Oriannes Fund

Da ist eine Frau. Orianne. Sie geht auf den Flohmarkt und findet Alben mit alten Schwarzweißfotos, die deutsche Wehrmachtsangehörige in den Jahren 1941 bis 1943 größtensteils an der Ostfront gemacht haben. Viele sind in der Ukraine oder in Ostpolen aufgenommen worden. Sie digitalisiert sie und fängt an, sie am Computer zu kolorieren. Sie stellt die Bilder für alle einsehbar auf einer Geschichts-Webpage zur Verfügung. Unzählige Bilder sind es, so kommts mir vor.

1941 Ostfront Russland

Menschen vor Holzhäusern. Frauen mit Kopftuch, die Männer in ihren langen Hemden. Furashki, oder wie heißen sie noch mal, diese typischen Schirmmützen?

Bauernmädchen in bestickter Schürze, barfuß. Ganz viele einfach barfuß. Auch im Winter. Manchmal sehen sie westlicher, weniger russisch oder ukrainisch aus. Männer, die in einer Schlange stehen neben einem Lastwagen. Männer im Unterhemd beim Kartoffelschälen, im Hintergrund ein Akordionspieler. Dann welche mit Aluminiumschüsseln in der Hand. Essensausgabe? Sind es  deutsche Soldaten, doch was machen die Kinder dazwischen, mit Hosenträgern, neugierig. Diese Bilder lösen bei mir viele Fragen aus. Jedes einzelne erzählt eine Geschichte. Aufnahmen von entspannten Menschen, Kindern, die in die Kamera lächeln. Romakinder, polnische Dorfjungs, ukrainische Bauernkinder. Wenn man näher ranzoomt, ist die Kleidung zerschlissen, es gibt Löcher und fleckige Stellen.Wenn ich mich doch besser auskennen würde mit den Uniformen, wie die Menschen damals in Polen oder in Weißrussland ausgesehen haben. Bestimmt kann man anhand der Kleidung und der Details viel herauslesen.
Ich kann die Bilder einfach nur aufnehmen und mit vorstellen, wie es damals war. Abseits der Front. In den Pausen. In den ganz normalen alltäglichen Szenen, die es auch gegeben hat in jenen Jahren. Unheimlich finde ich diese Bilder und irgendwie tröstlich. So seltsam banal.

Vielleicht, wenn diese Bilder verbreitet werden, erkennt jemand wen darauf. Das wäre doch ein Hammer. Ein zufälliger Fund auf dem Flohmarkt und jemand siehts sich im Internet an und sagt, hey, das Foto das haben wir auch, das ist doch Edik.

Danke Orianne, dass du das mit uns teilst! Hier ist nur eine kleine sehr willkürliche Auswahl. Es war nicht das letzte Mal, dass ich deine Sammlung besucht habe!

Hier noch mal der Link: http://geschichte-wissen.de/blog/bilder-der-zivilbevoelkerung-an-der-ostfront-1941/

a6a764333245172

 

1c771c348429265

1941 Polen 1
1941 Polen

a0ba0e333246004

1941 Ukraine
das ist unterschrieben mit: auf der Flucht
1941 Russische Bevölkerung tanzt
1941 Russland
1941 Russland September
was schreibt er da?
Russland 1941 Bahnhof
Bevölkerung, die am Bahnhof Nahrungsmittel eintauscht.
1941 Sologubowka St Petersburg Leningrad Russland
1941 bei Leningrad

1941 Ostfront Weissrussland

30
Diese Kinder sehen aus, als wären sie unterwegs. Flucht?
Werbeanzeigen

Ohne Wurzeln kann ich fliegen

Das Wort Heimat versuche ich weitestgehend zu vermeiden. In meinen Gesprächen mit Freunden aber auch hier. Ich glaube, in den knapp 30 Beiträgen, die ich hier reingesetzt habe, fehlt es bisher völlig. Und dennoch kreist mein Schreiben genau um dieses Thema. Das Wort Heimat versuche ich zu vermeiden, weil es nicht salonfähig ist, darüber zu reden. Klingt sehr nach Blut und Boden und Volkstümelei. Außerdem ist mein Bezug dazu so komplex. Das kann nicht nicht in einen Stadt-Land-Fluss-Begriff kleiden.
Wo ich herkomme, ist klar. Omsk, Stadt mit O und drei Konsonanten, der Ort, den ich mit acht verlassen habe. An der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irschysch gelegen. Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja. Es ist eben nicht nur die Erde, die Luft und das Wetter. Es ist die Sprache, die Kinderfilme und die Träume, in die man eingebunden ist, wenn alle schlafen. Das färbt ab. Birkensaft trinken. Pelmeni essen. Das geht in deine Stofflichkeit über. Ohne Zweifel.

