„Die Flüsterer“ – eine Buchrezension

„Die Flüsterer“
Leben in Stalins Russland
von Orlando Figes, 2007

und sie liebten ihn doch...
So sah das offizielle Bild aus.

Dieses Buch ist ein geschichtliches Werk. Es hat 928 Seiten – ohne Anmerkungen und Glossar. Und liest sich dennoch wie ein Thriller. Mit Hunderten von Fällen.

Orlando Figes, ein Historiker aus London, der bereits mehrere Bücher über die russische Geschichte verfasst hat, widmet sich in diesem Werk der Stalinistischen Ära. Anhand von mündlichen Überlieferungen, privaten Archiven und Aufzeichnungen beleuchtet er, welche Auswirkungen das Regime auf das persönliche Leben der Beteiligten gehabt hat. Was es zum Beispiel bedeutet, wenn du als Kulakentochter durchkommen musst, welche Repressalien, welche Verluste und welche Traumata du durchstehst. Und wie die Menschen damit umgegangen sind. Wie es ist, in einer Kommunalwohnung zwischen Denunzianten zu leben, wenn ein paar Witze über das Sowjetsystem dir an die 10 Jahre Arbeitslager einbringen können. Nicht umsonst heißt das Buch „die Flüsteter“. Es beschreibt anschaulich, wie es dazu kommt, dass Menschen ihre Gedanken und Worte hüten. Dass sie, um zu überleben sich soweit anpassen, dass sie sogar vor sich selbst keine Kritik zulassen. Es ist nicht so simpel, wie ich immer gedacht habe, öffentlich folgt man der Konvention und im Privaten äußert man sich so wie man es wirklich empfindet. Nicht in den Dreißiger und Vierziger Jahren. Bis in die eigenen Gedanken zieht sich die parteikonforme Linie, einfach um nicht unter die Räder zu kommen. Vor den Kindern wird verheimlicht, wohin der Vater gekommen ist, vor dem Ehepartner die „beschädigte Biografie“ verschwiegen, und das womöglich über Jahrzehnte.
Besonders interessant ist, dass nicht nur die Opfer, sondern auch Wärter und sogenannte, teilweise nicht ganz freiwillige Denunzianten zu Wort kommen und das Leben und Wirken eines russischen Schriftstellers Konstantin Simonow den roten Faden des Buches bildet, der auf der Seite der Macht stand und solange der Diktator lebte, Stalins Favorit genannt wurde.

Orlando Figes geht hier auch auf die Übertragung von traumatischen Erlebnissen auf spätere Generationen ein, wenn auch nur am Rande.

Auch wenn die deutsche Minderheit nur auf einer Seite (immerhin!) mit einem Beispiel erwähnt wird, ist es ein wertvolles Buch, um sich ein Bild zu machen von der Stimmung (also den Greueltaten und Ungerechtigkeiten, die jeden treffen konnten) dieser Zeit. Es hilft die eigene Geschichte in einen Kontext zu setzen. Ich habe drei Wochen damit gelebt und bin sehr froh, darauf gestoßen zu sein. Es ist nützlich, aus einer jüngeren Generation zu kommen, die Beschreibungen sind so starker Tobak, dass sie einem den Atem nehmen können.

Es existiert eine Website (http://www.orlandofiges.com/ in englischer Sprache), auf der alle Fotos und Interviews eingesehen werden können, so stellt sie sich vor:

„Zwischen 2003 und 2006 haben drei Teams von der Memorial Stiftung in Moskau, St. Petersburg und Perm einige Hundert von Familien Archiven eingesehen (Briefe, Tagebücher, persönliche Notizen, Memoiren, Fotos und Gegenstände) die bisher von den Überlebenden des Stalinistischen Terrors in geheimen Schubladen oder unter den Matratzen überall in Russland versteckt wurden. In jeder dieser Familien wurden intensive Gespräche und Interviews mit den ältesten noch lebenden Familienmitgliedern, die noch fähig waren den Kontext dieser Zeugnisse zu erläutern und sie in einen Zusammmenhang zu der Familiengeschichte zu setzen, geführt. Dieses Buch ist eine einzigartige Darstellung der Dokumente und Zeugnisse über das private Leben in der Stalin Ära, die das Leben dieser Familien und einzelner Individuen beleuchtet.“

 

