Sommerlektüre: Tomaschewski holt Sie da schon raus

Marie Fürstin Gagarin
Blond war der Weizen der Ukraine
Bastei Lübbe 1991

Marie Fürstin Gagarina (Jahrgang 1904), eine russische Landadelige beschreibt ihre Kindheit und Jugend in Podolien bis zum Beginn des Bürgerkriegs und ihre Flucht nach Europa.

Ich finde das Buch in der Ferienwohnung, in der wir unseren Sommerurlaub verbringen. Ich freue mich, denke, das ist ein Buch, das mir liegen könnte, das mit meinen Themen etwas zu tun hat. Vielleicht lerne ich was dazu?

Wassilki hieß das Gut, auf dem Fürstin Marie aufgewachsen ist. Podolien ist ein Landstrich unter Wolhynien. Ukraine.

Die Zwillinge Angeline und Madelaine. Maries jüngere Schwestern.

Was auffällt: sie sind ganz andere Großgrundbesitzer, nicht so, wie ich sie mir vorstelle. Weder ihr Vater, noch ihre Mutter, noch irgendwelche anderen Verwandten sind hinterhältige Ausbeuter. Im Gegenteil.
Ihnen liegt das Wohl ihrer Untergebenen am Herzen.
Zugegeben, die Behausungen der Herrschaften und der Bediensteten liegen auseinander und ja, die Dienerinnen müssen das Essen den Hügel hinab über eine wackelige lange Holztreppe bringen, die im Winter lebensgefährlich ist, weil sie vereist ist.

Hüst, hüst, so manche Mahlzeit dauerte dadurch wohl länger, durch diese Kraxelei, aber alle, ihr Cousin, ihre Oma, ihr Onkel waren herzensgute Menschen und immer gut zu den Leuten.
Und die Revoluzzer: ein Pack von Banditen. Ohne Manieren. Und fürchterlich gekleidet.

Das wäre meine Zusammenfassung. Sie beschreibt es aber ausführlicher. Und sie, die wagemutige, fröhliche Gutsbesitzertochter kommt dabei immer gut weg. Sie waren die Opfer, ihnen wurde alles weggenommen, was angetan. Aus ihrer Sicht ist diese ganze Revolution eine einzige Sauerei und die armen Schlucker sind nur Diebe und Plünderer. Natürlich.
Was erwarte ich von einer Aristokratin? Wenn sie auch eher zum niederen Adel gehört. Denn, so wohlhabend waren sie wohl nicht. Besaßen wohl weniger als zehn Menschen.

Dieses Buch ist wie gesagt ein Ferienwohnungs-Inventar. Mein Vorgänger hat das Buch bis zur Hälfte durchgehabt. Das Lesezeichen steckte da noch drin. Ich komme bis zu der Stelle nach der Fotostrecke, dann stocke auch ich. Bei solchen Büchern interessiert mich als erstes die Fotostrecke.

Die Fürstin als Studentin in Tschernowitz im Alter von 22 Jahren

Hinten steht:

Sie verbringt eine goldene wenn auch karge Kindheit auf dem Landgut ihrer Eltern, das im Herzen Podoliens in Weißrussland liegt. Doch tapfer behauptet sich Marie in den Turbulenzen der Geschichte …

Meine Leute, meine Vorfahren, ein Teil davon zumindest, hat nicht soo weit von Marie der Fürstin Gagarin gesiedelt. Irgendwo weiter östlich, zwischen Kiev und Odessa.

Das Gespann der Familie vor ihrem Haus in Chotin

Aber sie haben diese Zeit sicher ganz anders erlebt.
Was ich aus den Memoiren der Fürstin für mich herausholen kann, diesem Zeitzeuginnen-Bericht, wie unsicher die Menschen in diesen Gegenden zwischen 1914 und 1920 gelebt haben.

Bolschewiki, Weißarmisten, selbsternannte revolutionäre Gruppierungen, ukrainische Separatisten, polnische Garnisonen in österreichungarischen Uniformen. Das bedeutete für die Anwohner Fahnenwechsel im Wochentakt.
Es gab auch viel Blutvergießen aus nichtigsten Anlässen. Die Namen und Abkürzungen der damaligen Zeiten sind schon bemerkenswert. Da kommt am Ende ein bolschewistischer Trupp an mit

einem Politkommissar

einem Komm-Polk (Regiments-Kommissar)

einem Komm-Bat (Kommissar des Bataillons)

einem Wojennij-Kom (Kriegskommissar) und schlussendlich

einem Polit-Ruk (einem politischen Leiter)

Als die Abordnung der Vorhut des 363. Regiments der roten Infanterie vor den Toren steht, denkt das Fräulein Gagarina lediglich daran, die Noten zu „Karneval der Tiere“ in Sicherheit zu bringen.