Ist die Ukraine, in die ich nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber die Hälfte meiner Ahnen herkommt, meine Heimat? Der Flecken Erde, von dem sie fliehen mussten, lange bevor ich geboren wurde?

Ist denn das Rheinland, in dem ich meine zweite Kindheit verbracht habe, meine Heimat geworden? Ich habe mich dort lange fremd gefühlt, wie zu Besuch. Erst seit dem ich im Norden bin, kommt sowas auf wie ein sich Wiederspiegeln in der Landschaft, in der Stadt in der ich lebe und in den Menschen hier. Vielleicht hat es einfach seine Zeit gebraucht, vielleicht passe ich einfach besser hierher.

Ich durfte lange Zeit nicht zeigen, dass ich meine Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue/alte Heimat meiner Familie einfügen. Heimat war immer Deutschland, nie Russland. Zuhause war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa ich? Klingt nach einem schlimmen Bazillus.

„Herr Doktor, Herr Doktor, ich bin russifiziert, was soll da ich bloß machen?“
„Nehmen Sie die gesammelten Werken von Goethe, vielleicht noch einen Schiller dazu, legen Sie sich damit ins Bett und wenn Sie durch sind, geht es Ihnen schon viel besser. Und nicht vergessen, viel trinken.“

Wenn das so einfach wäre.

Das Gewesene über Bord schmeißen. Einen Cut machen. Sich neu erfinden. Hat auch was für sich. Sich anzupassen, das Neue anzunehmen und sich zu eigen zu machen.

Im April diesen Jahres wurde die Autorin Yasmina Reza auf NDR Kultur nach ihrem Umgang mit ihrer Herkunft gefragt. Sie hat geantwortet, ohne Wurzeln bin ich leichter, ohne sie kann ich fliegen. Und sie muss wissen, wovon sie redet, sie schöpft aus so vielen Kulturen, hat mit iranischen, ungarischen und jüdischen Wurzeln in Frankreich lebend, einen recht vielfältigen Stammbaum. Sie lässt sich aber nicht davon beirren. Sie macht sich frei davon. Bewundernswert.

Ich habe die Leichtigkeit, von der Reza erzählt, nie erlangt. Ich habe mich verstellt und so getan, als würde ich dazugehören, hätte dieselben Sendungen gesehen, dieselben Spiele gespielt und die selben Eissorten gegessen.

„Habt ihr gesehen, Dolomiti gibt’s wieder beim Kiosk“, und derjenige, der das sagt, kriegt so ein „Ach, wie schön war diese Zeit“-Glitzern in den Augen. Sehnsucht nach dem Land der Kindheit. Doch das ist ebenfalls vorbei. Auch wenn die Menschen oft Splitter aus dieser Zeit zu bewahren suchen. Ein Nickihemdchen hier, ein Lurchi-Buch da und eben den Geschmack von 70iger Eiskreme. Was wäre aber, wenn man ihnen verbieten würde, jemals wieder über Dolomiti und Lurchi und Sesamstraße zu reden?

Ich entleihe mir Heimaten. Lasse mir von einer Freundin Bönnsch beibringen und freue mich, wenn ich den Dialekt in der Straßenbahn wiedererkenne. Ich rede über Miss Piggy und Kermit den Frosch, als wäre ich mit ihnen aufgewachsen, anstatt sie erst mit spät kennenzulernen, wenn man für sowas eigentlich schon zu alt ist.

Mir hat es nicht bekommen, mich entwurzelt zu fühlen. Entwurzelt zu werden. Das ist ein Fakt. Aber ich bin angekommen. Ich habe mich angepasst, habe schnell aufgeholt und angefangen, mich heimisch zu fühlen. So gut es eben ging.

