über mich

Neulich habe ich einen Spruch gelesen: Wer zu lange in die Vergangenheit blickt, steht mit dem Rücken zur Zukunft. Doch genau das will ich in diesem Blog machen. Nachdem ich mich gewunden habe, nicht beachtet was war, nichts wissen wollte von den Ahnen von den Wurzeln, lieber verdrängen. Das ist einfacher. Aber irgendwann klopft die Vergangenheit ans Fenster und will reingelassen werden.

Ich wohne schon lange in Hamburg, einer westdeutschen Großstadt. Lebe seit über 30 Jahren in Deutschland und bin laut einem Internettest sogar zu 87% integriert. Na Bravo! Tolle Leistung. Meine Ausbildung habe ich hier gemacht, hier gearbeitet, einen Hiesigen geheiratet.
Erziehe mein Kind in einer einzigen Sprache, der deutschen. Und fast alle meine Freunde und Bekannten haben keinen Aussiedler-Background.

Mir sehen nur ganz wenige Leute an, dass ich nicht von hier bin. Und den leichten Akzent, den ich manchmal habe, das rollende R, halten Hellhörige für etwas, nun ja vielleicht Französisches oder doch Spanisches? Alle sind überrascht, wenn ich auf die unvermeidliche Frage antworte, aus Russland. Wo denn da, aus Sibirien. Dann gibts ein oh und ein ach. Keine Anzeichen von Rassismus, und wenn dann positiver Rassismus in Form von Schwärmereien über die Transibirische Eisenbahn. Oder Anspielungen auf enormen Wodkakonsum.

Man könnte sagen, ich bin hier angekommen, mitten in der Gesellschaft gelandet. Wenn da nicht noch die russlanddeutsche Vergangenheit, die andere Sozialisation an mir kleben würde, wie ein altes Kaugummi unter der Schuhsohle. Nichts, mit dem ich hausieren gehen würde. Ach das. Aussiedler haben nicht grade Popstar-Status. Und wenn welche in den Medien erscheinen, dann nur in Zusammenhang mit Messerstechereien, Drogen oder dem Werfen von Brocken von Autobahnbrücken. Mein Volk. Mit einer eigenen Geschichte und mit einer starken Verwurzelung in zwei Heimaten. Ein blinder Fleck in der medialen Landschaft.

Aber mich prägt noch immer das, was damals in Russland passiert ist. Zu meinen eigenen Lebzeiten, aber auch weit davor. Denn das, was meine Vorfahren, egal ob die deutschen oder die russischen, erlebt haben, wirkt in mir nach. Dieser Blog ist ein Mittel um dem nachzuspüren. Schon seit einiger Zeit befasse ich mich intensiv mit meiner eigenen Geschichte und mit der Geschichte meiner Vorfahren. Ich stelle mich bewusst mit dem Rücken zur Zukunft. Vielleicht verpasse ich ja was und verrenne mich in etwas.

Ich kann aber dagegenhalten und behaupten: wer sich überhaupt nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, wird die gleichen Muster wiederholen. Wird handeln ohne zu wissen warum. Wer nicht weiß, woher er kommt, wird immer ein unvollständiger Mensch bleiben. Und so setze ich die Scherben zusammen und versuche ein Bild zu erhalten.

Scherbensammlerin

28 Kommentare zu „über mich“

  1. „Wer zu lange in die Vergangenheit blickt, steht mit dem Rücken zur Zukunft. “
    Welche Nation ist am lebendigsten und gleichzeitig eine der Ältesten? Das jüdische Volk.

    Ein Merkmal der Juden ist es ständig an die Vergangenheit zu erinnern und deren zu Gedenken. Das ist der Grund warum es sie so lange gibt und warum sie auch nie verschwinden werden. Vor 3000 Jahren gab es etliche weitaus einflussreichere und stärkere Nationen. Wo sind sie heute? Die Ägypter und die Griechen? Und die vergessenen Nationen?

    „Ein Volk, das seine Vergangenheit nicht ehrt, hat keine Zukunft“ – Johann Wolfgang von Goethe.