„…in unseren Ohren klangen diese Bezeichnungen eher komisch, doch sie passten recht gut zu dem Bild, das wir uns von der roten Armee gemacht hatten.“ Seite 305

Abgesehen von den hochtrabenden Bezeichnungen und der unverständlichen Abkürzungen war das Fehlen von angemessenen Uniformen wohl typisch für sie, sie waren alle „salopp“ gekleidet.

Spannend für mich, die in einer agnostischen, einer nichtreligiösen Zeit in der Sowjetunion aufgewachsen ist, sind die Beschreibung dessen, wie sie auf dem Gut die Feiertage begehen. Die Fastenzeiten nehmen einen großen Raum ein. Auch bemerkenswert, ein Pope, der zur roten Armee überläuft.

Ich lese diese Seiten mit einer Mischung aus wirklicher Neugier und unerklärlicher Abscheu. Eine Nähe zum Geschehen, ein Eintauchen will sich nicht einstellen, obwohl die Fürstin aus ihrem späteren Exil in Frankreich heraus alle Namen der Dienerschaft, der Orte, der Hunde und Pferde noch immer weiß. Auch die Namen aller Bekannten und Verwandten, auch der entfernt Verwandten und wie selbstverständlich die Namen der frechen Invasoren, der ganzen Kommissare. Gut, die haben sich ihr wohl eingebrannt. Aber das allein stellt keine Nähe her.

Auf mich wirkt Marie wie ein wildes, aber überhebliches Adelsfräulein, das es mit viel Glück und Chuzpe in den Westen geschafft hat. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein gewissenhafter Bericht, den die Tochter der Fürstin nach deren Ableben gefunden und veröffentlicht hat.

Mascha Meril über ihre Mutter: Sie war eine außergewöhnliche Persönlichkeit.

Sie schreibt:

Das Leben der russischen Frauen war in früheren Zeiten – und ist es wohl noch heute – entbehrungsreich, doch für eine Aristokratin, die das Leben auf ein so bewegtes Schicksal nicht vorbereitet hatte, bewies meine Mutter im außergewöhnlichen Maße Kraft, Phantasie und Humor. Selbst unter drückender Armut war sie noch in der Lage, die Dinge mit spöttischer Distanz zu sehen, wodurch noch die trostlosesten Situationen unseres heimatlosen Schicksals erträglich wurden. Allein mit ihren drei Töchtern kämpfte sie wie eine Löwin, … Keine Wehmut, keine Klagen, bitte schön! wir müssen nach vorne schauen.

Sorry, aber angesichts der Wege und Leiden, die ich aus den Berichten unserer Leute kenne, rühren mich die Erlebnisse der Fürstin kein bisschen. Wahrscheinlich muss ich die Verhältnismäßigkeit sehen. Kann ich aber nicht. Nein, sie klagt nicht. Aber sie sieht alles nur aus ihrer eigenen Perspektive. Naja, aus welcher denn sonst?

Ein Kapitel des Buches ist eine Beschreibung des Frauengefängnisses in Rumänien, wohin Marie Gagarina durch einen blöden Zufall gekommen ist, und woraus sie, nach sage und schreibe zwei Tagen wieder frei kam. Ein Freund – Tomaschewski hatte interveniert. Und das war vielleicht das dunkelste Kapitel des Buches. Ihr ist die Flucht gelungen. Sie ist mit einem blauen Auge davongekommen. Und die Armut der späteren Jahre rührt wohl eher daher, dass sie einen aufregenden und gut aussehenden aber völlig zum Geldverdienen untauglichen Cousin geheiratet hatte. Und sich wieder scheiden ließ.

Wieso nehme ich sie und ihre Geschichte nicht ernst? Wieso nehme ich das Schicksal dieser ach so außergewöhnlichen Frau nicht ernst? Ich empfinde es angesichts dessen, was andere gleichaltrige Frauen, auch aus meiner Familie, erlebt haben, als einen abenteuerlichen Sonntagsspaziergang. Ich kann mir da nicht helfen. Das Gut haben sie verloren. Und Exilrussin in Frankreich zu sein ist sicher kein Zuckerschlecken in den Zwanzigern und Dreißigern des letzten Jahrhunderts. Wirtschaftskrise und Mittellosigkeit. Allein mit drei Kindern.

