Hier und Dort. Zwei Kindheiten.

‚Kindheitsverläufe in Systemen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, dort das stalinistische und nachstalinistische Sowjetregime und hier das Nachkriegsdeutschland unter Adenauer. Verliefen die Kindheiten dadurch wirklich so unterschiedlich oder gab es auch Gemeinsamkeiten? Machen Sie sich in den Erzählungen ein eigenes Bild.‘

Oberflächliche Gemeinsamkeit der damaligen Bilder: Schwarz-Weiß; Foto: Vitaliano Bosetti.

So lautet der Klappentext zum Buch „Kindheiten in Deutschland und Russland“. Zwei Bonner Autorinnen, Monika Mannel und Agnes Gossen haben es gemeinsam geschrieben. Der Vergleich ist spannend. Unbeschwert waren beide Kindheiten nicht. Beide werden von Armut und Entbehrungen überschattet.

Dies hier ist keine Rezension im eigentlichen Sinne. Ich habe bloß über die Unterschiede zwischen den beiden Kindheiten nachgedacht. Ich habe bloß die Aufforderung im Klappentext zum Anlass genommen und angefangen, mir ein eigenes Bild zu machen. Die Publizistin Rose Steinmark hat eine richtige Buchbesprechung dazu verfasst, wer mag, kann sie hier nachlesen.

Zwei Autorinnen, ungefähr die selbe Zeit – sie wachsen in den Fünfziger-Jahren auf – die eine im Bonner Umland, die andere im Ural. Doch der Klappentext beschreibt den Unterschied nicht annähernd. Agnes Gossen spricht ja nicht nur über eine typische Kindheit im Sowjetregime. Nicht wenn das Kind zu einer unterdrückten Minderheit gehört und in einen Verbannungsort aufgewachsen ist.

Kindheit im Ural: Agnes auf dem Schoß der Mutter, links

Berichte über russlanddeutsche Kindheiten gibt es viele, aber in diesem Buch ist es gerade der Vergleich, der die Lektüre lohnenswert macht. Und wie gesagt, bei all den Gemeinsamkeiten, die Unterschiede sind doch augenfällig.

Was ist gemeinsam? Die Nachkriegszeit, der Armut, sogar der Dialekt, auf der einen Seite das Platt der Mennoniten, auf der anderen die Bonner Mundart. Es geht zwar immer wieder ums Überleben. Der Mangel, die Nahrung, Heizmaterialien spielen in fast allen Geschichten eine erhebliche Rolle. Briketts auf der einen und Maiskolben oder Stroh auf der anderen Seite.

Während Monika Mannel kleine Episoden schildert, die aus ihrer damaligen Mädchenperspektive eine überschaubare Kinderwelt zeigen, und alle Beteiligten im breitesten Bönnsch parlieren lässt, gehen die Geschichten von Agnes Gossen immer wieder über sie als Person hinaus.
Sie bindet sich ein in die Schar der Großtanten, die ausgewandert sind, die Anzahl der Männer in der Familie, die verbannt oder erschossen wurden. Auch ein Erlebnis mit dem Puppenwagen gehört eher in die Kindheit ihrer Mutter als in ihre eigene. Es sind nicht nur die eigenen Streiche und Erlebnisse, sondern Geschichten, die lange vor ihrer Geburt geschehen sind, Familienlegenden, die weitergetragen werden. Teilweise handeln sie von Leuten, die sie nicht selbst kennengelernt hat, die aber in der Familie noch immer eine Rolle spielen.

Sie ist sich immer der anderen bewusst und schleppt einen ganzen Stammbaum mit sich herum. Doch das ist nicht der einzige Unterschied in den Erzählweisen.

Zwar gibt es bei den Kindern der Verbannten auch Kinderstreiche. Da wird eine verbotene Frucht aus dem Garten geklaut,  da wird auf Bäume geklettert und sich auf die erste Klasse gefreut. Doch die Eltern, die Erwachsenen werden nicht infrage gestellt. Das geht auch nicht, immer steht im Raum,  dass diese durch ein schweres Schicksal gegangen sind. Es gibt kaum Abgrenzung zu der vorhergehenden Generation, keine Abnabelung oder Trotz ihr gegenüber. (Zumindest werden sie in dieser Phase der Kindheit nicht spürbar.)

Traumatisierte werden nicht kritisiert oder infrage gestellt. Gegen Eltern, die so gelitten haben, kann es keine irgendwie geartete Auflehnung geben.
Wie denn, wenn du sie nicht böse anblicken kannst, ohne dass sie in Tränen ausbrechen. Wenn die Oberfläche so dünn ist und darunter gleich der Abgrund gähnt? Das spüren Kinder.

Diese Kindergeneration hat gelernt, auf die Eltern einzugehen, sie zu schonen, ihre Gedanken weiterzuspinnen und zum Teil auch für sie das Leben zu organisieren.

In den Geschichten von Monika Mannel nimmt das Kind dagegen eine eher distanzierte Haltung den Erwachsenen gegenüber ein, es gibt die strenge Mutter, die dicke Hausnäherin.

Tante Cordula watschelte und schnaufte beim Laufen. Wenn Mutter uns dabei erwischte, wie wir hinter Tante Cordulas Rücken lachten, dann gab es Ohrfeigen. Also hielten wir Kinder uns im Beisein der Erwachsenen zurück. War Tante Cordula abends auf dem Rückweg, so überlegten Hans, Lisa und ich, wie lange es noch dauern würde, bis sie platzte und das Fett aus ihr herauslaufen würde. S 67

Freche Kindergedanken, Streiche. Wir gegen sie. Obwohl auch hier ein großer Einschnitt hinter ihnen liegt: der Krieg.

Dennoch fehlen solche Freveltaten auf der Ural-Seite. Wie kann sich ein Kind über Erwachsene lustig machen, die durch die Hölle gegangen sind? Die sich und ihr Leben und ihre Gesundheit aufopfern, um noch ein wenig Normalität und Behaglichkeit zu schaffen.

