Vergessene Opfergruppe

Vor einigen Jahren kam ich in Deutschland zufällig mit einem älteren Mann ins Gespräch. Als er merkte, dass ich mit schwäbischem Akzent sprach,  fragte er mich:
„Woher sind Sie denn?“
„Aus Russland.“
„Gab es denn dort Deutsche?“
„Ja, etwa drei Millionen!“ (S.84)

Was sich anhört, wie ein weiterer Aussiedlerwitz, oder dessen bittere Variante,  ist ein Zitat aus dem Buch  „Mein Herz blieb in Russland“ – Russlanddeutsche erzählen aus ihrem Leben.

Darin sind exemplarisch 34 Erfahrungsberichte versammelt, aus den unterschiedlichsten Regionen und von Menschen aus mehreren Generationen. Solchen, die in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts geboren wurden und die Zwangskollektivierung und „Deportationen hinter den Ural oder den Zwangseinsatz in der berüchtigten  Arbeitsarmee miterlebt haben, aber auch solchen, die 60 Jahre später zur Welt gekommen sind und ihre eigenen Erfahrungen mit Russland gemacht haben. Keine Angst, neben den traumatischen Erlebnissen ist auch die Rede „von erfreulichen und hoffnungsvollen Ereignissen, wie dem geglückten privaten und beruflichen Neuanfang in Deutschland.“

Schicksal für Schicksal wird aufgerollt, andere Namen, andere Generationen, andere Geburtsorte und doch kreist sich alles um das unheilvolle Datum im Juni 1941. Es ist der Wendepunkt im Leben jeder der Familien. Die deutschen Truppen marschieren in Russland ein und Stalin befiehlt die sofortige Deportation aller in Russland lebender Deutschen nach Kasachstan und Sibirien. Für Bewohner der Wolgaregion und anderer Gebiete bleibt keine Möglichkeit zur Flucht. Die Schwarzmeerdeutschen bleiben noch in ihren Dörfern und ziehen erst 1943  in zwei großen Trecks Richtung Westen als die russische Armee die Gebiete zurückerobert.

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Klassenfoto der Schule Nr. 18 aufgenommen 1941, kurz vor dem Tag, der alles ändern wird
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1968 und eine Generation später: entspannte Sitmmung im Pionierlager Artek

Aus der Pressemitteilung des Verlages: „Auch das 20. Jahrhundert, …, kennt wenige schriftliche Zeugnisse – in Deportation, Gefangenschaft, Zwangsarbeit, in den nachfolgenden Jahren entsagungsreichen Wiederaufstiegs in einer Sowjetunion des Kalten Krieges dachte man ans Überleben und nicht an Dokumentation. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen gingen weitgehend verloren, die offiziellen Dokumente der Vertreibung – Deportationsbefehle, Haftunterlagen, Passierscheine, Essensmarken, Entlassungspapiere etc. – ruhen in regionalen Archiven. So bleiben in der Tat nur die Erinnerungen der Betroffenen, vor allem der älteren Menschen.“

Um so wertvoller sind diese Erinnerungen, die in diesem Buch versammelt sind. Denn sie bilden eine „Geschichte aus dem Gedächtnis“, damit wir nicht vergessen, wie es gewesen ist. Drüben. Damals. Wir sehen nur die Ausprägungen dessen. Die Menschen die hier ankommen und sich anpassen oder eben nicht, Menschen mit einem mehr oder weniger starken Akzent. Sie klagen nicht, meistens. Wenn hier alle wüssten, was sie durchlitten haben, genau weil sie Deutsche auf dem falschen Territorium und zur falschen Zeit waren, würden sie  sie niemals mehr „Russen“ nennen. Auch nicht so dahergesagt. Auch nicht im Scherz. Niemand würde sich nach der Lektüre dieses Buches erdreisten, zu sagen: „Jeder, der auch einen deutschen Schäferhund besessen hat, hat doch rübergemacht.“ Ich weiß, ich schweife ab. Die Bitterkeit steigt hoch und ich habe diesen Satz auch schon seit gut zehn Jahren nicht mehr gehört. Weiter im Text.