Warum bleibt mir beim Lesen dieses Buches ein schales Gefühl zurück? Ich ziehe Verbindungen zu einem Buch von Natasha Wodin und wie ihre Mutter die unruhige Zeit 1917 in Odessa erlebt hat. Ich vergleiche das Gelesene mit dem Roman „wir selbst“ von Gerhard Sawatzki. Dort fallen die Beschreibungen der Großgrundbesitzer und der Tagelöhner etwas anders aus.

Hier jedoch:

Sie brauchen nichts zu befürchten, Tomaschewski holt Sie da schon raus.“

Ein bißchen Frieden – Ukraine fehlt und Russland siegt, naja fast…

Ich wollte nur kurz mal reinzappen, aber der Contest hat mich doch in seinen Bann gezogen. Spannend fand ich, dass diesmal soziale und politische Themen durchblitzten. So wie bei dem Lied der ungarischen Sängerin, die sich mit ihrer Friedensbotschaft eindeutig auf den Ukraine Konflikt bezog, ebenso wie das Lied „One Million Voices“ von Polina Gagarina aus Russland.
Lange Zeit sah es so aus, als würde ihr Beitrag von den Wählern honoriert werden, möglicherweise genau wegen dieser Message. Russland bekam ständig hohe Punktzahlen – Ungarn seltsamerweise gar nicht…

Dennoch wird das russische Team dieses Jahr den Grand Prix d’Eurovision nicht mit nach Hause nehmen, auch wenn es lange Zeit den Anschein hatte, doch irgendwann hat sich das Blatt gewendet und Måns Zelmerlöw konnte sich mit seiner multimedialen Performance auf dem ersten Platz halten und wurde Sieger. Hoffentlich nicht nur wegen der atemberaubenden Spezialleffekte.

Dabei hat Polina Gagarina doch alles gegeben, ihr Kleid verfügte sogar über den für das diesjährige Grand Prix typischen keilförmigen Ausschnitt, der knapp vor dem Bauchnabel aufhört, kombiniert mit einem überlangen bauschigen Rock – Le Dernier Cris beim Grand Prix. (Anne Sophie aus Hamburg zeigte übrigens genau denselben Ausschnitt und landete – unverdient? – auf dem vorletzten Platz.)

Polina Gagarina mit ihrem Song  - One Million Voices
Polina Gagarina mit ihrem Song – One Million Voices

Ich will nicht unken, obwohl mich die Emotionalität, die Gagarina am Ende ihres Auftritts und vor allem im „green room“ an den Tag legte, als sie eine reelle Chance auf den ersten Platz hatte, etwas unangenehm berührt hat. Zugegeben, sie hat nicht ein leichtes Liebeslied, sondern ein Anti-Kriegslied gesungen. War das ein wagemutiges politisches Statement?

Manchen Kommentatoren stößt es beim diesjährigen Grand Prix sogar auf, wenn ‚die russische Kandidatin über Neustart und Hände, die sich verbinden singt, während in der Ostukraine Separatisten Regierungstruppen bekämpfen.‘

Der Journalist Karoun Demirjian schreibt beispielsweise in der Washington Post:
And when sanctions and diplomacy won’t do, Europe can always be trusted to settle its political scores in the arena of an annual singing competition.
Frei übersetzt: Wenn Sanktionen und Diplomatie nicht greifen, kann man davon ausgehen, dass Europa seine politischen Probleme in der Arena eines jährlichen Gesangswettbewerbs löst.

Hier geht’s weiter zu seinem post…

Eine junge Mutter (das hat der Kommentator einzig bei ihr extra betont), die ein Lied gegen den Krieg singt, den ihr eigenes Land gegen ihr Nachbarland führt. Das hat ihr nicht wenige Sympathien gebracht. Und ich kann verstehen, dass es für sie ziemlich aufwühlend gewesen sein muss. Aber in diesem Glamour-Dom schien es irgendwie fehl am Platz. Sogar der armen Conchita Wurst, die sich kurzzeitig neben sie gesetzt hatte, um ein wenig zu plaudern, war diese tränenreiche Gefühlsdemonstration nicht ganz geheuer und sie verzog sich recht schnell wieder.

