Nemez der Film out now

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NEMEZ ist ab sofort online auf iTunes, Amazon und Co. erhältlich!Und ich wollte mich schon darüber aufregen, dass solche Spartenfilme nirgendwo zu sehen sind und man Aussiedler-Themen eh untern Tisch fallen lässt. Aber nein.

Hier gibt’s die Übersicht der Plattformen:
http://nemez-film.de/VoD.html

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Brief an meine Großmutter

Liebe Großmutter, liebe Oma Melitta,

Liebe Großmutter, liebe Oma Melitta,

ich nenne dich Oma, dabei bist du jünger gewesen als ich jetzt, als du gestorben bist. Ich nenne dich Oma, dabei habe ich dich nie kennengelernt, leider. Du warst kaum 42 als du in dieses Krankenhaus gekommen bist in Tadschikistan, Duschanbe hieß die Stadt. Eine Magen-OP. Und am nächsten morgen hat dir eine Hilfskraft, die nicht lesen konnte, was zu trinken gegeben. Dabei stand auf dem Patientenblatt ausdrücklich, kein Wasser. 1957 war das. Die Kommandatur war grade aufgehoben worden und ihr konntet das Arbeitslager, die Sondersiedlung in Sibirien nach zwölf Jahren endlich verlassen. Keine 42 bist du geworden, und hattest sechs Kinder. Die jüngste grade mal zwei. Meine Tante. Sie ist jetzt auch schon viel älter als du es warst und wirklich Großmutter geworden.

Du hast Schlimmes erlebt und Schlimmes gesehen. Und ich, ich schreibe über Trauma und bin nicht traumatisiert. Ich schreibe über meine Ahnen und kenne sie kaum. Ich schreibe über ein Dorf in der Ukraine, wo du gelebt hast, vielleicht sogar in dem du geboren bist und ich war nie dort gewesen. Und wie sich die Situation dort grade entwickelt, werde ich so schnell auch nicht dahin kommen. Mit dem Krieg. Mit den ganzen militärischen Eingriffen und Menschen, die fliehen.

Mein ganzes Projekt kommt mir vor wie ein Strohfeuer. Eine Sammlung von losen Blättern. Nichts Beständiges. Nur Flecken von Wissen auf einem gigantischen Tuch. Wie das ganze Leben, eine Ansammlung von Flecken auf der Hose. Das ist ein Spruch, den mal ein Großvater geprägt hat, irgendein Großvater, nicht meiner.

Was weiß ich von dir? Außer dass alle deine Kinder dich verehren. Du bist früh Waise geworden. Mit fünf wurdest du einer anderen Familie anvertraut, Bauern, weil deine Eltern beide innerhalb von kürzester Zeit an Typhus gestorben sind. Deine Schwester kam in eine Lehrerfamilie, du auf den Bauernhof, wo du schuften musstest. Aber auch viel gelernt hast. Haushalt und Kochen, wie man melkt. Durftest du auch Kind sein? Gab es Pausen in denen du mit den anderen Kindern der Familie gespielt hast oder war alles streng und grau und Arbeit? Es gibt keinen mehr, der mir das erzählen kann. Ich habe deine Schwester Irma kennengelernt, da war ich knapp über zwanzig, aber meinst du ich hab sie damals gefragt? Jetzt ist sie tot. Fast alle aus deiner Generation. Neulich ist ein Kind aus Maries Klasse zum 100. Geburtstag von ihrer Uroma gefahren. Aber in unserer Familie ist keiner 100. Zu viel passiert. Zu schlecht gelebt.