Gewiss, nicht alle waren und sind so. Aber diejenigen, die bei wie auch immer traumatisierten Eltern aufgewachsen sind, werden diese Sätze nachvollziehen können. Die Bande zur Familie auch zu der Eltern-/Großelterngeneration sind sehr stark. Es ist nicht nur die Erziehung, die sie prägen, sondern auch die Umstände. Kinder von Verbannten eskalieren nicht, machen keine Szenen. Denke ich zumindest.

Es heißt in anderen Texten oft, dass in Aussiedler-Familien Konflikte kaum ausgetragen würden. Die Position des einzelnen wird geopfert zugunsten einer fragwürdigen Harmonie. Vielleicht liegt einer der Gründe darin begründet. Womöglich macht diese besondere Verbindung der Kinder zu ihren Eltern einen Teil der Mentalität aus.

es braucht so wenig für ein Kinderlachen….

Auf den ersten Blick wirken die Lebensläufe ähnlich, die beiden Autorinnen sind ungefähr ein Jahrgang. Es sind nur wenige Jahre, die sie trennen. Und doch kommen mir die Kindheiten so verschieden vor, als stammten sie aus zwei verschiedenen Zeitaltern.

Noch etwas, das ins Auge fällt. Auch wenn Kinder überall Kindersachen machen, wie auf Bäume klettern zum Beispiel. Die Welt von damals ist vollständig verschwunden. Es gibt keine Kontinuität zu heute. Was mich berührt. Die Dinge, die Szenen, die Gespräche aus beiden Kindheiten sind heute nicht aufzufinden. Die Strenge oder die Armut beispielsweise. Und wenn es sie heute gibt, dann zeigen sie sich auf andere Weise. Damals waren die Vergnügungen rar und müssen von den Kindern selbst kreiert werden. Unvorstellbar im Zeitalter der digitalen Spielkameraden und Unterhalter.

Apropos Kontinuität. Eine andere Sache ist wohl mehr als erstaunlich. Die Wege, die ein Gebäck zurücklegen kann. Oder seine Zubereitung.

In der letzten Geschichte beschreibt Agnes Gossen, wie sie in Bonn ein Gebäck wiederentdeckt, dass sie aus ihrer Kindheit im Ural kennt, das sogenannte Tweeback.  So wird uns die wundersame Reise vor Augen geführt, die ein Backrezept nehmen kann. Von den vertriebenen Hugenotten in ein preußisches Dorf bei Danzig gebracht, dort von den aus den Niederlanden angesiedelten Mennoniten aufgegriffen und bis in die Gegenden hinter den Ural mitgenommen, wo es die Mutter der Autorin traditionsgemäß immer Samstags gebacken hatte.

Plattdütsches Tweeback nach einem alten hugenottischen Rezept

Um dann in Bonn, in einer französichen Bäckerei als Brioche von ihr wiederentdeckt zu werden. Die Reise eines Kuchenrezeptes um die Welt. Auch das ist Kultur. Mich erinnert die Episode ein wenig an die Madeleines von Marcels Proust, auch hier geht es um ein Wiederaufflackern der Vergangenheit. Allerdings auf eine ganz andere Weise. Genauso und doch anders.

So weite Wege, so unterschiedliche Erlebniswelten. So verschiedene Kindheiten. Oder doch nicht? Doch wie schon der Klappentext nahelegt: Verliefen die Kindheiten dadurch wirklich so unterschiedlich oder gab es auch Gemeinsamkeiten? Machen Sie sich in den Erzählungen ein eigenes Bild.

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Wer mehr über das Buch „Kindheiten in Deutschland und Russland“ nachlesen möchte, die Publizistin Rose Steinmark hat eine sehr schöne Rezension dazu verfasst.

Monika J. Mannel und Agnes Gossen
Kindheiten in Deutschland und Russland
Geestverlag 2018, 184 Seiten, 12,50 Euro
ISBN 978- 3-86 685-666-0

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Die Hölle sind immer die anderen

Eine junge Frau, die mit ihrem weißen Kleid und mit dem Haarschmuck an eine Braut erinnert, steht bis zur Brust in einem See. Sie wird von einem älteren Mann gehalten und hintenüber in das Wasser eingetaucht. In den mennonitischen Brüdergemeinden ist es üblich, die Mitglieder erst mit 16 oder 18 zu taufen.

Glaubst du, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist? Versprichst du, ihm zu dienen in reinem Gewissen?

Die Szene ist Teil einer Reportage von Rita Knobel Ulrich, die Ende April im NDR Fernsehen lief. Es geht um russlanddeutsche Mennoniten in Cloppenburg, die in ihren Gemeinden einen freikirchlichen Glauben leben und eine relativ geschlossene Gemeinschaft bilden. Aus den 861 Kommentaren unter dem Film bei Youtube wird deutlich, dass diese Werte bei vielen sehr gut ankommen. Keine Drogen, klare Verhältnisse, freundlicher Umgang, Hilfsbereitschaft, Liebe zu Kindern – das alles ist in den Brüdergemeinden zu finden. Hier einige der Stimmen aus dem Netz:

‚Was für ein Segen, Frauen zu hören, die sagen, dass sie für ihre Kinder da sein wollen. ❤

‚Ehrliche, Aufrichtige und fleißige Leute. Wirklich Respekt dafür !! So viele Kinder großziehen, in der Freizeit ehrenamtlich arbeiten…. Auch die Kinder wirken alle sehr gut erzogen.

‚Ehrlich gesagt, bei mir kamen die Tränen. Eine schöne reine Gemeinschaftsleben jeder hilft jeden, sich angenommen fühlen gibt viel Selbstvertrauen.

Doch im Film und in den Kommentaren auf Youtube klingen bereits andere Töne an: …bleiben für sich…abgeschottet…die Kinder dürfen nicht auf Klassenfahrten mit …wie aus der Zeit gefallen… meist von den Außenstehenden, wie Mitschülern oder einer Lehrerin.

