Angenehmes Knacken – Sonnenblumenkerne im Vergleich

Ich weiß nicht, wie viele Wörter die Inuit für Schnee kennen, im Lexikon der russischen Sprache von Wladimir Iwanowitsch Dahl gibt es jedenfalls dreizehn Synonyme für das Knabbern von Sonnenblumenkernen: лущить, лузгать, шелушить, грызть, вылущать, щелкать, выковыривать, вылуплять, облупливать, лушпинить, щелкотить, лустерить und жущерить.

Die Liebe der russischen Nation zu diesen Winzlingen ist bekanntermaßen groß. Über ihre Funktion als eine  in Trance versetzende Substanz habe ich schon geschrieben. Kalzium und gutes Fett und was nicht alles, ist ebenfalls in diesen kompakten Leichtgewichten enthalten. Das einzig Negative ist vielleicht noch der Dreck, der übrig bleibt, der Suchtfaktor und das Geräusch, das alle in der Umgebung, die nicht so engagiert knurspeln, in den Wahnsinn treibt.

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So wie es Testseiten für Computer, Lautsprecher oder Yachten gibt, so darf auch eine Seite nicht fehlen, auf der die Sonnenblumenkerne diverser Marken dargeboten werden. Was mich wundert, sie ist auf Deutsch und für in Deutschland lebende Konsumenten gemacht, womöglich für eine in der Diaspora lebende russischsprechende Paralellgesellschaft. Ich habe sie per Zufall entdeckt, das heißt, sie hat mich entdeckt. Irgendwann war da ein Kommentar von einem ihrer Betreiber unter einem Text von mir mit einem Link auf ihre übersichtlich und modern gestaltete Seite.

Hier werden Kerne mit oder ohne Schale einem Geschmackstest unterworfen und dürfen per Mausklick erworben werden. Im praktischen Eimerchen oder in großen Tüten. Als Nostalgiebonus wird meistens zum Größenvergleich ein Rubelstück neben die getesteten Kerne gelegt. (Bloß bei Rapunzel Sonnenblumenkernen ohne Schale liegt ein 20 Cent Stück.)

Hier ein paar Schmankerl aus den Testberichten:

Die Schale ist dick und benötigt ein wenig Kraft zum Knacken. Für geübte Semetschki-Esser ist dieses aber kein Problem. Eher ein feiner Knackspaß.

Oder

Sie schmecken leicht säuerlich nach Walnuss mit einem Spritzer Grasgeschmack. Der Geschmack ist nicht als schlecht zu verstehen. Man könnte ihn mit dem Liegen, auf einer Steppen-Wiese, an einem späten Frühlingstag, in der Taiga vergleichen.

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Ich finde die Idee sehr schön, darauf hat die Welt gewartet. Im Ernst jetzt. Nur zwei Dinge stören mich: kein einziges Mal schreiben die Tester*innen dass die Dinger ranzig riechen oder zu mau sind oder zu klein. Ich werde den Verdacht nicht los, dass sie von den Herstellern saftige Provisionen erhalten: in Form von Sonnenblumenkernen womöglich. Ich selbst hatte beim Kauf von bereits gebratenen Sonnenblumenkernen schon so manch böse Überraschung erlebt.

Und das zweite Manko: alle Links, die zum Kauf führen, landen auf der Seite eines Großversenders, der mit Am.. anfängt und mit ..on endet. Und mit der Tradition des Sonnenblumenkern-Knackens nicht das geringste zu tun hat. Und dann die Mengen, Vorteilspackung von 5x1kg. Da knispel ich mir ja den Mund fransig, bis ich die bis zum Verfallsdatum aufgeknackt habe. Lieber hätte ichs gesehen, wenn man damit die lokalen Anbieter unterstützen würde, irgendwo hinter den Karpaten oder im Ural. All die Babuschkas und Deduschkas, die ihren Ertrag Becherweise in zusammengerollten Zeitungstütchen verkaufen. Aber diese Zeiten sind wohl trotz Rubel und humorigen Sprüchen für immer vorbei. Um das zu verarbeiten, muss ich wohl gleich zu einer Handvoll knackfrischer, nicht zu labriger selbstgerösteter Kerne greifen. Nicht vergessen, auf die ukrainische Art kommen beim Rösten mit Schale einige Tropfen Öl dazu, na klar, Sonnenblumenöl, so werden sie noch nussiger und bratiger – falls es dieses Wort überhaupt gibt. Welches ist besser: mit Grillaroma? Der feine Geschmack des leicht Angebratenen? Deftig und herzhaft? Es gab doch ein japanisches Wort dafür: umami. Aber das ist es auch nicht. Der Geschmack frisch gerösteter Kerne ist einfach unvergleichlich.