Gab es auch lichte Zeiten? Warst du in deiner Jugend mal außerhalb des Kolonie? Bist du bis nach Odessa gekommen? Ich hab gehört, dort war in den 30iger Jahren Jazz-mäßig unglaublich viel los. Aber hast du dir aus Jazz überhaupt was gemacht? 1935 habt ihr geheiratet. Der Opa und du. Es gibt kein Foto, nichts, was mich an dich erinnert als du jung warst. Du hast deinen Kindern Namen gegeben, die nicht typisch waren in der Kolonie. Sonst wurden die alten Namen weitervererbt. Jakob und Johann und Daniel. Wenn du wüsstest, dass sie seit einigen Jahren so en vogue sind, dass man sie in den Städten auf allen Spielplätzen hört. Auch Emil. Vor zwanzig Jahren undenkbar. Daniel war eigentlich schon länger in. Aber du, du hast diese Tradition unterbrochen. Andere junge Frauen auch und ihr habt euren Kindern für die damalige Zeit moderne Namen gegeben. Willi und Kurt und Walter, Nelli und Erika. Woher kanntet iht sie? Wart ihr doch nicht so abgeschnitten? Gab es Radio aus dem Mutterland? Oder irgendwelche Magazine? Habt ihr eine deutsche Zeitung gelesen? Oder ist es über morphogenetische Felder zu euch herüber geschwappt, was grad Mode ist in Europa.
Du wirst nicht wissen was das ist, morphogenetische Felder von Rupert Sheldrake. Ich fürchte, wenn wir uns gekannt hätten, hätten wir uns nicht so richtig viel zu sagen gehabt. Du hast deine Kinder streng und konsequent erzogen, sagen deine Töchter, du hast alles beisammen gehalten. Die Familie, die beweglichen Güter, deine Gedanken. Aber nachts, hat mein Vater erzählt, nachts hast du dich immer in den Schlaf geweint.

Ich hätte dich gern kennengelernt, auch wenn ich fürchte, dass du meine chaotische Ader, mein mit dem Kopf-in-den-Wolkentum nicht gut heißen würdest. Aber wer weiß?

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Meine Oma kurz vor der Verschleppung mit ihren beiden ältesten Söhnen.

Wenn ich Bilder von dir sehe, es gibt welche aus den Vierzigern, beim Fotografen aufgenommen, mit Bluse uns Brosche, du bist wunderschön, noch jung. Aber mit traurigem Blick. Damals in dieser Ostdeutschen Grenzstadt, ihr habt es geschafft, nach Deutschland zu kommen und du hast in einem Kindergarten als Köchin gearbeitet. Drei deiner Kinder bei dir, drei, die überlebt haben. Und du hast drauf gewartet, dass dein Mann aus der Gefangenschaft zurückkommt. Ihr hattet schon die Fahrkarten in den Westen heißt es, und du hast die beiden großen Jungs täglich raus geschickt, Ausschau halten, ob nicht bei den Kolonnen der Gefangenen, die durch die Stadt stolperten, der Papa dabei wäre. Einen Tag zu lang hast du gezögert. Denn dann kam die rote Armee und alles wurde anders.

Mein Leben verlief unbeschwert. Relativ gesehen. Ich habe einen Kulturschock erlitten. Das ja, ich bin von einer unerklärlichen Krankheit befallen worden und fast erblindet, aber ich habe nicht erlebt, dass mir meine Kinder unter der Hand wegsterben. Ich habe nicht in den Wäldern Holzhacken müssen für keinen Lohn. Als Sklavin der Sieger des Großen Vaterländischen Krieges. Und ich wurde auch nicht von einem Angehörigen der Befreiungsarmee vergewaltigt, während er die Pistole auf meinen fünfjährigen Sohn gehalten hat. Ich kannte die Geschichte mit zwanzig. Und ich habe gezittert anfangs, weil mir der sexuelle Akt nie anders als eine mit Pistole erzwungene Vergewaltigung vorkam. Lange Zeit nicht. Bis ich mich entspannen konnte, weil ich ja in Friedenszeiten lebe. In einer promiskuitiven Gesellschaft, Postachtundsechziger und per se nicht prüde oder verklemmt. Angeblich. Und den älteren Frauen habe ich in meiner Jugend immer ins Gesicht geschaut und mir vorgestellt, wie sie wohl mit fünfzehn oder zwanzig oder fünfundzwanzig ausgesehen haben mochten, als der Krieg vorbei war und ob sie sich rechtzeitig haben retten können, in irgendein Kellerloch oder in den Wald. Aber oft habe ich gedacht, nein, nicht geschafft, sie ist wohl vergewaltigt worden. Und jetzt steigt sie hier aus der Straßenbahn, die Haare leicht lila verfärbt und in beigen Klamotten. Unauffällig. Eine Tarnung.

