Wieder so ein Eugen

Es ist so, dass viele Aussiedler ganz andere Vornamen haben als die Leute hier. Die älteren ganz altertümliche, wie Melitta oder Waldemar, die jüngeren welche, die aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt wurden und ebenso altbacken klingen. So trifft man also 20ig-Jährige, die Walter heißen oder eben Eugen. Da Evgenij ein sehr beliebter Name in Russland war und ist, nicht nur wegen Eugen Onegin (von Puschkin), taucht dieser Name, der in Deutschland sogar nicht flott klingt, ganz oft bei Russlanddeutschen auf. Immer wenn es eine Gruppe Aussiedler gibt, ist mindestens ein Eugen dabei. Zu dem Themengebiet „Eugen“ hat der junge Fotograf  Eugen Litwinow übrigens eine wunderbare Serie und ein Buch gemacht.

In Anlehnung an Eugène Ionesco (wieder so ein Eugen) und sein absurdes Theater habe ich dazu auch einen Dialog entwickelt:

E1:      Hallo, Eugen?

E2:      Ja, wer spricht da?

E1:      Hier ist auch der Eugen, Eugen Schatz.

E2:      Dem Harold Schatz sein Sohn?

E1:      Nein, dem Bruno sein Sohn.

E2:      Ach, der Eugen, was kann ich für dich tun?

E1:      Wir machen da doch eine Party, und Eugen, der Bruder vom Albert, hat gesagt, du hast noch eine Lichtmaschine da, die würden  wir uns gern ausleihen.

E2:      Das stimmt, ich habe mir eine Anlage gekauft, aber ich hab sie nicht hier, ich habe sie verliehen.

E1:      Ach, an wen denn?

E2:      Na, an den Eugen, Eugen Schatz.

E1:      An den Sohn von Harold?

E2:      Nein, an Eugen, den Sohn von Albert.

E1:      Der Albert, der wo mit der Valli verheiratet ist?

E2:      Nein, der wo mit der Irma verheiratet ist, weißt du, aus Karaganda. Deren Tante Ottilie damals nach dem Krieg in Deutschland geblieben ist.

E1:      Ach der, den ruf ich gleich an.

Zwei Stunden später…

E1:      Hallo, hier ist der Eugen, der mit der Lichtmaschine.

E2:      Ach du, gut dass du anrufst. Da rief vorhin so ein Eugen an, der wollte sie sich ausleihen.

E1:      Nein, nein, ich bins, der Eugen, der gestern angerufen hat und eine haben wollte, Eugen Schatz.

E2:      Ach so, DER Eugen!

E1:      Ja, du hast doch gesagt, Eugen hat die Lichtmaschine, der andere Eugen Schatz.

E2:      Ja.

E1:      Dem Albert Schatz sein Sohn, der mit der Irma verheiratet ist.

E2:      Ja, das habe ich, was ist denn mit ihm. Hat er die Anlage nicht mehr?

E1:      Nein, dieser Eugen kennt dich gar nicht.

E2:      Na, sowas. Aber ist das nicht der Eugen Schatz aus Karaganda, der Schlosser ist und einen Bruder hat, der Albert und einen, der Otto heißt? Und sein Vater, Albert ist mit der Irma verheiratet, deren Tante damals nach dem Krieg in Deutschland geblieben ist.

E1:      Doch, er hat wohl einen Bruder der Albert heißt und einen der Otto heißt und sein Vater ist mit Irma verheiratet, deren Tante damals in Deutschland geblieben ist.

E2:      Na also.

E1:      Aber die Tante, die damals im Westen geblieben ist, hieß gar nicht Ottilie. Sie hieß Eugenie und war mit dem Eugen, den du meinst über ein paar Ecken sogar verwandt, die beiden Urgroßväter haben vor 1941, vor der Vertreibung im selben Dorf in der Ukraine gelebt, im Saporoshje, bei Dnipropetrovsk. Sie waren Cousins zweiten Grades.

E2:      Welche Cousins denn?