Mir hat das Aufeinandertreffen von Ukraine und Russland bei diesem Contest gefehlt, aber die Ukraine hatte keinen Vertreter geschickt, und ich meine sogar, dass Kiew beim Voting gefehlt hat. Ist etwa der Krieg dafür verantwortlich, dass das Land vom Grand Prix ausgeschlossen wurde? Oder war ich einfach nur so k.o. an diesem Abend, dass ich den Punktegeber aus der Ukraine verpasst habe? Nein, bei Wikipedia ist zu lesen:

Währenddessen bleibt die Ukraine der Veranstaltung aus finanziellen Gründen und aufgrund der aktuellen Situation im Land fern.

Mit einem Verweis auf eine weitere Wiki-Seite, mit dem Titel: Krieg in der Ukraine seit 2014.

Schade. Bestimmt hätte die Ukraine dieses Jahr viele 12 Points gekriegt. Mit oder ohne tiefen Ausschnitt. Es wäre doch eine Sensation, wenn sie gewonnen hätten und 2016 die Schow auf dem Maidan stattfinden würde. Das wäre ein politisches Statement. Aber nein, lieber umschiffen wir das minenreiche Gewässer und die Ukraine ist gar nicht erst dabei.

Der russische Telefonkandidat war jedenfalls mehr als peinlich. Er hat sich gemeldet mit einem fröhlichen: Hello Europe, this is Mother Russia speaking. Was angesichts der ganzen osteuropäischen und baltischen Interpreten und der Teilnehmer vom Balkan so ziemlich unangebracht war. Und dann hat dieser Witzbold noch gesagt seine Douze Points, die Twelve Points go to … Russia! Bevor er sie doch Italien mit ihrer schmelzigen Klassik-Pop-Ballade zugesprochen hat. Haha!

 

Kriegstourismus: Russlanddeutsche im Ukraine Konflikt

Habe ich es am Sonntag vor dem Tatort also richtig gehört: in den Tagesthemen wurde darüber berichtet, dass Aussiedler bei den Truppen der Separatisten mitkämpfen.
Die Meldung bezieht sich auf den Bericht der „Welt am Sonntag“ vom 15. März 2015. In den Zeitungen konnte ich zunächst folgende Formulierung finden:
Die „Welt am Sonntag“ hatte zuvor unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtet, dass sich bereits mehr als hundert Bundesbürger den Kampfverbänden der prorussischen Separatisten angeschlossen hätten. Ein gutes Dutzend der Kämpfer mit deutschem Pass konnte die Zeitung demnach identifizieren, bei den meisten handle es sich um sogenannte Russlanddeutsche, etliche von ihnen seien ehemalige Bundeswehrsoldaten.
Das ist der Ausgangstext, den sämtliche Medien mehr oder weniger kritisch zitieren.
Weiter berichtet die WamS, dass sich der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach vor diesem Hintergrund dafür aussprach, zu prüfen, ob auch von Rückkehrern aus der Ostukraine „eine Gefahr für die innere Sicherheit ausgeht“. Es gehe ihm darum zu prüfen, ob diese Zahlen stimmen und ob man die Rechtslage nicht dahingehend ändern müsse, solchen Rückkehrern die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Der CSU-Innenexperte Stephan Mayer sagte zu dem gleichen Blatt: „Wenn Deutsche an Kampfhandlungen teilnehmen, sollte eine Strafbarkeit wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung erwogen werden“. Außerdem rät er, „zumindest im Falle der Doppelstaatler die deutsche Staatsangehörigkeit wegen der Teilnahme an einem Bürgerkrieg zu entziehen.“

Es lohnt sich diesen Bericht mal genauer anzusehen: http://www.welt.de/newsticker/news1/article138452090/Union-will-Klarheit-ueber-deutsche-Kaempfer-in-der-Ukraine.html

Somit ist wiedermal eine Diskussion auf dem Tisch, bei der laut einer ungesicherten Meldung Russlanddeutsche als potentielle Gewalttäter dargestellt werden. Herr Bosbach hat uns ja schon bei mehreren Gelegenheiten vor Russlanddeutschen gewarnt. Früher waren sie anpassungsunwillige Kriminelle, die sich mit der Russen-Maffia verbrüdern und nun mutieren sie zu schießwütigen Fremdenlegionären im Namen Putins.

Ich habe mich mal umgesehen, um welche Russlanddeutsche es sich genau handelt.

In einem Video wird russischer Militär zitiert, er redet von drei deutschen Kameraden. Übrigens gab es bei den konkreten Beispielen, die ich gefunden habe auch einen, der auf der Seite der Ukrainer kämpft.