Aber jetzt kann ich Frauen ansehen, ohne an Vergewaltigung zu denken. Vielleicht liegt es auch daran, dass aus deiner Generation kaum mehr wer übrig ist. Höchstens noch die, die den Krieg als Kinder erlebt haben. Und die hattens auch schlimm. Das weiß ich.

Und stell dir vor. Es ist wieder Krieg in der Ukraine. Als hättest du nicht genug geweint.

 

Ein Aussiedler-Witz

In einem Bauunternehmen arbeitet ein Aussiedler. Der hat eine Cheffin, die ihm am Freitag mittag zu seinen zahlreichen Aufgaben auch noch die Dokumentation aufbrummt.

Er beschwert sich, dass er das unmöglich noch vor dem Feierabend schaffen kann.
Da sagt sie ihm, es sei nicht ihr Problem.

Und er so auf russisch: „Ну, пошла ты на хер!“*
Und sie so zu ihm: „Nein Woldemar, nicht nachher, sofort, wenn ich bitten darf!“

 

 

*(Nu, poschla ty na cher! Was so viel heißt wie, geh doch zum Teufel!)

Wieder so ein Eugen

Es ist so, dass viele Aussiedler ganz andere Vornamen haben als die Leute hier. Die älteren ganz altertümliche, wie Melitta oder Waldemar, die jüngeren welche, die aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt wurden und ebenso altbacken klingen. So trifft man also 20ig-Jährige, die Walter heißen oder eben Eugen. Da Evgenij ein sehr beliebter Name in Russland war und ist, nicht nur wegen Eugen Onegin (von Puschkin), taucht dieser Name, der in Deutschland sogar nicht flott klingt, ganz oft bei Russlanddeutschen auf. Immer wenn es eine Gruppe Aussiedler gibt, ist mindestens ein Eugen dabei. Zu dem Themengebiet „Eugen“ hat der junge Fotograf  Eugen Litwinow übrigens eine wunderbare Serie und ein Buch gemacht.

In Anlehnung an Eugène Ionesco (wieder so ein Eugen) und sein absurdes Theater habe ich dazu auch einen Dialog entwickelt:

E1:      Hallo, Eugen?

E2:      Ja, wer spricht da?

E1:      Hier ist auch der Eugen, Eugen Schatz.

E2:      Dem Harold Schatz sein Sohn?

E1:      Nein, dem Bruno sein Sohn.

E2:      Ach, der Eugen, was kann ich für dich tun?

E1:      Wir machen da doch eine Party, und Eugen, der Bruder vom Albert, hat gesagt, du hast noch eine Lichtmaschine da, die würden  wir uns gern ausleihen.

E2:      Das stimmt, ich habe mir eine Anlage gekauft, aber ich hab sie nicht hier, ich habe sie verliehen.

E1:      Ach, an wen denn?

E2:      Na, an den Eugen, Eugen Schatz.

E1:      An den Sohn von Harold?

E2:      Nein, an Eugen, den Sohn von Albert.

E1:      Der Albert, der wo mit der Valli verheiratet ist?

E2:      Nein, der wo mit der Irma verheiratet ist, weißt du, aus Karaganda. Deren Tante Ottilie damals nach dem Krieg in Deutschland geblieben ist.

E1:      Ach der, den ruf ich gleich an.

Zwei Stunden später…

E1:      Hallo, hier ist der Eugen, der mit der Lichtmaschine.

E2:      Ach du, gut dass du anrufst. Da rief vorhin so ein Eugen an, der wollte sie sich ausleihen.

E1:      Nein, nein, ich bins, der Eugen, der gestern angerufen hat und eine haben wollte, Eugen Schatz.

E2:      Ach so, DER Eugen!

E1:      Ja, du hast doch gesagt, Eugen hat die Lichtmaschine, der andere Eugen Schatz.

E2:      Ja.

E1:      Dem Albert Schatz sein Sohn, der mit der Irma verheiratet ist.

E2:      Ja, das habe ich, was ist denn mit ihm. Hat er die Anlage nicht mehr?

E1:      Nein, dieser Eugen kennt dich gar nicht.