Wenn ich beobachte, dass die Frauen als Bedienstete herhalten und dem Manne untertan sein müssen und alle eigenen Wünsche an sich abtöten sollen, werde ich stutzig. Bereits die Kinder scheinen die Normen ihrer Gemeinde verinnerlicht zu haben. Nach Medien und Fernsehen gefragt, sagen einige, es interessiert mich nicht, oder: es macht die Augen kaputt und dann ist man nicht soviel draußen und so. Nur ein Junge sagt auf die Frage, ob er das Fernsehen nicht mal vermissen würde, verschämt: Manchmal.

Was ist Schlimmes daran, Kinder vor einem überbordenden Medienkonsum beschützen zu wollen und vor Alkohol und Drogen? Was ist verkehrt daran, wenn Menschen ihren Glauben so ausleben, wie sie es für richtig halten? Nichts. Wenn sie es aus freien Stücken tun.

Was geschieht aber mit denen, die nicht mehr wollen oder nicht mehr können? Die ausscheren und die anders sind?

In der Doku sagt der Prediger Ernst Fischer, vielfacher Familienvater und Großvater über den Einfluss der Medien, dass sie nichts Gutes bringen. Sowas braucht man nicht zu vermissen. Und als die Interviewerin ihn fragt, obs ein Problem wäre, wenn in der Gemeinde jemand sagen würde, er liebe einen Mann, antwortet er:  ‚Gottseidank habe ich sowas noch nie erlebt. Möchte ich auch nicht. Deshalb kann ich nichts dazu sagen, wie ich reagieren würde und was passieren würde. Es ist eben nicht so, dass wir diese Menschen hassen, aber das ist eben nicht nach Gottes Willen.‘

Abgesehen davon, das ich mich wundere, wie jemand Gottes Plan so genau durchschauen kann, habe ich mich beim Sehen die ganze Zeit gefragt, wie sich so ein geschlossenes System aufrechterhalten lässt. Was mit Andersdenkenden passiert. Und um welchen Preis.

Wo ist die Lücke im Paradies? Darauf gibt der Film leider keine Antworten. Aber ein Buch, das ich im Internet gefunden habe, ein schmales Bändchen von etwas über 200 Seiten mit dem Titel: Himmel Hölle Welt.

Geschrieben hat es Lena Klassen anfang der Nuller Jahre. In einem Nachwort schreibt sie, dass sie zwar nicht in einer freikirchlichen Gemeinde aufgewachsen sei, aber ein Jahr in einer solchen gelebt habe. Lena Klassen ist eine Deutsche aus Russland und hat sich (teilweise unter dem Pseudonym Maja Winter) als Autorin von Fantasy- und Mistery-Romanen einen Namen gemacht.

Dieses frühe Werk von ihr ist anders.

Wie im Film über Cloppenburg steht hier die Taufe einer jungen Frau am Anfang. Allerdings nicht in einem See, sondern im chlorhaltigen Wasser eines Waldschwimmbads. Doch abgesehen von diesem Ausgangspunkt, bewegt sich das Buch in eine ganz andere Richtung als die Doku. Es zeigt die Risse auf, schildert die unbequemen Seiten der Gemeinschaft und die Kehrseite der Frömmigkeit.

Anders als die Regisseurin im Film, die sich bemüht nicht zu werten, findet Lena Klassen klare Worte und eine klare Position. Bereits im Vorwort schreibt sie, dass die Bezeichnung Mennoniten-Brüdergemeinde … Programm ist, denn Schwestern haben da nicht viel zu sagen.  (S. 8) An der Spitze steht ein Gemeindevorstand, gewählt auf Lebenszeit. Er kann seinen Posten nur verlieren, wenn jemand aus seiner Familie vom richtigen Weg abkommt. Denn es wird angenommen, dass ein Mann, der seine Familie nicht im Griff hat, seine Gemeinde nicht lenken kann.

In so einer Brüder-Gemeinde wohnt Klassens Heldin, die 16-jährige Schülerin Elsa Epp. Bereits während der Taufe, vielleicht schon vorher, beschleichen sie Zweifel, nicht an Gott, nicht an ihrem Glauben, sondern an den menschengemachten Regeln. Es gibt Wendepunkte in ihrem Leben, wie die Hochzeit der besten Freundin und deren dramatische Veränderung danach, die ihr Zweifel einpflanzen. Es sind die Regeln, gegen die sie aufbegehrt.

…ist das schon zu viel Frisur? Oder ist das noch züchtig?

Frauen, die sich die Spitzen schneiden? Sünde, weil pure Eitelkeit. Ebenso lange Haare für  Männer. Ohringe: Sünde. Pop- oder Rockmusik: Sünde, weil weltlich. Tanzen: geht gar nicht. Es wird auch nicht gern gesehen, dass junge Leute viel lernen und studieren. Dann sind sie zu sehr in der Welt. Und Weltliches hat keinen Wert.

Die Jungen in der Gemeinde gefielen ihr nicht, und sie ihnen auch nicht, denn sie war eine Bedrohung für jeden christlichen jungen Mann, weil sie aufs Gymnasium ging. Ein christlicher Mann hatte das Recht auf eine gläubige, gehorsame Frau, und Elsa stand schon jetzt in dem Ruf „stolz“ zu sein. S. 30

Elsa setzt es durch, studieren zu dürfen, sie geht zum Friseur und zieht Ohringe an. Das erste Mal, als sie in Hosen durch die Straßen der Stadt läuft, ist für sie ein Moment des Triumphes. Zunächst lebt sie ein Doppelleben und verbirgt alles vor ihrer Familie. Später geht sie auf direkten Konfrontationskurs mit ihr. Sie lernt andere Menschen kennen, die bereits früher aus den freikirchlichen Zusammenhängen ausgeschert sind. Wie den Opa Wiens zum Beispiel, der kein Blatt vor den Mund nimmt:

Ordnung und Disziplin nennen sie es, und so sorgen sie dafür, dass ihnen die Macht nicht aus den Händen gleitet, und so missbrauchen sie das das man ihnen entgegenbringt, auch die Naivität der Gläubigen. Man darf ja nicht vergessen, was das für Menschen sind. Sie kommen aus einer Diktatur, lange vor der Perestroika und den ganzen Veränderungen dort, sie sind es gewöhnt, dass man ihnen sagt, was sie tun sollen. Manche haben nur drei oder vier Jahre eine Schule besucht und können lesen und schreiben, aber auch nicht viel mehr. Studieren durften Gläubige in Russland sowieso nicht. Sie sind es nicht gewöhnt, selbständig zu denken. Das gibt den Leitenden natürlich eine ungeheure Macht.
S. 175

Elsa durchläuft verschiedene Phasen der Entfremdung, ringt in zahlreichen Monologen mit sich und setzt sich mit vielem auseinander, mit den Rollenbildern, mit ihrem Glauben und den Werten ihrer Gemeinde. Bis sie einen Weg findet, wie sie ihren Glauben leben und dennoch sie selbst sein kann. Natürlich gibt es Widerstand seitens ihrer Familie und der Gemeinde. Aber und das ist vielleicht die einzige Schwäche des Romans, der Konflikt wird nicht bis in die letzte Konsequenz durchgespielt. Es geht glimpflich aus.

