Zeitkapsel – Erlebtes Leben zwischen zwei Welten

Seit Jahr und Tag trage ich ein Büchlein mit mir herum. Es ist nicht umfangreich, aber es umfasst eine ganze Epoche und zwei Diktaturen.

Wie ich dran gekommen bin, ist eher zufällig gewesen, wie so vieles. Im Sommer oder Herbst 2015, nach dem ich einen Blog-Beitrag über Alexander Schmorell gepostet hatte, war ich auf der Suche nach einem Buch, das Texte und Gebete von ihm enthält. Und die Datenbank der christlichen Buchhandlung spuckte mir diesen Titel aus. Erlebtes Leben – unter Stalin und Hitler, geschrieben von jemand anderem, Frau Brigitte Werth-Schmorell.

Das kann kein Zufall sein, dachte ich. Und stimmt. Es ist eine Cousine des Gründers der Weißen Rose, die diese autobiografische Werk verfasst hat. Wie ein anderer Zufall es will, lebt sie auch in Hamburg. Und ich habe sie über den Verlag erreicht und mich mit ihr getroffen.

Seit Jahr und Tag schleppe ich dieses Büchlein mit mir rum, ins Café, auf Zugfahrten und sogar in den Ruheraum der Sauna. Habe schon zig Seiten Notizen dazu, wieder verlegt und verloren, nach Monaten wiedergefunden. Warum ich nicht wenigstens eine Kurzrezension von einige Zeilen darüber verfasst habe, kann ich nicht sagen. Aber dann passiert es eben an diesem Februartag. Und eins weiß ich. Ich werde mich nicht kurz fassen können.

Diese Biografie ist nicht eins der typischen Erinnerungsfragmente Deutscher aus Russland. So viel kann ich sagen. Wahrscheinlich weil die Schreiberin selbst nicht typisch ist. Nach der Definition von Historikern ist sie auch keine Russlanddeutsche im engeren Sinn. Das sind nur diejenigen Deutschen, die nach 1763 auf den Geheiß der Zarin Katharina II zumeist an die Wolgaregion und andere ländliche Gebiete gezogen sind. Die Familie Schmorell hat sich aber in Städten niedergelassen. Sie waren Händler und Ärzte in Orenburg im Ural. Weitere Ahnen von ihnen sind nach Moskau und St. Petersburg gezogen. Sie gehören zu den Deutschen, die in Russland Kutschen bauten, mit denen Alexander Puschkin oder Alexander von Humboldt herumgefahren sind. Sie verkehrten in gehobeneren Kreisen und haben die Kultur der beiden Metropolen geprägt. In meinen Augen wäre es eine Sünde, sie auszuschließen. Aber wenn sie keine Russlanddeutschen sind, was sind sie dann? Und was sind wir? Haarspaltereien. Die mögen andere betreiben.

Vielleicht habe ich wegen dieser Unklarheiten gezögert. Vielleicht weil die Dame, die ich in einer Konditorei in einem Hamburger Vorort getroffen habe, sich sehr zurückhaltend gezeigt hat und sich partout nicht fotografieren wollte. Ihre Privatsphäre war ihr unglaublich wichtig. Und das ist doch sehr sympathisch in diesen Zeiten. Vielleicht zögere ich, ihre Geschichte preiszugeben, vielleicht bin ich aber einfach eine zögerliche Person.

Moskau Tram, 1933. Quelle: oldmos.ru
Moskau Tram, 1933. Quelle: oldmos.ru

Als sie an diesem Herbstmorgen die Konditorei betritt, würde niemand erraten, dass sie nicht lange nach Lenins Tod geboren wurde. Mit ihrer selbstgehäkelten Kappe aus weißem Baumwollgarn auf dem Kopf, die mit einer näckischen Strassbrosche geschmückt ist, blickt sie wach und unternehmungslustig in den Raum. Sie wirkt körperlich nicht weniger fit als ich, im Gegenteil.

Anfangs ist sie skeptisch mir gegenüber, will genau wissen, was und wozu ich es wissen will.

Sie möchte nicht viel von sich preisgeben, nicht fotografiert werden. Und das ist ein sehr vernünftiger Umgang mit dem unbekannten Terrain Internet.

Und was genau ein Blog ist, kann ich nicht beschreiben mit alten Begriffen. Ein schwarzes Brett? Ein Notizbuch für die Öffentlichkeit? Wer sieht das alles?