    Deswegen brauchst du dir da keine Gedanken zu machen, dass du deine Zeit verschwendest oder dich in irgendwas verrennst. Im Gegenteil. Mit deinem Blog baust du die Zukunft, auch wenn er sich mit der Vergangenheit befasst. 🙂

    1. Danke für deinen Kommentar, lieber DG. Dein Ausflug in die Geschichte bietet viel Stoff zum Nachdenken. Ich bin sicher, dass es auch in Griechenland und Ägypten Menschen gibt, die sich mit der jüngeren Vergangenheit auseinandersetzen – da gibt es ja genug Themen und Traumata zu beackern. Nur wir kriegen davon nicht soviel mit, weil andere Dinge die Schlagzeilen beherrschen.
      Übrigens: Auch viele der sogenannten Naturvölker betreiben einen lebendigen Ahnenkult (nicht dass ich soweit gehen will) und schneiden sich nicht von der Vergangenheit ab, in dem sie sagen, was war ist vorbei und hat mit mir nichts zu tun. Ich habe mich entschlossen, den Weg der Spuren zu gehen, weiß aber auch, dass es wichtig ist, ab und zu im Jetzt aufzutauchen, um sich nicht in diesen Themen zu verlieren. Und wie sagt immer eine Freundin von mir (Hi Jules!): Es ist immer eine Frage der Balance…
      In diesem Sinne, eine ausgeglichene Woche dir!

  2. Das klingt ja außerordentlich interessant. Da werde ich mich einlesen.
    Ich denke auch, dass klug ist, wer seine eigene Vergangenheit beackert. Zur eigenen Psychohygiene und als Geschenk für andere …..
    Liebe Grüße

    1. das stimmt, aber man muss wohl einigermaßen angekommen sein und sich sicher fühlen, um das anzugucken. Und es gehört auch zu dem Prozess, sich von dem Alten erstmal abzuwenden. Aber irgendwann wirds Zeit für die Rückschau!

  3. Ein wunderbarer Blog, in dem ich bereits viel für mich entdecken durfte und konnte. Vor allem weil ein ähnlicher Hintergrund vorherrscht und die Wurzeln ähnlich sind. Da gibt es eigentlich auch für mich noch jede Menge aufzuarbeiten – irgendwann. Bis dahin werde ich mit großem Interesse verfolgen, wie ich es hier weiter geht!

    Beste Grüße

    1. Danke und schön, dass du was damit anfangen kannst. Außerdem, wie ich den Kuchenstücken auf deinem blog entnehme, pirschst du dich ja lesend an die Aufarbeitung heran.Und sowas braucht ja den richtigen Moment – wie die Bücher von Swetlana Alexijewitsch…
      Poka

  4. Ich wage sogar zu sagen wer die Vergangenheit nicht kennt kann auch nicht richtig in der Gegenwart sein… ich spüre dem auch nah schon länger und es ist ganz schön schwer etwas rauszufinden…

    1. Liebe Madame Flamusse, ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich manchmal die Vergangenheit entzieht, aber dann aus einer Ecke, aus der ich es am wenigsten erwartet hätte, auf einmal eine neue Information auftaucht, ein Hinweis oder eine Person und plötzlich wird das Bild doch runder. Aber das stimmt schon, viel ist vernichtet und verloren gegangen. Es ist ein zickzack-Rennen.

      1. das wäre schön, bei uns ist es schon in der 3. generation so extrem Lückenhaft und nie wollte jemand gern was erzählen oder sich erinnern ..ich versuche da jetzt intuitiv ranzugehen..hab den Eindruck das mein Leben nämlich sehr blockiert ist davon..und hoofe Auflösung dessen zu finden

      2. ..neben den Büchern von Sabine Bode habe ich noch eins gefunden, das „Die Nebelkinder“ heißt und sich mit genau diesem unbestimmten festgehalten werden und nicht weiterkommen der folgenden Generation beschäftigt. Ich habe es auf meiner Liste stehen, hatte aber noch nicht die Zeit dazu. Herausgeber sind Michael Schneider und Joachim Süss. Manchmal öffnen die Berichte von anderen, die ähnlich feststecken ganz neue Blickwinkel und lassen mich unsere Familiengeschichte neu betrachten. Kennst du dieses Buch schon? Und mit intuitiver Herangehensweise kommt man auch ganz schön tief.

