Sag doch was auf Russisch!

Sag doch mal was auf Russisch. Mit diesem Satz werde ich bis heute konfrontiert, sobald jemand erfährt, woher ich stamme. Und ich bin jedes Mal wie paralysiert und weiß nicht, was ich sagen soll. Fühl mich wie ein Äffchen auf einer Spielorgel, das für ein paar Münzen ein Tänzchen aufführen soll. Klingarassa Bumm!

Möglicherweise könnten mir Menschen mit Migrationshintergrund einen Tipp geben. Die kennen das sicher auch. Vielleicht haben sie sich im Laufe der Jahre einen Satz zurechtgelegt, den sie bei solchen Gelegenheiten hervorholen, ohne nachdenken zu müssen. In Mandarin dann: Langnasen sind hilflose Deppen. Oder: Wenn ein Deutscher dich fragt, sag doch was auf Chinesisch/Türkisch/Russisch/Spanisch, dann lächle weise.

Das wäre doch witzig. Oder einen Zungenbrecher oder ein Kinderlied. B trawe ssedel kusnetschik zum Beispiel. Oder ein Gedicht von Majakowskij. Leider kenn ich keins davon auswendig und mit meinen Stehgreifsätzen auf Russisch ist es auch nicht weit her. Die Sonne ist ähem. gelb und der Himmel, nun, blau. Warum sollte ich sowas sagen? Was erwarten die Leute? Wer das fragt, ist doof. Kto  tak spaschiwaet, Durak! Ich bin unhöflich. Jemand wollte einfach nur freundlich sein. Sich nett fühlen, weil er etwas gefragt hat, das dich betrifft. Wie anbiedernd das aber ist, das merken sie nicht. Dass sie dich auf das Einzige zurückwerfen, das dich von ihnen unterscheidet. Du bist fremd. Du gehörst nicht hierher. Aber ich sollte froh sein, dass das so subtil geschieht. Dass ich nicht eins mit dem Schürhaken übern Schädel kriege. Oder gesteinigt werde. Oder zusammengeschlagen, wie andere Mitbürger mit Migrationshintergrund. Da ist es noch annehmbar, dass du mitten in einem Gespräch umswitchen musst. Und auf dein Anderssein geworfen wirst.

Aber ich gebe zu, wenn wirkliches Interesse da ist und jemand fragt, wie war deine Kindheit dort, erzähl ich es gerne. Wenn sie unbedingt hören wollen, wie Russisch klingt, sollen sie sich eine Sprachkassette besorgen oder auf Youtube Nationalhymne Russland eingeben.

Ich weiß, was ich ab jetzt sagen werde: „Lübopittnoj Warware nos atarwali!“ (Der neugierigen Barbara haben sie die Nase abgerissen, das ist so ein Totschlagsatz für Kinder, oder gegen Kinder, im Sinne von: „Kinder mit Willen kriegen was auf die Brillen.“) Aber dann werden sie schlucken und mich für unhöflich halten.

Da war mal dieser arme Typ auf einer Party, ich stand mal ne halbe Stunde neben ihm. Zugegeben, er war sehr groß, aber alle paar Minuten, meinte jeder, wirklich jeder, der an ihm vorbeikam, fragen zu müssen, ob er nicht Probleme hätte, ein Bett zu finden, das groß genug ist, besonders auf Reisen. Mit dem selben Satzbau und derselben Satzmelodie sogar. Faszinierend. Das ist Ameisendenken. Aber jeder glaubt, er fragt es das erste und einzige Mal. Dass ihm ein origineller, witziger Satz eingefallen ist.

