Musikalischer Einschub: Karaganda-Kosmos

Wenn ich schon über Karaganda schreibe, dann darf ein Lied nicht fehlen. Es ist ein Chanson von Veronika Dolina über die Ausreise der Deutschen aus Kasachstan. Den Verweis darauf habe ich auch bei Ulla Lachauer gefunden.

Die Singer-Songwriterin Veronika Dolina, Anfang der 50ger in Moskau geboren, hat dieses Chanson bereits 1990 geschrieben. Und den Abschiedsschmerz der Aussiedler auf eine unnachahmliche Weise eingefangen. Lufttransport heißt es. Karaganda-Kosmos ist eine Line daraus. Wie treffend.

…Goethe hat sie vergessen, Rilke hat sie im Stich gelassen, sie lernten Russisch, Kasachisch… Karaganda–Frankfurt, Karaganda–Kosmos…

Hier die Originalversion gesungen von Veronika Dolina:

Hier ist ein Video von einem Dmitrij Sirotin von einigen Tagen ins Netz gestellt:

Ich habe es mit meinen Worten übersetzt, weil ich keine Übersetzung im Netz gefunden hab. Einfach so wortwörtlich, ohne Reim, ohne Rhythmus. Aber wenn ich es im Original höre, warum muss ich, min Cherz, weinen?

Воздушный транспорт – Lufttransport

Этот воздушный транспорт,
Тот равнодушный голос,
Караганда-Франкфурт –
С полюса на полюс.

Hier ein Luft-Transport,
Dort eine gefühllose Stimme,
Karaganda – Frankfurt –
Von einem Pol zum andern

Женщины, дети, старцы,
Рвутся в свою Итаку,
Страшно, мин херц, страшно,
Хоть и не по этапу.

Frauen, Kinder, Alte
Erstürmen ihr eigenes Itaka
ich fürcht mich, min Cherz*, ich fürchte mich
Auch wenn es nicht in die Verbannung geht
* im Original auf Deutsch gesungen.

Птичий язык вьётся
В детском чумном крике,
Их позабыл Гёте,
Бросил в беде Рильке.

Der Schrei eines Vogels ertönt
aus wunder, Kinderkehle
Goethe hat sie vergessen
Rilke hat sie in ihrem Leid alleingelassen.

Выучили казахский,
Выучили б ненецкий,
И всё это по-хозяйски,
И всё это по-немецки.

Sie erlernten das Kasachische
Sie würden auch die Sprache der Nenzen lernen
Alles tun sie wie von zuhause
Alles tun sie auf deutsche Weise

Бледные эти маски,
Скудные эти тряпки
Надо бы сбросить в Москве
На шереметьевском трапе

Bleich sind ihre Gesichter
Ärmlich sind ihre Lumpen
Man müsste sie eigentlich abwerfen
Auf der Landebahn vom Scheremetjewo

И прочитать победно
Буковки на билете.
Жили темно и бедно,
Но всё же рождались дети.

Man müsste siegesgewiss
die Buchstaben auf dem Ticket lesen.
Haben dunkel und ärmlich gelebt,
Dennoch wurden Kinder geboren

Смолкнет дурная брань, хоть
Щёлкает ещё таймер,
Караганда-Франкфурт –
Пусть улетит лайнер.

Das dumme Gekeife verstummt, nur
das Ticken der Uhr ist zu hören
Karaganda – Frankfurt
Der Jet soll endlich abfliegen

И хоть я держусь в рамках,
Но сбился и мой компас:
Караганда-Франкфурт,
Караганда-космос.

Und auch wenn ich mich zusammenreiße
ist mein Kompass vom Kurs abgekommen:
Karaganda – Frankfurt,
Karaganda – Kosmos.

Advertisements

Mythos von der mitgenommenen Generation

Generation Pünktchen Pünktchen ist eine beliebte Bezeichnung für alles mögliche. Es gibt die Generation Golf, die Generation Club Mate und sogar die Generation Reiswaffel. Oder Dinkelstange, denn beides passt zu den gut behüteten Kleinkindern in den Hamburger Stadtteilen Eimsbüttel oder Altona oder im Berliner Prenzlauer Berg. Es gibt die vergessene, die verratene und die verlorene Generation, die Generationen Y und Z, die Net Generation und die 3. Generation, eine Boygroup aus Berlin. Und sicher noch zig andere Generationen, die mir grad nicht einfallen.

