Gut für Überraschungen. Oder auch nicht.

Das Buch ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin beginnt mit einer Überraschung: fast routinemäßig gibt die Autorin eines Tages den Namen ihrer Mutter in eine ukrainische Suchmaschine ein. Und anders als in den Jahren zuvor, landet sie einen Treffer.

Die darauf folgende Spurensuche wird zum Selbstläufer. Plötzlich öffnen sich neue Türen, tauchen unvermutet Dokumente auf und ein unermüdlicher Mitstreiter, der Hobbygeneologe Konstantin, mit dessen Hilfe ihr die Suche nach der eigenen Geschichte gelingt.

Am Anfang stehen ein Name, einige schwarzweiße Aufnahmen und die Stadt, in der alles begann: Mariupol, gelegen an der Küste des Asowschen Meeres.

Im Laufe der Zeit findet die Autorin manches, das überraschend ist. Oder auch nicht, denn schon als Kind hat sie phantastische Dinge über sich und ihre Herkunft erfunden und diese Lügenmärchen liegen erstaunlicherweise nicht allzu weit entfernt von der Wahrheit:

Mit Verwunderung betrachtete ich die Fotos dieser fremden Menschen und brach in inneres Gelächter aus. Ich hatte als Kind gar nicht so falsch gelogen, ich hatte sogar noch untertrieben.‘
S. 72

Unter ihren Anverwandten ist mindestens ein Opernsänger, ein italienischer Seefahrer, die Gründerin eines Mädchengymnasiums und ein berühmter Psychologe zu finden. Es befinden sich darunter aber auch glühende Revolutionär*innen und Menschen, die unter den Folgen der Revolution zu leiden haben: durch Hunger, Enteignung und Lagerhaft.

Das Schicksal der Ostarbeiter

Natascha Wodin hat aus den Wirren der Vergangenheit nicht nur die Geschichte ihrer Familie herausgeschält, es ist ihr auch gelungen, auf eine Gruppe aufmerksam zu machen, die üblicherweise keine Stimme in unserer Gesellschaft hat und fast gänzlich zwischen den Falten der Geschichte verschwindet: die Millionen Fremdarbeiter des zweiten Weltkrieges, und hier insbesondere die Ostarbeiter, die in den Arbeitslagern des NS-Regimes wie Sklaven gehalten wurden.

noch immer eine Leerstelle. Ostarbeiter*innen im Deutschen Reich.

Manche Dinge müssen einfach ans Licht. Und es ist schon seltsam, welche Wege sie bisweilen nehmen und wie viel Zeit sie dafür brauchen. Bei der Spurensuche stößt sie zufällig an ungeahnte Dokumente, wie zum Beispiel das Tagebuch einer Tante, das ein erhellendes Licht auf die Zeit der Stalinära wirft.

Schon in ihrem 1983 erschienenen Erstlingsroman ‚Die gläserne Stadt‘ fragt Wodin nach der Vergangenheit ihrer Mutter, von der sie damals nur einige wenige Anhaltspunkte hat. Die Tochter trägt mindestens ein Trauma mit sich. Denn die Eltern waren nicht nur Displaced Persons, die Mutter hat sich selbst das Leben genommen, als die Autorin zehn Jahre alt ist.

Dieser frühe Verlust hinterlässt bei ihr viele offene Fragen. Erst Jahrzehnte nach diesem Freitod ist die Zeit reif, diese zu auflösen. Zwar besteht der neue Roman gefühlt zu einem Großteil wieder aus Fragen, denn jede Antwort wirft viele neue auf, dennoch scheint Wodin genau die Richtige zu sein, um die Fäden zu entwirren. Sie ist genau zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle und mit genau den richtigen Eigenschaften, um das Gefundene in ein vielschichtiges Buch fassen zu können. Sprachgewaltig war sie ja schon immer, aber diesmal nimmt sich die Sprache zurück, sie ist nicht verspielt, sondern dient dem Verständnis mehr als einem dichterischen Ausdruck. Das Buch is klar strukturiert, aber es ist nicht reine geschichtliche Chronik, Teile davon tragen romanhafte Züge und führen die Leser*innen nah ans Geschehen und die handelnden Personen.
Schnipsel für Schnipsel trägt die Tochter-Autorin das Gefundene zusammen und entwickelt ein Bild der Zeit und ihrer eigenen Rolle darin. Der Stammbaum, den sie erstellt, ist kein Baum, sondern ein Wald in dem sie sich ständig verläuft, schreibt sie anfangs, dennoch gibt sie nicht auf.

Es gelingt ihr aus diesem Wust eine Landkarte zu erschaffen, die nachvollziehbar ist und die Leser*in Schritt für Schritt an einen Kern heranführt.

Denn gerade das Kapitel der Zwangsarbeit ist ein beklemmendes Erbe, das nicht leicht auszuhalten ist. Aber Wodin hat dieses Schwere und Unaussprechliche so geschickt aufgearbeitet und die Reihenfolge so gut gewählt, dass es möglich ist, in den Abgrund zu blicken.