Wie bei allem im Leben, gibt es verschiedene Nuancen und nicht alle freikirchlichen Gemeinden werden so streng und so bigott sein, wie die im Buch beschriebene. Nicht alle ziehen einen Moralkodex durch, wie er vor 200 Jahren geherrscht hat. Aber darauf will das Buch auch nicht hinaus.

Im hinteren Teil des Buches befindet sich ein extra Kapitel, das sich mit der Geschichte, den Bräuchen und der Struktur der Mennoniten beschäftigt, die im Siebzehnten Jahrhundert nach Russland gezogen sind, um ihre Lebensweise und ihren Glauben zu bewahren. Dass es über so lange Zeit und unter den schlimmsten Bedingungen gelungen ist, mag uns einiges an Respekt abverlangen. Aber auch hier stellt sich die Frage: zu welchem Preis? Und: wer zahlt ihn? Und womit?

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Link zur Reportage Russlanddeutsche in Cloppenburg:

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Himmel Hölle Welt, Lena Klassen
220 Seiten, Taschenbuch, BMV Verlag 2001, 10,80 €
Zu bestellen bei: info[at]bmv-burau.de
Bitte geben Sie den Titel an, die gewünschte Anzahl der Bücher und vergessen Sie nicht Ihre Anschrift! (Portokosten abhängig vom Umfang des Pakets)

 

 

 

 

 

Ein paar eingeritzte Buchstaben

Zwei unbeholfen eingeritzte Buchstaben auf einem Klappmesser deuten auf ein Geheimnis hin, dem die Protagonistin von Eleonora Hummels Roman „Die Fische von Berlin“ auf die Spur kommt.

Familie Schmidt lebt in Kasachstan und steht kurz vor der Ausreise nach Deutschland. Ihre jüngste Tochter Alina verbringt viel Zeit mit ihrem Großvater, mit dem sie ein besonderes Band verbindet.

„Was hast du mit dem Großvater zu tuscheln?“ fragte Großmutter mit ihrer erzieherischen Stimme.
„Wir tuscheln nicht. Er erzählt mir von seiner Jugend.“
„Von seiner Jugend gibt’s nichts zu erzählen.“

Doch Alina lässt nicht locker und erfährt nach und nach, was es mit den Fischen von Berlin auf sich hat und welches Familiengeheimnis sich hinter dem Messer verbirgt, das der Großvater stets bei sich trägt. Sie taucht tief in die Odyssee ihrer russlanddeutschen Familie ein. Dabei findet sie ein Fotoalbum auf einem Dachboden und beobachtet, wie sich ihre Schwester von einem Fastmatrosen den Kopf verdrehen lässt.

Berlin: Angler an der Friedrichsgracht. Foto: Rudolph 21.4.1949

Aufreihen von Tatsachen oder künstlerischer Ausdruck?

Eleonora Hummels Romandebüt von 2005 kommt daher wie ein autobiografischer Bericht. Aber anders als viele Bücher der Erinnerungs- und Erlebnisliteratur hat die Autorin ein Werk geschaffen, das eigenständig ist und sich über die reine Erfahrung erhebt.

In einem Interview von 1979 spricht Regisseur Andrej Tarkowskij darüber, welchen Einfluss die Kindheit auf das Leben eines schöpferischen Menschen haben kann. Dass es eine wichtige Erfahrung ist und dass eine intensive Kindheit ausreicht, um Stoff für viele Werke zu bilden. Er sagt aber auch, dass es keine Kunst sei, die Erlebnisse eins zu eins zu erzählen. Sie brauchen ein transformatorisches Moment, eine Verdichtung in der Sprache oder eine Form, die aus der erlebten Geschichte einen Film oder einen Roman macht.

Der Autorin gelingt genau das. Sie benutzt die Familienanekdoten, die sich in den Schicksalen der Deutschen aus Russland in vielen Punkten gleichen und macht etwas daraus, das über das Offensichtliche hinaus geht.

Manchmal habe ich den Eindruck, unsere Leute sind getrieben, die schweren Schicksale in Worte zu kleiden, damit die Erinnerung nicht verlorengeht. Es ist wie ein innerer Auftrag und diese Autoren und Autorinnen fangen oft mit der Geschichte der eigenen Familie an. Aus der Aneinanderreihung von echten Erlebnissen und Anekdoten entsteht dann häufig nicht mehr als eine ausführliche Familienchronik. Viele dieser Bücher wirken so, als seien sie aus einer Opferhaltung geschrieben, sie verzichten nicht auf ein gewisses Selbstmitleid oder haben einen vorwurfsvollen Ton. Was hier angeklagt wird, das Schicksal oder die ignorante Leserschaft, kann man nicht immer deuten.

Der Roman von Eleonora Hummel steht in angenehmen Konstrast zu diesen Erlebnisbiografien, die zweifelsohne ihre historische und therapeutische Berechtigung haben.

Sie schafft es, in ihrem Erstlingswerk Dinge auszusprechen, die oft schwer auszuhalten sind. Es ist schon harter Tobak, den sie wenn nicht direkt leicht, aber in einer schnörkellosen Sprache leichthin erzählt. Sie verdichtet viel und bereits hier ist ihr typischer, lakonisch-zielsicherer Stil zu spüren. Eleonora Hummel beherrscht die Kunst der Andeutungen, kann vieles ungesagt lassen oder zwischen den Zeilen verstecken. Mit Auslassungen und kühlen Untertreibungen lässt sie uns die Zeit dennoch in ihrer ganzen Härte spüren.