Ich muss mich jedenfalls immer fremd schämen, wenn Spanier gefragt werden, ob sie Flamenco tanzen. Oder zum Stierkampf Stellung beziehen sollen. Ich werde immer auf Wodka angesprochen, das ist auch nicht besser. Es gab Zeiten, da haben mir die Leute gesagt, ihr Traum wäre, mal mit der Transsib bis nach China zu fahren. Dann vor zehn Jahren kam der Satz , dass sie jemanden kennen, der das Mal gemacht hat. Neuerdings sind wohl alle, die das wollten, bereits mit der transsibirischen Eisenbahn unterwegs gewesen, und ich werde nur noch mit Wodka in Verbindung gebracht. Man sieht es mir wohl an, dass ich jeden Lastwagenfahrer unter den Tisch trinken kann. Früher habe ich gesagt, ich mag keinen Wodka, habe eine Diskussion über Vorurteile vom Zaun gebrochen oder gesagt, ich trinke lieber Rotwein. Schön trocken. Heute habe ich mir angewöhnt, feinsinnig zu lächeln und so zu tun, als könne ich unheimlich viel wegkippen. Genetisch bedingt. Ich kann auf Knopfdruck sogar einige andere Vorurteile über Russland und Russen bestätigen. Dann ist mein Gegenüber glücklich und wir können zu anderen Themen übergehen.

Nur einmal wars unangenehm. Der damalige Freund einer Freundin. Wir waren Mitte zwanzig und studierten noch, er war über dreißig und Koch. Er hat erzählt, in welchem schlimmen Zustand die Russen die Kasernen zurückgelassen haben, die aus dem ehemaligen Gebiet der DDR abgezogen worden sind. Das mag ja sein. Aber er hat noch weiter gemacht und erzählt: „Wenn die in den Westen kommen, dann gibt’s erst Mal nen Kulturschock. Und sie waschen ihre Kartoffeln in der Kloschüssel und freuen sich über das Fließendwasser darin.“ Ich konnte ihm nichts entgegnen, so sprachlos war ich. Aber es hat mich lange verfolgt, dass einer mir genau sowas erzählt, nachdem er erfährt, woher ich komme.

Wenn du dich im Ausland als Deutscher ausgibst, kommt immer was mit Hitler. Oft erschreckend positiv besetzt.  Nach dem Motto: Das war noch einer, der Ordnung geschaffen hat. Also was Vorurteile angeht, sind die anderen Menschen nicht besser. In den USA hat eine Frau ganz langsam und laut angefangen auf mich einzureden, als ob ich auf diese Weise besser verstehe, was sie meint.

Ich kann mir im Ausland aussuchen, ob ich mich lieber als Deutsche ausgebe oder als Russin oder als Halbblut. Das kommt meist auf dasselbe raus. Nur in Polen, da muss man manchmal aufpassen. Das war in den neunziger Jahren, in einem Dorf in der Nähe von Krakau. Ich war mit einer internationalen Gruppe von Tai-Chi-lern unterwegs und wir haben uns auf Englisch verständigt. Leicht angetrunken, draußen vor einer Bar, es war ein lauschiger Sommerabend. Ein junge Typ aus der Bar sagte damals, die Deutschen, das sei schon schlimm, sie kommen hierher, nach allem was passiert ist und kaufen reihenweise den Polen die Häuser und Grundstücke weg. Aber die aller allerschlimmsten, das wären die Russen. Ihm soll bloß keiner von Ihnen unter die Augen kommen. Ich bin ganz still geworden und habe mich nicht enttarnt. Und als ich am drauffolgenden Tag versucht habe, in der Apotheke für einen Freund Kopfschmerztabletten zu kaufen, auf Russisch, weil ich dachte, das können die Polen im Notfall alle verstehen, wurde ich erst gar nicht bedient. Das waren sicher Ausnahmefälle und zu verdenken ist es den Leuten sicher nicht. Bei der Vergangenheit. Wir waren ja in der Gruppe auch mit Polen zusammen und die haben mich akzeptiert. Glaub ich.

Sag doch mal was auf Russisch, Max Scharnigg hat diesen Satz in einer Kolumne verarbeitet. Und ein Buch herausgegeben mit weiteren originellen Gesprächsrunden-Sätzen wie: Und was hörst du so für Musik? (Das Buch heißt: Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden und weitere 99 Sätze mit denen man durchs Leben kommt. hier der Link).

Er schlägt als Antwort folgenden Satz vor, der poetisch klingt und mal nicht nur ein Gähnen hervorruft:

Я встречал любовь моей жизни в светлый день июля около 5.30 часов вечера. Она сидела на осле цвета соломы и пахла жасмином и кока-колой!”