Ich musste nicht weinen, als ich es in einem Rutsch gelesen habe. Nein. Die Sprache, in der diese zum Teil unsagbaren Dinge erzählt werden, ist klar und sachlich, nicht anklagend.  Aber mir wurde auf einmal deutlich, dass das, was mein Vater aus seiner Kindheit  und Jugend erzählt, nicht das Schicksal eines einzelnen ist, den es besonders schwer getroffen hat. Es waren viele. Tausende. Hunderttausende, die so hin und her geworfen wurden, vergessen von der Geschichte. Sie haben trotzdem studiert, haben sich weitergebildet und überlebt. Haben sich verliebt und Familien gegründet. Ein fast normales Leben. Aber die Erlebnisse eines Lagers oder einer Verschickung kann sich keiner aus dem Gesicht wischen. Das prägt.

Und da kam noch mal ein anderes Gefühl auf. So viele haben das durchgemacht und kein Mensch weiß was darüber. Nur die Familien selbst. Vielleicht. Aber ich bezweifle, dass darüber beim Frühstückstisch gesprochen wurde, so wie es bei uns üblich war. Wo aus heiterem Himmel mein Vater darauf kommt, dass im Frühling, diejenigen, die  im Winter gestorben sind,  aus dem Schnee schmolzen und dann erst begraben werden konnten. Ich weiß gar nicht mehr, wie er darauf kam. Vielleicht haben wir über das Wetter geredet, darüber, dass der Frühling dieses Jahr so früh da war. Und dann in unser Brötchen gebissen.

Am Anfang steht eine Einführung in das Thema und am Ende der Zeitzeugenberichte befindet sich noch ein nützliches Glossar, in dem Begriffe, Personen oder Orte erklärt werden, die für Nicht-Aussiedler eher nicht geläufig sind. Banja oder Babuschka werden viele kennen, aber wer weiß, was mit Rabfak, DOSAAF oder Burshuika gemeint ist?

Das Buch 2012 ist im Zeitgut-Verlag erschienen. Es ist nicht einer der großen namhaften Verlage, was allerdings eher gegen die namhaften Verlage spricht, sondern ein kleiner Spartenverlag, der sich auf historische Themen und Zeitzeugenberichte spezialisiert hat. (Sparten– wird zu meinem Lieblings-Präfix, sehe ich grade. Bin ich eine Sparten-Deutsche? Vermutlich). Dennoch ist es eine gute Entwicklung, dass Geschichte und Lebensberichte dieser nicht grade kleinen Bevölkerungsgruppe publik gemacht werden. Wurde auch Zeit.

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„Mein Herz blieb in Russland“ – Russlanddeutsche erzählen aus ihrem Leben
Herausgegeben von Larissa Dyck und Heinrich Mehl.
34 Erinnerungen, 448 Seiten mit mehr als 60 Fotos und Dokumenten, 40 Seiten Wissensbereich mit kleinem Russland-Lexikon, vielen Karten, Ortsregister, Literaturverzeichnis, Zeitgut Verlag, Berlin. ISBN 978-3-86614-145-2, Euro 12,90

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Stalins Kühe, von Sofi Oksanen

Schon seit 2003 auf dem Markt. Weiß der Teufel, warum ich es erst jetzt in die Finger bekommen habe. Vielleicht weil sie dieses Jahr Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse ist und so in meinen Fokus geraten ist. Ach, in deutsch ist es erst 2012 erschienen. Na gut.

Also.

„Stalins Kühe“

Es ist eine andere Geschichte, die Geschichte von Anna und ihrer Mutter Katariina. Es ist eine andere Geschichte und eine andere Perspektive als meine. Aber es ist ein ähnlicher Kern. Sätze wie gehämmert oder wie einem russischen Soldaten in den Tee gespuckt* und Worte wie Sahne.

