Wieder so ein Eugen

Es ist so, dass viele Aussiedler ganz andere Vornamen haben als die Leute hier. Die älteren ganz altertümliche, wie Melitta oder Waldemar, die jüngeren welche, die aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt wurden und ebenso altbacken klingen. So trifft man also 20ig-Jährige, die Walter heißen oder eben Eugen. Da Evgenij ein sehr beliebter Name in Russland war und ist, nicht nur wegen Eugen Onegin (von Puschkin), taucht dieser Name, der in Deutschland sogar nicht flott klingt, ganz oft bei Russlanddeutschen auf. Immer wenn es eine Gruppe Aussiedler gibt, ist mindestens ein Eugen dabei. Zu dem Themengebiet „Eugen“ hat der junge Fotograf  Eugen Litwinow übrigens eine wunderbare Serie und ein Buch gemacht.

In Anlehnung an Eugène Ionesco (wieder so ein Eugen) und sein absurdes Theater habe ich dazu auch einen Dialog entwickelt:

E1:      Hallo, Eugen?

E2:      Ja, wer spricht da?

E1:      Hier ist auch der Eugen, Eugen Schatz.

E2:      Dem Harold Schatz sein Sohn?

E1:      Nein, dem Bruno sein Sohn.

E2:      Ach, der Eugen, was kann ich für dich tun?

E1:      Wir machen da doch eine Party, und Eugen, der Bruder vom Albert, hat gesagt, du hast noch eine Lichtmaschine da, die würden  wir uns gern ausleihen.

E2:      Das stimmt, ich habe mir eine Anlage gekauft, aber ich hab sie nicht hier, ich habe sie verliehen.

E1:      Ach, an wen denn?

E2:      Na, an den Eugen, Eugen Schatz.

E1:      An den Sohn von Harold?

E2:      Nein, an Eugen, den Sohn von Albert.

E1:      Der Albert, der wo mit der Valli verheiratet ist?

E2:      Nein, der wo mit der Irma verheiratet ist, weißt du, aus Karaganda. Deren Tante Ottilie damals nach dem Krieg in Deutschland geblieben ist.

E1:      Ach der, den ruf ich gleich an.

Zwei Stunden später…

E1:      Hallo, hier ist der Eugen, der mit der Lichtmaschine.

E2:      Ach du, gut dass du anrufst. Da rief vorhin so ein Eugen an, der wollte sie sich ausleihen.

E1:      Nein, nein, ich bins, der Eugen, der gestern angerufen hat und eine haben wollte, Eugen Schatz.

E2:      Ach so, DER Eugen!

E1:      Ja, du hast doch gesagt, Eugen hat die Lichtmaschine, der andere Eugen Schatz.

E2:      Ja.

E1:      Dem Albert Schatz sein Sohn, der mit der Irma verheiratet ist.

E2:      Ja, das habe ich, was ist denn mit ihm. Hat er die Anlage nicht mehr?

E1:      Nein, dieser Eugen kennt dich gar nicht.

E2:      Na, sowas. Aber ist das nicht der Eugen Schatz aus Karaganda, der Schlosser ist und einen Bruder hat, der Albert und einen, der Otto heißt? Und sein Vater, Albert ist mit der Irma verheiratet, deren Tante damals nach dem Krieg in Deutschland geblieben ist.

E1:      Doch, er hat wohl einen Bruder der Albert heißt und einen der Otto heißt und sein Vater ist mit Irma verheiratet, deren Tante damals in Deutschland geblieben ist.

E2:      Na also.

E1:      Aber die Tante, die damals im Westen geblieben ist, hieß gar nicht Ottilie. Sie hieß Eugenie und war mit dem Eugen, den du meinst über ein paar Ecken sogar verwandt, die beiden Urgroßväter haben vor 1941, vor der Vertreibung im selben Dorf in der Ukraine gelebt, im Saporoshje, bei Dnipropetrovsk. Sie waren Cousins zweiten Grades.

E2:      Welche Cousins denn?

E1:      Na, Otto Schatz und Eugen Schatz, der Bruder von Harold.

E2:      Aber dann hast du den richtigen Eugen doch gefunden!

E1:      Nunja, den einen Cousin haben doch die vom NKWB geholt, noch unter Stalin.