Jedenfalls verfügt die semetschki-Seite über ein Dossier mit durchaus praktischen Anleitungen. Darin wird erklärt, wie die Schalen aufgeknackt werden, für all diejenigen, die keine gefiederten Freunde sind oder das Aufkneifen mit der Zungenzahnlückentechnik nicht von klein auf gelernt haben. Und die beiden Arten zum Kernrösten werden auch vorgestellt: die Backofenvariante und die Pfannen-Variante. Alles mit einem leichten Grinsen geschrieben.

Humorig kommen auch die Kommentare beim Geschmackstest daher, da heißt es schon mal:

Klicke Hier, wenn du ein Mann bist! 3x450g im praktischem Eimerchen.

Oder ist es doch kein Witz? Los, Männer an die Kerne!

Ob echter Mann oder echtes Weib, hier, der ultimative Geschmackstest für alle, die selbst mal Semetschki knurspeln, zerknipsen, aushülsen, abspelzen, aufknackseln oder herauszwengeln wollen:

http://www.semetschki.de/

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Kinder eines untergegangenen Imperiums

Zwei fröhliche Jungs aus dem 'Fröhlichen Dorf'
Zwei fröhliche Jungs aus dem ‚Fröhlichen Dorf‘

‚Es ist das größte Langzeitprojekt, dass es hierzulande je gegeben hat‘, sagt der Regisseur Sergej Miroschnitschenko über seine Doku-Reihe Рождённые в СССР (Geboren in der UdSSR). Eigentlich wollte er einfach einen Film über die Entwicklung von Kindern machen, in Anlehnung an eine britische Serie mit dem Namen Seven Up, die seit den Sechzigern in Abständen von sieben Jahren an die zwanzig Heranwachsende begleitet hat und deren Protagonisten mittlerweile kurz vor der Rente stehen.  Initiiert von der BBC sollte die russische Doku ein bloßer Ableger werden. Doch dadurch, dass sie just 1989 mit der ersten Folge gestartet ist, also kurz vorm Zusammenbruch der Sowjetunion, bekam das Projekt eine ganz andere gesellschaftliche Dimension und wurde zur einer Aufzeichnung des Übergangs in eine neue Zeit mit all ihren Schwierigkeiten und Geburtswehen.

Als er erstmals rauskam, hat kaum jemand den Film gesehen, denn die erste Folge wurde an zwei Abenden zur nachtschlafender Zeit gesendet. Aber schon ab der 14-Up (1996) und der 21-Up (2003) Folge war das öffentliche Interesse immens gewachsen.

Und jetzt ist die Serie Kult. Ihre Helden sind landesweit bekannt und werden auf der Straße angesprochen. Man folgt ihrer Entwicklung auf Facebook, tauscht sich aus, nimmt Anteil. Manche Zuschauer behaupten, die interviewten Jungs und Mädchen besser zu kennen als die eigene Verwandtschaft.

Und das ist auch kein Wunder. Die warme Herangehensweise des Regisseurs (und des ganzen Teams) lässt die Kinder ganz offen über ihre Wünsche und Probleme reden – das berührt und macht den Anschein, ganz nah dabei zu sein. Das Herabsetzende oder zynisch Voyeuristische eines Big-Brother-Formats fehlt völlig, den Protagonisten wird mit einem Respekt begegnet, den Erwachsene Kindern nur selten entgegenbringen. Anders als bei Seven Up und Die Kinder von Golzow einer vergleichbaren Filmstudie aus der DDR, werden die Kinder nicht vor Erwachsenen befragt und nicht in schulischen Situationen gezeigt, nur beim Singen vielleicht. Sie werden in Situationen interviewt, in denen sie sich relativ sicher fühlen, bei sich zuhause, ohne andere Menschen als den Fragesteller oder mal eine Freundin oder den Bruder. So gehen sie mehr aus sich heraus, ihre Antworten sind ehrlich. Und auch bei den späteren Folgen hat man nicht das Gefühl, die die Befragten schlüpfen in eine Rolle, verstecken sich hinter einer Maske. Es kommen auch keine anderen Parteien zu Wort, keine Lehrer oder Eltern, die sie bewerten oder analysieren. Zum Teil zeigen die Kinder sehr unkindliche Ansichten. Oder vollkommen kindliche. Weise und anrührend sind sie alle mit ihren sieben Jahren. Zum Beispiel Katja, die in einer strenggläubigen Familie aufwächst und die ganze Verantwortung für ihre vier kleineren Geschwister trägt. Als sie gefragt wird, was wünschst du dir am meisten, seufzt sie: spielen, spielen.

Sie möchte einfach nur spielen!
Sie möchte einfach nur spielen!