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Die Scherbensammlerin

Viele der Scherben, die sie irgendwo aufgesammelt hat, haben blaue Muster auf weißem Grund. Solche mag Olga am liebsten, ostfriesisches Zwiebelmuster kommt hier oben relativ häufig vor, manchmal findet sie aber auch welche mit Blumen oder Ranken. Ein Bruchstück zeigt ein fliegendes Vogelpaar, das sich schnäbelt, darüber Baumkuppen. In diversen Kästchen, Dosen und Gläsern bewahrt sie ihre Schätze auf. Die Formen ähneln sich: flache Drei- oder Vierecke von irgendwelchen Wandfliesen, gebogene Stücke mit einer glatten Kante von Tellerrändern, mit scharfen Rändern oder amorph geformten Bruchstellen. Nur die Muster sind unterschiedlich.
Manchmal befindet sich auf der Lackoberfläche noch eine Maserung, ein Netz aus feinen Adern, das die Scherbe bedeckt und aussieht wie ein Plan, wie der Grundriss einer mittelalterlichen Stadt. Auf einem Markt hat sie mal eine Frau getroffen, die aus Porzellanbruch Ohrringe und Anhänger fertigt. Sie schleift die scharfen Kanten ab und lackiert die Oberflächen, veredelt sie anschließend mit Silber oder Gold. So wertet sie diese nutzlosen Überbleibsel auf, gibt ihnen einen Sinn, ein zweites Leben. Auch Olga will ihren Fundstücken einen neuen Sinn geben, doch welchen?

 

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Heute hat sie wieder zwei Scherben aufgelesen. Sie lagen am Rand der Baustelle von gegenüber, dort wo vor dem Krieg Häuser standen und für lange Jahre ein Industriegelände war mit Hallen und LKW-Parkplätzen. Dazwischen Brachland. In ihrer Straße gab es einst Häuser auf beiden Seiten, jetzt sind die Hausnummern lückenhaft. Nach 55 kommt lange Zeit nichts mehr und auf der gegenüberliegenden Seite gehen die geraden Zahlen bis weit über die 100. Sind diese Keramikscherben mit irgendwelchem Geröll für die Baustelle hierher gekarrt worden oder stammen sie noch aus dem Schutt der alten Hausruinen? Die ins Erdreich eingesunken sind als die Erde für die Lagerhallen planiert wurde und die jetzt durch das erneute Aufgraben wieder herauf geschwemmt wurden?

Die kleinere Scherbe zeigt drei hellblaue Flecken auf weißem Grund, vielleicht sind es abstrahierte Blätter, möglicherweise nur der Teil einer Girlande aus Tupfen. Die andere könnte das Stück einer Kachel sein und hat eine blaugefleckte Oberfläche. Königsblau. Darauf sind wolkige Gebilde zu erkennen, dicht geballt, aufgerastert in kleine Pünktchen, wie beim Druck. Olga sieht darin den Ausschnitt eines Gewitterhimmels über einem barocken Schäferidyll oder Wölkchen neben einer nicht mehr sichtbaren ostfriesischen Windmühle. Kann auch sein, dass es einfach eine abstrakte Kleckserei ist. Wer weiß das schon, denn womöglich entstehen diese Wolken, diese Küchenfliesenmotive nur in ihrer Einbildung. So ist es mit Scherben, sie zeigen immer nur einen Ausschnitt des Ganzen. Und wie es hinter ihren Rändern weitergeht, kann man mit Glück manchmal erahnen. Oft noch nicht einmal das. Das Gesamtbild, die Matrix, kriegt man meist nicht mehr zusammen.
Olga legt die beiden neuen Fundstücke in ihre Wird-mal-zu-einem-Mosaik-verbastelt-Kiste und denkt über das Zerbrechen nach. Das Trauma eines Falls, wenn etwas zu Bruch geht, in tausend Stücke zerspringt, zersplittert. Die Persönlichkeit als Tasse, in viele kleine Teile zerborsten, Stücke, die wenn sie geklebt und wieder geklebt werden, seltsamerweise nicht mehr zusammenpassen. Als erfahrene Restauratoren unseres Alltags versuchen auch wir alte Bruchstellen immer wieder neu zu kitten. Wir puzzeln herum und suchen nach dem fehlenden Stück. Auf englisch klingt es sogar besser: the missing link.