Hier einige Erinnerungen von Alinas Großvater in der Zeit des zweiten Weltkrieges:

Mutter erschien mir so klein und zart in ihrem schwarzen Kleid, dass ich nicht wagte, sie in den Arm zu nehmen. Wir nahmen uns nie in den Arm. Im Dorf hatte man andere Dinge zu tun. S 120

Hinter ihr stand meine Schwester, die die Frau eines Volksfeinds war. Sie legte ihr schwarzes Kopftuch zusammen, das gefaltet aussah wie die Flügel eines Raben. S120

Bevor ich zum Mobilisieren ging, gab ich Mutter die paar Münzen, die noch in meiner Hosentasche waren. „Nimm sie für eine neue Kuh“, sagte ich. Sie stand regungslos da, ich drückte ihre Hand auseinander und legte die Münzen hinein. So blieb sie stehen, die Münzen in der offenen Hand und neben ihr der kläffende Hund, den man ihr statt der Kinder gelassen hatte. S121

Von der Thematik, von der geschichtlichen Verankerung hat es ein wenig mit dem Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ von Markus Berges gemein. Sprachlich besitzt das Buch eine ganz eigene Kraft und auch die Umsetzung unterscheidet sich. Es ist deutlich zu merken, dass da nicht eine Schriftstellerin aus der Distanz ein Thema betrachtet, das sie sorgsam in Archiven recherchiert hat oder aus Erzählungen kennt. Sie hat das sowjetische Schulsystem selbst erlebt und kennt Menschen und Gegebenheiten aus persönlicher Erfahrung.

Die Autorin pickt beispielhaft die Geschichte einer deutschen Familie aus Russland aus. Letztendlich ist es aber unser aller Geschichte. Sie hätte so zumindest sein können. Es ist ein schwerer Stoff, der leicht mit knappen, treffenden Worten ohne viele Schnörkel erzählt wird. Das nimmt ihm zwar nicht seine Tragik, ermöglicht es uns aber das Erzählte überhaupt aufzunehmen. Hin und her Getriebene Menschen. Das Schweigen der Älteren. Das alles kennen wir Deutschen aus Russland nur zur genüge. Und auch lang verschüttete Geheimnisse, die aus heiterem Himmel auftauchen, weil sich jemand plötzlich erinnert.


Eleonora Hummel

Die Fische von Berlin
Steidl Verlag, Göttingen 2005
223 Seiten, € 18.00

Poetisches Intermezzo: Dominik Hollmann

Die folgenden Verszeilen wurden mir  vorgestern vom Enkel des Dichters zugeschickt, weil ich gerade an einem Vortrag über die Geschichte der russlanddeutschen Literatur sitze.

Doninik Hollmann

Dominik Hollmann schrieb das Gedicht Mein Heimatland fern von der Wolga im hohen Norden am mächtigen Fluss Jenissej, wo er in der Verbannung lebte. Die Heimat, auf die er sich bezieht, ist die Wolgaregion, aus der die dort lebenden Deutschen zu Beginn des Krieges vertrieben worden sind. Nach Kriegsende hatten viele von ihnen die Hoffnung gehegt, in ihre angestammten Gebiete zurückzukehren.

Diese Sehnsucht blieb in dieser Zeit noch unerfüllt. Denn im Jahre 1948 erschien ein Regierungserlass bezüglich der Sondersiedlungen für die Deutschen: wer den Verbannungsort verlässt, wird mit 20 Jahren Haft bestraft. Daraufhin schrieb Hollmann diese Verse:

Mein Heimatland

Wo der Karaman* leise plätschernd
um den sandigen Hügel biegt,
wo die alte Trauerweide
über ihm die Äste wiegt,
wo die breiten Ackerfelder
dampfen in dem Sonnenbrand,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein liebes Heimatland.

Wo beim ersten Sonnenstrahle
sich die Lerche trillernd schwingt,
wo des Dampfers schrilles Tuten
weitaus in die Steppe dringt,
wo mir jeder Stein und Hügel
ist von Jugend auf bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein trautes Heimatland.

Wo die Kirschen purpurn glühen,
reift der Äpfel goldne Last,
wo die saftigsten Arbusen*
labten uns zur Mittagsrast,
wo wir deutschen Tabak bauten,
wie kein zweiter war bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein teures Heimatland.

Wo mein Herz der ersten Liebe
und der Freundschaft Macht erkannt,
wo bei gut und schlechten Zeiten
ich auf festen Füßen stand,
wo mein Vater arbeitsmüde
seine letzte Ruhe fand,—
an der Wolga, an der Wolga,
ist mein wahres Heimatland.

Wo wir neunzehnhundertachtzehn
kämpfen für die Sowjetmacht,
unsrer fleiß’gen Hände Arbeit
Wohlstand und Kultur gebracht,
wo im Bruderbund wir bauten
unsre Wolgarepublik,—
an der Wolga! an der Wolga!
ist mein Heimatland, mein Glück.

Von einer Veröffentlichung konnte keine Rede sein. Auch später als es deutsche Zeitschriften gab, blieb es wegen seines Inhalts, der als nationalistisch eingestuft worden wäre, in der Schublade liegen. Irgendwann schickte Hollmann das Gedicht an seinen Dichterkollegen Victor Klein in den Ural, der ihm bald darauf folgende Rückmeldung gab: Die Menschen kopierten das Gedicht unter der Hand und sangen es sogar leicht abgewandelt zu der Melodie des bekannten Volksliedes über Stenjka Rasin.

Hier das Originallied auf Russisch, gesungen vom Chor der roten Armee mit Bildern aus dem Stenjka Rasin Stummfilm von 1908:

Von den Abschriften, der Stenka-Rasin-Melodie und dem Bestreben seines Großvaters, in die Heimat an der Wolga wiederzukehren,  erzählte mir sein Enkel am Telefon. Es steht aber auch im Vorwort eines im Jahre 1999 erschienenen Gedichtbandes: Ich schenk dir Heimat, meine Lieder. Aufgelegt wurde das Büchlein in Kamyschin, im Wolgagebiet, wo  es Dominik Hollmann dann doch geschafft hatte zu leben. Von 1978 bis zu seinem Tod im Jahre 1990.