Tolle Idee das. Bedeutet: „Die Liebe meines Lebens traf ich an einem lichten Julitag gegen halb sechs Uhr abends. Sie saß auf einem strohblonden Esel und duftete nach Jasmin und Coca-Cola!“.

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Der Fluch der Genossin Konditorin

Es war einmal ein einfaches russisch-deutsches Mädchen. Als es geboren wurde und seine Eltern eine Taufe ohne die einzig wahre rechtgläubige Kirche feierten, haben Sie fast alle guten Genossinen Feen eingeladen, damit sie dem Kind ihren Segen bringen.

Aber da sie nur 12 Teller mit Hammer und Sichel und rotem Rand besaßen, der Rest des guten Geschirrs muss auf der Flucht verloren gegangen sein, haben sie die Genossin Konditorin nicht eingeladen.

Und als die 11. Genossin, die Kantinenköchin, ihren Segen ausgesprochen hatte, kam die Genossin Konditorin erbost herein gestürmt und sprach einen Fluch über dem fast kahlen Haupt des Kindes aus:

„Nie! Niemals wird dieser Person jemals ein Kuchen gelingen, egal was sie versucht, egal, ob sie den Anweisungen penibelst folgt, sich Hilfe von Profibäckerinnen holt, egal in welchem hochtechnisierten Ofen sie ihn backt! Immer wird er ihr zerfließen und nicht aufgehen. Oder elendlich verbrennen!“

Alle blickten bedröppelt nach diesem Schock, aber dann kam die letzte Genossin, die für Soufleés zuständig ist, und sprach über der Wiege:

„Ich kann diesen Fluch nicht abwenden, aber mildern. Zwar werden dir keine Kuchen gelingen, kleines Kind, aber du wirst dennoch geliebt werden und immerhin kommen deine anderen Geburtstagsgeschenke bei allerwelt gut an. Das ist doch was.“

Und so ging es bis heute. Jeder Versuch einen vernüftigen Kuchen zu backen, muss scheitern.

Schaut selbst:

die Masse schmeckte ja auch gut.
das sollte ein Pfirsich-Schoko-Kuchen werden, nach ’nem totsicheren Rezept.

Geistermusik

Letztes Wochenende bei einem Sommerfest habe ich dieses Instrument das erste Mal live erlebt.

Im Frappant hat der Musiker Cyrus Ashrafi damit ein Konzert gegeben. Ein Kasten, ein Stab und wenn er die Hände bewegt hat, gabs diesen abgefahrenen, spacigen Sound.

Ich wusste noch dunkel, dass es mal einen russischen Wissenschaftler gab, der eins der ersten elektronischen Musikgeräte erfunden hat.

Lew Termen oder Leon Theremin, wie er sich später nannte, hat das nach ihm benannte Theremin zur Zeit der Avantgarde in Moskau erfunden. Ursprünglich auch als Ätherophon bekannt, war das Instrument ein Wegbereiter für spätere Synthesizer oder Drumcomputer.

Leon_Theremin
So hört es sich an: Lew Sergejewitsch himself

Und das Ding ist, Lew Sergejewitsch Termen, in St. Petersburg geboren, hatte französiche und deutsche Ahnen. Seine französischen Vorfahren stammen aus einem alten Adelsgeschlecht und sind als Jakobiner nach der französischen Revolution nach Russland geflohen. Über die deutsche Abstammung kann ich ad hoc nichts finden. Muss weiter graben. Gut, dass es in Moskau und St. Petersburg Deutsche gab, die den oberen Gesellschaftsschichten angehörten, ist ja bekannt. Und Leon Theremin hat auch nicht viel mit den Kolonisten gemein, die sich meist als Bauern und Handwerker in ländlichen Gebieten ansiedelten. Trotzdem ist für mich dieser Informationsfetzen es wert, gesammelt zu werden. Eine weitere Spur.

Auf einigen russischen Sites wird’s gar nicht erwähnt. Dass es Deutsche unter seinen Vorfahren gab, meine ich. Russischer Physiker. Wenns genehm ist, ist er natürlich ein Russe.