E1:      Na, Otto Schatz und Eugen Schatz, der Bruder von Harold.

E2:      Aber dann hast du den richtigen Eugen doch gefunden!

E1:      Nunja, den einen Cousin haben doch die vom NKWB geholt, noch unter Stalin.

E2:      Ja genau! Und seine Frau und die Kinder…

E1:      Seine Frau und die Kinder sind damals nach Archangelsk verschleppt worden. Und einer der Söhne hat nach der Kommandatur Ingenieur studiert, in Karaganda. Das war der Großvater vom Eugen Schatz, dem Bruder von Otto und dem Albert. Aber dieser Eugen, der konnte deine Anlage nicht genommen haben.

E2:      Und warum denn nicht?

E1:      Na sie sagen, dass dieser Eugen, der wo in Karaganda gelebt hat, Epileptiker war und noch bevor er dreißig war, in den Brunnen gefallen ist.

E2:      Ja, ja, die Brunnen von Karaganda sind schon tief. Aber was macht ihr denn jetzt ohne Lichtmaschine?

E1:     Ich habe sie schon woanders geliehen. Von dem Cousin von Eugen, der in den Brunnen gefallen ist, Otto.

E2:      Dem Otto Schatz, der LKW Fahrer ist und der mit Larissa verheiratet ist?

E1:      Ja genau dem. Kennst du ihn?

E2:      Klar, das ist ein Cousin von mir. Der Sohn von meinem Onkel Albert.

E1:      Du bist auf jeden Fall zur Party eingeladen. Die ist am kommenden Samstag, dem 20sten. Kommst du?

E2:     Da kann ich nicht. Da bin ich schon eingeladen. Beim Eugen. Eugen Schatz, der mit…

E1:      Äh. Jetzt komm ich nicht mehr mit. Also dann, Paka.

E2:      Ja dann, Paka. Und viel Spaß!

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Integrationstest (Beta)

Bin ich gut integriert?

Bei aussiedler.blogspot.de kann jeder Aussiedler (und auch jeder Nicht-Aussiedler) den ultimativen Integrationstest machen. Ich habe ihn schon hinter mir und musste schmunzeln. Beim ersten Mal habe ich es  noch auf eine Prozentzahl von über 80 geschafft. Aber heute bin ich nur bis 42 % gekommen. Fast schon ein Grund, wieder auszuwandern.

Wenn man auf der Page landet, einfach nach oben scrollen, der Test ist der erste Text der Seite.

Ganze 15 Fragen zeigen an, ob man in Deutschland angekommen ist. Das ist eine einmalige Gelegenheit, auch für sogenannte Hiesige, mal zu prüfen, wie deutsch sie eigentlich sind.

Der blog ist einige Jahre alt, aber die Stories, die da noch drauf sind finde ich sehr erhellend und erheiternd.

Wer also außerdem wissen möchte wie …

– anno 2005 Gerhard Schröder Platz eins der Liste der berühmtesten Aussiedler belegte?

– ein gewitzter Aussieder fast eine neue Sprachreform angeschoben hätte?

– und Grigorij Samsonow sich über Nacht in einen Deutshcne verwandelt hat?

…kann sich auch die Geschichtensammlung durchlesen, die dem Integrationstest angeschlossen ist.

Lüstig.

Sonnenblumenkerne II

„Weißt du, Oljetschka“, sagt der Großvater und rührt mit dem Holzschaber in der alten ausgedellten Pfanne, „das mit den Menschen ist wie mit den Sonnenblumekernen.“

Sie stehen in der Küche ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung, Olja und der Opa, und der Opa röstet ihnen grade ein paar frische Sonnenblumenkerne auf dem Gasherd zurecht. Kerne mit schwarzer Schale. Das sind die besten. Und natürlich ohne Salz, aber mit einem Tropfen Öl, auf ukrainische Art.