Als die Computer noch schwer und unhandlich waren, hatte sie sich mit über 70 das Arbeiten am PC eigenhändig beigebracht, um ihrem Mann, einem Wissenschaftler bei seinen Publikationen zu unterstützen. Und er hat sie auch ermuntert, ihre Geschichte öffentlich zu machen. ‚Schreib es nieder‘, hat er ihr immer wieder geraten. 2009 hat sie ihre sehr stringenten Erinnerungen publiziert. Für die nächsten Generationen, wie sie selbst in dem Einleitungstext bemerkt.

So wie diese ältere Dame, die viel erlebt hat, ist auch ihr Buch.

Es ist sehr persönlich, aber es gibt nicht viel preis. Es bindet die eigene Geschichte in die größeren Zusammenhänge ein. Ein wenig Nostalgie, Anekdoten und Lebensaugenblicke verknüpft mit historischen Ereignissen und Personen.

Aber ich greife vor.

Alexander Schmorell
Alexander Schmorell, genannt Schurik

Wir reden über ihren Verwandten, Alexander Schmorell, der zum Kleeblatt, zum inneren Kern der Weißen Rose gehörte. Ich rege mich über seine Darstellung in Filmen und Büchern auf. In einer russischen Rubacha. Wie ein Kolchosbauer.

Schurik war ein aristokratischer Mensch, ihn in einen Bauernkittel zu stecken ist typisch deutsch, ob er überhaupt Balalaika gespielt hat? Er konnte sehr gut Klavier spielen, das ja.‘

Sie gibt mir eine viel schönere Ikone von Alexander Schmorell, der vor einigen Jahren heilig gesprochen wurde. ‚Sehen Sie, da ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden und das rote Kreuz, das darauf hinweist, dass er Arzt war, oder werden sollte.‘

Die schönste Beschreibung von Alexander stamme von seinem Vater, Hugo Schmorell. Er hat sie in einem Brief an die Schriftstellerin Ricarda Huch geschrieben. Schon 1945. Doch leider ist sie nicht mehr dazu gekommen, ihr Buch zu vollenden. Sie starb zwei Jahre später.

Aufzeichnungen von Frau Wehrt-Schmorell sind zum Teil aus einer Kinderperspektive erzählt. Es ist das Jahr 1934. Mit etwa neun Jahren kommt Brigitte mit ihrer Familie aus dem stalinistischen Russland ins Vorkriegsdeutschland.

In einer Nacht – und Nebelaktion reisen ihre Eltern aus Russland ab. Mit zwei Kindern und zwei Koffern an der Hand.

Freunde von meinen Eltern, Edelkommunisten, haben meinen Eltern einen Wink gegeben.‘

Stalin sind sie entronnen. In der neuen Heimat herrscht aber eine nicht mindere Diktatur.

Ihre Mutter Agnes, die sich hinsetzt und „Mein Kampf“ durchackert, ist betrübt: ‚Drüben mussten wir schweigen und uns still verhalten‘, sagt sie, ‚Und hier geht es weiter, glaubt mir.‘ Nach dieser Lektüre sieben Jahre vor der Operation Barbarossa schätzt sie die Lage klar ein: ‚Der meint es ernst, es wird noch einen Krieg mit Russland geben.‘

Ja, Kinder kriegen viel mit.

Der Vater hat den Wechsel in das andere Land, in die neue Diktatur nicht gut verkraftet. Kurz nach der Einreise wird er von der Gestapo verhört. Er hätte ja ein bolschewistischer Spion sein können. Danach wird er immer verschlossener. Redet nicht, zieht sich immer mehr in sich zurück. Er hat nie etwas aufgezeichnet. Und ihr Bruder auch nicht. Hat immer nur abgewunken, wenn sie mit ihm über die Vergangenheit reden wollte. Ihm ist es schwerer gefallen, im neuen Land anzukommen. Er war schon Schulkind, wurde auf dem Schulhof gehänselt – in Moskau als dreckiger Deutscher. In Deutschland als Russe. Er hat die Vergangenheit abgestreift.

Die Mutter geht da pragmatischer mit um. Sie bittet ihre Kinder, nur noch deutsch miteinander zu reden.

Als eine ihrer Lehrerinnen bemerkt, sie sei so schweigsam und ernst für ihr Alter, erwidert ihre Mutter: ‚Bedenken Sie doch, was unsere Kinder an Schrecken erlebt haben.‘

Im Buch berührt sie schreckliche Erlebnisse, aber an keiner Stelle wird sie weinerlich oder anklagend. Es ist ihr wichtig mitzuteilen, dass es neben dem Schrecken auch die glücklichen Momente gab.