Ich weiß nicht, ob mir das zusteht. Aber wenn ich die flache Landschaft im Norden sehe, den tiefen Himmel, die windgebeugten Bäume, dann erlebe ich eine stille Freude und Liebe, die dem Begriff Heimatgefühl wohl am nähesten kommt. Aber ebenso geht es mir, wenn ich die verschneiten Ebenen der sibirischen Steppen sehe. Auf Arte TV.

In Neuseeland, das habe ich kürzlich gelernt, stellen sich die Menschen einander so vor: Mein Name ist …, mein Fluß heißt …, mein Berg ist der …, meine Eltern sind …. und mein Stamm ist…. . Diesen Bezug zur Landschaft und zu den Ahnen finde ich sehr poetisch. Doch können wir, die wir buntgemischt sind und an mindestens drei Orten sozialisiert wurden uns über simple Gebietsmarkierungen definieren? Mein Fluss ist, tja, welcher bloß?

Mein Name ist X, die Grenzen, die ich überschritten habe waren diese, die Städte, die ich bewohnt habe, sind jene, die Menschen, die mich geprägt haben heißen, die Kunstwerke, aus denen ich mich speise sind folgende, die Musik, die mich trägt ist die, die Bücher, die mich haben nachdenken lassen sind jene.

Vielleicht kann ich meinen Begriff von Heimat, im Sinne von Identität, auf diese Weise erweitern. Mich hat der Boden geprägt, auf dem ich geboren bin und die beiden Kulturen, die mich aufgenommen haben. Aber beheimatet und verwurzelt bin ich in noch vielen anderen. Und mit diesen Luftwurzeln kann ich vielleicht doch noch fliegen. Eines Tages.

In Tolstojs Schatten

Lew Tolstoj hätte heute Geburtstag gehabt. Seinen 186. Aber eigentlich möchte ich über seine Frau schreiben: Sofja Andrejewna Tolstaja, geb. Behrs.

Aber nicht weil sie deutscher Abstammung ist, auch wenn das in diesen blog passen würde. Sondern weil sie ihre große Begabung nicht ausleben konnte. Nicht in der Zeit und nicht mit diesem Mann. Obwohl oder vielleicht grade weil, er doch selbst Schriftsteller war. Und auch heute verschwindet sie völlig hinter dem Rücken ihres Tolstojs. Steht in seinem Schatten. Taucht nur am Rande in ihrer Rolle als keifende Chimäre auf.

Habe  vor einigen Wochen ihre Biografie gelesen und meine Aufzeichnungen von damals verlegt. Aber einiges weiß ich noch.

Übrigens gibt es da noch einen wundervollen Film über die beiden Eheleute: Ein russischer Sommer, von 2009, in den Hauptrollen Christopher Plummer und Hellen Mirren. Von Nichtrussen gedreht, dennoch sehenswert.

ein-russischer-sommer-the_l-3
Hellen Mirren in Ein russischer Sommer, von Michael Hoffmann

Sie war sehr begabt, viel jünger als ihr Mann und war über lange Zeit diejenige, die seine krakelige Schrift entziffert und ins Reine geschrieben hat, die für Struktur gesorgt hat in seinen Romanen wie im Haushalt. Alle zwei Jahre wurde sie schwanger. Viele Kinder hat sie verloren. Und sich am Ende von ihrem Mann, der der materiellen Welt und dem Reichtum den Rücken gekehrt hatte, anhören müssen, sie wäre darin verhaftet. Aber er hat ihr alle verlegerischen Geschäfte und alles was mit dem Haus und den Finanzen zu tun hatte, übertragen. Um frei zu sein, um sich nicht zu belasten. Ich weiß, er gehört für seine aufwieglerischen Gedanken geehrt. Aber ich finde es einfach bigott. Na gut, er hat sich bäurisch gekleidet, mit diesem Hamd und einem Strick. Und hat auch für sich selbst gekocht und hat so ärmlich gelebt, wie er gepredigt hat. Nur auf den Pudding, auf den mochte er nicht verzichten.

Zwei Romane und eine Briefsammlung sind von Sofia Andrejewna Tolstaja erschienen. Und die bereits erwähnte Biografie von Ursula Keller vor fünf Jahren.