Tallinn liegt in Estland, gegenüber von Helsinki. Nur etwas Wasser dazwischen und dennoch Welten.
Es gibt Russen und es gibt Esten und manchmal sind die Esten schlimmer als die Russen, obwohl sie diejenigen sind, die verhören und sich wie die Schweine aufführen.

Es gibt Esten, die aus den Wohnungen derjenigen, die abgeholt wurden, Dinge herausholen und sie in die eigenen Wohnungen bringen. Und solche, die diese Wohnungen ganz in Besitz nehmen, nachdem jemand geholt wurde. Von den Russen.
Und dennoch, in diesem anderen erkenne ich eigene wiederkehrende Muster. Eine verlorene Welt der Kindheit, die verheimlicht wird. Eine Kindheit mit Vogelmilch-Konfekt und saurer Sahne und Sauerkrautsuppe. Die absurden Handlungen der Erwachsenen im Sowjetregime und ein Kind, das sich zwischen den Welten befindet.

Die Geschichte entfaltet sich langsam, doch stoßweise, hinter dem Schweigen, hinter Annas Fressorgien. Hinter ihren Bulimieattacken. Sie kommt zum Vorschein ohne sich pädagogisch hervorzutun, sie muss nicht die Fäden von Ursache und Wirkung verketten. Und darin liegt das Große dieses Romans, dass er verbindet ohne zu verbinden. Und letztendlich eine Geschichte erzählt, die man so nicht nacherzählen kann in einem Atemzug. Und Stalins Kühe kommen übrigens nur einmal vor, irgendwo in einem Nebensatz.  Aber ich will nicht zuviel erzählen, obwohl, wahrscheinlich haben alle außer mir dieses Buch eh schon gelesen.

 

*das ist ein Bildzitat aus dem Roman.

Sofi Oksanen: „Stalins Kühe“. Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 489 S., 22,99 Euro

 

Wostok-Zapad, eine Liebe in Russland

Der Film Восто́к – За́пад, oder auf französisch Est- Oest, wurde 1999 als eine französchisch-ukrainische-russisch-spanisch-bulgarische Produktion gedreht. Die Regie führte Régis Wargnier.

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Alexej versucht Marie zu bremsen.

Er weist so namhafte Schauspieler auf wie Oleg Menschikow (Олег Меньшиков), Sandrine Bonnaire (Сандрин Боннэр) und Catherine Deneuve (Катрин Денёв).

Der Plot spielt kurz nach dem WWII: Stalin ruft alle ins Ausland geflohenen Russen zurück ins Heimatland (es gibt sogar ein Wort dafür: Репатриант, Repatriant). Tausende folgen seinem Ruf. Doch statt eines proletarischen Paradieses empfängt sie der Geheimdienst und alle werden sofort verhört und dann als imperialistische Spione verschickt. So soll die französische Ehefrau (Сандрин Боннэр) des Arztes Alexej (Олег Меньшиков), auch verhaftet werden, doch er verbürgt sich für sie und, anders als die anderen, landen sie mit ihrem kleinen Sohn nicht im Lager sondern in einer Kommunalka in der Provinz.
Ihr französischer Pass wurde vom böswilligen KGB-Agenten zerstört und und somit die Aussicht auf eine Rückkehr zunichte gemacht. Doch Marie gibt nicht auf. Sie kämpft und mithilfe des jungen Sportschwimmers Sascha (Серге́й Бодро́в jr), der auch in der Kommunalka lebt und einer kommunistisch gesinnten Diva aus Paris (Катрин Денёв), bekommt sie die Chance, den eisernen Vorhang zu überwinden. Auch wenn es sie viele Jahre und einige Rückschläge kosten wird.

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Schwimmprofi Sascha ist Maries große Hoffnung

Man könnte sagen, die Kleidung der vierziger Jahre, dieses nostalgische Etwas, das Sandrine Bonnaire nonchalant trägt, ist in dem Film überbetont. Aber abgesehen davon, ist das Setting sehr realitätsgetreu, die Intrigen und Verräter der kommunalen Wohngemeinschaft, die Stumpfheit des stalinschen Behörden und die Tristesse der abblätternden Tapeten kommen sehr gut zur Geltung. Die Darstellung des Lebens im Lager wird uns zwar erspart. Aber ansonsten werden die Brutalität und Willkür des Regimes und die Mitläufermentalität schonungslos gezeigt.