Die russische Njanja, die abends beim Einschlafen, wenn die Mutter schon rausgegangen war, an ihrem Bett saß und ihr Geschichten erzählte und ihr Gebete beibrachte, nannte sie immer Gitjulenka, eine eigens kreierte slawische Verniedlichung auf den nordischen Namen. An sie denkt Brigitte Wehrt-Schmorell noch heute sehr liebevoll zurück. Es gelingt ihr, ein Büchlein, ein andenken an dieses Kindermädchen ins neue Leben zu retten.

Deutsche Familie in Orenburg
Deutsche Familie aus Orenburg

Viel später, als sie schon lange in Deutschland ist, flüchtet sie sich in die Erinnerungen aus ihrer Kindheit, wenn es ihr schlechtgeht.

Das war für mich wie ein unantastbarer Hort, stellen Sie sich vor, eine Kindheit im Stalinismus!‘

Denn die Erwachsenen verstanden es, trotz der widrigen Umstände den Kindern mit kleinen Ritualen Geborgenheit zu vermitteln. Eine Welt zu schaffen, in der sie sich sicher fühlen sollten, auch wenn die Außenwelt aus den Fugen geraten war. So wurden aus Wachsresten heimlich Kerzen gegossen und mitten im Stalinismus christliche Feste wie Weihnachten gefeiert, hinter zugezogenen Gardinen.

Ihre Wurzeln gehen auch auf Baltendeutsche zurück, ein anderer Ururgroßvater war Wagenbauer und hat Alexander von Humboldt auf seiner Reise durch Russland ausgerüstet. Auch der dichter Puschkin hat seine Kutschen lobend in seinen Briefen erwähnt. Brigitte Wehrt Schmorell stößt auf einer ihrer Reisen nach Russland mehr oder weniger zufällig auf die Grabstätte ihrer Vorfahren und recherchiert die Geschichten. Auch davon handelt das Buch.

Auch davon, was in der Zeit nach der Revolution mit einer deutschen Kaufmannsfamilie geschehen ist. Nach der Machtübernahme durch die Bolschewiken werden sie enteignet und zunächst in eine gemeinsame Wohnung gesetzt. Dem weitverzweigten großen Klan stehen immerhin sieben Zimmer statt dem hochherrschaftlichen Haus zur Verfügung. Das achte Zimmer bewohnen Fremde, die sie bespitzeln sollen.

Innerhalb der sieben Zimmer wird deutsch gesprochen. Außerhalb der Hausmauern reden sie russisch.

Die Stalinzeit und Kampagnen gegen Deutsche sind auch an dieser weitläufigen Familie nicht spurlos verübergegangen. Der jüngste Bruder ihres Vaters ist im Lager verhungert, drei Brüder der Mutter sind ebenfalls umgekommen. Und auch Brigittes Vater saß vier Jahre in Sibirien fest.

‚Als Ingenieur war er technisch sehr versiert,‘ erzählt sie, ‚konnte überall eingesetzt werden auch in Tomsk und Nowosibirsk. Dort hat man ihn dann verhaftet. Es reichte ja ein Deutscher zu sein.‘

‚Musik, hat mich gerettet. Und dieser Doktor.‘ Ein befreundeter Arzt in dem Ort, an dem sie sich niedergelassen haben in Deutschland, der Verständnis hatte für die seelischen Schmerzen dieser eingewanderten Familie. In den Dreißigern eine Ausnahmeerscheinung. Drei Jahre leidet sie. Der befreundete Arzt kann den Trennungsschmerz heilen.

Auch die Reisen nach Russland haben geholfen. Sobald es möglich war, ist Brigitte immer wieder dahin zurück gefahren. 1961 schon in Moskau, und dann immer wieder.

Frau Wehrt-Schmorell macht mich auf eine Besonderheit aufmerksam, was ihren Vornamen angeht: Brigitte. Einmal brauchte sie für irgendeine behördliche Sache ihren Taufschein, ein Glück, ihr Mann hat ihn aufbewahrt. Doch die deutschen Behörden bemerken eine Unregelmäßigkeit, die ihr fast zum Verhängnis wurde.