E2:      Ja genau! Und seine Frau und die Kinder…

E1:      Seine Frau und die Kinder sind damals nach Archangelsk verschleppt worden. Und einer der Söhne hat nach der Kommandatur Ingenieur studiert, in Karaganda. Das war der Großvater vom Eugen Schatz, dem Bruder von Otto und dem Albert. Aber dieser Eugen, der konnte deine Anlage nicht genommen haben.

E2:      Und warum denn nicht?

E1:      Na sie sagen, dass dieser Eugen, der wo in Karaganda gelebt hat, Epileptiker war und noch bevor er dreißig war, in den Brunnen gefallen ist.

E2:      Ja, ja, die Brunnen von Karaganda sind schon tief. Aber was macht ihr denn jetzt ohne Lichtmaschine?

E1:     Ich habe sie schon woanders geliehen. Von dem Cousin von Eugen, der in den Brunnen gefallen ist, Otto.

E2:      Dem Otto Schatz, der LKW Fahrer ist und der mit Larissa verheiratet ist?

E1:      Ja genau dem. Kennst du ihn?

E2:      Klar, das ist ein Cousin von mir. Der Sohn von meinem Onkel Albert.

E1:      Du bist auf jeden Fall zur Party eingeladen. Die ist am kommenden Samstag, dem 20sten. Kommst du?

E2:     Da kann ich nicht. Da bin ich schon eingeladen. Beim Eugen. Eugen Schatz, der mit…

E1:      Äh. Jetzt komm ich nicht mehr mit. Also dann, Paka.

E2:      Ja dann, Paka. Und viel Spaß!

Kind Komma inneres

Kind, inneres: soll angeblich jeder haben, wird häufig versteckt, verdrängt, verletzt. Annäherung und Befreiung werden dann angestrebt und für viel Geld in Seminaren erkauft. Das innere Kind umarmen. Sich mit ihm aussöhnen. Ich wollte schon schreiben aussühnen. Strange.

Mein inneres Kind hat große Füße – weil es ausgemergelt ist. Die Beine sind so mager, fast nur noch Knochen. Und die Haut ganz blass, als ob es schon lange kein Licht mehr gesehen hat. Es sitzt in einem tiefen Brunnen, zusammengesunken in der Hocke und hat seinen Kopf auf die Knie gelegt. Ich kann nur die Haare sehen, verfilzt und wuschelig. Dunkel und kurz geschnitten.

Habe ich es wirklich in diesem Brunnen zurückgelassen? Auf diesem Schulhof auf der anderen Seite des Flusses Omka? Vergessen und in eine Gruselgeschichte verpackt, die wir uns als Kinder immer und immer wieder erzählt haben. Geh nicht über die Brücke, tritt nicht in den Schulhof auf der anderen Seite des Flusses, schau nicht in den Brunnen, denn dort sitzt das Kind. So oder so ähnlich ging die Geschichte. Kellerkind, Brunnenkind. In dem Märchen vom Froschkönig wirft des Königs Tochter, jüngste den goldenen Ball in den Brunnen. Wieso steht mitten im Wald ein Brunnen? Hat das schon mal jemand geklärt? War da etwa vor langer langer Zeit eine verlassene Siedlung, die von irgendeiner Soldateska plattgemacht worden ist, so dass nur noch der Brunnen übrig geblieben ist? Der Froschkönig eine Kriegstrauma-Geschichte? Oder einfach nur die Geschichte von etwas Verdrängtem. Würde mich nicht wundern.

Zu Frau Holle kommt man übrigens auch nur durch einen Brunnen. Wikipedia sagt dazu: „Der Brunnen selbst befindet sich am Fuße der Weltenesche Yggdrasil, die den Bau der gesamten Welt vorstellen soll. An ihm sitzen die drei Nornen, die den Parzen gleich die Schicksalsfäden flechten.“

Akroschka. Omitschka. Semitschki. Heißen die drei Nornen bei mir.

Es spricht nur russisch. Mein inneres Kind. The inner Child. Was wird es tun, wenn es rauskommt? Und ich habe es manchmal doch rausgelassen. Als ich die alten russischen Kinderplatten gespielt habe, die meine Tante mir geschenkt hat und so heulen musste. Reicht es dem inneren Kind, ab und an rauszukommen aus dem tiefen Brunnen und ein wenig Musik zu hören?