Beim Lesen habe ich Bezüge geschaffen. Ahninnen von mir haben zeitgleich gelebt. Auf der russischen Seite könnte es sogar sein, im selben Ort. Teilweise zumindest. Denn dort, wo die Tolstojs ihr Sommerhaus hatten, in Samara, kam die Familie meines russischen Großvaters Nikolai her. Er wurde 1891 dort geboren. Und in dem Buch über Sofja Andrejewna, heißt es, genau in dem Jahr herrschte in Samara eine Hungersnot und die adeligen Tolstojs, insbesondere Sofja Andrejewna, haben ausgeholfen. Mit Lebensmitteln und damit, dass sie selbst angepackt haben, öffentliche Speisung für die Bedürftigen organisiert. Geld gesammelt, aber auch selbst gekocht. Über Wochen. Vielleicht gab es da eine Berührung? Aber über diesen Teil meiner Familie weiß ich so gut wie gar nichts. Wer weiß, ob sie nicht doch zum gehobenen Bürgertum gehört haben oder zum Kleinbürgertum, der später so heftig verfolgt wurde? Es heißt, bis auf meinen Großvater und seine Schwester sind alle an der Cholera gestorben, als die beiden Geschwister noch Kinder waren. Aber ich habe gelernt, solchen Familiengeschichten zu mißtrauen.

Doch auch ohne diesen Schnittpunkt in Zeit und Raum, ich habe verstanden, dass selbst eine gut erzogene, intelektuell ihrem Mann in nichts nachstehende Frau demselben Schicksal unterworfen sein kann wie eine ärmliche Bäuerin. Denn Lew Tolstoj, vielleicht in seinem „zurück zur Natur getrieben sein“, lehnte Schwangerschaftsverhütung strikt ab. Also hieß es für seine Frau schwanger werden, sechzehn Mal insgesamt, gebären, stillen, wickeln, wieder schwanger werden und dann am Grab der Kinder stehen. Von den dreizehn Kindern, die Sofia Andrejewna lebend geboren hatte, erreichten acht das Erwachsenleben. Und dazwischen die Arbeit am Werk ihres Mannes. Korrekturen, Verleger, Steit um Tantiemen. Gut diese Sorgen hatten meine Urgroßmütter und Großmütter nicht. Aber dass sie alle zwei Jahre ein Kind zur Welt brachten, war wohl die Norm damals. Und wenn es Lücken gibt in der Orgelpfeiffenreihe der Kinder, dann kann es nur bedeuten, dass ein Kind gestorben ist. Später haben sie nicht in Samara, sondern in der Nähe von Omsk gelebt. Und die Winter dort können sehr streng sein. Ich weiß von meiner Mama, dass ihre Mutter ihr noch nicht mal im Sommer erlaubt hatte, sockenfrei durch die Wiese zu laufen. Sie hatte so große Angst vor Erkältungskrankheiten. Meine Mutter war das Nesthäkchen, das einzige Mädchen nach vier Brüdern. Sprich, das einzige Mädchen, dass überlebt hat. Auf einem Foto, das meine Mutter als junges Mädchen zeigt und die Großmutter mit Tuch an ihrer Seite, hält Oma Vera sie fest umklammert und schaut stolz in die Kamera, von wegen, seht, ich habe es geschafft, dieses Kind hat es geschafft, es hat überlebt.

Ich musste selbst im Sommer mit Strumpfhosen rumlaufen, egal wie weit im Schrank ich sie versteckt habe. Und meine Tochter ist von allen Kindern das am wärmsten angezogene. Wenn ich am Schulhof bin, laufen alle im T-Shirt und sie hat ihre Jacke an. Weil Mama, also ich, es gesagt hat. Es setzt sich fort.

Und ich bin erstaunt, dass ich den Bogen über mehr als 150 Jahre von Lew Tolstoj bis zu Strumpfhosen im Sommer spannen kann. Nun denn.

 

Der Trailer:

 

Sag doch was auf Russisch!

Sag doch mal was auf Russisch. Mit diesem Satz werde ich bis heute konfrontiert, sobald jemand erfährt, woher ich stamme. Und ich bin jedes Mal wie paralysiert und weiß nicht, was ich sagen soll. Fühl mich wie ein Äffchen auf einer Spielorgel, das für ein paar Münzen ein Tänzchen aufführen soll. Klingarassa Bumm!

