An der schönen grünen Wolga

Trügerische Idylle. Wolken über Wolga.

Jedes Mal im Frühling, so schreibt es die russische Zeitung Nowaja Gazeta, wenn das Eis schmilzt und sich die Stau-Becken an der Wolga füllen, wird ein ehemaliger deutscher Friedhof überschwemmt und die halb zerfallenen Särge ragen förmlich aus dem Wasser. Es fehle an Geld, die Ufer zu befestigen.

Wer unten am Wasser steht, und sich die hoch aufragenden Lehmwände des Ufers anschaut, sieht dort die morschen Holzkisten stecken, zwischen deren Latten noch die alten Knochen zu sehen sind. Manche der Särge fallen auseinander, dann liegen die Gebeine blank am Ufer, wo die gelben Wellen sie hin und her wiegen. (Fotos in der Komsomolskaya Prawda aus dem Jahr 2009).

Was haben diese leeren Augen gesehen? Was haben sich die Leute, die durch das Manifest Katharina II angelockt wurden, zu Lebzeiten erhofft? Welche Sorgen hatten sie gehabt? Womit hatten sie zu kämpfen?

Eine, die sich in ihrem neuen Roman des Schicksals der ersten Siedler an der Wolga (bzw. ihrem Zufluss, dem Karaman) annimmt, ist die in Berlin lebende Butorin Antonina Schneider-Stremjakowa.

Ihr historischer Roman‚ Eisberge der Kolonisierung – Zur Geschichte der Wolgadeutschen in den Jahren 1763 bis 1830‘ ist in diesem Jahr auf deutsch erschienen. Seit zwei Jahren ist es als ‚Айсберги колонизации‘ bereits in russischer Sprache auf dem Markt.

Es ist die Geschichte von Kaspar Schneider und seinen Nachkommen, die eines schönen Tages in der Nähe von Metz aufbrechen, um ins Unbekannte zu ziehen. Sie erhoffen sich nicht nur ein besseres Leben. Kaspar will konkret das Leben seines Sohnes Lorenz retten, der sonst als Fremdsöldner an irgendeinen König verkauft werden würde.

Sie wissen, dass die Reise in den Osten kein Zuckerschlecken wird, aber und dass ist die große Masse des Eisbergs, der unter dem Wasserspiegel liegt, das was sie dort antreffen, die Strapazen und Katastrophen haben die Neusiedler nicht erwartet.

Ich habe den Roman bei einem Besuch meinem Vater zum Durchblättern gegeben. Er hat ihn genommen und zwei Tage nicht mehr aus der Hand gelegt. Es regnete. Die Sonne schien. Wir anderen sind spazieren gegangen oder haben Eis gegessen. Er saß in seinem Sessel und las und las und stand nur zum Essen und zum Schlafen auf.

Wenn er etwas lobt, sagt er normalerweise nie etwas außer einem knappen: gut. Und auch dieser Roman bekam das Prädikat gut. Als ich weiter fragte, kamen ein paar mehr Sätze: ‚…leicht zu lesen, leicht zu verstehen. Und die Fakten kenne ich schon. Aber wie diese Leute diese Fakten auch am eignen Leib erlebt haben, das lese er hier zum ersten Mal.‘

‚Bitter‘, sagte mein Vater noch dazu. ‚Sie [Katharina II] hat sie eingesetzt als lebende Schilder gegen die Angriffe. Der Tataren [an der Krim], der Kirgisen [an der Wolga]. Ohne nichts waren sie dem ausgesetzt, mit bloßen Händen.‘

Und dennoch verlieben sich die Menschen, heiraten, streiten sich, kriegen Kinder, begraben ihre Toten. Eine lange Abfolge von Schicksalen umfasst das Buch, über einen Zeitraum von fast 70 Jahren.

Als Kulisse für diesen Reigen dient die Abwanderung aus Deutschland, damals vor den napoleonischen Kriegen und die Ankunft in der Fremde und die entbehrungsreichen Jahre an der Wolga.