Glassplitter, glattgeschliffen vom Fluss oder den Wellen des Meeres, befinden sich zwar auch in ihrer Sammlung, aber die üben nicht so einen starken Sog auf sie aus. Aus irgendeinem Grund müssen es Geschirrbruchstücke sein. Am liebsten in Weiß. Wenn jemand, ein Psychologe oder ein anderer Zeichendeuter sich diese Vorliebe mal anschauen würde, könnte er schlussfolgern: Nun, ich sehe eine Nähe zu Frauen, eindeutig zu Küche oder Speisezimmer, aber auch Zerfall, Angst vor Zersplitterung bei gleichzeitiger Neigung, die Sollbruchstellen freizulegen. Da ist auch ein starker Wunsch, das Ganze wieder zusammenzubringen, zu kleben, zu heilen, die Bruchstellen zu kitten. Das Trauma wieder wegzumachen.

Aber es funktioniert nicht, es bleiben immer Narben übrig. Die Klebestellen und feinen Risse.
Sie hat nicht das gute Sonntagsgeschirr ihrer Großmutter geerbt. Vielleicht kommt sie daher, ihre Vorliebe für Porzellanreste. Doch durch die ganzen Vertreibungen gibt es keinen Nachlass aus geblümten Sammeltassen mit Goldrand, samt passenden Untertassen. Ihr bleiben nur die Scherbensplitter vom Geschirr anderer Leute. Das ist das einzige Erbe, welches ihr die Erde wiedergibt.

Sie sammelt Bruchstücke aus einer Vergangenheit, die sie nicht zusammenfügen kann, weil es einfach nicht genug Anhaltspunkte gibt. Ab und zu taucht eine Information auf, ein Splitter, ein Name oder ein Ereignis, dann wird das Geschehene für einen Moment lebendig. Doch es bleiben zu viele Leerstellen für ein vollständiges Bild. Und ihr Wühlen in der Vergangenheit bringt nur eine Sammlung unvollständiger Fragmente zutage.

Da ist die Großmutter, die in einem Viehwaggon unterwegs ist, irgendwo in der Weite Polens auf dem Weg in den Westen. Auf dieser Fahrt, mitten auf der Strecke, stirbt die zweijährige Tochter, weil sie sich an heißem Wasser verbrüht und keine medizinische Hilfe bekommen kann. Zumindest nicht ausreichende. Unter Schreien über mehrere Stunden ist sie gestorben. So hat es ihr der Vater erzählt, der den Tod der kleinen Schwester hautnah miterlebt hat.

Aber wann genau, wo genau, wie waren die Umstände? Konnten sie in ein Krankenhaus? Melitta, die Großmutter hat noch drei weitere Kinder geboren, nein sogar vier, aber sie soll sich jede Nacht in den Schlaf geweint haben. War es wegen ihrer kleinen Tochter? Wegen Nelly? Und so geht es mit vielen Dingen. Sie tauchen auf, mit ihren scharfen Rändern, das Muster geht weiter, und manchmal kann sie sogar erahnen wie. Aber was genau passiert ist, wer was getan oder gesagt hat, das verschließt sich, kann nur noch mit Hilfe der Phantasie rekonstruiert werden. Es gibt keine Fotos von Nelly. Sie muss um 1941 oder ’42 geboren worden sein. Und ist um 1944 gestorben. War da der dritte Sohn, der kleine Albert schon auf der Welt? Oder war die Großmutter hochschwanger mit ihm als es passiert ist? In Alberts Pass steht, dass er in Polen geboren wurde. War es vor oder nach diesem tragischen Ereignis? Die Geburt war Mitte März. Waren sie unterwegs durch einen kühlen Frühling? Wie war überhaupt das Wetter Neunzehnvierundvierzig auf der Strecke zwischen Nikolajew in der Ukraine und Dahme in Ostdeutschland? Kahle Felder? Frost nachts? Oder sangen die Vögel, um die ersten Sonnenstrahlen zu begrüßen? Sie denkt oft, sie muss sich nun endlich festlegen. Dem Frühling seine Attribute geben, die Geschichte weiterspinnen. Der Zug hält an, mitten auf der Strecke, sie wissen nicht, für ein paar Stunden oder nur wenige Minuten. Es sind viele Frauen und Kinder in den Waggons, die Männer sind entweder an der Front, oder in der Verbannung verschollen oder bereits tot.