*Karaman: Zufluss der Wolga
*Arbusen: Wassermelonen

illegale Abschrift eines von Dominik Hollmanns Gedichten, Ein Traum, 1. Seite

 

Viktor Heinz – In der Sackgasse

Der Hochschuldozent Willi Werner wird für eine unbestimmte Zeit in ein Moskauer Krankenhaus verlegt. Er muss das Bett hüten und findet endlich die Muße, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Währenddessen verändert vor den Fenstern die Perestroika alles, was er bisher gekannt hat.

Der Roman erzählt nicht nur das typische Schicksal eines Russlanddeutschen der Kriegs- und Nachkriegszeit in der Sowjetunion, sondern spiegelt auch die Literatur der Deutschen in Russland in den 60ger und 70ger Jahren wieder. Denn der Protagonist studiert Germanistik (wie der Autor seinerzeit) bei dem charismatischen Victor Klein am pädagogischen Institut in Nowosibirsk, trifft auf Autoren wie Sepp Österreicher und lernt bei einer Recherchearbeit den kauzigen Sprachforscher Andreas Dulson kennen. Diese Männer hat es auch in Wirklichkeit gegeben und sie waren wegweisend für die Erhaltung der deutschen Sprache und Kultur in der Sowjetunion. Heinz‘ Figur schreibt selbst, publiziert in den damals regelmäßig erscheinenden deutschen Wochenblättern Neues Leben und Rote Fahne. Desweiteren macht Willi Werner Bekanntschaft mit KGB-Beschattern und Denunzianten und erlebt wie ein Studienfreund auf undurchsichtige Weise ums Leben kommt, weil er an einem Manuskript arbeitet, in dem es Stellen gibt, die „eine Zeitung oder ein Verlag wohl kaum drucken würden“ und die man „verschleiern und verschlüsseln [müsste], damit es nicht so augenfällig ist…“ S 191

Der Freund verschwindet bei einem Fest und wird nach Tagen mit zerschlagenem Gesicht aus dem Irtysch gezogen. Ein Szenario, das nicht vollkommen an den Haaren herbeigezogen ist. Nach Jahren des kompletten Schweigens in der russlanddeutschen Literatur waren die ersten Veröffentlichungen auf Deutsch ab 1957 eher unverfänglich. Naturbeschreibungen und dem Regime genehme pro-sozialistische Prosa. Werke, die das Erleben in der Verbannung und im Gulag zum Thema hatten, wurden untersagt und als nationalistisch gebrandmarkt. Wenn es sie gab, wurden sie nicht gedruckt. Einige der Manuskripte sind wirklich verschollen.

Die wohl stärksten Passagen des Romans beschreiben die Kindheit des Protagonisten in Sibirien. Willi und seine Geschwister wachsen bei der Großmutter auf, weil beide Eltern verhaftet und in die Trudarmia (Arbeitsarmee) eingezogen werden. Auch Stalins Tod ist ein neuralgischer Punkt und darf in diesem Buch nicht fehlen. So wie wir uns die Frage beantworten können, was wir am 11. September 2001 gemacht haben, so erinnern sich alle in Russland lebenden Menschen an den 5. März des Jahres 1953.
In der kleinen Stube, die gleichzeitig als Wohnzimmer und Küche dient, steht ein Tisch[…], über dem in einem großen Rahmen ohne Glas ein bild von Stalin hängt […]
Unter diesem „Heiligenbild“ macht Willi nun seine Hausaufgaben. Sein Vater tritt auf leisen Sohlen an den Tisch heran, beugt sich über Willis Aufgabenhefte, greift mit zitternden Händen nach dem Rahmen und nimmt das Bild herunter. In seinem Gesicht steht leichte Erregung und beklemmende Angst geschrieben.

Wohin wollt Ihr‘s* hänge? Willi lässt nicht mal den Gedanken zu, dass man das Porträt einfach zum alten Eisen werfen könnte. Ihr wollt‘s doch net rausschmeiße?

Bei den letzten Worten zuckt der Vater zusammen und seine Stimme klingt rauh: Was fällt dir ein?! Es kommt in die Abstellkammer. Sag‘s aber keinem weiter! S 21


*russlanddeutsche Kinder haben damals die Eltern respektvoll mit ‚Ihr‘ angesprochen

Dieses russische Sackgassen-Schild wirkt irgendwie wie … Hammer und Hammer!

Ein Straßenschild und die pathetische Namensgebung der sozialistischen Nomenklatur hat den Autor zu dem Titel des Romans inspiriert: Die rückständigsten Kolchosen bekamen den Namen Morgenrot des Kommunismus oder Roter Sonnenaufgang. Die enge verwahrloste Straße im schmutzigsten Winkel der Großstadt hieß – man sage und staune! -Sackgasse des Kommunismus. Hatte der Mann, dem sowas eingefallen war, nur eine überschwengliche Phantasie gehabt oder war es ein Hellseher? S 8

Manche russische Straßen heißen wirklich statt Gasse oder Allee einfach Sackgasse, also Tupik. Nur am Rande, aber das hat Streetartkünstler Jahre später zu folgenden Umsetzungen verleitet:

Sackgasse der Zivilisation. Eine Streetart in einer russischen Stadt.

oder:

Sackgasse der Evolution. Scheint sogar das gleiche Haus zu sein…

Mir ist an der Sprache von Viktor Heinz etwas aufgefallen. Er verwendet nicht nur in diesem Buch oft Floskeln, scheinbare Worthülsen, die hier aufgewachsene Schreibende tunlichst vermeiden würden. Selbst in Dialogen.