1925, wenige Jahre nach der Oktoberrevolution, wurde das Baby Brigitte nicht in einer Kirche, sondern privat, zu Hause getauft. Der Taufschein war auf russisch ausgestellt und ihr Name wurde auf Kyrillisch mit Бригита angegeben, also Brigita mit einem a am Ende.

Diese kleine Abweichung beim letzten Buchstaben führt bis heute dazu, dass sie bei offiziellen Dingen stets darauf achten muss, mit Brigitta zu unterschreiben, sonst ist das Dokument nicht rechtsgültig. Und wenn sie eines Tages in das Familiengrab beigesetzt wird, dort wo ihr geliebter Mann seit fast zwei Jahren ruht, möchte sie, dass auf ihrem Grabstein als Vorname Brigitta steht mit a.

Fazit: Dieser ganz andere Blickwinkel auf die Geschichte und die Wurzeln von Deutschen in Russland macht die Lektüre so wertvoll.

***

Erlebtes Leben unter Stalin und Hitler

Mit einem Geschichtsabriss: Deutsche in Russland

112 Seiten, Taschenbuch (Paperback)

EUR 8,90 · ISBN 978-3-8280-2767-1

Werbeanzeigen

Alexander Schmorell – Die weiße Rose in der Hand

Wenn über die Weiße Rose gesprochen wird, dann stehen oft die beiden Geschwister Scholl im Vordergrund. Sophie und Hans. Über die anderen des inneren Kreises dieser Widerstandsgruppe, die ebenfalls involviert waren und auch hingerichtet wurden, wie Willi Graf, Christoph Probst oder Alexander Schmorell erfahren nur diejenigen etwas, die sich näher mit dem Thema befassen.

Studierte zwar Medizin, träumte davon, Bildhauer zu werden - Alexander Schmorell
Gründungsmitglied der Weißen Rose: Alexander Schmorell

Alexander Schmorell ist wohl das am wenigsten bekannte Mitglied der Weißen Rose, er ist jedoch auch der einzige aus ihrem Kreis, der als Heiliger verehrt wird. Am 2. Februar 2012 wurde er als Neumärtyrer der russisch orthodoxen Kirche heiliggesprochen und trägt den Namen Alexander von München. Auf den Ikonen wird er mit einer weißen Rose in der Hand abgebildet. Sein Gedenktag ist der 30 Juli.

Was wissen wir über ihn, außer, dass seine Spuren uns in den Ural führen? Alexander Schmorells Mutter hieß Natalja Petrowna Wwedenskaja und war die Tochter eines orthodoxen Priesters, sein Vater der Arzt Hugo Schmorell stammt aus einer deutschen Familie, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Russland angesiedelt hat. Er selbst wurde am 16. September 1917 in Orenburg, im südlichen Ural geboren.

Nach dem frühen Tod seiner Mutter und der Wiederverheiratung des Vaters mit einer Russlanddeutschen emigrierte Alexander 1921 mit seiner Familie und seinem russischen Kindermädchen nach München, wo er aufwuchs, zur Schule ging, anfing zu studieren und sich mit Christoph Probst und später auch mit Hans Scholl anfreundete. In seiner Familie wurde er stets Schurik genannt, das ist eine vielen russischen Koseformen von Alexander. Seine deutschen Freunde haben diesen Namen irgendwann einfach übernommen.

Schurik trägt beide Kulturen in sich. Er wurde nach orthodoxem Ritus getauft und behält bis zum Schluss die Konfession der Mutter bei. Er kann sich fließend in beiden Sprachen verständigen. Der Umstand, dass er im Ural geboren wurde und dass er zur Hälfte Russe war, erklärt seine Ablehnung gegen ein Regime, das alle Slaven zu Untermenschen abstempelt und auf brutalste Weise im Osten wütet. Er ist zwar kein Bolschewist, aber russland-affin und bleibt gegen die Hasspropaganda der Nazis immun.

In München ist Alexander Schmorell seit Beginn an allen Aktionen der Weißen Rose maßgeblich beteiligt. Die ersten Flugblätter verfassen er und Hans Scholl in der Wohnung von Schmorells Eltern in der Benedektinerwandstraße. Von ihm stammt auch der Teil des II. Flugblatts, der den Mord an den Juden erstmals öffentlich macht. Er ist auch derjenige, der die Schreibmaschine der Marke Remington bei einem Kommilitonen ausleiht. Dostojewskijs Werk „Die Brüder Karamasow“ ist Schuriks Lieblingsbuch. Darin kommt die weiße Rose mehrmals vor, als Zeichen für Unschuld und Reinheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Gruppe sich nach diesen Zitaten benannt hat, ist hoch. Auch wenn Hans Scholl bei den Verhören zugibt, spanische Lieder Brentano hätten ihn inspiriert. Das war wohl eher dazu gedacht, um den Verdacht von seinem Freund Schurik abzulenken, der noch auf der Flucht war.