„Nimm an, diese Sonnenblumenkerne, das sind wir alle. Ein Haufen miteinander. Manche dicker, manche dünner, größer oder kleiner. Und die Pfanne da, das ist die Welt, rund ist sie ja auch. Und unten in der Welt, wo es ganz heiß ist, da sammelt sich das ganze Leid. Mach mal das Fenster auf,  mein Täubchen, die Schalen fangen schon an zu schmaucheln, gleich sind sie fertig.“

Olja steigt auf den Taburet, einen schmalen hohen Hocker und öffnet vom Fenster, das kleine obere Teil. Fortatschka genannt. Die Schwaden der gerösteten Kerne vermischen sich mit der Frühlingsluft.

„Der Holzlöffel hier“, fährt der Großvater fort, „ist was uns umtreibt. Was eben so mit einem passiert. Die Hand des Schicksals oder eben der Ukas von Väterchen Stalin. Der Löffel rührt in der Pfanne, damit alle was von der Hitze des Bodens abbekommen und gut werden. Damit nicht einige unten ausharren und verbrennen und die anderen roh bleiben, denn du weißt ja mein Täubchen, wer rohe Sonnenblumenkerne knuspert, kriegt leicht Bauchweh, hat dir deine Mama das schon erzählt?“

„Ja, das weiß ich doch Opa“, sagt Olja.

„Ach, mein Täubchen, du fragst dich doch sicher, wann Onkelchen Stalin mir Sonnenblumenkerne geröstet hat? Das ist nur so ein Beispiel. So wie in der Pfanne geht’s drunter und drüber in der Welt, die einen kommen hinter Stacheldraht und die anderen auf einen hohen Posten. Denn wie gut ich auch rühre, ich kann nicht gleichmäßig alle anrösten. Das ist eben Schicksal. Manche bleiben länger unten am Boden, sie werden zu stark gebraten, verkohlen. Und andere sind kaum angeröstet, fast weiß. Mia esse sie trotzdem, gell Oljenka“,  fügt er auf deutsch hinzu.

„Schau Opa“, ruft sie und zeigt mit ihrem Fingerchen in die Pfanne, „dieser Kern da bist du und dieser bin ich!“

„Genau, und bei meinem Glück lande ich öfter und länger unten, wo es richtig heiß ist. Jeder kriegt sein Los ab, aber siehst du, manche eben mehr, und andere bleiben verschont. So wie du.“

„Warum?“

„Weil du mein Augapfel bist, Oljenka.“

„Kann ich den schon jetzt haben, Opa, meinen, ich will ihn schon knacken, bitte!“

„Hier, warte“, er fischt ihn vorsichtig raus, bevor er noch wegflutscht, „dein Kern, der soll vom Feuer nicht zu viel abbekommen.“

Die Mutter schaut rein, „Hu, Vater, wie ist es verraucht, und wie es stinkt, was bringst du Olga eigentlich bei? Sonnenblumenkerne knacken doch nur die alten Omas auf den Bänken vor den Häusern. Und gesund ist das doch auch nicht .“ Sie geht ans Fenster und reißt noch ein Fensterchen auf.

„Ach lass, Lenotschka, lass uns doch, wenns ihr schmeckt. Weißt du mein Täubchen“, sagt der Opa und kippt die Ladung Sonnenblumenkerne auf eine Zeitung zum Abkühlen, „das Feuer ist aber auch wichtig, nur wenn sie genug Hitze abbekommen, die Kerne, schmecken sie uns doch.“

Kriegskinder und Kriegsenkel – die Bücher von Sabine Bode

Wer sich in unserem Land mit Kriegstraumata beschäftigt, kommt an der Kölner Autorin Sabine Bode nicht vorbei. Mit ihren Büchern „Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ und „Kriegsenkel – Erben der vergessenen Generation“ hat sie vor einigen Jahren die Diskussion um die langen Schatten des Zweiten Krieges angestoßen.