E2:      Na, sowas. Aber ist das nicht der Eugen Schatz aus Karaganda, der Schlosser ist und einen Bruder hat, der Albert und einen, der Otto heißt? Und sein Vater, Albert ist mit der Irma verheiratet, deren Tante damals nach dem Krieg in Deutschland geblieben ist.

E1:      Doch, er hat wohl einen Bruder der Albert heißt und einen der Otto heißt und sein Vater ist mit Irma verheiratet, deren Tante damals in Deutschland geblieben ist.

E2:      Na also.

E1:      Aber die Tante, die damals im Westen geblieben ist, hieß gar nicht Ottilie. Sie hieß Eugenie und war mit dem Eugen, den du meinst über ein paar Ecken sogar verwandt, die beiden Urgroßväter haben vor 1941, vor der Vertreibung im selben Dorf in der Ukraine gelebt, im Saporoshje, bei Dnipropetrovsk. Sie waren Cousins zweiten Grades.

E2:      Welche Cousins denn?

E1:      Na, Otto Schatz und Eugen Schatz, der Bruder von Harold.

E2:      Aber dann hast du den richtigen Eugen doch gefunden!

E1:      Nunja, den einen Cousin haben doch die vom NKWB geholt, noch unter Stalin.

E2:      Ja genau! Und seine Frau und die Kinder…

E1:      Seine Frau und die Kinder sind damals nach Archangelsk verschleppt worden. Und einer der Söhne hat nach der Kommandatur Ingenieur studiert, in Karaganda. Das war der Großvater vom Eugen Schatz, dem Bruder von Otto und dem Albert. Aber dieser Eugen, der konnte deine Anlage nicht genommen haben.

E2:      Und warum denn nicht?

E1:      Na sie sagen, dass dieser Eugen, der wo in Karaganda gelebt hat, Epileptiker war und noch bevor er dreißig war, in den Brunnen gefallen ist.

E2:      Ja, ja, die Brunnen von Karaganda sind schon tief. Aber was macht ihr denn jetzt ohne Lichtmaschine?

E1:     Ich habe sie schon woanders geliehen. Von dem Cousin von Eugen, der in den Brunnen gefallen ist, Otto.

E2:      Dem Otto Schatz, der LKW Fahrer ist und der mit Larissa verheiratet ist?

E1:      Ja genau dem. Kennst du ihn?

E2:      Klar, das ist ein Cousin von mir. Der Sohn von meinem Onkel Albert.

E1:      Du bist auf jeden Fall zur Party eingeladen. Die ist am kommenden Samstag, dem 20sten. Kommst du?

E2:     Da kann ich nicht. Da bin ich schon eingeladen. Beim Eugen. Eugen Schatz, der mit…

E1:      Äh. Jetzt komm ich nicht mehr mit. Also dann, Paka.

E2:      Ja dann, Paka. Und viel Spaß!

Integrationstest (Beta)

Bin ich gut integriert?

Bei aussiedler.blogspot.de kann jeder Aussiedler (und auch jeder Nicht-Aussiedler) den ultimativen Integrationstest machen. Ich habe ihn schon hinter mir und musste schmunzeln. Beim ersten Mal habe ich es  noch auf eine Prozentzahl von über 80 geschafft. Aber heute bin ich nur bis 42 % gekommen. Fast schon ein Grund, wieder auszuwandern.

Wenn man auf der Page landet, einfach nach oben scrollen, der Test ist der erste Text der Seite.

Ganze 15 Fragen zeigen an, ob man in Deutschland angekommen ist. Das ist eine einmalige Gelegenheit, auch für sogenannte Hiesige, mal zu prüfen, wie deutsch sie eigentlich sind.

Der blog ist einige Jahre alt, aber die Stories, die da noch drauf sind finde ich sehr erhellend und erheiternd.

Wer also außerdem wissen möchte wie …

– anno 2005 Gerhard Schröder Platz eins der Liste der berühmtesten Aussiedler belegte?

– ein gewitzter Aussieder fast eine neue Sprachreform angeschoben hätte?

– und Grigorij Samsonow sich über Nacht in einen Deutshcne verwandelt hat?