Möglichkeit eins, eine halbe Stunde Zeit, um schnell eine Suppe zu kochen. Einen primitiven Kocher hat eine der Frauen vielleicht dabei oder sie haben sich etwas konstruiert mit einer Blechdose, auf die ein Topf gestellt wird. Jedenfalls setzen sie Wasser auf, irgendjemand hat Wasser aufgetrieben. Woher? Ist ein Dorf mit einem Brunnen in der Nähe? Die kleine Nelly ist kränkelnd an diesem Tag, das weiß Olga genau, das besagt die Familienlegende, sie hat die Grippe, Melitta hat sie die ganze Zeit auf dem Arm getragen und als der Zug hält, will sie schnell raus, um was für die Suppe zu organisieren. Einige Möhren vielleicht, die eine oder andere Kartoffel oder Rübe. Sie sind schon Monate unterwegs, sie hat das schon oft gemacht. Das kranke Kind vertraut sie einer Mitreisenden an. Ist es eine Nachbarin aus dem Dorf? Was ist mit ihr hinterher geschehen? Sie soll Nelly kurz halten. Das Wasser kocht. Melitta klettert raus. Vielleicht kann sie etwas Gemüse eintauschen, gegen Wäsche oder Schmuck, vielleicht sogar eine Porzellantasse, ein Erbstück. Der Zug fährt vorzeitig los. Ruckelt einmal, noch mal, jäh. Die Frau, die das Mädchen festhält, verliert den Halt. Nelly rutscht ihr aus den Händen, aus den Händen der Frau, die nicht ihre Mutter ist, vielleicht nur eine Zufallsbekanntschaft, eine Mitreisende, eine Mitleidende auf der Flucht. Sie fällt in das kochende Wasser. In den schattigen Senken liegt noch dreckiger Schnee, zu Eis veklumpt. Auf ein Mal hört man einen durchdringenden Schrei, er hält an, hört nicht auf. Melitta erkennt die Stimme ihrer kleinen Tochter nicht, so unmenschlich wirkt sie. Sie läuft zum Waggon zurück, lass es nicht Nelly sein, lass es nicht Nelly sein, im Rhythmus ihres klopfenden Herzens. Dann kommen sie an. Jetzt verlässt Olga die Vorstellungskraft wieder. Sie kann sich die Gefühle der Mutter beim Anblick des verbrühten Kindes nicht ausmalen. Und die Augen der beiden Brüder, die hinter der Mutter hervorschauen, die aus nächster Nähe alles mitbekommen. Als ob es nicht schon Albtraum genug wäre, in einem Viehwaggon irgendwohin zu müssen, weg von zuhause, in die Fremde, die eine neue Heimat werden soll. Was danach kommt? Die Weiterfahrt verzögert sich. Ein schrecklicher Unfall ist passiert. Wird das Kind in die nächste Siedlung geschafft, wo es zwar keinen Arzt, aber eine Hebamme gibt, ein Lager, ein Bett bei dem Bauernvolk, wo die kleine Nelly über Nacht ihren Verletzungen erliegt, wimmernd im Arm der Mutter. Keine Kraft mehr zum Schreien. Kann der Zug solange dort halten, bis sie beerdigt wird? Oder müssen sie den toten Kinderkörper Fremden überlassen, damit sie ihn nach ihren Riten beerdigen? Gute Menschen? Gibt die Großmutter die Bakelit-Brosche, die sie zur Hochzeit bekommen hat in diese guten polnischen Hände, die 1944 Mitleid haben mit einer Deutschen? Wer macht den Sarg für das unbekannte Kind? Alles Dinge, die sich auf den nicht auffindbaren Teilen befinden, im weißen Raum der Nichterinnerung. Spekulation. Selbst dann, wenn der Zug solange wartet bis die Beerdigung vorbei ist, oder sie den nächsten nehmen, das Geschehen bleibt unfassbar. Gibt es bei dieser Flucht, bei einem der letzten Trecks in den Westen überhaupt einen nächsten Zug? Eher wahrscheinlich ist, dass sie ganz schnell verscharrt wird, ohne Sarg, neben den Schienen. Mit vier Kindern ist Melitta losgefahren. Oder mit dreien und einem im Bauch. Und kommt mit nur drei Kindern an, drei Söhnen, die Tochter ist weg. Nicht mehr da. Und ist denn Zeit für Trauer in dem ratternden Waggon mit dem Stroh auf dem Boden? Wer kümmert sich in dieser Zeit um die verbliebenen Kinder? Weint die Großmutter, die damals jünger ist als Olga jetzt, noch keine Dreißig, oder steht sie zu sehr unter Schock? Weiße Flecken überall. Die Geschichte ist ein Sammelsurium von Scherben. Wer findet sie eines Tages, um sie zu verkleben und festzustellen, dass sie nicht mehr zusammenpassen. Ist Melitta in dieser Nacht als Nelly starb, in Scherben zerfallen? Hat sie sich, hat sich ihre Vorfahrin, danach Vorwürfe gemacht? Wär ich bloß nicht ausgestiegen, hätt ich meine Nelly nur nicht der anderen gegeben? Wär ich bloß dageblieben. Das altbekannte Lied, hätte, hätte Fahrradkette. Als ob wir’s im Griff hätten mit unseren kleinen Menschenhandlungen den Verlauf des Lebens zu bestimmen.
O malenkaja Nelly, Oh kleine Nelly, so heißt ein bekannter Tango aus dem Russland der Dreißiger Jahre. Hat Melitta ihre Tochter nach diesem Lied benannt? Noch so eine Scherbe. Ein zerborstenes Fragment, ein feiner Riss im Porzellan. Das verbrühte Kind. Die Fahrt mit dem Viehwaggon. Ein Bruch in der Geschichte. Eine Tangomelodie.
Wo verläuft dieser feine Riss bei ihr, der Nachfahrin? Ist es nur die Obsession für zerbrochenes Porzellan, die ihr bleibt oder geht es weiter? „Vorfahren müssen nachfahren und Nachfahren müssen vorfahren“, scherzt sie manchmal mit ihrer eigenen Tochter, wenn sie mit dem Rad unterwegs sind und diese nicht einsehen will, dass sie als Kind vorausfahren soll. Olga die Nachfahrin, kriegt jedes Mal Panik, wenn ihr Kind die leisesten Anzeichen einer Grippe zeigt. Sie kann es nicht ertragen wenn ihre Tochter krank wird. Sitzt das in den Genen? Packt sie die Angst aufgrund dieses einen Moments im Zug oder den zig anderen Augenblicken in der Chronik ihrer gebeutelten Sippe, in denen Kinder gestorben sind? Wegen einer simplen Grippe? Momente, die sich in der Seele verankert haben. Ihre ewige Furcht, etwas falsch zu machen. Dieses diffuse, unhaltbare Gefühl, dass etwas total schief läuft.