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Kinder bei der Essensausgabe. Ein Foto aus Oriannes Fund

Laut Bode haben Forscher herausgefunden, dass von den Betroffenen, rund ein Viertel das Erlebte nach kurzer Zeit verarbeitet hat, eine Hälfte nach einer längeren Zeit und ein Viertel unter immer wiederkehrenden Schüben leidet, die das Leben beeinträchtigen. Und von den Nachkommen lebt ebenfalls ein Teil störungsfrei. Doch ein Prozentsatz ist da, der doch was abgekriegt hat. Über die Verhaltensmuster in der Eltern-Kind-Beziehung. Über Kanäle, die nichts mit Erziehung und der Weitergabe von Geschichten zu tun haben.

Nein, am eigenen Leib haben wir, die danach geboren sind, nichts von den Schrecken des Krieges mitbekommen. Aber es gibt Mechanismen, die bewirken, dass die Gespenster der Vergangenheit noch nach Generationen in einer Familie nachhallen. Besonders wenn ein Teppich des Schweigens darüber gebreitet wurde,  so beschreibt es die Autorin in ihrem Buch.

Es sind Ängste, Blockaden, die aus heiterem Himmel auftauchen, unerklärliche Verhaltensweisen, bei manchen sogar chronische Krankheiten und wiederkehrende Alpträume vom Krieg. Bei der Lektüre des Buches über die Kriegsenkel habe ich oft gemerkt, denen geht’s wie mir. Nicht die Alpträume, davon werde ich verschont. Sie stehen sich oft im Weg. Genauso wie ich. Sie haben Angst, Fehler zu machen. Weil innerlich so ein Verbot herrscht falsche Entscheidungen zu treffen, denn in der Vergangenheit haben sich kleine Fehlentscheidungen als fatale Fehler erwiesen.

Vielleicht kann ich nicht alles, was in meinem Leben schiefläuft, darauf zurückführen ein Kriegsenkel zu sein, aber allein die Lektüre, hat schon zu so manchem Aha-Erlebnis geführt. Es hilft mir, mich mit Wohlwollen zu betrachten, wo ich mir früher Vorwürfe gemacht habe. Ich bin nicht allein. Ich muss nicht drüberbügeln und funktionieren. Denn da sind Leerstellen in meiner Seele, die hindern mich daran, vorwärts zu gehen. Es hat sich was eingenistet auch wenn die Geschichten von damals mehr als vage bleiben. Und ich bin nicht die Verursacherin, in mir wirkt sich aus, was da nicht hingehört.

Bei einem Vortrag von Sabine Bode habe ich mich einmal gemeldet und gefragt, ob sie auch was zu Russlanddeutschen und deren Kindern gemacht hat, genug unverarbeitetes Trauma wäre da ja vorhanden.

Doch leider meinte sie, sie habe sich noch nicht damit befasst und es wäre auch nicht ihre Aufgabe. Ich habe sie damals so verstanden, dass die Schicksale und Lebenswege dieser Menschen so weit entfernt sind von dem, womit sie sich auskennt. Sie ist bewandert in der bundesrepublikanischen und deutschen Geschichte und es wäre schon schwierig gewesen, die Bürger der ehemaligen DDR in das Projekt einzubinden. Und Russland, das würde ja ein ganz neues Fass aufmachen und darum müsste sich jemand anderes kümmern.

Schade. Ich glaube, dass man viele von den Phänomenen, die sie schildert, übertragen kann. Wenn auch nicht alle. Die starke Familienbindung unter den Deutschen aus Russland ist sicher einer der  Unterschiede. Denn die sogenannte schwarze Pädagogik der Johanna Harrer hat es nicht bis über den Ural geschafft. Es wäre auf jeden Fall spannend, das weiter zu verfolgen.

Oriannes Fund

Da ist eine Frau. Orianne. Sie geht auf den Flohmarkt und findet Alben mit alten Schwarzweißfotos, die deutsche Wehrmachtsangehörige in den Jahren 1941 bis 1943 größtensteils an der Ostfront gemacht haben. Viele sind in der Ukraine oder in Ostpolen aufgenommen worden. Sie digitalisiert sie und fängt an, sie am Computer zu kolorieren. Sie stellt die Bilder für alle einsehbar auf einer Geschichts-Webpage zur Verfügung. Unzählige Bilder sind es, so kommts mir vor.