Spucks schon aus… Bin gespannt wie ein Flitzebogen… verflixt und zugenäht… Wer die Wahl hat, hat die Qual…

Hier herrscht aber ein ganz anderer Kontext vor. Stellen wir uns vor, jemand ist weit ab von seiner Muttersprache aufgewachsen. Er lernt sie als Dialekt bei der Oma und später an der Uni kennen und schätzen. Er ist verliebt in Redewendungen wie Schlawiner oder sich den blauen Dunst vormachen. Für ihn sind das keine abgedroschenen Klischees, sondern Sahnebonbons. Es ist seine Liebeserklärung an die Bildhaftigkeit der deutschen Sprache. Seine Minne. Wir dagegen stolpern erstmal drüber. Außerdem tauchen an einige Stellen Russizismen auf:

… und steht nun vor dem Bücherberg wie die Kuh vor dem neuen Tor. S 170

Den Schlawiner sieht man Viktor Heinz glatt an…

Viktor Heinz schrieb das Buch 1996 als er bereits vier Jahre im Westen lebte. Er ist Mitbegründer des Literaturkreises der Deutschen aus Russland und hat neben Gedichten und Prosa auch ein Buch über die Mundarten der Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion herausgegeben. Er hat viele Autoren und Autorinnen ermuntert zu schreiben, hat ihre Werke aus dem Russischen übersetzt und ist so etwas wie der Vater der russlanddeutschen Literatur hier in Deutschland. Heinz starb im Juni 2013.

Der Roman In der Sackgasse, Aufzeichnungen eines Außenseiters in Rußland wurde von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland als Taschenbuch verlegt und ist für 13,- Euro plus Versand über den Vereinsshop zu beziehen. Es kursieren aber auch antiquarische Exemplare, die weit mehr kosten. In den Buchhandlungen oder den Bibliotheken sucht man seine Werke eher vergebens. Das ist mehr als schade.

 

An der schönen grünen Wolga

Trügerische Idylle. Wolken über Wolga.

Jedes Mal im Frühling, so schreibt es die russische Zeitung Nowaja Gazeta, wenn das Eis schmilzt und sich die Stau-Becken an der Wolga füllen, wird ein ehemaliger deutscher Friedhof überschwemmt und die halb zerfallenen Särge ragen förmlich aus dem Wasser. Es fehle an Geld, die Ufer zu befestigen.

Wer unten am Wasser steht, und sich die hoch aufragenden Lehmwände des Ufers anschaut, sieht dort die morschen Holzkisten stecken, zwischen deren Latten noch die alten Knochen zu sehen sind. Manche der Särge fallen auseinander, dann liegen die Gebeine blank am Ufer, wo die gelben Wellen sie hin und her wiegen. (Fotos in der Komsomolskaya Prawda aus dem Jahr 2009).

Was haben diese leeren Augen gesehen? Was haben sich die Leute, die durch das Manifest Katharina II angelockt wurden, zu Lebzeiten erhofft? Welche Sorgen hatten sie gehabt? Womit hatten sie zu kämpfen?

Eine, die sich in ihrem neuen Roman des Schicksals der ersten Siedler an der Wolga (bzw. ihrem Zufluss, dem Karaman) annimmt, ist die in Berlin lebende Butorin Antonina Schneider-Stremjakowa.

Ihr historischer Roman‚ Eisberge der Kolonisierung – Zur Geschichte der Wolgadeutschen in den Jahren 1763 bis 1830‘ ist in diesem Jahr auf deutsch erschienen. Seit zwei Jahren ist es als ‚Айсберги колонизации‘ bereits in russischer Sprache auf dem Markt.

Es ist die Geschichte von Kaspar Schneider und seinen Nachkommen, die eines schönen Tages in der Nähe von Metz aufbrechen, um ins Unbekannte zu ziehen. Sie erhoffen sich nicht nur ein besseres Leben. Kaspar will konkret das Leben seines Sohnes Lorenz retten, der sonst als Fremdsöldner an irgendeinen König verkauft werden würde.

Sie wissen, dass die Reise in den Osten kein Zuckerschlecken wird, aber und dass ist die große Masse des Eisbergs, der unter dem Wasserspiegel liegt, das was sie dort antreffen, die Strapazen und Katastrophen haben die Neusiedler nicht erwartet.

Ich habe den Roman bei einem Besuch meinem Vater zum Durchblättern gegeben. Er hat ihn genommen und zwei Tage nicht mehr aus der Hand gelegt. Es regnete. Die Sonne schien. Wir anderen sind spazieren gegangen oder haben Eis gegessen. Er saß in seinem Sessel und las und las und stand nur zum Essen und zum Schlafen auf.

Wenn er etwas lobt, sagt er normalerweise nie etwas außer einem knappen: gut. Und auch dieser Roman bekam das Prädikat gut. Als ich weiter fragte, kamen ein paar mehr Sätze: ‚…leicht zu lesen, leicht zu verstehen. Und die Fakten kenne ich schon. Aber wie diese Leute diese Fakten auch am eignen Leib erlebt haben, das lese er hier zum ersten Mal.‘

‚Bitter‘, sagte mein Vater noch dazu. ‚Sie [Katharina II] hat sie eingesetzt als lebende Schilder gegen die Angriffe. Der Tataren [an der Krim], der Kirgisen [an der Wolga]. Ohne nichts waren sie dem ausgesetzt, mit bloßen Händen.‘

Und dennoch verlieben sich die Menschen, heiraten, streiten sich, kriegen Kinder, begraben ihre Toten. Eine lange Abfolge von Schicksalen umfasst das Buch, über einen Zeitraum von fast 70 Jahren.

Als Kulisse für diesen Reigen dient die Abwanderung aus Deutschland, damals vor den napoleonischen Kriegen und die Ankunft in der Fremde und die entbehrungsreichen Jahre an der Wolga.

Die Autorin Antonina Schneider-Stremljakowa stammt von einem wolgadeutschen Chronisten der damaligen Zeit ab, der fast so heißt wie sie: Anton Schneider. Seine Urenkelin Antonina hat bereits sein Buch „Mariental XVIII-XIX“ übersetzt und in Deutschland herausgegeben. Beidsprachig, auf Russisch und auf Deutsch. Darin kommt sowohl die Legende vom Kirgisen-Michel als auch das Stammesregister und die minutiöse Beschreibung einiger der wirklichen Bewohner des Dorfes. So wird auch der Vorsteher Peter Pfannensiehl beschrieben, der auch im Roman eine Rolle spielt. Über Missjahre wird berichtet, wie viele Rubel jeder für den Bau einer neuen Kirche gespendet hat und sogar lange Gedichte aus der Feder von Anton Schneider kommen vor. Eine Fundgrube an Informationen.