Ich bin Russin. Zur Hälfte. Welche? Wo? Außen Toppits, innen ganz hmhm. Wie ging dieser Werbesong noch mal. Außen Toppits, innen Geschmack. Genau. Der Nachgeschmack von Gestengrütze und roter Beete.

Mein Äußeres ist ganz beherrscht. Deutsch. Teutonisch. Eine deutsche Kruste. Aber was schimmert immer durch? Die rrrussische Seeelle? Die Eingeweide. Bis in die letzten Fasern meines Herzen ist es gedrungen. Das Russische. Lässt sich nicht mehr abwischen. Nur überdecken. Kaschieren. Was? Du kommst aus Russland, das merkt man dir gar nicht an. Nein wieso auch. Aber das innere Kind ist gleich geblieben. Es wurde gefüttert mit russischen Geschichten, russischem Karamell und russischer Sülze.

In dem ich hier schreibe, diesen blog füttere, gebe ich auch dem Kind Futter. Ich hoffe es zumindest. Надеюсь что скоро поправится.

 

Der Brunnen

slawischer_brunnen_klIch denke viel über ein Bild nach, der in den Geschichten von früher und in meinen Träumen oft vorkommt. Der Brunnen.

Mein Brunnen ist meine Kehle. Und die Tiefe des Brunnens ist nicht das eigentliche Problem, auch nicht was unten verborgen ist,  meine Stimme, meine Geschichten und meine anderen Talente.

Das eigentliche Problem ist, jedenfalls ist das Bild sehr deutlich, dass der Brunnen mit etwas zugedeckt ist. Mit einem Brett und einem Stein drauf. Verschlossen ist dieser Brunnen. Wenn ich was preisgebe, von dem was drin ist, begebe ich mich in Gefahr. Es darf nicht sein. Ich habe ein inneres Redeverbot. Das war mir so nicht bewusst. Wundern tuts mich nicht. Nicht nachdem ich diesen Wälzer lese über das Leben in Russland der Stalin-Zeit. „Die Flüsterer“ heißt das Buch. Zurecht. Es war gefährlich kundzutun, nach 1917 besonders, was man dachte, woher man kam, aus welcher sozialen Schicht. Es gab zwei Realitäten, die des Außen, die des Sowjetmenschen und die des Innen, das verdächtige, reaktionäre, private Leben.
Und dieses Verbot, auszusprechen, was innen ist. Die Meinung offenzulegen, für sich und seine Meinung einzustehen, mit dem was man weiß nach außen zu treten, das gilt immer noch für mich. Mit jeder Faser meines Körpers habe ich es verinnerlicht. Das Schweigen. Sich ducken und Mund halten.

oткровенность – otkrowennost’. Ich assoziiere: freiheraus sein, offen die Meinung sagen, nicht verstellt sein. Eine urrussische Tugend. Auch nach 1917? das Wort Blut ist darin, ot krowji, „vom Blut her“ . Na, wohl eher, dass es zu viel Blut gekostet hat, offen zu sagen, was man dachte… Auch wenn die Kollektivierung ökonomisch ein Desaster war. Auch wenn die Versorgungssituation sich nie gebessert hat. Auch wenn die Tante unschuldig im Gulag saß.

Wenn du was sagst, das nicht der SozNorm entspricht, wanderst du in eine Sondersiedlung oder ins Lager oder ins Gefängnis. Oder wirst gleich erschossen, wie wärs damit?

In dem Buch habe ich gelesen, dass die Errungenschaften des Sozialismus, die kühnen Bauten, die Moskauer Metro, der Weißmeer-Kanal, die Transsib, ist nur mit der Kraft der Gefangenen, der Geächteten entstanden sind. Kulak heißt Faust. Und mit diesen Fäusten, fast ohne Werkzeug, haben sie das alles errichtet. Sklavenarbeit.

Und wie wurdest du zum Sklaven? Durch deine zu hohe Geburt (es reichte, dass der Vater Schuster war oder eine Bäckerei besaß!) oder durch deine Ansichten, dadurch, dass dich irgendein übereifriger Linientreuer verpfiffen hat, weil er dein Zimmer in der Kommunalka haben wollte. Denn dieses Flüstern, das Zutragen von Gerüchten, war wohl erlaubt. Armes reiches Russland. Erbaut auf Knochen, von einem Geflüster aus zig Tausend Kehlen begleitet. Dem Chor der Gefangenen.