1941 Ostfront Russland

Menschen vor Holzhäusern. Frauen mit Kopftuch, die Männer in ihren langen Hemden. Furashki, oder wie heißen sie noch mal, diese typischen Schirmmützen?

Bauernmädchen in bestickter Schürze, barfuß. Ganz viele einfach barfuß. Auch im Winter. Manchmal sehen sie westlicher, weniger russisch oder ukrainisch aus. Männer, die in einer Schlange stehen neben einem Lastwagen. Männer im Unterhemd beim Kartoffelschälen, im Hintergrund ein Akordionspieler. Dann welche mit Aluminiumschüsseln in der Hand. Essensausgabe? Sind es  deutsche Soldaten, doch was machen die Kinder dazwischen, mit Hosenträgern, neugierig. Diese Bilder lösen bei mir viele Fragen aus. Jedes einzelne erzählt eine Geschichte. Aufnahmen von entspannten Menschen, Kindern, die in die Kamera lächeln. Romakinder, polnische Dorfjungs, ukrainische Bauernkinder. Wenn man näher ranzoomt, ist die Kleidung zerschlissen, es gibt Löcher und fleckige Stellen.Wenn ich mich doch besser auskennen würde mit den Uniformen, wie die Menschen damals in Polen oder in Weißrussland ausgesehen haben. Bestimmt kann man anhand der Kleidung und der Details viel herauslesen.
Ich kann die Bilder einfach nur aufnehmen und mit vorstellen, wie es damals war. Abseits der Front. In den Pausen. In den ganz normalen alltäglichen Szenen, die es auch gegeben hat in jenen Jahren. Unheimlich finde ich diese Bilder und irgendwie tröstlich. So seltsam banal.

Vielleicht, wenn diese Bilder verbreitet werden, erkennt jemand wen darauf. Das wäre doch ein Hammer. Ein zufälliger Fund auf dem Flohmarkt und jemand siehts sich im Internet an und sagt, hey, das Foto das haben wir auch, das ist doch Edik.

Danke Orianne, dass du das mit uns teilst! Hier ist nur eine kleine sehr willkürliche Auswahl. Es war nicht das letzte Mal, dass ich deine Sammlung besucht habe!

Hier noch mal der Link: http://geschichte-wissen.de/blog/bilder-der-zivilbevoelkerung-an-der-ostfront-1941/

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1941 Polen

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das ist unterschrieben mit: auf der Flucht
1941 Russische Bevölkerung tanzt
1941 Russland
1941 Russland September
was schreibt er da?
Russland 1941 Bahnhof
Bevölkerung, die am Bahnhof Nahrungsmittel eintauscht.
1941 Sologubowka St Petersburg Leningrad Russland
1941 bei Leningrad

1941 Ostfront Weissrussland

30
Diese Kinder sehen aus, als wären sie unterwegs. Flucht?

Ohne Wurzeln kann ich fliegen

Das Wort Heimat versuche ich weitestgehend zu vermeiden. In meinen Gesprächen mit Freunden aber auch hier. Ich glaube, in den knapp 30 Beiträgen, die ich hier reingesetzt habe, fehlt es bisher völlig. Und dennoch kreist mein Schreiben genau um dieses Thema. Das Wort Heimat versuche ich zu vermeiden, weil es nicht salonfähig ist, darüber zu reden. Klingt sehr nach Blut und Boden und Volkstümelei. Außerdem ist mein Bezug dazu so komplex. Das kann nicht nicht in einen Stadt-Land-Fluss-Begriff kleiden.
Wo ich herkomme, ist klar. Omsk, Stadt mit O und drei Konsonanten, der Ort, den ich mit acht verlassen habe. An der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irschysch gelegen. Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja. Es ist eben nicht nur die Erde, die Luft und das Wetter. Es ist die Sprache, die Kinderfilme und die Träume, in die man eingebunden ist, wenn alle schlafen. Das färbt ab. Birkensaft trinken. Pelmeni essen. Das geht in deine Stofflichkeit über. Ohne Zweifel.