Alexander_Schmorell_Pferd

In der Anklageschrift des Volksgerichtshofs gegen ihn heißt es:

Als er nach dem Arbeitsdienst in die Wehrmacht trat, hatte er innere Hemmungen, den Eid auf den Führer zu leisten und offenbarte einige Zeit später seinen Vorgesetzten seine politische Einstellung. Seine Bitte um Entlassung aus der Armee hatte jedoch keinen Erfolg.

Da war er zwanzig und bis zum Angriff auf Polen bleiben noch zwei Jahre.

Als der Krieg beginnt, kommt er zusammen mit seinen Freunden Hans Scholl und Willi Graf an die Ostfront, aber als Sanitätsarzt muss er wenigstens keine Waffen gegen sein eigenes Volk richten. Doch sie werden alle Zeugen der dort herrschenden Grausamkeiten gegen russische Kriegsgefangene und die Zivilbevölkerung.

Nach seiner Verhaftung als Mitglied der Weißen Rose gibt Schmorell folgendes zu Protokoll:

Sie können sich vorstellen, dass es mich besonders schmerzlich berührte, als der Krieg gegen Russland, meine Heimat begann. Natürlich herrscht drüben der Bolschewismus, aber es bleibt trotzdem meine Heimat, die Russen bleiben doch meine Brüder.

Das russische Wikipedia schreibt:

Пребывание в России он воспринял как возвращение на Родину: Александр устанавливал контакт с местным населением, переводил товарищам по «Белой розе» разговоры с крестьянами и даже организовал хор военнопленны

Die Ankunft in Russland empfand er als eine Rückkehr in die Heimat: Alexander nahm Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung auf, übersetzte für seine Freunde aus der Weißen Rose die Gespräche mit den Bauern und hat sogar einen Gefangenenchor organisiert.

Und in seinem politischen Bekenntnis, das Schmorell im Gefängnis verfasst hat, schreibt er:

So erklärt sich auch meine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. In der gegenwärtigen Zeit konnte ich mich also nicht damit begnügen nur ein stiller Gegner des Nationalsozialismus zu sein, sondern ich sah mich in der Sorge um das Schicksal zweier Völker verpflichtet, meinen Teil zur Veränderung der Verfassung des Reiches beizutragen. In der Person des Scholl erblickte ich einen Mann, der sich rückhaltlos meiner Idee angeschlossen hatte. Wir zwei versuchten deshalb durch die Herstellung und Verbreitung unserer Druckschriften das deutsche Volk auf die Möglichkeit einer Kriegsverkürzung hinzuweisen.

Neumärtyrer Alexander von München
Neumärtyrer Alexander von München

Auch wenn er Russland verklärt und Hitler ablehnt passt Schmorell in keine ideologische Schublade. Bolschewist ist er nicht ein Domokrat eigentlich auch nicht. Seine Antriebsfeder ist wohl eher die Menschlichkeit und Solidarität mit den Opfern des Regimes. Noch bevor er mit Hans Scholl die Richtlinien für den passiven Widerstand in der Weißen Rose ausarbeitet, brachte er beispielsweise mit dem Fahhrad französischen Gefangenen ins Lager Brot und Zigaretten mit.

Nach der Verhaftung von Sophie und Hans Scholl konnte Schmorell für einige Tage untertauchen. In einem Gasthof in Elmau ist er knapp den Männern der Gestapo entkommen. Seinen Plan, sich vorübergehend in den umliegenden Bergen zu verstecken, ließen Kälte und Schnee aussichtslos erscheinen. Deshalb machte sich der Flüchtige auf den Weg zurück nach München, wo er am 24. Februar 1943 von einem Blockwart im Luftschutzkeller am Habsburger Platz entdeckt und der Gestapo übergeben wurde. Zwei Monate später hat ihn das Volksgericht im April 1943 zum Tode verurteilt. Am 13. Juli desselben Jahres starb Alexander Schmorell durch das Fallbeil, doch die wenigen Zeugen und auch die wenigen schriftlichen Zeugnisse, die wir über haben, berichten davon, wie ruhig und gefasst er in den letzten Tagen und Stunden seines Lebens gewesen war.