Möglicherweise könnten mir Menschen mit Migrationshintergrund einen Tipp geben. Die kennen das sicher auch. Vielleicht haben sie sich im Laufe der Jahre einen Satz zurechtgelegt, den sie bei solchen Gelegenheiten hervorholen, ohne nachdenken zu müssen. In Mandarin dann: Langnasen sind hilflose Deppen. Oder: Wenn ein Deutscher dich fragt, sag doch was auf Chinesisch/Türkisch/Russisch/Spanisch, dann lächle weise.

Das wäre doch witzig. Oder einen Zungenbrecher oder ein Kinderlied. B trawe ssedel kusnetschik zum Beispiel. Oder ein Gedicht von Majakowskij. Leider kenn ich keins davon auswendig und mit meinen Stehgreifsätzen auf Russisch ist es auch nicht weit her. Die Sonne ist ähem. gelb und der Himmel, nun, blau. Warum sollte ich sowas sagen? Was erwarten die Leute? Wer das fragt, ist doof. Kto  tak spaschiwaet, Durak! Ich bin unhöflich. Jemand wollte einfach nur freundlich sein. Sich nett fühlen, weil er etwas gefragt hat, das dich betrifft. Wie anbiedernd das aber ist, das merken sie nicht. Dass sie dich auf das Einzige zurückwerfen, das dich von ihnen unterscheidet. Du bist fremd. Du gehörst nicht hierher. Aber ich sollte froh sein, dass das so subtil geschieht. Dass ich nicht eins mit dem Schürhaken übern Schädel kriege. Oder gesteinigt werde. Oder zusammengeschlagen, wie andere Mitbürger mit Migrationshintergrund. Da ist es noch annehmbar, dass du mitten in einem Gespräch umswitchen musst. Und auf dein Anderssein geworfen wirst.

Aber ich gebe zu, wenn wirkliches Interesse da ist und jemand fragt, wie war deine Kindheit dort, erzähl ich es gerne. Wenn sie unbedingt hören wollen, wie Russisch klingt, sollen sie sich eine Sprachkassette besorgen oder auf Youtube Nationalhymne Russland eingeben.

Ich weiß, was ich ab jetzt sagen werde: „Lübopittnoj Warware nos atarwali!“ (Der neugierigen Barbara haben sie die Nase abgerissen, das ist so ein Totschlagsatz für Kinder, oder gegen Kinder, im Sinne von: „Kinder mit Willen kriegen was auf die Brillen.“) Aber dann werden sie schlucken und mich für unhöflich halten.

Da war mal dieser arme Typ auf einer Party, ich stand mal ne halbe Stunde neben ihm. Zugegeben, er war sehr groß, aber alle paar Minuten, meinte jeder, wirklich jeder, der an ihm vorbeikam, fragen zu müssen, ob er nicht Probleme hätte, ein Bett zu finden, das groß genug ist, besonders auf Reisen. Mit dem selben Satzbau und derselben Satzmelodie sogar. Faszinierend. Das ist Ameisendenken. Aber jeder glaubt, er fragt es das erste und einzige Mal. Dass ihm ein origineller, witziger Satz eingefallen ist.

Ich muss mich jedenfalls immer fremd schämen, wenn Spanier gefragt werden, ob sie Flamenco tanzen. Oder zum Stierkampf Stellung beziehen sollen. Ich werde immer auf Wodka angesprochen, das ist auch nicht besser. Es gab Zeiten, da haben mir die Leute gesagt, ihr Traum wäre, mal mit der Transsib bis nach China zu fahren. Dann vor zehn Jahren kam der Satz , dass sie jemanden kennen, der das Mal gemacht hat. Neuerdings sind wohl alle, die das wollten, bereits mit der transsibirischen Eisenbahn unterwegs gewesen, und ich werde nur noch mit Wodka in Verbindung gebracht. Man sieht es mir wohl an, dass ich jeden Lastwagenfahrer unter den Tisch trinken kann. Früher habe ich gesagt, ich mag keinen Wodka, habe eine Diskussion über Vorurteile vom Zaun gebrochen oder gesagt, ich trinke lieber Rotwein. Schön trocken. Heute habe ich mir angewöhnt, feinsinnig zu lächeln und so zu tun, als könne ich unheimlich viel wegkippen. Genetisch bedingt. Ich kann auf Knopfdruck sogar einige andere Vorurteile über Russland und Russen bestätigen. Dann ist mein Gegenüber glücklich und wir können zu anderen Themen übergehen.