Das hat ihm jedoch auch nichts genützt. Nachdem er 1927 auf Welttournee ging und sich ein Jahr später in New York niederließ, kam er Ende der Dreißiger unter „ungeklärten Umständen“ in die Sowjetunion zurück und wurde in einen Gulag irgendwo in Sibirien verbannt. Wegen antisowjetischer Propaganda. (Im Westen galt er als verstorben, es gab keine Spur mehr von ihm.)
Später brachte man ihn in eine wissenschaftliche Akademie in Moskau für Gefangene, wo er für den russischen Geheimdienst Wanzen entwickeln durfte und 1952 sogar einen Stalinpreis dafür gewann. Erst 1990, im Zuge der Perestrojka, wurde er politisch rehabilitiert. 1993 starb Lew Sergejewitsch  Termen im Alter von 97 Jahren in Moskau.

Hier, wie es Leon Theremin spielt, der neben Physik auch Cello studiert hat.

Und hier wie es sich in der heutigen Zeit anhört, Cyrus Ashrafi in Concert.

 

civil war – reloaded

Während ich hier sitze und schreibe, passieren in der Ukraine grade neue traumatische Ereignisse. Schon wieder Bürgerkrieg. Unklare Fronten. Ehemalige Nachbarn werden zu Feinden. Trotz der vielen Bilder und Berichte sprengen die Geschehnisse meine Vorstellungskraft. Das, was dort passiert, ist noch so frisch und so verworren, dass ich mir nicht anmaße, ein Urteil darüber bilden zu können. Deshalb habe ich bisher nichts dazu geschrieben. Aber natürlich macht es was mit mir. Die ganze Zeit schon. Mein Mitgefühl ist mit den Betroffenen, mit den Zivilisten, die unter den Überfällen und Artellerieangriffen leiden. Ihr Hab und Gut verlieren, ihre Angehörigen oder ihr eigenes Leben. Wie schon vor 90 Jahren. Und wie in den Jahrhunderten zuvor.
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Vor einigen Wochen habe ich online die Aufzeichnungen eines Mannes gefunden, der als Lehrer in einer menonitischen Kolonie den Bürgerkrieg von 1919 beschreibt. Das Tagebuch von Dietrich Neudorf ist ein verstörendes Dokument aus der Zeit, als die Machno-Anarchisten durch die ukrainischen Dörfer zogen und die Leute abschlachteten. Und auch den Thyphus mitbrachten, der letztendlich meine Urgroßeltern getötet hat.

Es macht mich fertig, dass die Ereignisse wiederkehren.

Die Angst ist Gast an ihrem Tisch

Immer wieder sucht es sie heim. Dieses Gefühl. Dumpfe Angst oder Melancholie. Immer wieder führt sie sie selbst herbei, diese Situationen, die dem Gefühl erlauben hervorzutreten und sich auszuagieren. Ob sie will oder nicht. Fast zwanghaft schon.
Sie legt ihr Leben so, damit sie in Abständen denken kann, dass sie vor dem nichts steht und von vorn beginnen muss. Neubeginn ist oft verbunden mit Hoffnung, mit Gelingen mit Mut und Beherztheit. Nicht so bei ihr. Möglicherweise hats auch mit ihrem Thema zu tun. Mit dem Verschleppungssyndrom. Sie ist auf ihre Weise ein Ghost Whisperer. Sie kann sie zwar nicht sehen oder hören, die Geister, aber sie muss fühlen, was sie gefühlt haben. Immer wieder. Was ist das für ein Gefühl? Wo sitzt es? Wodurch wird es ausgelöst?

Dieses Gefühl des Verlustes. Des daneben seins. Des das ist nichts für dich. Ein gutes Leben. Ein guter Job? Das ist nichts für dich. Du wirst es nie erreichen. Und wenn du dir was aufbaust, wird es dir genommen. Also versuchs gar nicht erst.