      3. Ja ich bin auf FB in der Gruppe wo sehr viele der Schreiber auch sind :-D. Momentan hab ich das neue von Udo Baer, aber ich komme grade nicht vorwärts mit meinem Lesestapel… ich hab angefangen mit einem Genogram, und 2 Aufstellungen- Das Genogram schaue ich seit Jahren immer mal wieder an. Sehr spannend. ich bleib aufjedenfall dran, denn irgendwas hakt da gewaltig. Vielleicht gibts die Nebelkinder mal in der Bibo, das neue Baer gibts schon. Schreiben ist auch gut, so wie Du es machst. manchmal ist man später erstaunt wie man sich an Dinge im schreiben erinnert – schön Dich hier entdeckt zu haben!

      4. Dito! Ich habe mal genau geschaut, wer die Autoren alle sind und mindestens zwei von ihnen kenne ich aus anderen Zusammenhängen, in denen ich mich auch tummle. Und danke auch für den Tipp mit Stefan Limmers Buch. Sonnigen Sonntag dir noch!

  5. Deine Selbstdarstellung nimmt mich sogleich für dich ein. Hinzu kommt, das ich, selbst Deutsche und in Kriegszeiten geboren, systemische Aufstellerin in Griechenland bin, Du vermutest richtig, dass die Vergangenheit auch hier überall den Asphalt der Gegenwart durchbricht und hervorwuchert: deutsche Besatzung, Bürgerkriegskinder, die in der DDR aufwuchsen, Gastarbeiterschicksale, Mischehen, die zu Bruch gingen. Hinzu kommen ältere Schichten: Vertreibung der kleinasiatischen Griechen 1923, Vertreibung der Griechen aus Konstantinopel (Istanbul) vor 60 Jahren, armenische Schicksale von Vertreibung und Tod….Das sind Beispiele, die in meiner Praxis gehäuft vorkommen.

    1. Liebe Gerda,

      da sprichst du ja gleich einige neuralgische Punkte an.Allein was beim Überfall der Wehrmacht in Griechenland passiert ist, ist nach wie vor ein weißer Fleck. Hier zumindest. Und auch was mit den Flüchtlingen aus dem Bürgerkrieg geschehen ist, die in die Sowjetunion geflohen sind. Ich will jetzt nichts Falsches sagen, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie immer mit offenen Armen aufgenommen wurden. Ein Teil ihrer Nachkommen ist jetzt sicherlich wieder nach Griechenland zurück gekehrt. All das und was du erwähnst, daran werden die jetztigen und die kommenden Generationen noch zu knabbern haben. Und nicht alle diese Wunden sind heilbar, aber es ist gut, dass die Geschehnisse wenigstens zur Sprache gebracht werden oder in Bildern verarbeitet…oder Filmen.

  6. Ich habe gerade erst angefangen, deinen Blog zu lesen und mag die ruhige und doch eindringliche Art wie du schreibst.
    Sicher, werde ich noch oft vorbei schauen.
    Liebe Grüße

  7. Hallo, die Empfehlung in einem anderen Blog hat mich hierher geführt – und ich habe mich gleich festgelesen.
    Mich interessiert aus eigener Erfahrung besonders das Nachdenken über die eigene Identität, wenn man in verschiedenen Welten (geographisch und kulturell) zu Hause ist. Auch wenn in meinem Fall die Spanne nicht so weit ist wie bei dir: die Fragen sind die gleichen.
    Ich freue mich aufs Weiterlesen!

    1. Morgens im Radio höre ich die Geschichte eines Autors, dessen Wurzeln im Libanon liegen. Es gibt was diese Fragen nach Herkunft und Identität, nach Trauma und Erinnerungen betrifft und wie man damit umgeht, so viel Gemeinsames. Es ist nur eine Matrix. Viel Spaß und Danke!

  8. Berührt mich sehr was du hier über Dich schreibst, auch dein Vorhaben Dich zu erinnern. Uns zu erinnern und aufzuklären. Danke dafür!! Ich stimme dir zu …
    …. ich selbst bin ein sogenanntes Kriegsenkel und verstehe gut. Verstehe mich besser.
    Herzlich. Petra

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