Aber wie begegne ich diesem Verbot? Wie kann ich meine Geschichte, meine Geschichten erzählen? Wie kann ich mich überlisten? Ich will nicht stumm bleiben.

Stimme – stumm – die Stummen, „nemzy“ also die Deutschen wurden so genannt, die Stummen. Weil sie nicht des Russischen mächtig sind. Mit Gesten sprechen.

Ich finde immer mehr Gründe, warum die Aussiedler so ein Unthema sind. Es sind Fehler gemacht worden. Mistakes have been made. Mehrmals und von höchster politischer Seite. Es wurden keine Abkommen getroffen, oder welche, bei denen sie zwischen die Zeilen fielen. In den Zwanziger Jahren hätten sie nach Deutschland kommen können. Nein, die Position der Weimarer Regierung blieb zu vage. Man wollte es sich mit dem übermächtigen Nachbarn im Osten nicht verscherzen.

In den Vierzigern waren sie schon unterwegs, waren da, und wurden von der russischen Armee zwangs-repatriiert. In den Wirren des Krieges. Wer hätte sich auch um ihre Belange kümmern können? Die Allieierten? Das rote Kreuz?

Und nach 1955, nachdem Adenauer sich um die Rückkehr der Kriegsgefangenen bemüht hat, wurden sie außer acht gelassen, vergessen, ihrem Schicksal überlassen. Das sind Skandale, über die man nicht so gerne spricht. Adenauer, der Erfinder von Haushaltsgeräten. Adenauer mit seinem beleuchteten Stopfpilz. Nicht geschenkt.

Na, und auf der Sowjetseite kann man auch nicht einfach zugeben, dass man die zivilen Kriegsgefangenen für den Bau brauchte, für die Salzgewinnung und fürs Holzhacken. Dass Menschen, nicht nur Deutsche übrigens, aber gern die, waren ja staatenlos, familienweise verschickt und interniert wurden, um zu arbeiten. Auch eigene Leute hat man genommen, war ja nicht zimperlich damals und hat sie schlicht als Kulaken oder später als Volksfeinde, oder als „wurzellose Kosmopoliten“ defamiert. Ohne rechtliche Grundlage, aufgrund von vagen Beschuldigungen. Jeder Deutsche ein Spitzel. Jeder Bauer mit mehr als einer Kuh ein blutsaugender Kulak. Und auch die Kinder. Nein, wenn wir das aufrollen, das ist gar nicht schön, unter den alten Teppich zu linsen, wo sich schon allerlei Gewürm gebildet hat.

Als es um die Lager nach dem zweiten WK geht, schreibt Orlando Figues: „Das Gulag System wuchs sich zu einem gewaltigen Industrieimperium aus, mit 67 Lagerkomplexen, 10 000 Einzellagern und 1700 Kolonien, die um 1949 eine Zwangsarbeiterschaft von 2,4 Millionen Menschen beschäftigten. (verglichen mit 1,7 Millionen vor dem Krieg). Insgesamt stellten Zwangsverpflichtete zwischen 1945 und 1948 schätzungsweise 16 bis 18 Prozent der industriellen Arbeitskräfte in der Sowjetunion.“

Er beschreibt, dass deutsche Kriegsgefangene einen Teil dieser Arbeitskraft gebildet haben, die aber nach 1945 freigelassen wurden. Von den Zivilgefangenen, die aus der Wolgaregion, aus dem Schwarzmeergebiet – kein Wort. Bis 1956 bestand der Zustand der Kommandatur. Danach durfeten sie innerhalb der Sowjetunion frei ziehen. Immerhin.

Das sind so die Geschichten, die nicht hochkommen dürfen. Die sich aber nach vorn drängen. Olle Kamelle. Klebrig und zäh. Und bin ich mutig genug, sie zu erzählen?

Und vor allem, wie verpacke ich sie in ein ljustiges Gewand, so dass sie nicht abstoßend wirken? Wie erzählt man Deportation als Musical? Mit bunten Kopftüchern und schwermütigen Liedern auf einer Mundharmonika? Oder bombastisch, so wie die Eröffnung der Olympischen Spiele in Sotchi vielleicht? (Übrigens auch auf unbezahlter Arbeit gegründet, wieso etwas aufgeben, was so gut funktioniert?)