Die Autorin Antonina Schneider-Stremljakowa stammt von einem wolgadeutschen Chronisten der damaligen Zeit ab, der fast so heißt wie sie: Anton Schneider. Seine Urenkelin Antonina hat bereits sein Buch „Mariental XVIII-XIX“ übersetzt und in Deutschland herausgegeben. Beidsprachig, auf Russisch und auf Deutsch. Darin kommt sowohl die Legende vom Kirgisen-Michel als auch das Stammesregister und die minutiöse Beschreibung einiger der wirklichen Bewohner des Dorfes. So wird auch der Vorsteher Peter Pfannensiehl beschrieben, der auch im Roman eine Rolle spielt. Über Missjahre wird berichtet, wie viele Rubel jeder für den Bau einer neuen Kirche gespendet hat und sogar lange Gedichte aus der Feder von Anton Schneider kommen vor. Eine Fundgrube an Informationen.

Ausgehend von der Vorlage, den Fakten, die ihr der Vorfahr liefert, schafft Antonina Schneider ein lebendiges Bild von den täglichen Sorgen, dem Ankämpfen gegen Hunger und Wetter und die Angriffe der Nomadenvölker.

Ihr Spott über die sackartige Kleidung der Einheimischen: «Schafmützen auf Schafköpfen», war schnell verflogen; dafür dachten sie sich den Spruch aus: «ein Pelz im Winter, recht groß – sonst bist du schnell das Leben los».

Doch der Frost verstand keinen Spott: die Einen erfroren im Dorf, andere auf dem Weg dahin. Sie hatten überhaupt keine Vorstellung, wie sie an warme Kleidung, Schuhwerk, Skier und Schlitten herankommen sollten. Aber die knackende Kälte lehrte sie selber Pelzwerk herzustellen. S 75

Und immer wieder taucht der Fluss auf, nicht die Wolga, sondern sein Nebenarm, der große Karaman, an dessen Ufer sich die Schneiders mit ihren Nachbarn angesiedelt haben. Sie fangen Krebse, beobachten den Eisgang, im Sommer baden sie, sie jagen Saigas und Wildpferde in der Steppe.

Wieder was gelernt: solche Saiga-Antilopen haben die Siedler in der Steppe erlegt

Schneider-Stremjakowa hat dieses Buch, wie alle ihre Werke, auf Russisch verfasst. Sie kam sehr spät nach Deutschland und betrachtet sich als ‚Trägerin der russischen Sprache‘.

So geht sie im Roman gleich an mehrere Stellen darauf ein, dass die Kolonisten doch bitte russisch lernen sollen und ihren Kinder die Sprache des Gastlandes beibringen, damit sie nicht wie auf einer Insel leben.

Auf dem Rückweg überlegte Lorenz, dass nur zwei Menschen von der Übersiedlung profitiert haben: Maria-Theresa und Stefan – sie sind in die Stadt umgezogen, haben den Status des Kleinbürgertums erlangt, haben Russisch gelernt; während die Siedler in der Kolonie von einem Augenblick zum nächsten zu rechtlosen „niederen Leibeigenen-Bauern“ geworden sind. „Die Kinder sind rechtlos und auch noch des Russischen nicht mächtig, – dachte er, das Pferd antreibend. – Sie sind hilflos. Ich muss wenigstens meinen Kindern intensiv russisch beibringen“. S 240

Abgesehen von ihrer Tätigkeit als Romanautorin, betreibt Schneider-Stremjakowa ein Literaturportal derjenigen deutschen Autorinnen aus Russland, die in russischer Sprache schreiben.
Portraits und Texte von Lyriker
innen und Prosaschreibenden wie Hugo Wormsbecher, Katharina Kucharenko, Lydia Rosin und Alexander Schmidt und vielen anderen hat sie dort gesammelt, aus der Zeit in der Sowjetunion und welche, die auch in Deutschland ihre Ziehsprache nicht vergessen haben und sich darin genauso gut ausdrücken können.

Historisch gesehen, ist dieses Buch ein wichtiges Dokument, aufbauend auf den genauen Aufzeichnungen des Urahns, Anton Schneiders. Es ist wie ein Lehrbuch mit verteilten Rollen. Viel vom Leben der damaligen Kolonisten scheint hindurch: ihre Religiosität und Kirchenhörigkeit, der Überlebenskampf.

Die Autorin schafft es, die Leser*innen in eine andere Zeit zu versetzen. Es wäre für die Geschichte aber sicher angenehmer, sie hätte sich eine Person herausgegriffen, hätte ein Leben gefüllt und die Geschichte noch stärker verdichtet. So entsteht ein Eindruck vom Leben im Schnelldurchlauf.

Noch immer finden die Toten an der Wolga keine Ruhe. Und was trauriger ist, es scheint niemanden so richtig zu interessieren. Seit der Deportation von 1941 leben deren Nachkommen nicht mehr dort. Doch die ersten Siedler haben durch diesen Roman wieder Gesicht bekommen und Namen. Sie heißen Antoinette und Lorenz, Johannes und Kitty, Matthias Zwinger und Louise.

Und wir können uns ein besseres Bild davon machen, wie sie dort gelebt haben, an der schönen grünen Wolga.

Erste Kolonisten – Gemälde von Kurt Hein

Antonina Schneider-Stremjakowa
Eisberge der Kolonisierung
Historischer Roman. Zur Geschichte der Wolgadeutschen in den Jahren 1763 bis 1830
erschienen 2017, 292 Seiten, € 17, –
ISBN: 978-3-939290735

 

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Quellenforschung

Bereits Ende letzten Jahres hat die Bundeszentrale für politische Bildung ein Buch des Historikers Dr. Viktor Krieger herausgebracht. Es heißt: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. In drei Teile gegliedert, beschäftigt es sich mit der Auswanderung der ersten Siedler ins russische Reich vor 250 Jahren, mit dem Leben ihrer Nachkommen im Sowjetstaat und schließlich mit ihrem Verbleib nach der Auflösung dieses Staates.

Ich habe es zunächst durchgeblättert und gedacht, aha, Vertreibung, aha, Fotos in schwarz-weiß, alte Schriftstücke aus Archiven, kenn‘ ich schon.

Doch dann habe ich mich hingesetzt und angefangen, wirklich zu lesen.

Ich kann diesem Buch zwar nicht entnehmen, worüber sich die Leute damals beim Frühstück unterhalten haben, wie sie ihr Brot schnitten, auf russische oder aus deutsche Art, aber ich lerne, dass es seinerzeit unter den Siedlern-Eigentümern an der Wolga und an anderen Orten Arm-Bauern gab, die kein Land besaßen. Ich bekomme eine Übersicht über die vielen verschiedenen Berufe, die sie in Deutschland ausgeübt hatten. Bevor sie sich in Russland ausschließlich mit der Landwirtschaft beschäftigen mussten. Die Geschichte von vielen hundert Siedlungen breitet sich vor meinem Auge aus. Und sie ist sachlich erzählt, nicht zu trocken, sondern stringent, so dass an ihr gut folgen kann.

Durch die emotionslose Sprache eines Geschichtsbuches hört das Spekulative, die dunkle Erinnerung auf und die Fakten treten hervor und zeigen etwas Unumstößliches, etwas Objektives. So wars. So kanns gewesen sein. Ihr Alten habt es uns erzählt und hier ist es widergespiegelt.

Die Wege der Siedler damals
Die Wege der Siedler damals

Das Buch ist kein unverdaulicher Brocken, es umfasst (das Glossar eingerechnet) lediglich 270 Seiten und ist klar und verständlich geschrieben. Ich kenne sonst nur den anklagenden Ton, der sich hineinsickert, wenn jemand über die Vertreibungen und die Diskriminierung berichtet. Hier treten die widrigen Umstände auch klar hervor, aber in sehr distanzierter Form. Als Statistiken, die den Grad der Beherrschung der Muttersprache zwischen 1959 und 1989 beschreiben, oder die Anzahl der Akademiker einiger Sowjetvölker, darunter der deutschen Minderheit im Jahr 1939 und rund fünfzig Jahre später. Sie tauchen auf als Abbildung einer Medaille, die 1991 angeblich als Wiedergutmachung den deutschen Opfern der Trudarmee verliehen werden sollte. Deren Vorderseite ziert doch tatsächliche das Konterfei Stalins mit einem Spruch, der nur zynisch aufgefasst werden kann: Unsere Sache ist gerecht – wir haben gesiegt!

Da ist kein Jammern, noch nicht mal auf hohem Niveau, sondern eine Darlegung der Fakten, die für sich genommen, eine deutliche Sprache sprechen. Und die vieles von der Mentalität und der Motivation der Russlanddeutschen verständlich machen. Dem Autor gelingt es, durch fundierte Recherche und mithilfe einer großen Ansammlung von Daten, einen Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen zu geben. Aber er reiht nicht nur Jahreszahlen und Aussiedlungsrouten aneinander, sondern schafft Zusammenhänge, bezieht die Ereignisse aufeinander und beschreibt die Strömungen und die politischen Einflüsse, die diese Ereignisse herbeiführten. Ein Lesebeispiel:

Im Gegensatz zu den Jahren 1921/22 leugnete die Kremlführung dieses Mal [1933] hartnäckig die Existenz der selbstverschuldeten Hungerkatastrophe. Auf Druck der internationalen Öffentlichkeit stimmte sie jedoch der Zustellung von Lebensmittelpaketen und Geldüberweisungen an die Bedürftigen zu. In Deutschland organisierte und leitete der Reichsausschuss „Brüder in Not“ verschiedene Sammlungen, Paketsendungen und andere Aktivitäten. (…) Sobald sich im Ausland die Kunde über die schwierige wrtschaftliche Lage zu verbreiten begann, suchte die Sowjetregierung allerdings sofort die Auslandsverbindungen zu beschränken und die Empfänger von Hilfslieferungen einzuschüchtern. In den Massenmedien wurden diese Geschenkpakete als „Hitlerhilfe“ diffamiert und die Adressaten als „faschistische Agenten“ verleumdet. S. 107

Heimkehrer im Lager Hammerstein 1929, Seite 106
Frühe Ausreisewelle: Heimkehrer im Lager Hammerstein 1929, aus Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler, Seite 106

Ich erkenne Stücke aus diesem Mosaik, aber ich kenne bei weitem nicht alles. Das Durchackern dieses historischen Umrisses verbindet Wissensinseln miteinander und füllt die Lücken.

Welchen Anteil die Deutschen in Russland an der Demaskierung des Systems hatten, war mir beispielsweise nicht bewusst. Dadurch, dass sie wegen ihrer Ethnie und ihrer Religion stark verfolgt wurden, haben sie sich schon früh von der staatlichen Einheitsdoktrin abgewendet.

Neben dem religiös motivierten Wiederstand setzte die Ausreisebewegung der Deutschen aus der Sowjetunion ein deutliches Zeichen des Protests und Freiheitswillens. Sie stellt einen wichitgen Beitrag dar, die ideologischen Säulen der sozialistischen Gesellschaftsordnung wie Internationalismus, Völkerfreundschaft, Gleichberechtigung oder Religionsfreiheit in den augen nicht nur der sowjetischen Bevölkerung, sondern auch der ausländischen Öffentlichkeit als leere Worthülsen zu entlarven. S.158

Nicht dass ich es an einem Stück lesen könnte, wie einen Krimi,  dazu enthält es zu viele Informationen, aber ich werde es wohl öfter zur Hand nehmen, um zu forschen, um mich inspirieren zu lassen. Und vor allem um nachzuspüren, wie es damals war und woher ich eigentlich komme.

Die Auflistungen der geschichtlichen oder kulturhistorischen Ereignisse verankern mich. Sie betreffen meine Vorfahren und deren Landsleute. Es sind keine bahnbrechenden, weltbewegenden Dinge, aber sie sind gut zu wissen, denn sie geschahen mit meinen Leuten. Oder solchen wie ihnen. So liegt das Woher und Wann und Wie nicht mehr im Dunkeln, in den mündlichen Überlieferungen und den fast verlorenen Bildern.

Sieh an, alles ist geordnet, dann und dann haben sie Priesterseminare gegründet, da Jubiläen gefeiert.

Mir wird jäh bewusst, dass ich vor 12 Jahren ein Jubiläum verpasst habe, denn ungefähr da muss ein Altvater nach Russland aufgebrochen sein. Halb so schlimm. In wenigen Generationen kommt schon die 300-Jahresfeier und die wird doch hoffentlich festlicher begangen und mit mehr Echo in den Medien und in den Köpfen meiner eigenen Sippe.

Aufgepasst: diejenigen, deren Vorfahren vor 200 Jahren im Transkausus siedelten, haben bereits 2019 die Chance auf ein großes Fest.

Mehr noch als Quelle für Ereignisse und Geschichten, ist dieses Buch für mich eine Art Rückversicherung. Als Garantie dafür, dass es die Gräueltaten und das einfache alltägliche Leben, die vielen einzelnen Schicksale und das kollektive Erleben wirklich gegeben hat. So dass es objektiv festgehalten werden kann. Nicht in mündlicher Überlieferung, nicht lediglich in Geschichten und Filmen, sondern ganz offiziell in einem historischen Werk. Schwarz auf Weiß mit Tabellen und Zeittafeln, so dass alles seine Ordnung hat.

Das ist mir sehr wichtig gewesen, als ich das Buch in den Händen gehalten habe. Denn nur zu leicht wird die Geschichte der russischsprechenden Diaspora, wie Russlanddeutsche kürzlich (fälschlicherweise) betitelt wurden, ganz elegant übergangen. Als wäre das, was sie erlebt haben, nur eingebildet und nicht der Rede wert.

Was auch vorkommt: in der Medienlandschaft tauchen unsägliche Verallgemeinerungen oder schlecht recherchierte Thesen auf, wie neulich der lapidare Satz in einem FAZ Artikel, der mir noch immer die Haare zu Berge stehen lässt: von wegen, die Russlanddeutschen wurden von Josef Stalin umgesiedelt und haben dabei (huch, wie konnte das passieren? Eben war sie noch da!) ihre Muttersprache verloren.  Dieser Journalistin und anderen auch lege ich ans Herz, ein Buch wie das von Viktor Krieger zu Recherchezwecken zu verwenden, bevor sie sich an das Thema setzen. Es ist erschreckend, wie schlecht informiert die Presse ist und vor allem wie unsensibel sie über die Geschicke dieser kleinen Volksgruppe schreibt. (Als Vertreterin der Zweit- oder Drittgeneration von Kriegstraumatisierten und Vertriebenen bin ich auf diesem Ohr sehr hellhörig. Also mehr emotionale Intelligenz und Empathie, bittschön!)

Das einzige Manko des Buches ist in meinen Augen, dass der Fokus sehr auf den Wolgadeutschen liegt, auf ihrer autonomen Republik. Die Zeittafel beginnt zum Beispiel erst 1763 mit dem Manifest Katharinas II, dabei gab es schon Jahrhunderte vorher Deutsche in Russland. Bereits seit der Hansezeit. Aber vielleicht fällt mir das auf, weil meine Vorfahren aus der Ukraine stammen. Sie werden auch erwähnt, aber ich hätte sie vielleicht gerne stärker behandelt gesehen. Und auch die Deutschen, die sich im Kaukasus angesiedelt hatten, werden nur am Rande erwähnt.

Auf dem Umschlag steht ein Geiger am Ufer eines Flusses (der Wolga?) und spielt. Fünf Kinder fläzen sich im Gras und lauschen ihm andächtig. Die Mädchen haben diese weißen pludrigen Schleifen in den Haaren, die ich noch aus meiner Kindheit kenne. Wir hören sein Lied nicht. Doch die Melodie soll nicht ungehört verklingen. Sie hat ihren eigenen Klang und ihre eigene Berechtigung und wir sollten sie kennen. Damit wir uns im Klaren darüber bleiben, woher wir kommen.

krieger_kolonisten_sowjetdeutsche_aussiedler

Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler: eine Geschichte der Russlanddeutschen
Dr. Viktor Krieger, bpb, Bundeszentrale für politische Bildung.
Bonn, 2015. – 272 S.
ISBN 978-3-8389-0631-7

Übrigens: Der Deutsche Bundestag führt dieses Buch in der Liste der neuerworbenen Werke des Jahres 2016, unter Innenpolitik/Landeskunde, neben dem aktuellen Roman von Martin Walser und hunderten anderer Publikationen. Hoffentlich schauen die Abgeordneten auch mal hinein. Könnte nicht schaden. Aber für den unglaublich Preis von 4,50 plus Versandkosten kann ein jeder und eine jede dieses Geschichtsbuch auch selbst erwerben und muss dafür nicht in die Bib des Bundestages nach Berlin reisen.

Oder doch. Im Januar 2018 istdieses Buch nicht verfügbar. Auch nicht in Onlineshops. Wohl zu große Nachfrage. Ich hoffe, es wird nachgedruckt….