Habe ich ihr den richtigen Schal angezogen? Sind die Stiefel wasserdicht genug? Fenster auf oder Fenster zu? Als ob der kleinste Fehltritt, die geringste Abweichung vom richtigen Tun, fatale Folgen haben könnte. Lethale Folgen. Und das ist bei jeder kleinsten Entscheidung so.

Wie eine Heimsuchung. Scherben, Trümmer, Krieg, Olga bleibt immer wieder an denselben Bildern kleben. Gibt es denn keine Gegenwart? Lass doch die ollen Kamellen, das bringt doch nichts, bekommt sie oft von wohlmeinenden Menschen gesagt. Lieber nach vorne schauen. Lebe doch im Jetzt. Nur das ist wichtig.

Natürlich könnte sie sich wehren. Die Geister abschütteln, die Scherben einfach liegen lassen oder sie alle wegschmeißen. Ein für allemal. Doch sie kann es nicht. Irgendwas in ihr spult dieses Sammeln ab. Sie muss die Scherben aufheben und sie mit nach Hause nehmen. Wo sie in ihren Kästchen ruhen und darauf warten, eines Tages zu einem Mosaik zusammengefügt zu werden.

So läuft sie die Straßen entlang und sucht mit den Augen den Boden ab. Aber nur halbbewusst wie auf Autopilot. Und wenn kleine weiße Dreiecke in ihrem Sichtfeld auftauchen, schaut sie genauer hin, bückt sich, greift danach und steckt sie sich in die Jackentasche. Die mit den blauen Mustern, die mag sie am liebsten.

 

 

Die Ufer – Берега

Die Ufer. Ich habe gehört, so heißt ein russischer Film von von 1973. Aber in mir weckt es Assoziationen.