Kein Wunder, denn der Drehbuchautor Rustam Ibragimbekov (viele kennen ihn als Autor von „Urga“) und der Filmemacher Sergei Bodrov sen. haben am Skript mitgewirkt. So kommt es, dass, obwohl die Bilder schön sind, obwohl die Geschichte leicht filmisch verklärt ist, der Film die stalinistische Zeit ohne verwestlichten Blick oder den Hauch von Sowjetpropaganda zeigt. Und spannend erzählt ist er allemal.

Ich denke, dieser Film ist ein wertvolles Stück Aufarbeitung und interassant für alle, die etwas von der Zeit damals spüren wollen. Auch die Sprachen Französisch und Russisch, die in dem Streifen gemischt werden, verleihen ihm ein Stück Authentizität.

Leider ist er nicht auf Amaz-duweißtschonwas oder anderen bekannten Plattformen erhältlich. Aber auf russischen Seiten kann man ihn runterladen.

Es gibt auch kritische Stimmen dazu:

„Wargnier, der bereits in Indochine die Kolo­ni­al­nost­algie mancher Franzosen zerpflückt hatte, insze­niert das Umkippen des Traums in den Alptraum genüßlich. Mit allen Mitteln des Melodrams klagt er die Diktatur an, zwischen den unschul­digen Haupt­fi­guren und den bösen Kommu­nisten bleibt wenig Platz für Grautöne. Der Beweis politisch-korrekter Gesinnung überwiegt allen Realismus“, schrieb Rüdiger Suchsland von Artechock e.V.

Und noch ein Detail: der in Russland sehr bekannte Mime Oleg Menschikow hat 1982 in dem Fernsehzweiteiler „Das Pokrowski-Tor“ („Покровские ворота“) einen jungen Mann in einem ähnlichen Setting gespielt. Also ohne Stalin-Kritik und Franzosen aber sonst war alles da, die Komunalwohnung und die Fünfziger-Jahre. Bloß ganz volksnah, unkritisch naiv und nostalgisch verklärt. Eine Art Doris Day Szenario für Russen. Bewohner der Komunalwohnung als Gutmenschen mit Liebesproblemen. Was für ein Kontrast!

Nemez der Film out now

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NEMEZ ist ab sofort online auf iTunes, Amazon und Co. erhältlich!Und ich wollte mich schon darüber aufregen, dass solche Spartenfilme nirgendwo zu sehen sind und man Aussiedler-Themen eh untern Tisch fallen lässt. Aber nein.

Hier gibt’s die Übersicht der Plattformen:
http://nemez-film.de/VoD.html

Brief an meine Großmutter

Liebe Großmutter, liebe Oma Melitta,

Liebe Großmutter, liebe Oma Melitta,

ich nenne dich Oma, dabei bist du jünger gewesen als ich jetzt, als du gestorben bist. Ich nenne dich Oma, dabei habe ich dich nie kennengelernt, leider. Du warst kaum 42 als du in dieses Krankenhaus gekommen bist in Tadschikistan, Duschanbe hieß die Stadt. Eine Magen-OP. Und am nächsten morgen hat dir eine Hilfskraft, die nicht lesen konnte, was zu trinken gegeben. Dabei stand auf dem Patientenblatt ausdrücklich, kein Wasser. 1957 war das. Die Kommandatur war grade aufgehoben worden und ihr konntet das Arbeitslager, die Sondersiedlung in Sibirien nach zwölf Jahren endlich verlassen. Keine 42 bist du geworden, und hattest sechs Kinder. Die jüngste grade mal zwei. Meine Tante. Sie ist jetzt auch schon viel älter als du es warst und wirklich Großmutter geworden.