In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter und ich werde Euch nicht vergessen, werde bei Gott um Trost und Ruhe für Euch bitten. Und werde auf Euch warten! Eins vor allem lege ich Euch ans Herz: Vergesst Gott nicht! schrieb er kurz vor seiner Hinrichtung.

А после этого пришел адвокат, и он вспоминает: „я увидел человека прямо, надо сказать, веселого. Он ко мне обратился и сказал: ‚Вы удивитесь видеть меня в таком бодром и светлом духе. Я исполнил дело своей жизни. И если бы мне сейчас сказали, что из жизни должен уйти кто-то иной, а я буду освобожден, то я бы сам не захотел этого, а выбрал бы эту смерть. Потому что, хотя я и очень молод, но у меня все завершено‘.

Nach dem (Priester) kam der Anwalt, und der erinnert sich: Ich sah einen Menschen, der, ich muss gestehen, fast fröhlich wirkte. Er sagte zu mir: ‚Sie sind erstaunt, mich so mutig und zuversichtlich zu sehen. Ich habe die das Ziel meines Lebens erfüllt. Und wenn mir jetzt jemand sagen würde, dass jemand anders an meiner Stelle aus dem Leben treten soll, und ich wäre frei, so würde ich es selbst nicht wollen, sondern ich hätte dennoch diesen Tod gewählt. Denn, obwohl ich noch sehr jung bin, ist alles vollendet.‘

Mit diesem Grenzgänger zwischen den Welten möchte ich eine Serie fortführen, die den Arbeitstitel trägt: bekannte Deutsche aus Russland. Nicht um hervorzuheben, wie viele Leistungsträger darunter sind, sondern um aufzuzeigen, dass es sie überhaupt gegeben hat, auch wenn  sie kaum bekannt sind. Für die Identität, die persönliche und die kollektive, ist es heilsam zu sehen, dass es Menschen aus der eigenen Gruppe gibt, die Spuren in der Geschichte hinterlassen haben. Besonders weil diese Spuren gerne mal verschwiegen werden. In Russland nicht und in Deutschland. Über den Fabrikanten Einem habe ich schon geschrieben und auch über den Erfinder des Ätherophons, Leo Theremin.

Schmorell ist zwar kein Wolgadeutscher oder Schwarzmeerdeutscher im engeren Sinne, auch wenn Orenburg zum Föderationskreis Wolga gehört. Er ist kein Sohn von kleinbäuerlichen Siedlern, die 1763 und 1804 von russischen Zaren nach Russland gerufen wurden, sondern der Abkömmling einer reichen Kaufmannsfamilie, die ihre Geschäfte und ihren Lebensmittelpunkt nach Russland verlegt hat. Dennoch passt er zu diesem zweigeteilten Volk, besitzt die zerrissene Identität eines Kindes zweier Länder.

In seiner Heimatstadt Orenburg gibt es seit dem 24. Dezember 2013 eine nach ihm benannte zentrale Parkanlage und in seiner anderen Heimatstadt München einen Alexander-Schmorell-Platz. Darüber hinaus tragen Schulen in Rostock und Kassel seinen Namen und in vier Orten gibt es eine Alexander-Schmorell-Straße. Seit dem Jahr 2000 werden alljährlich von der Stiftung Weiße Rose finanzierte Alexander-Schmorell-Stipendien an vier Studenten vergeben.

Und vor drei Jahren ist er gegen einige Widerstände in religiösen Kreisen in der Berliner Gemeinde der russisch-orthodoxen Kirche im Ausland in einer feierlichen Zeremonie heiliggesprochen worden. Die jetzige Kanonisierung entspricht in etwa einer Seligsprechung in der römisch-katholischen Kirche. Dennoch bleibt er der erste und einzige heilige Aussiedler, den ich kenne. Und der wohl einzige uns bekannte Märtyrer und Heilige unseres Landes im 20. Jahrhundert.

Hier ist eine Kurzbiografie:

http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/weisse-rose/60984/alexander-schmorell

Ein religiöses Buch, das über ihn erschienen ist:

G. Fernbach (Hg.): Vergesst Gott nicht! Leben und Werk des heiligen Märtyrers von München, Alexander (Schmorell), Edition Hagia Sophia, 2012