Solange Etiquetten vergeben werden, bleibt dieser Begriffszusatz im Umlauf. In meiner Parallelwelt gibt es die sogenannte mitgenommene Generation. Damit sind die Kinder von Aussiedlern gemeint, die eingereist wurden, von ihren Eltern einfach mitgeschleppt nach Deutschland, ohne es richtig zu wollen, ohne gefragt worden zu sein. Diese Bezeichnung haben um die Milleniumwende die Zeitungsschreiber gern verwendet, besonders wenn es darum ging zu erklären, weshalb russlanddeutsche Teenager so schwer einzugliedern sind und sich weigern, ihre aus Russland mitgebrachten Gewohnheiten und die Sprache ihrer Kindheit abzulegen.

0,,1125074_4,00

So oft wurde dieser Zusammenhang und die schnittige Formulierung herangezogen, immer wieder kopiert, bis sogar ich davon überzeugt war, dass es die mitgenommene Generation gab und ich dazu gehörte. Klingt ja auch sehr logisch.

Eins der Zitate aus der Nord-West Zeitung vom 7. August 2001: „ Der Innenminister (Heiner Bartling, Anm. der blo.) bezeichnete es als ‚großes Hindernis’, dass sich junge Spätaussiedler kaum integrieren ließen. Sie sind größtensteils gegen ihren Willen mit ihren Familien nach Deutshcland gekommen.“

Mir liegt eine Diplomarbeit vor, aus der auch dieses Zitat stammt, die unter anderem auch den Mythos der mitgenommenen Generation anhand von verschiedenen Studien beleuchtet. Und wen wunderts, ein ganz anders Bild zeichnet. Laut einer Umfrage des Europainstituts Ende der Neunziger Jahre, in der 15 bis 25 jährige Aussiedler befragt wurden, waren 70% der Jugendlichen an der Ausreiseentscheidung beteiligt. Nur 5,5% wollten nicht ausreisen, zumeist, weil sie Freunde zurücklassen mussten. Eine andere Studie, 1998 an Schulen in NRW durchgeführt, besagt, dass 44,1% der Befragten angaben, den Entschluss zur Ausreise selbst getroffen zu haben, mit entschieden oder sogar sehr unterstützt zu haben. Etwa ein Drittel (36,9%) gaben an, keine Rolle bei der Entscheidungsfindung gespielt zu haben oder nicht gefragt worden zu sein. Nur 3,3 % der Jugendlichen ist unfreiwillig mitgekommen. Ob nun 3,3 oder 5,5  oder von mir aus 36,9 Prozent, reicht das eigentlich für eine ganze Generation? Ich bin mir nicht so sicher, aber es zeigt, wie die Presse arbeitet. Auf welche Zahlen gründet sich die Aussage von Minister Bartling? Mich würde viel eher interessieren, welches die eigentlichen Gründe für die Abkapselung waren, für das Gefühl, nicht angekommen zu sein.

koffer_elefant
je jünger, desto leichter gelingt die Anpassung, heißt es

 

Allerdings hätte der Minister in meinem Fall sogar recht. Ich wurde nicht gefragt. Aber ich war auch entfernt davon, nicht mitzugehen und zu sagen, geht doch, ich bleibe hier. Ich war erst neun. Und damals anfang der Achtziger war es möglicherweise gefährlich, mit Kindern explizit über die Ausreise in den Westen zu sprechen, denn sie könnten sich verplappern. Erst zwei Wochen vor dem Flug haben meine Eltern mir gesagt, dass wir wegfahren. Naja, erst zwei Wochen vor dem Flug hats ihnen die Behörde mitgeteilt.  Aber knapp zwanzig Jahre später, Ende der Neunziger, standen Ausreisewillige nicht mehr unter strenger Beobachtung.

Die Autorin der Diplomarbeit schreibt, dass eine Ausreise von langer Hand vorbereitet wurde, und es mitunter 3 -7 Jahre dauern konnte, bis so ein Antrag bewilligt war. Sodass sich die meisten seelisch darauf einstellen konnten, nach Deutschland  auszuwandern. Auch die sogenannten Anverwandten.

Weiter weist sie darauf hin, dass die familiären Beziehungen bei Russlanddeutschen anders gelagert sind. Es herrschten eher die traditionellen, patriarchisch ausgerichteten Strukturen.