Gewinnerin des Buchpreises der Leipziger Buchmesse: Natascha Wodin

In der ZEIT steht über die Autorin:

Natascha Wodin, in Fürth als Kind ukrainischer Zwangsarbeiter geboren und in Nachkriegslagern aufgewachsen, lebt seit 1994 in Berlin. In ihren Büchern (etwa: Einmal lebt ich, Erfindung einer Liebe, Ehe) setzt sie sich vor allem mit den Themen Entwurzelung und Fremdheit auseinander. Für das Manuskript zu der jetzt ausgezeichneten Geschichte ihrer Mutter erhielt sie 2015 bereits den Alfred-Döblin-Preis. „Ich wünsche mir, dass möglichst viele vom Ausmaß der Zwangsarbeit im Deutschen Reich erfahren“, sagte sie in einer ersten Reaktion.

Ein Buch mit vielen überraschenden Wendungen, nur dass ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin den Belletristik-Preis der diesjährigen Buchmesse in Leipzig erhalten hat ist keine Überraschung. Nicht wirklich. Gratulation!


Fundstück am Rande:

Das Gymnasium, das Natascha Wodins Großtante in Mariupol gegründet und geleitet hatte, wurde im Bürgerkrieg nach der Revolution verwüstet, unter den Nazis war es das Arbeitsamt für die Zwangsarbeiter und in den letzten Jahren das Polizei-Hauptquartier. Es wird das Haus, das drei Mal brannte, genannt. 1920, 1944 und 2014.

Das Haus, das drei Mal brannte

 

 

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Sprachabtausch

War 2013 das Jahr der russischen Sprache in Deutschland, so macht seit September diesen Jahres die deutsche Sprache einen Gegenbesuch. In der gesamten Föderation finden bis zum nächsten Herbst Workshops, Wettbewerbe und Lesungen statt, am 13. und 14. September nahmen beispielsweise an die 3000 Schüler live an der „größten Deutschstunde der Welt“ teil (weitere 1000 waren online zugeschaltet) und auch die Sendung mit der Maus hat Moskau einen Besuch abgestattet. The Maus herself hat beim großen Bildungsfestival „Deutsch hoch drei“ im Eremitage-Garten ihren spröden Charme versprüht und mit den Augen geklimpert.

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Würdige Vertreterin der deutschen Sprache in Moskau: die Maus

Im November sind zum Beispiel zwei Autoren und zwei Autorinnen aus Deutschland beim Literaturfastival „Weißer Fleck“ in Nowosibirsk zu Gast. Die Gegenwartsliteraten, die das Goethe Institut ausgesucht hat, sind Marcel Beyer, Ann Cotten, Angelika Meyer und Roman Ehrlich. Neben Lesungen aus eigenen Werken, beschreiben sie in Form von Essays, was für sie den Reiz der deutschen Sprache ausmacht. Und zwar als Material und Werkzeug für ihr literarisches Arbeiten. Mit Studenten wollen sie anschließend ihre Ausführungen diskutieren.

Auf der diesjährigen Moskauer Buchmesse (vom 26. bis 30. November) bekommt die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur einen Sonderstatus: am deutschen Gemeinschaftsstand werden Neuerscheinungen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland vorgestellt.

Zwar ist der politische Dialog zwischen den beiden Ländern aus gegebenem Anlass etwas angespannt, doch um so mehr scheint ein wenig PR für Goethe, Schiller und Co. unentbehrlich zu sein. Schade nur dass, ja ja, ich weiß, immer muss ich meckern, die Deutschen aus Russland etwas unterrepräsentiert sind. Dabei gibts viel zu erzählen. Schon 1727 wurde von ihnen die erste deutsche Zeitung in Moskau gegründet und bis 1891 an den Schulen in den Kolonien der Unterricht in deutscher Sprache ablief. Es wäre auch mal spannend zu erörtern, inwiefern der Gebrauch ihrer Muttersprache den Deutschstämmigen nach dem zweiten Weltkrieg erschwert beziehungsweise komplett unterbunden worden ist. In der Sowjetunion war es über Jahrzehnte undenkbar und mitunter sogar gefährlich miteinander in der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen. Und dennoch haben Großeltern die Sprache an ihre Enkel weitergegeben. In jeder Region, Bessarabien und der Ukraine, der Wolgaregion und dem Kaukasus wurden eigene vom Hochdeutschen abgeschottete Idiome weitervererbt, die sich nicht nur lustig anhören, sondern auch eigene Vokabeln für „moderne“, sprich nach 1804 aufgekommene Worte wie zum Beispiel „Fahrrad“ haben. Ich schlage vor, falls diese Aktion in den nächsten hundert Jahren wiederholt wird, einfach mal ein Nebenfestival zu gründen und nicht „Weißer Fleck“, sondern gleich „Blinder Fleck“ zu nennen.