Ausgehend von der Vorlage, den Fakten, die ihr der Vorfahr liefert, schafft Antonina Schneider ein lebendiges Bild von den täglichen Sorgen, dem Ankämpfen gegen Hunger und Wetter und die Angriffe der Nomadenvölker.

Ihr Spott über die sackartige Kleidung der Einheimischen: «Schafmützen auf Schafköpfen», war schnell verflogen; dafür dachten sie sich den Spruch aus: «ein Pelz im Winter, recht groß – sonst bist du schnell das Leben los».

Doch der Frost verstand keinen Spott: die Einen erfroren im Dorf, andere auf dem Weg dahin. Sie hatten überhaupt keine Vorstellung, wie sie an warme Kleidung, Schuhwerk, Skier und Schlitten herankommen sollten. Aber die knackende Kälte lehrte sie selber Pelzwerk herzustellen. S 75

Und immer wieder taucht der Fluss auf, nicht die Wolga, sondern sein Nebenarm, der große Karaman, an dessen Ufer sich die Schneiders mit ihren Nachbarn angesiedelt haben. Sie fangen Krebse, beobachten den Eisgang, im Sommer baden sie, sie jagen Saigas und Wildpferde in der Steppe.

Wieder was gelernt: solche Saiga-Antilopen haben die Siedler in der Steppe erlegt

Schneider-Stremjakowa hat dieses Buch, wie alle ihre Werke, auf Russisch verfasst. Sie kam sehr spät nach Deutschland und betrachtet sich als ‚Trägerin der russischen Sprache‘.

So geht sie im Roman gleich an mehrere Stellen darauf ein, dass die Kolonisten doch bitte russisch lernen sollen und ihren Kinder die Sprache des Gastlandes beibringen, damit sie nicht wie auf einer Insel leben.

Auf dem Rückweg überlegte Lorenz, dass nur zwei Menschen von der Übersiedlung profitiert haben: Maria-Theresa und Stefan – sie sind in die Stadt umgezogen, haben den Status des Kleinbürgertums erlangt, haben Russisch gelernt; während die Siedler in der Kolonie von einem Augenblick zum nächsten zu rechtlosen „niederen Leibeigenen-Bauern“ geworden sind. „Die Kinder sind rechtlos und auch noch des Russischen nicht mächtig, – dachte er, das Pferd antreibend. – Sie sind hilflos. Ich muss wenigstens meinen Kindern intensiv russisch beibringen“. S 240

Abgesehen von ihrer Tätigkeit als Romanautorin, betreibt Schneider-Stremjakowa ein Literaturportal derjenigen deutschen Autorinnen aus Russland, die in russischer Sprache schreiben.
Portraits und Texte von Lyriker
innen und Prosaschreibenden wie Hugo Wormsbecher, Katharina Kucharenko, Lydia Rosin und Alexander Schmidt und vielen anderen hat sie dort gesammelt, aus der Zeit in der Sowjetunion und welche, die auch in Deutschland ihre Ziehsprache nicht vergessen haben und sich darin genauso gut ausdrücken können.

Historisch gesehen, ist dieses Buch ein wichtiges Dokument, aufbauend auf den genauen Aufzeichnungen des Urahns, Anton Schneiders. Es ist wie ein Lehrbuch mit verteilten Rollen. Viel vom Leben der damaligen Kolonisten scheint hindurch: ihre Religiosität und Kirchenhörigkeit, der Überlebenskampf.

Die Autorin schafft es, die Leser*innen in eine andere Zeit zu versetzen. Es wäre für die Geschichte aber sicher angenehmer, sie hätte sich eine Person herausgegriffen, hätte ein Leben gefüllt und die Geschichte noch stärker verdichtet. So entsteht ein Eindruck vom Leben im Schnelldurchlauf.

Noch immer finden die Toten an der Wolga keine Ruhe. Und was trauriger ist, es scheint niemanden so richtig zu interessieren. Seit der Deportation von 1941 leben deren Nachkommen nicht mehr dort. Doch die ersten Siedler haben durch diesen Roman wieder Gesicht bekommen und Namen. Sie heißen Antoinette und Lorenz, Johannes und Kitty, Matthias Zwinger und Louise.

Und wir können uns ein besseres Bild davon machen, wie sie dort gelebt haben, an der schönen grünen Wolga.

Erste Kolonisten – Gemälde von Kurt Hein

Antonina Schneider-Stremjakowa
Eisberge der Kolonisierung
Historischer Roman. Zur Geschichte der Wolgadeutschen in den Jahren 1763 bis 1830
erschienen 2017, 292 Seiten, € 17, –
ISBN: 978-3-939290735

 

Lyrik – Agnes Gossen, Mein Erinnerungsrucksack

 

Mein Erinnerungsrucksack,
mitgebracht in die Fremde,
schlummert in einer Ecke.
Er ist zu groß, zu sperrig…
Mein Gedächtnis öffnet
ihn in der Nacht.
Ganz oben sehe ich
das Haus meiner Kindheit.
Es wurde zu alt und zu eng.
Ich riss in die Zukunft aus.
Doch so vieles blieb zurück
Fetzen meines Lebens
auf Telefonnotizen,
Begegnungen, Gespräche,
gespeichert in Wänden.
Wer wohnt wohl jetzt dort?
Spürt er meine Trauer,
meine Heiterkeit und Hoffnung,
die nächtlichen Seufzer,
wie Kaugummi
unter die Decke geklebt?
Hat er meine Spuren
vielleicht überpinselt?

In der neuen Heimat
schmücke ich mein Zuhause
mit alten vertrauten Bildern.

(Agnes Gossen, geboren im Ural, Übersiedlung nach Deutschland 1989)