Jeden Tag ein Gedicht: 7. März

Dort will ich weinen durch die bitt’re Rinde,
mit meiner Krone rauschen früh und spät,
und so erzählen meinen Enkelkindern
von meinem Völkchen, das im Wind verweht.

Woldemar Herdt


Woldemar Herdt (re) hier mit David Neuwirt (mit Fotoapparat)

Woldemar Herdt (1917-1997) war ein sowjetdeutscher Dichter, geboren in Selmann an der Wolga. Vor dem Krieg war er Dorfschullehrer. Danach kam er als Verbannter ins Lager IwdelLAG im Ural, wo er als Bohrmeister gearbeitet hat. Es hieß, in der Verbannung hätten einige in Ermangelung von Papier auf der weichen Rinde der Birken geschrieben. Auf diesem Bild ist das nur unzureichend wiedergegeben…

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Jeden Tag ein Gedicht – 6. März

Leise schaukeln im Wind…

Leise schaukeln im Wind die Bäume…
Die Pappelbäume… Die Pappelträume…
Umranden mein Haus, meine heile Welt,
verbinden Erde und Himmel.

Noch ist nicht Zeit, dass ich sie verlasse,
noch ist nicht Zeit für Feuer und Asche,
noch schreiben im Blau ihre grünen Zweige
meine Lebensgeschichte…

Nur mein Herz… Es ahnte den Abschied,
und flog entgegen, und merkte sich alles –
das laute Flüstern der Pappelblätter,
das leise Knacken der Äste…

Meine Schaukel zwischen zwei dicken Pappeln,
die sie, wie ein Kind an den Händen, halten,
ist leer… Aber schwingt noch immer,
als ob sie gerade verlassen…

 


Dieses Gedicht mit dem Geschmack von Abschied ist von Aelita.

Camille Pissarro: Pappeln, Éragny, 1895

 

 

Jeden Tag ein Gedicht – 5. März

Heute das Gedicht, Fotografie (Фотография) von Eduard Sprink, ursprünglich auf Russisch verfasst.

Wie es bei Menschen üblich ist, die aus und in mehreren Kulturen leben, vollführt es eine Wanderung durch drei Sprachen. Hier zeigt sich seine Übersetzung aus dem Russischen ins Deutsche, dann ins Englische und danach aus dem Englischen nochmals ins Deutsche:

Фотография

На месте, где была картина,
квадрат невыгоревших обоев.

Запылившиеся его контуры
обрамляют фотографию Времени.

Эдуард Шпринк


Foto

Dort, wo das Bild hing,
blieb ein helles Quadrat Tapete zurück.

Seine verstaubten Konturen
umrahmen die Fotografie der Zeit.

Übersetzung: Klaus Kleinmann


Photograph

here where the picture used to hang,
there is now a square of unfaded wallppaper.

its dusty contours
frame the photo of Time.

Translation:   Irina Kheyfetz

***

Fotografie

Hier, wo das Bild immer hing
ist nun ein Quadrat nicht verblasster Tapete.

seine verstaubten Konturen
umrahmen das Foto der Zeit.

Übersetzung: Andrea Lamey

 Mehr Lyrik von Eduard Sprink hier auf diesem Blog.

Jeden Tag ein Gedicht – 4. März

Das ruhelose Meer

Liebst du es auch, das ruhelose Meer,
das seinen Silberschaum dir vor die Füße legt?
Du siehst der Jugend zu, wie sie sich tummelt,
wie sich so mancher schokoladenbraune Körper
den anstürmenden Wellen an die Brust wirft,
mit ihnen hochsteigt, um dann zu verschwinden…
Erst nach geraumer Zeit hebt sich dann ein Kopf
aus diesem tollen Kessel, Atem schöpfend…
…Blickst du vom Schiff her auf die dichtbelegten Ufer,
so sieht es aus, als wolle sich der Sonnenkoch
in seiner Sommerpfanne Würstchen rösten…
Du liegst auch selbst geduldig in dem Riesentiegel
und speicherst Wärme für den langen Winter auf…
Wie doch die Jugend lachen kann – so unbeschwert!
Wie sie der Glieder edles Ebenmaß der Sonne bietet!
In allen Augen helle Lebensfreude leuchtet.
Ich wärme meine Seele an dem Glanz…
In unsre Jugend brach brutal die Sturmnacht
eines Krieges ein. Lang war der Weg aus jener
Juninacht bis zu dem Friedensmorgen im Mai…
Ein grauenvoller Weg…


Nelly Wacker (* 20. Oktober 1919 in Hohenberg bei Simferopol, Krim; † 26. März 2006 in Köln)

aus:

Es eilen die Tage…, Nelly Wacker, Gedichte
Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland, 1998
ISBN 9783923553150

 

Jeden Tag ein Gedicht – 3. März

Selber

Streiche
Güte
aufs Brot
des Hungrigen,
der du selber
bist.
Streue
nicht Wunden
aufs schreiende
Fleisch,
das du selber
bist.
Fahre nicht
aus der geschundenen
Haut,
die du selber
bist.

Wendelin Mangold


Das Gedicht „Selber“ ist von Anfang der 90er Jahre. Hier liest der Autor selbst zwei aktuelle Gedichte: Dein Land und Neuer Anfang (2018)

Das war jetzt geschummelt und es sind insgesamt drei Gedichte geworden. Sorry.

Jeden Tag ein Gedicht – 2. März

Die Wintersonne an die Südländer

Hängt länger euch, o Kinder,
Nicht an mein goldnes Kleid!
Hab‘ ja noch andre Kinder
Im Norden, weit, weit, weit!

In ihrem grimmen Winter
Bin ich ihr einz’ger Trost:
Komm‘ ich nicht auf ein Stündchen,
Sie sterben mir vor Frost.

Auf dumpfer Hütten Schwelle,
Um die ein Eiswall ragt,
Erwarten ungeduldig
Sie mich, sobald es tagt.

Sie grüßen laut aufjauchzend
Mit Schmeichelnamen mich,
Und weinen fast, entfernet
Mein goldner Wagen sich.

***

Elisabeth Kulmann (1808-1825), КУЛЬМАН, Елизавета Борисовна

Jeden Tag ein Gedicht – 1. März

zwischen den zeilen

lasst mich verloren aussehen als jemand der
sich im netz der gefühle verfangen hat
als jemand der umwege gegangen ist auf
der suche nach gold wahrheit und nach
essenz als jemand der auf die klugen stimmen der
anderen nicht gehört hat als jemand der vor
einer zerbröselten tonschale sitzt vor fein
zermahlenen scherben seiner selbst und
klagend seine stimme gen himmel erhebt

warum ich
wieso nicht ein anderer…

worthülsen auf die gleich wie laut sie auf
den teils moosbewachsenen beton fallen
kein echo folgt geschweige denn eine
antwort vielleicht später bei guter
führung zwischen den zeilen

Artur Rosenstern


Bis zum 21.3.  möchte ich hier jeden Tag ein Gedicht posten. Bis zum 21., weil es der Tag der Poesie ist. Jeden Tag eine andere Stimmungsskizze von Poeten und Poetinnen aus den Reihen derjenigen, die beide Länder in sich tragen: Russland und Deutschland.


Dieses Gedicht stammt aus
‚Schmerz-Wort-Tropfen‘ von Artur Rosenstern, ostbooks Verlag, 2017,
ISBN 978-3-947270-00-2