…kann sich auch die Geschichtensammlung durchlesen, die dem Integrationstest angeschlossen ist.

Lüstig.

Sonnenblumenkerne II

„Weißt du, Oljetschka“, sagt der Großvater und rührt mit dem Holzschaber in der alten ausgedellten Pfanne, „das mit den Menschen ist wie mit den Sonnenblumekernen.“

Sie stehen in der Küche ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung, Olja und der Opa, und der Opa röstet ihnen grade ein paar frische Sonnenblumenkerne auf dem Gasherd zurecht. Kerne mit schwarzer Schale. Das sind die besten. Und natürlich ohne Salz, aber mit einem Tropfen Öl, auf ukrainische Art.

„Nimm an, diese Sonnenblumenkerne, das sind wir alle. Ein Haufen miteinander. Manche dicker, manche dünner, größer oder kleiner. Und die Pfanne da, das ist die Welt, rund ist sie ja auch. Und unten in der Welt, wo es ganz heiß ist, da sammelt sich das ganze Leid. Mach mal das Fenster auf,  mein Täubchen, die Schalen fangen schon an zu schmaucheln, gleich sind sie fertig.“

Olja steigt auf den Taburet, einen schmalen hohen Hocker und öffnet vom Fenster, das kleine obere Teil. Fortatschka genannt. Die Schwaden der gerösteten Kerne vermischen sich mit der Frühlingsluft.

„Der Holzlöffel hier“, fährt der Großvater fort, „ist was uns umtreibt. Was eben so mit einem passiert. Die Hand des Schicksals oder eben der Ukas von Väterchen Stalin. Der Löffel rührt in der Pfanne, damit alle was von der Hitze des Bodens abbekommen und gut werden. Damit nicht einige unten ausharren und verbrennen und die anderen roh bleiben, denn du weißt ja mein Täubchen, wer rohe Sonnenblumenkerne knuspert, kriegt leicht Bauchweh, hat dir deine Mama das schon erzählt?“

„Ja, das weiß ich doch Opa“, sagt Olja.

„Ach, mein Täubchen, du fragst dich doch sicher, wann Onkelchen Stalin mir Sonnenblumenkerne geröstet hat? Das ist nur so ein Beispiel. So wie in der Pfanne geht’s drunter und drüber in der Welt, die einen kommen hinter Stacheldraht und die anderen auf einen hohen Posten. Denn wie gut ich auch rühre, ich kann nicht gleichmäßig alle anrösten. Das ist eben Schicksal. Manche bleiben länger unten am Boden, sie werden zu stark gebraten, verkohlen. Und andere sind kaum angeröstet, fast weiß. Mia esse sie trotzdem, gell Oljenka“,  fügt er auf deutsch hinzu.

„Schau Opa“, ruft sie und zeigt mit ihrem Fingerchen in die Pfanne, „dieser Kern da bist du und dieser bin ich!“

„Genau, und bei meinem Glück lande ich öfter und länger unten, wo es richtig heiß ist. Jeder kriegt sein Los ab, aber siehst du, manche eben mehr, und andere bleiben verschont. So wie du.“

„Warum?“

„Weil du mein Augapfel bist, Oljenka.“

„Kann ich den schon jetzt haben, Opa, meinen, ich will ihn schon knacken, bitte!“

„Hier, warte“, er fischt ihn vorsichtig raus, bevor er noch wegflutscht, „dein Kern, der soll vom Feuer nicht zu viel abbekommen.“

Die Mutter schaut rein, „Hu, Vater, wie ist es verraucht, und wie es stinkt, was bringst du Olga eigentlich bei? Sonnenblumenkerne knacken doch nur die alten Omas auf den Bänken vor den Häusern. Und gesund ist das doch auch nicht .“ Sie geht ans Fenster und reißt noch ein Fensterchen auf.

