blühende Steppe ist die letzte Erinnerung der Autorin an ihr Leben in Kasachstan.

Ein gewisser Stolz schwingt in dem Titel des Buches mit, nicht nur über die kreative Umsetzung, sondern im Sinne von: das ist meine Geschichte und ich stehe dazu.
Es gelingt ihr, kleine Momente einzufangen und sie in einen größeren Zusammenhang zu setzen. Sie fragt sich an einer Stelle, ob es nicht die „kleinlauten Momente“ sind, die sich uns besser einprägen. Kleinlaut würde ich diese Fragmente nicht nennen, eher leise aber eindringlich. Sie haben es verdient, sich Raum zu verschaffen und gelesen zu werden. Vielleicht verhelfen sie auch anderen zu einem Tauchgang in die Vergangenheit.

Im Grunde vollführt Ida in diesem Band dasselbe, was ich in diesem Blog seit Jahren versuche, aber statt Scherben sind es bei ihr Loskutiki, kleine Stofffetzen, die sie sorgsam aus dem Nebel der Erinnerung birgt und zu Geschichten verarbeitet. Ich gratuliere der Autorin zu diesem Debut und wünsche ihr, dass sie in Deutschland, oder auch in den Nachbarländern eine Baumschule findet, die ihre Ranetka aus Aktjubinsk kultiviert und verkauft.



Ida Häusser
Meins!, Erzählungen über eine Kindheit im Norden Kasachstans
ISBN-13: 9783744838740

120 Seiten, Books on Demand, 6,99 €, portofrei

Jeden Tag ein Gedicht – 20. März

Wiege

Mir wurde nicht in die
wiege gelegt die heimat,
eher die verbannung in
den ural. kein gedicht
von heine, sondern das
von mandelstamm. keine
»prawda« wurde mir
vorgelesen, sondern ein
blatt aus der bibel vom
samisdat. keine schuh-
rede gehalten von nikita
chrutschow, nur die berg-
predigt vom »Pik Lenina«.
man hat mir den mund
nicht stopfen können
mit wodka noch selbst-
gebrannten samogon,
sondern mit kuss, einem
kuss, dann stutenmilch
als aperitif. ein gedicht
fuhr mir über die lippen,
danach blutete das herz.
paar brosamen und ein
gebet in platt gaben ihr
bestes zur nacht. wera,
nadeschda, ljubow, meine
drei schwestern, kicherten
auf einem ofenbett vorm
einschlafen. sie fanden
das leben noch heiter. ich

träumte fragil: was wird
mir wohl beim aufwachen
dann in die erdgruft gelegt?


Andreas Peters, geboren 1958, lebt in Bad Reichenhall und Salzburg (Österreich).

der vielbesungene russische Ofen, oft mit einer Liegefläche, oben, wo es schön warm ist…

aus Rum & Ähre, einem Gedichtband, der 2018 im chiliverlag erschienen ist.

Andreas Andrej Peters, Rum & Ähre, Gedichte
ISBN 978-3-943292-69-5, 120 Seiten
chiliverlag, Euro 10,90
Hier steht, was die Lyrikgesellschaft über dieses Buch schreibt:
http://lyrikgesellschaft.de/ueber-die-zuwendung-der-welt-andreas-andrej-peters-neuer-gedichtband-rum-aehre/

Jeden Tag ein Gedicht – 19. März


Auch hier schreibt die Dichterin vorwiegend auf Russisch. Und ich habe mir erlaubt, eins ihrer Gedichte zu übertragen. Aber natürlich ohne dass sich bei mir Klangpaare bilden.

собери меня назад

Вот попалась в руки критику
ну так что ж
разберет меня по винтикам
не соберешь

а ломать – не строить
так ведь говорят
да на все есть Божья воля
собери меня назад

собери меня назад
по словам
по строчкам
я хочу быть целою
вот и все
точка

Рената Вольф


setz mich wieder zusammen

so bin ich also in die Hände eines Kritikers geraten
was solls
er wird mich auseinander nehmen – Schräubchen für Schräubchen
unmöglich wieder zusammen zu setzen

und zerstören ist nicht aufbauen
wie sie sagen
für alles gibt es einen Willen Gottes
setz mich wieder zusammen

setz mich wieder zusammen
in Worten
in Zeilen
ich will wieder ganz sein
mehr nicht
Punkt

Renata Wolf, geboren 1955, lebt in Duisburg

Gedicht des Tages – 18. März

Das folgende Poem namens „Erde“ hat der in Berlin lebende Dichter Alexander Schmidt ursprünglich auf Russisch verfasst. Ich habe es ins Deutsche übertragen.

Земля

Я забыл совсем
Когда в последний раз
Трогал землю
Не ту
Что мертвеет под асфальтом
А прежнюю
С детства знакомую
Живую
Родную
Забытую

Здесь
На кладбище
У свежего холмика
С испугом сердечным
Прикоснулся к ней
И чудо нежданное —
Живая
Горячая ,—
Твоя ответная ласка

***

Erde

ich habe völlig vergessen
wann ich das letzte Mal
Erde berührt habe
Nicht die Erde
die unter dem Asphalt vor sich hinstirbt
Nein, die frühere
mir von Kindheit an vertraute
lebendige
heimatliche
vergessene

Hier
auf dem Friedhof
bei dem frischen Hügel
berührte ich sie
mit klopfendem Herzen
Und welch unerwartetes Wunder –
sie war lebendig
warm –
eine zärtliche Antwort von dir


Alexander Schmidt, lebt in Berlin

Gedicht des Tages – 16. März

Am ewigen Feuer


Mein Vater

                     trägt im Mai
                                             beim Siegesfest
an seinem Anzug
                                     keinen Siegesorden.
Er fällte
             kein Gewehr
                        im heißen Sturm nach West.
Er fällte
                 Nadelholz
                                           im kalten Norden.
Was sind schon
                          grüne Nadeln
                                                     im Vergleich
mit stählernen
                             und scharfen Bajonetten!
Und dennoch
                         wird der Vater
                                                       totenbleich,
wenn wir
                  im Park
                                   ans Ewige Feuer treten.