Man könne zwar nicht ausschließlich vom „ autoritär bestimmenden Erziehungsverhalten“ sprechen, auch „zärtlich-behütende Elemente“ seien wahrnehmbar. Es ist also nicht befremdlich oder abwegig, dass Kinder nicht dieselben Mitbestimmungsrechte hatten, wie die im Westen. Es ist eine andere Umgangsweise miteinander. Vieles wird einfach gemeinsam gemacht. Ich glaub, die bloße Idee, Eltern könnten ihre halbwüchsigen Kinder in Russland lassen, weil sie keine Lust haben mitzukommen, ist in diesem Zusammenhalng absurd.

„Kinder an die Macht“ war eine Folge der Achtundsechziger-Bewegung. Die Eltern der Spätaussiedler gehörten nicht zu der 68iger-Generation (wieder eine Generation mehr!) auch wenn sie zum Teil im selben Alter waren wie die studentischen Rebellen im Westen.

Natürlich ist es tragisch, jemanden aus seinem Umfeld herauszureißen und ganz woanders zu verpflanzen. Wo man nicht willkommen ist und das zu spüren bekommt. Da ist es kein Wunder, dass die Aussiedlerjugend unter sich bleibt. Besonders in einem Alter, wo die Clique, die Peergroup eine ungeheure Wichtigkeit bekommt. Doch der Bezug zur angeblich unfreiwilligen Ausreise und der Begriff von der mitgenommenen Generation, scheinen nicht zu stimmen.

Alle diese Studien und Berichte liegen über zehn Jahre zurück. Die Lage hat sich sicher gewandelt und es gibt sicher neue Forschungsergebnisse darüber, was aus diesen ehemaligen Jugendlichen geworden ist, inwieweit sie sich doch haben integrieren können. Und auch die Generation der Segundos, derjenigen also, die aus einer Aussiedlerfamilie stammen, aber in Deutschland geboren wurden, ist es wert, mal unter die Lupe genommen zu werden.

Dennoch war es mir wichtig, diesen Exkurs in die nähere Vergangenheit zu unternehmen. Auch um zu zeigen, wie unhaltbar langgehegte Vorurteile sind, selbst wenn sie schwarz auf weiß in der Zeitung stehen.

 

 

Ausreise 20. bis 22. April 1980

Schwer sich das vorzustellen, aber vor über dreißig Jahren fuhren wir aus Russland weg und kamen nach Deutschland. Nach einem Abschiedsfest, an das ich mich gar nicht richtig erinnere, nur, dass wir ein Foto gemacht haben, ein Gruppenbild und ich stehe da, ganz links, mit zwei langen geflochtenen Zöpfen.

 

Abschiedsfoto 1980

Wir haben zwei Tage gebraucht, um von Taldy Kurgan über Moskau nach Frankfurt am Main zu kommen. Es war nämlich grade Lenins Geburtstag und in der Hauptstadt der UdSSR ging nichts mehr. Alles war geschlossen an diesem hohen Feiertag und wir hingen zwei Tage am Moskauer Flughafen fest. Auf echten 70-Jahre Plastikstühlen in Orange-Braun. Bis meine Mutter rausgefunden hatte, dass es einen Aufenthaltsraum gibt. Mit Liegen und einem Babybettchen. Da konnten wir auch bleiben, nach einigen abenteuerlichen Lügengeschichten. Aus irgendeinem Grund, den nur Erwachsene kennen, durften wir uns nicht zu erkennen geben als das, was wir waren, Aussiedler, Deutsche, die die Sowjetunion verlassen wollen in Richtung Westen. Dann, meinte meine Mutter, würde uns die Wärterin nicht in diesen Raum lassen. Also haben wir ihr eine andere Geschichte aufgetischt:

Wir seien auf dem Weg in die DDR. Mein Vater sei von dort und wir wären einige Jahre in Russland gewesen weil er was aufgebaut habe  und er würde wieder dorthin versetzt. Nun. Ich habe bis dahin das Leben eines normalen sowjetischen Mädchens geführt. Bin russisch sozialisiert worden. Mein Vater konnte zwar deutsch, durfte es aber nicht öffentlich reden. Meine Mutter kein bisschen und wir haben in Sibirien so weit weg von der Verwandtschaft gelebt, dass ich die deutsche Sprache auch nicht gehört habe. Zwar hatte ich ein deutsches Kinderbuch aus der DDR, „Schweinchen Jo“. Und mein Vater hat mir das Lied „Alle meine Entchen“ beigebracht. Und einige Ausdrücke, damit ich mich wehren konnte. Ein dubioses „Igge Zigge Arsch“ Wohl ein Kinderreim. Und „Pfui, Pfui Schande“. Aber ich war weit weg davon, auf deutsch auch nur einen zusammenhängenden Satz zu sagen.