Du hast Schlimmes erlebt und Schlimmes gesehen. Und ich, ich schreibe über Trauma und bin nicht traumatisiert. Ich schreibe über meine Ahnen und kenne sie kaum. Ich schreibe über ein Dorf in der Ukraine, wo du gelebt hast, vielleicht sogar in dem du geboren bist und ich war nie dort gewesen. Und wie sich die Situation dort grade entwickelt, werde ich so schnell auch nicht dahin kommen. Mit dem Krieg. Mit den ganzen militärischen Eingriffen und Menschen, die fliehen.

Mein ganzes Projekt kommt mir vor wie ein Strohfeuer. Eine Sammlung von losen Blättern. Nichts Beständiges. Nur Flecken von Wissen auf einem gigantischen Tuch. Wie das ganze Leben, eine Ansammlung von Flecken auf der Hose. Das ist ein Spruch, den mal ein Großvater geprägt hat, irgendein Großvater, nicht meiner.

Was weiß ich von dir? Außer dass alle deine Kinder dich verehren. Du bist früh Waise geworden. Mit fünf wurdest du einer anderen Familie anvertraut, Bauern, weil deine Eltern beide innerhalb von kürzester Zeit an Typhus gestorben sind. Deine Schwester kam in eine Lehrerfamilie, du auf den Bauernhof, wo du schuften musstest. Aber auch viel gelernt hast. Haushalt und Kochen, wie man melkt. Durftest du auch Kind sein? Gab es Pausen in denen du mit den anderen Kindern der Familie gespielt hast oder war alles streng und grau und Arbeit? Es gibt keinen mehr, der mir das erzählen kann. Ich habe deine Schwester Irma kennengelernt, da war ich knapp über zwanzig, aber meinst du ich hab sie damals gefragt? Jetzt ist sie tot. Fast alle aus deiner Generation. Neulich ist ein Kind aus Maries Klasse zum 100. Geburtstag von ihrer Uroma gefahren. Aber in unserer Familie ist keiner 100. Zu viel passiert. Zu schlecht gelebt.

Gab es auch lichte Zeiten? Warst du in deiner Jugend mal außerhalb des Kolonie? Bist du bis nach Odessa gekommen? Ich hab gehört, dort war in den 30iger Jahren Jazz-mäßig unglaublich viel los. Aber hast du dir aus Jazz überhaupt was gemacht? 1935 habt ihr geheiratet. Der Opa und du. Es gibt kein Foto, nichts, was mich an dich erinnert als du jung warst. Du hast deinen Kindern Namen gegeben, die nicht typisch waren in der Kolonie. Sonst wurden die alten Namen weitervererbt. Jakob und Johann und Daniel. Wenn du wüsstest, dass sie seit einigen Jahren so en vogue sind, dass man sie in den Städten auf allen Spielplätzen hört. Auch Emil. Vor zwanzig Jahren undenkbar. Daniel war eigentlich schon länger in. Aber du, du hast diese Tradition unterbrochen. Andere junge Frauen auch und ihr habt euren Kindern für die damalige Zeit moderne Namen gegeben. Willi und Kurt und Walter, Nelli und Erika. Woher kanntet iht sie? Wart ihr doch nicht so abgeschnitten? Gab es Radio aus dem Mutterland? Oder irgendwelche Magazine? Habt ihr eine deutsche Zeitung gelesen? Oder ist es über morphogenetische Felder zu euch herüber geschwappt, was grad Mode ist in Europa.
Du wirst nicht wissen was das ist, morphogenetische Felder von Rupert Sheldrake. Ich fürchte, wenn wir uns gekannt hätten, hätten wir uns nicht so richtig viel zu sagen gehabt. Du hast deine Kinder streng und konsequent erzogen, sagen deine Töchter, du hast alles beisammen gehalten. Die Familie, die beweglichen Güter, deine Gedanken. Aber nachts, hat mein Vater erzählt, nachts hast du dich immer in den Schlaf geweint.