Am Tag des Sieges werden in Russland Blumen am Ewigen Feuer abgelegt.

Robert Weber (* 1938 in Pawlowski-Possad, Oblast Moskau; † 2009
in Augsburg)

 

 

Jeden Tag ein Gedicht – 15. März

Im Fili-Park

 für J.

Ich heilte meine Seele
mit der Suche nach Sinn,
mit Andeutungen,
mit Intertext,
mit Autorenfilmen…
Doch es stellte sich heraus, dass
mir nur der senffarbene Rock fehlte,
den wir — ich und du —
während eines Spaziergangs
im Vorübergehen gekauft haben,
und das vergessene Gefühl des Fluges
auf der Schaukel
im Fili-Park.

*

Moskau einen halben Tag hinter sich lassen,
weiter auf dem Rücken schwimmen
als die Distanz von der U-Bahn-Station zur Arbeit,
die Sandkörnchen, aus denen
der Sand besteht, wahrnehmen
und aus den Muttermaler
auf dem Unterschenkel meines Liebsten
den Großen Wagens
entdecken.

Elena Seifert


Lesende im Fili Park. Suchen sie auch Seelenheil?

В Филёвском парке

Ю.

Лечила душу
поиском смыслов,
аллюзиями,
интертекстом,
авторским кино…
А оказалось, не хватало
юбки горчичного цвета,
случайно купленной
на прогулке
с тобой,
и забытого ощущения полёта
на качелях
в  Филёвском парке.

*

Оставить на полдня Москву,
проплыть на спине больше,
чем путь от метро до работы,
разглядеть песчинки,
из которых состоит песок,
и обнаружить на голени любимого
ковш Большой Медведицы
из родинок.

Eлена Зейферт


Aus dem Band Namen der Bäume

***
Dr. Elena Seifert lebt und arbeitet in Moskau, die deutschstämmige Dichterin, Übersetzerin und Literaturkritikerin ist Initiatorin verschiedener  Publikationen, Wettbewerbe und Veranstaltungen für russlanddeutsche Literatur in Russland. Im Jahr 2008 verteidigte sie ihre Doktorarbeit («Жанровые процессы в поэзии российских немцев второй половины XX – начала XXI вв.», dt. Genre-Prozesse in der Poesie der Russlanddeutschen in der zweiten Hälfte des 20. und dem Beginn des 21. Jahrhunderts.) an der Moskauer Lomonossow Universität.

Jeden Tag ein Gedicht – 14. März

An der Mane*

Die Pappel vor meinem Hause
hat hoch ihre Arme gestreckt,
und hat mir zur Abendstunde
so manchen Gedanken geweckt.

Mein Häuschen steht still an der Mane,
mein Bruder lebt fern im Altai,
die älteste Schwester Marianne
an der Grenze der Mongolei.

Ich hab einen guten Kameraden,
mit dem ich die Schulbank gedrückt.
Er hat mir ein Brief vom Urale –
den ersten seit Jahren – geschickt.

In Karaganda in den Schachten
mein Onkel schon lange verweilt.
In Omsk, in Akmolinsk, in Frunse
sind drei meiner Tanten zerstreut.

Bekomm ich sie nochmals zu sehen?
Wer weiß es? Wohl kaum. Es ist weit.
Warum können wir in der Heimat
nicht weilen, wie andere Leut?

So sitz ich im Schatten der Pappel
und denk in den Abend hinein.
Zwar leb ich nicht schlecht an der Mane,
doch ist es nicht so, wie daheim.

Dominik Hollmann


*Mane, Nebenfluss des Jenisseij

Mana oder Mane ist ein Zufluss des Jenissej.
Vom Ural bis in die Mogolei – eine weitverstreute Verwandtschaft wird in diesem Poem besungen. Der blaue Wimpel legt den Standort des Dichters fest

Dominik Hollmann wäre im August dieses Jahres 120 Jahre alt geworden. Geboren ist er an einem anderen Fluss: an der Wolga in der Stadt Kamyschin. Viele seiner Gedichte entstanden in der Verbannung in Sibirien, er hat sich Zeit seines Lebens für die Wiederherstellung der deutschen Republik an der Wolga eingesetzt. Als Lehrer und Literat hat er trotz Zensur und zeitweiligem Schreibverbot die Kultur und das Schrifttum der Deutschen in der Sowjetunion gefördert. Er starb 1990 in seiner Heimatstadt Kamyschin, wohin er am Ende seines Lebens doch noch gezogen ist.

Das Gedicht stammt aus seinem Buch Ich schenk dir, Heimat, meine Lieder, das demnächst eine Neuauflage erfährt.

Ich schenk dir, Heimat, meine Lieder, Gedichte, Dominik Hollmann. Kamyschin, 1998. – 192 Seiten