Ist die Ukraine, in die ich nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber die Hälfte meiner Ahnen herkommt, meine Heimat? Der Flecken Erde, von dem sie fliehen mussten, lange bevor ich geboren wurde?

Ist denn das Rheinland, in dem ich meine zweite Kindheit verbracht habe, meine Heimat geworden? Ich habe mich dort lange fremd gefühlt, wie zu Besuch. Erst seit dem ich im Norden bin, kommt sowas auf wie ein sich Wiederspiegeln in der Landschaft, in der Stadt in der ich lebe und in den Menschen hier. Vielleicht hat es einfach seine Zeit gebraucht, vielleicht passe ich einfach besser hierher.

Ich durfte lange Zeit nicht zeigen, dass ich meine Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue/alte Heimat meiner Familie einfügen. Heimat war immer Deutschland, nie Russland. Zuhause war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa ich? Klingt nach einem schlimmen Bazillus.

„Herr Doktor, Herr Doktor, ich bin russifiziert, was soll da ich bloß machen?“
„Nehmen Sie die gesammelten Werken von Goethe, vielleicht noch einen Schiller dazu, legen Sie sich damit ins Bett und wenn Sie durch sind, geht es Ihnen schon viel besser. Und nicht vergessen, viel trinken.“

Wenn das so einfach wäre.

Das Gewesene über Bord schmeißen. Einen Cut machen. Sich neu erfinden. Hat auch was für sich. Sich anzupassen, das Neue anzunehmen und sich zu eigen zu machen.

Im April diesen Jahres wurde die Autorin Yasmina Reza auf NDR Kultur nach ihrem Umgang mit ihrer Herkunft gefragt. Sie hat geantwortet, ohne Wurzeln bin ich leichter, ohne sie kann ich fliegen. Und sie muss wissen, wovon sie redet, sie schöpft aus so vielen Kulturen, hat mit iranischen, ungarischen und jüdischen Wurzeln in Frankreich lebend, einen recht vielfältigen Stammbaum. Sie lässt sich aber nicht davon beirren. Sie macht sich frei davon. Bewundernswert.

Ich habe die Leichtigkeit, von der Reza erzählt, nie erlangt. Ich habe mich verstellt und so getan, als würde ich dazugehören, hätte dieselben Sendungen gesehen, dieselben Spiele gespielt und die selben Eissorten gegessen.

„Habt ihr gesehen, Dolomiti gibt’s wieder beim Kiosk“, und derjenige, der das sagt, kriegt so ein „Ach, wie schön war diese Zeit“-Glitzern in den Augen. Sehnsucht nach dem Land der Kindheit. Doch das ist ebenfalls vorbei. Auch wenn die Menschen oft Splitter aus dieser Zeit zu bewahren suchen. Ein Nickihemdchen hier, ein Lurchi-Buch da und eben den Geschmack von 70iger Eiskreme. Was wäre aber, wenn man ihnen verbieten würde, jemals wieder über Dolomiti und Lurchi und Sesamstraße zu reden?

Ich entleihe mir Heimaten. Lasse mir von einer Freundin Bönnsch beibringen und freue mich, wenn ich den Dialekt in der Straßenbahn wiedererkenne. Ich rede über Miss Piggy und Kermit den Frosch, als wäre ich mit ihnen aufgewachsen, anstatt sie erst mit spät kennenzulernen, wenn man für sowas eigentlich schon zu alt ist.

Mir hat es nicht bekommen, mich entwurzelt zu fühlen. Entwurzelt zu werden. Das ist ein Fakt. Aber ich bin angekommen. Ich habe mich angepasst, habe schnell aufgeholt und angefangen, mich heimisch zu fühlen. So gut es eben ging.