Die Kinder wurden übrigens nach zwei Kriterien ausgesucht, sie sollten gleichaltrig sein und ansonsten aus den verschiedensten Teilen und kulturellen und sozialen Schichten der UdSSR kommen. Ein kirgisischer Junge ist dabei, ein russisches Mädchen aus Alma-Ata, ein kleiner Litauer, ein Georgier, ein Flüchtlingsjunge aus Aserbaidschan, dessen Lebensweg sich aber wieder verliert, ein russisches Wunderkind aus Litauen, die Tochter eines Dorfgeistlichen, ihr Altersgenosse aus demselben Dorf, ein altkluges Mädchen aus Leningrad, ein Zwillingspärchen aus einer Leningrader Plattenbausiedlung mit dem Namen Fröhliches Dorf, ein Junge aus einem Waisenhaus in Sibirien, ein Mädchen vom Baikalsee, ein russisches Mädchen aus Georgien, zwei siebenjährige Moskauer, zwei Freundinnen aus Leningrad und ein Geschwisterpaar aus Swerdlowsk, dass gerade dabei ist, nach Israel auszuwandern.

Allein in dieser Wahl steckt sehr viel Brisanz, denn einige dieser Länder werden im Verlauf der Dreharbeiten Bürgerkriege, Wirtschaftskrisen und Unabhängigkeitsbestrebungen durchmachen. Die Kinder fangen recht homogen als sowjetische Erstklässler an und landen in unterschiedlichen Staaten und Systemen.

Durch die Dokumentation wurde das Leben zumindest eines dieser Kinder auf dramatische Weise verändert. Der kleine Andrej aus dem Waisenhaus, der sich nichts sehnlicher wünscht als ein eigenes Fahrrad, ist nach der Ausstrahlung des Filmes im Westen von einer amerikanischen Familie adoptiert worden – was nicht heißt, dass es ihm ab da unbeschreiblich gut ergangen ist. Außerdem wurde sein Waisenhaus mit Zustellungen von Fahrrädern aus aller Welt förmlich zugeschüttet.

Andrijs größter Wunsch: ein eigenes Rad
Andrejs größter Wunsch: ein eigenes Rad

In jeder neuen Folge wird auf die vorhergehenden Bezug genommen, es wird beleuchtet, wie sich das Leben und die Ansichten der Protagonisten verändern. Derjenige, der als Erstklässler damit prahlt, na klar, wolle er für sein Land kämpfen und am liebsten einige Faschisten abknallen, sieht das Ganze anders, als er zur Armee eingezogen wird und später heiratet er sogar eine Deutschstämmige und sagt, sie treibe ihn manchmal in den Wahnsinn, habe aber auch ihre guten Eigenschaften.

Für die in westlichen Systemen Geborenen erlaubt diese Serie einen Einblick in das private Leben und Denken der jüngeren Generation von ‚drüben‘, der in den Medien üblicherweise nicht vorkommt. Absolut empfehlenswert. Den ersten Teil habe ich sogar mit englischen Untertiteln gefunden. Auf Youtube gibt es russische Versionen von allen vier Folgen in 6 Teilen (7-Up=ein Film, 14-Up=ein Film, 21-Up=zwei Teile und 28-Up= zwei Teile). Es kursieren auch seltsame Versionen, die angeblich mit english subtitles versehen sind, letztendlich aber mit schwedischen oder dänischen Zeilen überklebt wurden. Etwa vor zwei Jahren erschien eine Zusammenfassung der bisherigen vier Teile auf ARTE, aber es ist etwas anderes in mehr als 8 Stunden zwanzig Schicksale ausgebreitet zu sehen als auf zwei oder drei Stunden heruntergedampfte Lebensläufe von 5 maximal 6 Kindern präsentiert zu bekommen. Aber besser als nichts.

Es gibt übrigens eine politische Partei mit genau demselben Titel: Geborene in der UdSSR, das ist jedoch eine komplett andere Geschichte…

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– Was willst du mal werden? – Staubsauger!

Hier noch einige witzige oder altkluge Antworten der Kinder:

über die Liebe:

– Liebst du deinen Papa?

– Ja, aber er liebt mich nicht.

– Wie kommst du darauf?

– Und warum hätte er uns sonst verlassen?

übers Geld:

– Wenn man dir viel-viel Geld geben würde, was würdest du damit machen?

– Ich hätts nicht genommen… Ich habe keine Lust darauf, reich zu sein.

über die Geschichte:

– Wer war Lenin?

Ein Führer. Der Führer der ganzen Welt.


über die Berufswahl:

Wer möchtest du sein, wenn du groß bist?

– Ein Staubsauger.

über die Politik:

– Ich liebe dieses Land nicht, und wenn man mich umbringt… Alle schreien hier Perestroika, Perestroika! Wozu diese Perestroika? Wenn sie uns wenigstens was geben würden, Kaviar zum Beispiel…

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Ist dieses Kind dabei, den Umsturz vorherzusagen?