Ich hätte dich gern kennengelernt, auch wenn ich fürchte, dass du meine chaotische Ader, mein mit dem Kopf-in-den-Wolkentum nicht gut heißen würdest. Aber wer weiß?

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Meine Oma kurz vor der Verschleppung mit ihren beiden ältesten Söhnen.

Wenn ich Bilder von dir sehe, es gibt welche aus den Vierzigern, beim Fotografen aufgenommen, mit Bluse uns Brosche, du bist wunderschön, noch jung. Aber mit traurigem Blick. Damals in dieser Ostdeutschen Grenzstadt, ihr habt es geschafft, nach Deutschland zu kommen und du hast in einem Kindergarten als Köchin gearbeitet. Drei deiner Kinder bei dir, drei, die überlebt haben. Und du hast drauf gewartet, dass dein Mann aus der Gefangenschaft zurückkommt. Ihr hattet schon die Fahrkarten in den Westen heißt es, und du hast die beiden großen Jungs täglich raus geschickt, Ausschau halten, ob nicht bei den Kolonnen der Gefangenen, die durch die Stadt stolperten, der Papa dabei wäre. Einen Tag zu lang hast du gezögert. Denn dann kam die rote Armee und alles wurde anders.

Mein Leben verlief unbeschwert. Relativ gesehen. Ich habe einen Kulturschock erlitten. Das ja, ich bin von einer unerklärlichen Krankheit befallen worden und fast erblindet, aber ich habe nicht erlebt, dass mir meine Kinder unter der Hand wegsterben. Ich habe nicht in den Wäldern Holzhacken müssen für keinen Lohn. Als Sklavin der Sieger des Großen Vaterländischen Krieges. Und ich wurde auch nicht von einem Angehörigen der Befreiungsarmee vergewaltigt, während er die Pistole auf meinen fünfjährigen Sohn gehalten hat. Ich kannte die Geschichte mit zwanzig. Und ich habe gezittert anfangs, weil mir der sexuelle Akt nie anders als eine mit Pistole erzwungene Vergewaltigung vorkam. Lange Zeit nicht. Bis ich mich entspannen konnte, weil ich ja in Friedenszeiten lebe. In einer promiskuitiven Gesellschaft, Postachtundsechziger und per se nicht prüde oder verklemmt. Angeblich. Und den älteren Frauen habe ich in meiner Jugend immer ins Gesicht geschaut und mir vorgestellt, wie sie wohl mit fünfzehn oder zwanzig oder fünfundzwanzig ausgesehen haben mochten, als der Krieg vorbei war und ob sie sich rechtzeitig haben retten können, in irgendein Kellerloch oder in den Wald. Aber oft habe ich gedacht, nein, nicht geschafft, sie ist wohl vergewaltigt worden. Und jetzt steigt sie hier aus der Straßenbahn, die Haare leicht lila verfärbt und in beigen Klamotten. Unauffällig. Eine Tarnung.

Aber jetzt kann ich Frauen ansehen, ohne an Vergewaltigung zu denken. Vielleicht liegt es auch daran, dass aus deiner Generation kaum mehr wer übrig ist. Höchstens noch die, die den Krieg als Kinder erlebt haben. Und die hattens auch schlimm. Das weiß ich.

Und stell dir vor. Es ist wieder Krieg in der Ukraine. Als hättest du nicht genug geweint.

 

Ein Aussiedler-Witz

In einem Bauunternehmen arbeitet ein Aussiedler. Der hat eine Cheffin, die ihm am Freitag mittag zu seinen zahlreichen Aufgaben auch noch die Dokumentation aufbrummt.

Er beschwert sich, dass er das unmöglich noch vor dem Feierabend schaffen kann.
Da sagt sie ihm, es sei nicht ihr Problem.

Und er so auf russisch: „Ну, пошла ты на хер!“*
Und sie so zu ihm: „Nein Woldemar, nicht nachher, sofort, wenn ich bitten darf!“

 

 

*(Nu, poschla ty na cher! Was so viel heißt wie, geh doch zum Teufel!)