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Sie ist doch fast hier aufgewachsen, ist hier erzogen worden. Ist auf deutsche Schulen gegangen. Sie hat humanistische und fortschrittliche Bildung genossen. Seit ihrer Jugend kennt sie Geschichten von Optimisten, die alles und Pessimisten, die nichts erreichen. Also weiß sie im Grunde, wie es läuft, was man machen muss. Von zig Disney Filmen, wo es heißt, glaub an dich, hab vertrauen und arbeite hart, dann wird es funktionieren. Das ist auch in ihrem Gehirn verankert. Und es wirkt. Ist zumindest mächtig genug, um ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Im Sinne von, du glaubst nicht fest genug, du versuchst es nicht genug, du arbeitest schon mal gar nicht hart genug.

Und dennoch. Irgend ein perfides Programm lässt sie immer wieder zu diesem Abgrund laufen. Lässt sie zweifeln, verzögern, verhindern. Nur um diese Angst zu spüren. Dass alles sinnlos ist und sie mal wieder vor einem Scherbenhaufen steht. Die Angst ist Gast an ihrem Tisch.
Woher hätte sie denn das Vertrauen nehmen können? Ihre Eltern gaben ihr Liebe, aber Vertrauen und Zuversicht war leider nicht mit im Gepäck. Eher die Gewissheit zu scheitern. Zu verlieren. Ohne dass sie es explizit genannt hätten, es war eher so ein Grundgefühl.
Auch wenn es nicht ihr eigenes ist. Auch wenn diese Lage, in die sie sich hineinmanövriert, um zu leiden, ererbt ist. Überliefert. Ein besonderer Nachlass. Warum dann nicht den Schalter einfach umkippen und gut ist? Arividerci liebe Angst, oder noch besser, ciao und lass dich hier nicht mehr sehen. Ihr Mantra müsste lauten: ich habe Vertrauen, es wird alles gut. Aber es hat in Wirklichkeit einen anderen düstereren Klang.

Geht es anderen mit ähnlichen Lebenswegen  auch so wie ihr? Sie wollen kein Haus. Ein Haus könnte genommen werden. Sie wollen keinen erfüllenden Beruf. Denn dann riskieren sie glücklich zu sein. Und das wäre ja Verrat. Verrat an denen, die gelitten haben. Die ihr Haus verloren, die nicht die Möglichkeit hatten, einen guten Beruf auszuüben, weil sie in Sondersiedlungen Bäume gefällt haben für Onkelchen Stalin, den Großen Gewinner des Vaterländischen Krieges.
Also spielt sie das Leidensszenario bis zum Erbrechen, sie beherrscht die Klaviatur aus Krankheit, Armut, Mangel und Versagen. Sie erfindet trickreiche Möglichkeiten, sich selbst zu sabotieren. Und wagt nie den nötigen Schritt.

Stimmen aus dem OFF zischen ihr zu:

Das bildest du dir nur ein.

Du suhlst dich in deinem eigenen Leid.

Triefst ja vor Selbstmitleid.

Siehst die Schuld nur bei den anderen, den Eltern, Stalin, Hitler.

Hör auf, dich immer nur mit dir selbst zu beschäftigen & dich zu bemitleiden.

Das bringt doch nichts. Diese ganze Nabelschau.

Falsch! will sie ihnen zurufen, diesen Gegenstimmen.

Es ist nicht Selbstmitleid. Es sind die anderen mit denen sie Mitleid hat. Die vor ihr da waren. Die mit 27 Jahren grade ihr Haus fertig gebaut haben als der Krieg in ihr Dorf kam. Und sie weg mussten, in eine ungewisse Zukunft. Auf eine Ost-West-Dyssee, die unfreiwillig war. Verbannung Verschickung. Exil. Und wieder zurück. In die Sondersiedlungen dann.

„Mir sind Raabe. Mir sind dem Stalin ssai Raabe,“ sagte der Großvater. Sie stellt sich Männer mit spitzen Nasen und schwarzen plusterigen Mänteln vor. Edgar Allan Poes „Nevermore“ im Hintergrund. Er meint aber was ganz anderes, der Opa, er meint das russische Wort: Rab. Sklave. Nicht die Slaven sind Sklaven gewesen in ihrer Familie. Sondern aufgegriffene Deutsche. Aus den deutschen Kolonien auf russischem Boden. Inwieweit sie in den Komplot des zweiten Weltkrieges verwickelt waren, sei dahingestellt. Aber danach fragte eh keiner. Deutscher? Fritz? Also, ab nach Sibirien mit dir oder in den Ural. Dawei, dawei! Alle gleich schuldig durch ihre Geburt. Egal ob Männer, Frauen oder kleine Kinder. Zivilgefangene. Das ist ein Euphemismus für Arbeitssklaven. Aber warum sich aufregen? In jedem Krieg werden Gefangene gemacht.