Ich weiß nicht, ob mir das zusteht. Aber wenn ich die flache Landschaft im Norden sehe, den tiefen Himmel, die windgebeugten Bäume, dann erlebe ich eine stille Freude und Liebe, die dem Begriff Heimatgefühl wohl am nähesten kommt. Aber ebenso geht es mir, wenn ich die verschneiten Ebenen der sibirischen Steppen sehe. Auf Arte TV.

In Neuseeland, das habe ich kürzlich gelernt, stellen sich die Menschen einander so vor: Mein Name ist …, mein Fluß heißt …, mein Berg ist der …, meine Eltern sind …. und mein Stamm ist…. . Diesen Bezug zur Landschaft und zu den Ahnen finde ich sehr poetisch. Doch können wir, die wir buntgemischt sind und an mindestens drei Orten sozialisiert wurden uns über simple Gebietsmarkierungen definieren? Mein Fluss ist, tja, welcher bloß?

Mein Name ist X, die Grenzen, die ich überschritten habe waren diese, die Städte, die ich bewohnt habe, sind jene, die Menschen, die mich geprägt haben heißen, die Kunstwerke, aus denen ich mich speise sind folgende, die Musik, die mich trägt ist die, die Bücher, die mich haben nachdenken lassen sind jene.

Vielleicht kann ich meinen Begriff von Heimat, im Sinne von Identität, auf diese Weise erweitern. Mich hat der Boden geprägt, auf dem ich geboren bin und die beiden Kulturen, die mich aufgenommen haben. Aber beheimatet und verwurzelt bin ich in noch vielen anderen. Und mit diesen Luftwurzeln kann ich vielleicht doch noch fliegen. Eines Tages.

In Tolstojs Schatten

Lew Tolstoj hätte heute Geburtstag gehabt. Seinen 186. Aber eigentlich möchte ich über seine Frau schreiben: Sofja Andrejewna Tolstaja, geb. Behrs.

Aber nicht weil sie deutscher Abstammung ist, auch wenn das in diesen blog passen würde. Sondern weil sie ihre große Begabung nicht ausleben konnte. Nicht in der Zeit und nicht mit diesem Mann. Obwohl oder vielleicht grade weil, er doch selbst Schriftsteller war. Und auch heute verschwindet sie völlig hinter dem Rücken ihres Tolstojs. Steht in seinem Schatten. Taucht nur am Rande in ihrer Rolle als keifende Chimäre auf.

Habe  vor einigen Wochen ihre Biografie gelesen und meine Aufzeichnungen von damals verlegt. Aber einiges weiß ich noch.

Übrigens gibt es da noch einen wundervollen Film über die beiden Eheleute: Ein russischer Sommer, von 2009, in den Hauptrollen Christopher Plummer und Hellen Mirren. Von Nichtrussen gedreht, dennoch sehenswert.

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Hellen Mirren in Ein russischer Sommer, von Michael Hoffmann

Sie war sehr begabt, viel jünger als ihr Mann und war über lange Zeit diejenige, die seine krakelige Schrift entziffert und ins Reine geschrieben hat, die für Struktur gesorgt hat in seinen Romanen wie im Haushalt. Alle zwei Jahre wurde sie schwanger. Viele Kinder hat sie verloren. Und sich am Ende von ihrem Mann, der der materiellen Welt und dem Reichtum den Rücken gekehrt hatte, anhören müssen, sie wäre darin verhaftet. Aber er hat ihr alle verlegerischen Geschäfte und alles was mit dem Haus und den Finanzen zu tun hatte, übertragen. Um frei zu sein, um sich nicht zu belasten. Ich weiß, er gehört für seine aufwieglerischen Gedanken geehrt. Aber ich finde es einfach bigott. Na gut, er hat sich bäurisch gekleidet, mit diesem Hamd und einem Strick. Und hat auch für sich selbst gekocht und hat so ärmlich gelebt, wie er gepredigt hat. Nur auf den Pudding, auf den mochte er nicht verzichten.

Zwei Romane und eine Briefsammlung sind von Sofia Andrejewna Tolstaja erschienen. Und die bereits erwähnte Biografie von Ursula Keller vor fünf Jahren.