Zwei. Zwei Ufer hat jeder Fluss und so bin ich auch ein Fluss, zwischen zwei Ufern.

Ich habe mich dran gewöhnt, nur auf einem Ufer zu stehen und zu dem anderen nur gelegentlich rüberzulinsen. Manchmal mache ich auch einen kleinen Ausflug ans andere Ufer.

Egal wo ich stehe, ich bin immer vom anderen Ufer. Immer fehlt ein Stück – the missing link.

Als Fluss bin ich beides. Ich streife von den Uferbänken Geröll und Steine ab und kleine Wurzeln und Äste und schwemme sie in meinen Wassern vor mich her. Beides vermischt sich, bildet den Schlamm des Bettes, in das ich nachts meinen Kopf zur Ruhe lege.

Zwischen den Ufern in gutem Gleichgewicht.
Zwischen den Ufern in gutem Gleichgewicht.

Und so schleppe ich die Geschichte und die Geschichten von beiden Völkern mit. Das bedeutet Hänsel und Gretel sind genauso in mir verankert wie die Baba Yaga. Mir fehlen vielleicht Stücke, ich war schon lange nicht in Russland und hab den Hype um die Wächter der Nacht und die Wächter des Tages nicht mitbekommen. Aber das hole ich jetzt nach. Nach und Nach. Mit Paula haben wir die Zerrissenheit diskutiert. Das Uneins-sein der Leute, die zwischen oder mit oder aus zwei Kulturen sind. Es gibt keinen Begriff dazu.

Nur einen abfälligen: Halbblut. Das bedeutet, dass du nicht ganz bist, immer nur zur Hälfte.

не рыба, не мясо – ne ryba, ne mjaso. Nicht Fleisch, noch Fisch. Also Tofu!

Der Begriff: Migrationshintergrund ist unzulänglich und sehr BRD-zentristisch. Von hier aus gesehen, treiben sich im Hintergrund dieser Leute irgendwelche Schemata herum, Wurzeln, nur ganz schwach angedeutet. Es geht nicht um Vordergrund oder Hintergrund. Es geht nicht um innen und außen. Es gibt zwei Mengen, zwei Kulturmengen und die schieben sich ineinander und in der Mitte entsteht ein WAS?

Dort, wo die Mitte ist, da bin ich. Und wenn ich aber eins der beiden Ufer nicht will und nicht akzeptiere und mich nur auf eins stürze, dann gibt es Probleme. Ich kann nie ganz sein. Ich bin abgeschnitten von meinem Lebensmittelpunkt. Ich funktioniere. Bin immer fremd, immer anders. Aber nicht für die anderen. Ich werde mir fremd. Es ist nicht möglich beides gleichzeitig zu leben. Ich kann nur springen. Oder ich kann die Quintessenz bilden zwischen den beiden.

Ich habe Eltern, die a priori zwei Feinde sein müssen. Der Russ und der Fritz. Der Iwan und der Fritz. Wenn ich eins bin, muss ich das andere hassen. Muss misstrauisch sein, der andere ist ein wildes Tier. Kein Mensch. Feindbild. Und dennoch ist ein Zweig von meinem Stammbaum russisch und reicht tief in die Geschichte hinein. Und der andere ist deutsch, bis auf vielleicht die beiden oberen Schichten, die leicht russifiziert sind. Sowjetisch sozialisiert, trotz der Versuche, sich davor zu bewahren. Mit Namen wie Waldemar und Ottilie. Arme Kinder, die die alten Namen mitschleppen müssen. Aber es sind nicht nur die Namen, die sie mitschleppen. Das Geröll hindert sie zu fließen. Es ist ein Sumpf.

Russische Recken auf der einen Seite, germanische Helden auf der anderen. Traurige Helden. Familien, die von Typhus fast komplett ausgerottet wurden. Zwei Kinder sind übriggeblieben. Zwei Mädchen auf der deutschen Seite, ein Bruder und eine Schwester auf der russischen. Das Leid schafft eine traurige Parallelität. Aber was weiß ich über sie? Was kann ich wissen? Die liebe zum Wald? Die Liebe zum Meer? Wenn es wahr ist, was ich vermute, dann ist ein Ur-Ahn von hier irgendwo aufgebrochen, von der Nordsee oder der Ostsee und ist am schwarzen Meer gelandet. Ich kenne es nicht. Noch nicht. Odessa soll sehr schön sein.