Das grenzt schon an Comedy, wie ich da mit meiner kleinen Schwester allein in diesem Raum mit der Angestellten vom Flughafen geblieben bin und ihr vormachen muss, ich wäre eine Bürgerin der DDR. Was meine Eltern zu erledigen hatten, weiß ich nicht mehr, sie waren weg. Ich habe dann auch mein ganzes Repertoire aufgesagt und durchgesungen. Zu meiner Babyschwester in diesem Gitterbettchen habe ich immer wieder „Pfui, Pfui Schande“ gesagt, ein Glück  hat sie mich mit ihren neun Monaten nicht richtig verstanden. Es hat anscheinend überzeugend gewirkt, denn wir durften bis zu unserem Abflug in diesem Raum bleiben. Ob wir dort auch geschlafen haben, weiß ich nicht mehr. Meine Mutter hat der Frau am Ende noch ihre polischen Lederstiefel und eine Schere gegeben. Als Zeichen ihrer Erkenntlichkeit.

Moskau 1980
1980 – das Jahr der Olympiade in Moskau, ein Wendepunkt in unserem Leben

Bevor wir diesen Raum gefunden haben, haben wir Cafés und Restaurants abgeklappert, um etwas Milch für meine Schwester zu finden. Die ja ein Baby war und eins, dass nicht gestillt wurde. In irgendeiner Bar haben sie uns ein Päckchen Kondensmilch verkauft. Das war das letzte, was sie Russisches im Magen hatte.

Von Moskau haben wir nichts gesehen. Nicht den Roten Platz. Keine Sehenswürdigkeit. Nichts. Wir waren nur am Flughafen. Warum eigentlich? Hatten meine Eltern Angst, den Flug zu verpassen? Wahrscheinlich wurde er immer wieder verschoben und man musste sich alle zwei Stunden erkundigen, wann die Abflugzeit nun endlich sein sollte. Oder sie waren nicht interessiert dran noch mal schnell Sightseeing in Russlands schöner Hauptstadt zu machen?

Unserer Abreise in den Westen gingen zwei intensive Wochen voraus. Denn Anfang April haben die Behörden gesagt, So, nun könnt ihr raus in die Bundesrepublik (w FRG) aber die Abreise muss innerhalb von 14 Tagen erfolgen, sonst bleibt ihr hier. Die ganze Wohnung. Die Hündin. Die Möbel. Die tausend Kunstbücher, und Zeitschriften. Die Pinsel und Farben und die Fotolaboreinrichtung. So schnell haben meine Eltern keine Käufer gefunden. Einige Möbel, unter anderem einen Schlafsessel haben sie verkauft, der Rest wurde einfach verschenkt.  An die Kinder auf der Straße. An Nachbarn.

Es war schade, dass ich nicht gefragt wurde, ob ich gern irgendwelche Sachen mitnehmen würde. Aber so wie ich mich kenne, wurde ich gefragt und ich wusste es nicht, weil ich mich nicht entscheiden konnte.

Und vor der Abreise war ja das Fest, das so ziemlich an mir vorübergegangen ist. Ich weiß nur noch, ich habe hinten im Auto gesessen als wir zum Flughafen abfuhren und durch die Heckscheibe geguckt und gedacht, komisch, jetzt ist sicher ein bedeutsamer Augenblick in meinem Leben, aber ich spüre nichts. Nichts Besonderes. Betrachte nur die Landschaft. Kasachische Bäume, sicher viele Pappeln dabei, Hügel, Grün. Es ist schließlich April. Und Kasachstan war nur eine Zwischenstation. Nicht meine Heimat. Dort haben wir insgesamt nur ein Jahr gelebt. Geboren und aufgewachsen bin ich in Omsk.
Die Kinder in unserer Straße in Taldy-Kurgan kannte ich erst seit kurzem. Ich habe in diesem Jahr keine richtigen Freunde gefunden. Habe oft mit den anderen draußen Ball gespielt, klar. Aber eine beste Freundin hatte ich nicht. Es war also nicht so traurig von da weg zu gehen. Der Abschied ist schon früher passiert.