Beim Lesen habe ich Bezüge geschaffen. Ahninnen von mir haben zeitgleich gelebt. Auf der russischen Seite könnte es sogar sein, im selben Ort. Teilweise zumindest. Denn dort, wo die Tolstojs ihr Sommerhaus hatten, in Samara, kam die Familie meines russischen Großvaters Nikolai her. Er wurde 1891 dort geboren. Und in dem Buch über Sofja Andrejewna, heißt es, genau in dem Jahr herrschte in Samara eine Hungersnot und die adeligen Tolstojs, insbesondere Sofja Andrejewna, haben ausgeholfen. Mit Lebensmitteln und damit, dass sie selbst angepackt haben, öffentliche Speisung für die Bedürftigen organisiert. Geld gesammelt, aber auch selbst gekocht. Über Wochen. Vielleicht gab es da eine Berührung? Aber über diesen Teil meiner Familie weiß ich so gut wie gar nichts. Wer weiß, ob sie nicht doch zum gehobenen Bürgertum gehört haben oder zum Kleinbürgertum, der später so heftig verfolgt wurde? Es heißt, bis auf meinen Großvater und seine Schwester sind alle an der Cholera gestorben, als die beiden Geschwister noch Kinder waren. Aber ich habe gelernt, solchen Familiengeschichten zu mißtrauen.

Doch auch ohne diesen Schnittpunkt in Zeit und Raum, ich habe verstanden, dass selbst eine gut erzogene, intelektuell ihrem Mann in nichts nachstehende Frau demselben Schicksal unterworfen sein kann wie eine ärmliche Bäuerin. Denn Lew Tolstoj, vielleicht in seinem „zurück zur Natur getrieben sein“, lehnte Schwangerschaftsverhütung strikt ab. Also hieß es für seine Frau schwanger werden, sechzehn Mal insgesamt, gebären, stillen, wickeln, wieder schwanger werden und dann am Grab der Kinder stehen. Von den dreizehn Kindern, die Sofia Andrejewna lebend geboren hatte, erreichten acht das Erwachsenleben. Und dazwischen die Arbeit am Werk ihres Mannes. Korrekturen, Verleger, Steit um Tantiemen. Gut diese Sorgen hatten meine Urgroßmütter und Großmütter nicht. Aber dass sie alle zwei Jahre ein Kind zur Welt brachten, war wohl die Norm damals. Und wenn es Lücken gibt in der Orgelpfeiffenreihe der Kinder, dann kann es nur bedeuten, dass ein Kind gestorben ist. Später haben sie nicht in Samara, sondern in der Nähe von Omsk gelebt. Und die Winter dort können sehr streng sein. Ich weiß von meiner Mama, dass ihre Mutter ihr noch nicht mal im Sommer erlaubt hatte, sockenfrei durch die Wiese zu laufen. Sie hatte so große Angst vor Erkältungskrankheiten. Meine Mutter war das Nesthäkchen, das einzige Mädchen nach vier Brüdern. Sprich, das einzige Mädchen, dass überlebt hat. Auf einem Foto, das meine Mutter als junges Mädchen zeigt und die Großmutter mit Tuch an ihrer Seite, hält Oma Vera sie fest umklammert und schaut stolz in die Kamera, von wegen, seht, ich habe es geschafft, dieses Kind hat es geschafft, es hat überlebt.

Ich musste selbst im Sommer mit Strumpfhosen rumlaufen, egal wie weit im Schrank ich sie versteckt habe. Und meine Tochter ist von allen Kindern das am wärmsten angezogene. Wenn ich am Schulhof bin, laufen alle im T-Shirt und sie hat ihre Jacke an. Weil Mama, also ich, es gesagt hat. Es setzt sich fort.

Und ich bin erstaunt, dass ich den Bogen über mehr als 150 Jahre von Lew Tolstoj bis zu Strumpfhosen im Sommer spannen kann. Nun denn.

 

Der Trailer: