Was gestern war

Eine Schlange in Moskau. Nur diesmal geht es nicht darum, ein Pfund Butter zu ergattern oder eine Tasche von Gucci. Frauen und Männer in winterlicher Kleidung treten ans Mikrofon. Sie sprechen Namen und Daten hinein. Einige lesen sie vom Zettel ab, andere tragen sie aus dem Gedächtnis vor. Einen oder gleich mehrere. Aus dem Off hört man Bach.

Puchtin, Wladimir Alexandrewitsch, mein Großvater, Novikow, Wassilij Philippowitsch, 58 Jahre, verhaftet im Jahr 32, verschollen unter unbekannten Umständen, erschossen. Meistens erschossen und meistens in den Jahren 1937 oder 1938.

Vereinzelt sind auch deutsche Namen darunter: Rudolf, Pfeffer, Paul oder Nachtigall, Jewgenij Ottowitsch.

Die Menschen lesen die Namen, Berufe und Todesdaten ihrer Großväter, Urgroßväter, Großonkel vor, manche auch die ihrer Großmütter, Nachbarn, Bekannten. Sie tun es zwölf Stunden lang von 10 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Die Reihe reißt nicht ab. Manche stehen fünf Stunden in der Kälte und müssen unverrichteter Dinge wieder gehen, nur eine Kerze dürfen sie aufstellen. Aber sie dürfen am 29. Oktober 2017 wiederkommen, am nächsten Tag der Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen.

Dann lädt Memorial Russland die Bürger*innen Moskaus wieder ein, sich am Ssolowetzkij Stein auf dem Ljubjanskij Platz einzufinden, zur erneuten Rückgabe der Namen, wie diese Lesung heißt, die seit 10 Jahren an diesem Tag veranstaltet wird. Die Gedenkaktionen finden in vielen russischen Städten statt, darunter auch in Petersburg am 30. Oktober.

Die Direktorin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial Elena Zhemkova sagte bei der Eröffnung der Lesung: „Diese Personen wurden im Geheimen erschossen. Wir wollen ihrer öffentlich gedenken. Es ist unsere Pflicht, ihre Namen dem Vergessen zu entreißen.“

 

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