„Ach lass, Lenotschka, lass uns doch, wenns ihr schmeckt. Weißt du mein Täubchen“, sagt der Opa und kippt die Ladung Sonnenblumenkerne auf eine Zeitung zum Abkühlen, „das Feuer ist aber auch wichtig, nur wenn sie genug Hitze abbekommen, die Kerne, schmecken sie uns doch.“

Kriegskinder und Kriegsenkel – die Bücher von Sabine Bode

Wer sich in unserem Land mit Kriegstraumata beschäftigt, kommt an der Kölner Autorin Sabine Bode nicht vorbei. Mit ihren Büchern „Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ und „Kriegsenkel – Erben der vergessenen Generation“ hat sie vor einigen Jahren die Diskussion um die langen Schatten des Zweiten Krieges angestoßen.

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Kinder bei der Essensausgabe. Ein Foto aus Oriannes Fund

Laut Bode haben Forscher herausgefunden, dass von den Betroffenen, rund ein Viertel das Erlebte nach kurzer Zeit verarbeitet hat, eine Hälfte nach einer längeren Zeit und ein Viertel unter immer wiederkehrenden Schüben leidet, die das Leben beeinträchtigen. Und von den Nachkommen lebt ebenfalls ein Teil störungsfrei. Doch ein Prozentsatz ist da, der doch was abgekriegt hat. Über die Verhaltensmuster in der Eltern-Kind-Beziehung. Über Kanäle, die nichts mit Erziehung und der Weitergabe von Geschichten zu tun haben.

Nein, am eigenen Leib haben wir, die danach geboren sind, nichts von den Schrecken des Krieges mitbekommen. Aber es gibt Mechanismen, die bewirken, dass die Gespenster der Vergangenheit noch nach Generationen in einer Familie nachhallen. Besonders wenn ein Teppich des Schweigens darüber gebreitet wurde,  so beschreibt es die Autorin in ihrem Buch.

Es sind Ängste, Blockaden, die aus heiterem Himmel auftauchen, unerklärliche Verhaltensweisen, bei manchen sogar chronische Krankheiten und wiederkehrende Alpträume vom Krieg. Bei der Lektüre des Buches über die Kriegsenkel habe ich oft gemerkt, denen geht’s wie mir. Nicht die Alpträume, davon werde ich verschont. Sie stehen sich oft im Weg. Genauso wie ich. Sie haben Angst, Fehler zu machen. Weil innerlich so ein Verbot herrscht falsche Entscheidungen zu treffen, denn in der Vergangenheit haben sich kleine Fehlentscheidungen als fatale Fehler erwiesen.

Vielleicht kann ich nicht alles, was in meinem Leben schiefläuft, darauf zurückführen ein Kriegsenkel zu sein, aber allein die Lektüre, hat schon zu so manchem Aha-Erlebnis geführt. Es hilft mir, mich mit Wohlwollen zu betrachten, wo ich mir früher Vorwürfe gemacht habe. Ich bin nicht allein. Ich muss nicht drüberbügeln und funktionieren. Denn da sind Leerstellen in meiner Seele, die hindern mich daran, vorwärts zu gehen. Es hat sich was eingenistet auch wenn die Geschichten von damals mehr als vage bleiben. Und ich bin nicht die Verursacherin, in mir wirkt sich aus, was da nicht hingehört.

Bei einem Vortrag von Sabine Bode habe ich mich einmal gemeldet und gefragt, ob sie auch was zu Russlanddeutschen und deren Kindern gemacht hat, genug unverarbeitetes Trauma wäre da ja vorhanden.

Doch leider meinte sie, sie habe sich noch nicht damit befasst und es wäre auch nicht ihre Aufgabe. Ich habe sie damals so verstanden, dass die Schicksale und Lebenswege dieser Menschen so weit entfernt sind von dem, womit sie sich auskennt. Sie ist bewandert in der bundesrepublikanischen und deutschen Geschichte und es wäre schon schwierig gewesen, die Bürger der ehemaligen DDR in das Projekt einzubinden. Und Russland, das würde ja ein ganz neues Fass aufmachen und darum müsste sich jemand anderes kümmern.

Schade. Ich glaube, dass man viele von den Phänomenen, die sie schildert, übertragen kann. Wenn auch nicht alle. Die starke Familienbindung unter den Deutschen aus Russland ist sicher einer der  Unterschiede. Denn die sogenannte schwarze Pädagogik der Johanna Harrer hat es nicht bis über den Ural geschafft. Es wäre auf jeden Fall spannend, das weiter zu verfolgen.