Ich mich nicht mehr erinnern, wie der Abschied in der Schule war. Im Nachhinein, schon in Deutschland hat mir meine Mutter eine Spravka, ein Bescheinigung der Schule Nummer 8 gezeigt, das mir bestätigt, dass ich, schlecht im Sinne des sozialistischen Gedankens erzogen worden bin. (Weil wir uns ja erdreisten, dieses sozialistische Land für immer zu verlassen.) Als ob mir das auf meinem weiteren Lebensweg im Westen hätte schaden können. Aber wer weiß, vielleicht hat es mich auf einer ganz anderen Ebene davon abgehalten, hier an- und voranzukommen. Also Lehrkräfte der Schule Nummer 8 in Taldy Kurgan, ihr könnt ganz beruhigt sein, ich bin nicht auf die schiefe kapitalistische Bahn geraten. Auch wenn ich den sozialistischen Gedanken auch nicht grade aktiv lebe oder propagiere.

Passfotos haben wir vor der Abreise auch machen lassen. Und ich bin mit meinem Vater auf ein Foto drauf gekommen. Ostmenschenbilder mit Ostmenschenblicken. Als ich mal mit meiner Freundin Usch Anfang der neunziger in St.Petersburg war, habe ich mich à la russe „verkleidet“. Ich wollte nicht als Westlerin auffallen. Habe oft Röcke angezogen und mich mit hellblauem Lidschatten geschminkt. Und hellrosa Lippenstift. Nun ich hatte flache Schuhe angehabt, Punktabzug, gebe ich zu. Auf jeden Fall hat mein Mimikri nicht funktioniert. Später sagte mir jemand, er habe mich an dem Blick erkannt. An dem zu wenig resignierten, aufrechten Blick. Zu forsch habe ich in die Welt geguckt. Nicht so geduckt. Nicht verhalten oder unsteht.

Und es ist wahr, solche Begegnungen mit der Spezies Ost werden immer seltener hier, aber in den Neunzigern habe ich sie immer gewittert. Sofort. Die Neuankömmlinge.  Nicht aus Polen und Ungarn oder so. Die haben sich geändert, haben sich schnell an die Mode und den Lauf der Zeit angepasst. Nein. Spezifisch aus Russland kommende Menschen. Und noch spezifischer Russlanddeutsche. Noch bevor sie den Mund aufmachen. Klar die Klamotten sind grau-brauner gewesen, zumindest bei den Männern. Aber das, woran ich das in der Sekunde merke, woher sie kommen, war der Blick. Dieser grau-braune Blick, wie von vergilbten Schwarz-Weiß-Bildern. Ein wenig resigniert, gewohnt vom Schicksal eins auf den Deckel zu kriegen oder von den Umständen oder von der Staatsgewalt, die auch in Gestalt eines kleinen Schalterbeamten über einen kommen kann. Das gradlinige Durchkommen ist dem Blick fern, dieses: ich fasse einen Plan, schau nach, ob ich genügend Kohle dafür habe und ziehe es durch. Es ist eher der Blick, der oft gehört hat, Нету, haben wir nicht, kommen Sie morgen wieder, und zwar jedes Mal aufs Neue. Und diesen Blick habe ich schon drauf gehabt mit meinen neun Jahren. Aber anscheinend nicht mehr mit 22. Dazwischen ist was passiert. Auch wenn ich nicht glaube, dass ich totalen Anschluss gefunden habe an die Blicke, an das Gehabe der Gleichaltrigen hier, an die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich die Welt nehmen. Ein Stück vom Puzzle fehlt oder ist anders gefärbt. Die ersten, prägenden Jahre, sind in einem Grau-Braun gehalten. Einem Sepia-Ton, den man von alten Fotos her kennt.

Dabei sind meine Erinnerungen an meine ersten Jahre in Omsk, wo ich geboren bin, durchaus bunt. Die rote Kindertasche, die ich bekommen habe. Das blaue Püppchen mit dem Stewardessenkostüm. Die rote Strickjacke und die bunten Kleider meiner Mutter. Nur unser Haus, das ist immer schon grau gewesen. Es steht übrigens in der Straße des 20. April. Lenins Geburtstag zu Ehren. So schließen sich die Kreise.