Vollster Arbeitseinsatz bei minimaler Entlohnung. Das ist ihr liebstes Wirtschaftsmodell bis heute. Bietet ihr jemand niedrige Arbeit an, für kein oder wenig Geld, wird sie hellhörig. Her damit. Das kenn ich. Das verdien ich doch auch. Ich werde schön fleißig sein, nicht aufmucken und keine Forderungen stellen. Ein Schälchen (miska) Suppe und ein Kanten (chaika) Brot. Und schon lauf ich auf Hochtouren. Einmal Sklave immer Sklave. Die Mentalität hat sie mit dem Gerstenbrei gelöffelt, mit dem Kefir in Flaschen eingesogen. Von außen gesehen, geht sie vielleicht aufrecht. Aber innerlich ist sie tief gebeugt. Ihre Aufopferungsbereitschaft ist grenzenlos. Vielleicht sollte sie einen Verein gründen: Sklaven ohne Grenzen. Selbstausbeutungen, Erniedrigungen und Beschimpfungen inklusive.

Wie lange dauert es wohl bis sich eine solche Mentalität rauswächst? Nach wie vielen Generationen entsteht wohl sowas wie ein gesundes Ich-Gefühl? Ich bin hier. Ich nehme mir den Raum, den ich brauche. Ich nehme mir das, was mir zusteht. Hey, wem gehört die Welt?
ICH.WILL.DAS.HABEN.

 

Kleinkinder machen das schon im Sandkasten. Kleinkinder hier. In dieser Zeit.

Statt dessen: Nein, nein, gehen Sie ruhig vor, ich stelle mich ganz hinten in der Reihe an. Entschuldigung, sie haben mir auf den Fuß getreten. Ach so, ja nehmen Sie ruhig. Ich brauch es gar nicht. Gehört Ihnen. Falsche Bescheidenheit. Als Höflichkeit interpretiert. Als Schwäche verachtet.

Sie atmet ganz flach, nur kein Aufsehen erregen. Sie redet ganz leise, fast unhörbar. Nur nicht auffallen. Sie schaut zu Boden, sie tritt ganz sacht auf.

Wer mit seinen Worten oder Taten auffällt, weckt die Aufmerksamkeit der Mächtigen. Gefahr. Wer sich etwas erarbeitet, zieht sich die Mißgunst anderer zu. Gefahr. Wer sich groß macht, wird plattgemacht. Das sind Erfahrungswerte von Generationen. Aber es kann doch nicht sein, dass diese Überlebensstrategien der 30iger und 40iger Jahre aus einer Diktatur noch immer greifen? Was für eine Horror-Vorstellung. Gefühlsmäßig 70 bis 80 Jahre zurückzuliegen. Wie alt bist du? Minus 73.  Aber sie braucht sich ja nur zu beobachten. Vom Charakter her will sie was Besonderes sein. Muss sie, sonst geht sie vor die Hunde. Das familiäre Psychogramm hat aber was ganz anderes in sie gepflanzt. Bloß nicht hervortreten, nicht auffallen, wenn dir dein Leben lieb ist. Sich klein halten, nicht zu viel wollen, nicht viel erreichen –  sonst droht Enttäuschung oder Gefahr. Such es dir aus. Das sitzt. Das sitzt tief. Subkutan. Das ist ihr Fersensporn, ihr Stachel, der sie daran hindert den Wettbewerb aufzunehmen, einfach durchzustarten. Noch immer.
Aber es hilft nichts. Sie muss sich bewerben, sie muss was verdienen. Sie muss sich wieder in diese Situation begeben.

Angst beiseite schieben. Aber wie?