Nur einmal wars unangenehm. Der damalige Freund einer Freundin. Wir waren Mitte zwanzig und studierten noch, er war über dreißig und Koch. Er hat erzählt, in welchem schlimmen Zustand die Russen die Kasernen zurückgelassen haben, die aus dem ehemaligen Gebiet der DDR abgezogen worden sind. Das mag ja sein. Aber er hat noch weiter gemacht und erzählt: „Wenn die in den Westen kommen, dann gibt’s erst Mal nen Kulturschock. Und sie waschen ihre Kartoffeln in der Kloschüssel und freuen sich über das Fließendwasser darin.“ Ich konnte ihm nichts entgegnen, so sprachlos war ich. Aber es hat mich lange verfolgt, dass einer mir genau sowas erzählt, nachdem er erfährt, woher ich komme.

Wenn du dich im Ausland als Deutscher ausgibst, kommt immer was mit Hitler. Oft erschreckend positiv besetzt.  Nach dem Motto: Das war noch einer, der Ordnung geschaffen hat. Also was Vorurteile angeht, sind die anderen Menschen nicht besser. In den USA hat eine Frau ganz langsam und laut angefangen auf mich einzureden, als ob ich auf diese Weise besser verstehe, was sie meint.

Ich kann mir im Ausland aussuchen, ob ich mich lieber als Deutsche ausgebe oder als Russin oder als Halbblut. Das kommt meist auf dasselbe raus. Nur in Polen, da muss man manchmal aufpassen. Das war in den neunziger Jahren, in einem Dorf in der Nähe von Krakau. Ich war mit einer internationalen Gruppe von Tai-Chi-lern unterwegs und wir haben uns auf Englisch verständigt. Leicht angetrunken, draußen vor einer Bar, es war ein lauschiger Sommerabend. Ein junge Typ aus der Bar sagte damals, die Deutschen, das sei schon schlimm, sie kommen hierher, nach allem was passiert ist und kaufen reihenweise den Polen die Häuser und Grundstücke weg. Aber die aller allerschlimmsten, das wären die Russen. Ihm soll bloß keiner von Ihnen unter die Augen kommen. Ich bin ganz still geworden und habe mich nicht enttarnt. Und als ich am drauffolgenden Tag versucht habe, in der Apotheke für einen Freund Kopfschmerztabletten zu kaufen, auf Russisch, weil ich dachte, das können die Polen im Notfall alle verstehen, wurde ich erst gar nicht bedient. Das waren sicher Ausnahmefälle und zu verdenken ist es den Leuten sicher nicht. Bei der Vergangenheit. Wir waren ja in der Gruppe auch mit Polen zusammen und die haben mich akzeptiert. Glaub ich.

Sag doch mal was auf Russisch, Max Scharnigg hat diesen Satz in einer Kolumne verarbeitet. Und ein Buch herausgegeben mit weiteren originellen Gesprächsrunden-Sätzen wie: Und was hörst du so für Musik? (Das Buch heißt: Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden und weitere 99 Sätze mit denen man durchs Leben kommt. hier der Link).

Er schlägt als Antwort folgenden Satz vor, der poetisch klingt und mal nicht nur ein Gähnen hervorruft:

Я встречал любовь моей жизни в светлый день июля около 5.30 часов вечера. Она сидела на осле цвета соломы и пахла жасмином и кока-колой!”

Tolle Idee das. Bedeutet: „Die Liebe meines Lebens traf ich an einem lichten Julitag gegen halb sechs Uhr abends. Sie saß auf einem strohblonden Esel und duftete nach Jasmin und Coca-Cola!“.

Der Fluch der Genossin Konditorin

Es war einmal ein einfaches russisch-deutsches Mädchen. Als es geboren wurde und seine Eltern eine Taufe ohne die einzig wahre rechtgläubige Kirche feierten, haben Sie fast alle guten Genossinen Feen eingeladen, damit sie dem Kind ihren Segen bringen.

Aber da sie nur 12 Teller mit Hammer und Sichel und rotem Rand besaßen, der Rest des guten Geschirrs muss auf der Flucht verloren gegangen sein, haben sie die Genossin Konditorin nicht eingeladen.

Und als die 11. Genossin, die Kantinenköchin, ihren Segen ausgesprochen hatte, kam die Genossin Konditorin erbost herein gestürmt und sprach einen Fluch über dem fast kahlen Haupt des Kindes aus:

„Nie! Niemals wird dieser Person jemals ein Kuchen gelingen, egal was sie versucht, egal, ob sie den Anweisungen penibelst folgt, sich Hilfe von Profibäckerinnen holt, egal in welchem hochtechnisierten Ofen sie ihn backt! Immer wird er ihr zerfließen und nicht aufgehen. Oder elendlich verbrennen!“

Alle blickten bedröppelt nach diesem Schock, aber dann kam die letzte Genossin, die für Soufleés zuständig ist, und sprach über der Wiege:

„Ich kann diesen Fluch nicht abwenden, aber mildern. Zwar werden dir keine Kuchen gelingen, kleines Kind, aber du wirst dennoch geliebt werden und immerhin kommen deine anderen Geburtstagsgeschenke bei allerwelt gut an. Das ist doch was.“

Und so ging es bis heute. Jeder Versuch einen vernüftigen Kuchen zu backen, muss scheitern.

Schaut selbst:

die Masse schmeckte ja auch gut.
das sollte ein Pfirsich-Schoko-Kuchen werden, nach ’nem totsicheren Rezept.

Geistermusik

Letztes Wochenende bei einem Sommerfest habe ich dieses Instrument das erste Mal live erlebt.

Im Frappant hat der Musiker Cyrus Ashrafi damit ein Konzert gegeben. Ein Kasten, ein Stab und wenn er die Hände bewegt hat, gabs diesen abgefahrenen, spacigen Sound.

Ich wusste noch dunkel, dass es mal einen russischen Wissenschaftler gab, der eins der ersten elektronischen Musikgeräte erfunden hat.

Lew Termen oder Leon Theremin, wie er sich später nannte, hat das nach ihm benannte Theremin zur Zeit der Avantgarde in Moskau erfunden. Ursprünglich auch als Ätherophon bekannt, war das Instrument ein Wegbereiter für spätere Synthesizer oder Drumcomputer.

Leon_Theremin
So hört es sich an: Lew Sergejewitsch himself

Und das Ding ist, Lew Sergejewitsch Termen, in St. Petersburg geboren, hatte französiche und deutsche Ahnen. Seine französischen Vorfahren stammen aus einem alten Adelsgeschlecht und sind als Jakobiner nach der französischen Revolution nach Russland geflohen. Über die deutsche Abstammung kann ich ad hoc nichts finden. Muss weiter graben. Gut, dass es in Moskau und St. Petersburg Deutsche gab, die den oberen Gesellschaftsschichten angehörten, ist ja bekannt. Und Leon Theremin hat auch nicht viel mit den Kolonisten gemein, die sich meist als Bauern und Handwerker in ländlichen Gebieten ansiedelten. Trotzdem ist für mich dieser Informationsfetzen es wert, gesammelt zu werden. Eine weitere Spur.

Auf einigen russischen Sites wird’s gar nicht erwähnt. Dass es Deutsche unter seinen Vorfahren gab, meine ich. Russischer Physiker. Wenns genehm ist, ist er natürlich ein Russe.

Das hat ihm jedoch auch nichts genützt. Nachdem er 1927 auf Welttournee ging und sich ein Jahr später in New York niederließ, kam er Ende der Dreißiger unter „ungeklärten Umständen“ in die Sowjetunion zurück und wurde in einen Gulag irgendwo in Sibirien verbannt. Wegen antisowjetischer Propaganda. (Im Westen galt er als verstorben, es gab keine Spur mehr von ihm.)
Später brachte man ihn in eine wissenschaftliche Akademie in Moskau für Gefangene, wo er für den russischen Geheimdienst Wanzen entwickeln durfte und 1952 sogar einen Stalinpreis dafür gewann. Erst 1990, im Zuge der Perestrojka, wurde er politisch rehabilitiert. 1993 starb Lew Sergejewitsch  Termen im Alter von 97 Jahren in Moskau.

Hier, wie es Leon Theremin spielt, der neben Physik auch Cello studiert hat.

Und hier wie es sich in der heutigen Zeit anhört, Cyrus Ashrafi in Concert.