Der einzige, der meiner Meinung nach zweifelsfrei ein Russlanddeutscher ist, ist der 33-jährige Vitalij P. aus Schweinsfurth. Obwohl er auch vielerorts einfach Deutsch-Kasache genannt wird. Er ist vor kurzem im Kampf getötet worden und wurde in Moskau beigesetzt. Welche Motivation er hatte, darüber kann nur spekuliert werden.

Vitalij P. starb am 12. Februar 2015 in der Ukraine

Über den Zweiten wissen wir mehr, sein echter Name ist mir nicht bekannt, in den Berichten über ihn, läuft er unter Dimitrij.
Ein 18-Jähriger Mann, der wahlweise als Spätaussiedler, wahlweise als Ukrainer bezeichnet wird und der im Februar beschlossen hat, sich den ukrainischen Truppen anzuschließen, nachdem er Bilder von der zerstörten Schule in seiner Herkunftsstadt und einem getöteten Lehrer dieser Schule gesehen hat. Er wollte nicht mehr tatenlos zusehen. Er lebt erst sei drei Jahren in München und seltsamerweise wurde er in der orthodoxen ukrainischen Gemeinde auf seine Reise verabschiedet. Aussiedler sind in der Regel lutherisch oder menonitisch, teilweise sogar katholisch. Vielleicht ist es ein Beispiel für die ökumenische Haltung der orthodoxen Kirche und ein Zeichen der Freude, darüber sich ein russlanddeutscher Mann für die Sache der Ukraine einsetzt.

Der dritte im Bunde wird manchmal als deutschspachiger Russe oder russischsprechender Deutscher bezeichnet. Seinen Namen erfahren wir nicht, nur dass er als Helfer in die Region gefahren ist, nach dem seine Schwester in dem abgeschossenen Flugzeug starb. Die Situation vor Ort hat ihn so radikalisiert, dass er zu den separatistischen Truppen gegangen ist und sich hat ausbilden lassen. Er hat in Deutschland gelebt, hat vermutlich einen deutschen Pass, weil er Angst hat, ihn nach seiner Rückkehr zu verlieren. Ob er ein Russlanddeutscher ist, kann man nicht erkennen.

Darüber hinaus tauchen einzelne Menschen und Vereine auf, die Hilfsgüter in die Ukraine schicken. Keine Waffen, aber militärische Westen und Medizin. Es handelt sich dabei nicht nachweislich um  Aussiedler. Ein bundesdeutscher Mann ist dabei, Alexander Harder, der mit einer Ukrainerin verheiratet ist.

Mein Fazit:  ob in Deutschland lebende Ukrainer, Deutschstämmige aus der ehemaligen Sowjetunion, deutschsprachige Russen oder sogar Kasachen, sie alle werden wieder einmal in einen Topf geworfen. Und herauskommt der böse Russlanddeutsche in Camouflage und mit Glatze, der für Putin kämpft.

So relativiert auch die Zeitung Die Zeit: „Das Innenministerium hat hingegen ‚Hinweise auf einzelne deutsche Staatsangehörige‘, die sich im Separatistengebiet aufgehalten haben. Zu ihren politischen Motiven sei nichts bekannt.“

Dem deutschen Verteidigungsministerium liegen übrigens nach eigenen Angaben keine Informationen darüber vor, dass in der Ostukraine ehemalige Bundeswehrsoldaten im Einsatz sind oder waren. Das Auswärtige Amt erklärte dazu, es habe «keine belastbaren eigenen Erkenntnisse» über deutsche Staatsangehörige, die in der Ostukraine kämpfen.

Jetzt prüft die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, was an dieser Meldung dran ist und geht allen hinweisen nach. «Zureichende tatsächliche Anhaltpunkte» für eine in die Zuständigkeit der Ermittler fallende Straftat lägen bislang aber nicht vor. Mehr dazu auf der Seite der WAZ: http://www.derwesten.de/politik/karlsruhe-prueft-teilnahme-deutscher-am-ukraine-krieg-id10464092.html#plx774237471

In den Kommentaren aller dieser Onlineberichte werden auf mehr oder weniger hohem Niveau deren Richtigkeit oder die möglichen Folgen diskutiert. Aber am witzigsten fand ich die Aussage von cornflakes heute morgen: Ich sehe schon Frau Merkel vor der Presse stehen und erklären, das die dort nur Urlaub machen. Was ja – von der Sache her – nicht grundsätzlich falsch ist.

civil war – reloaded

Während ich hier sitze und schreibe, passieren in der Ukraine grade neue traumatische Ereignisse. Schon wieder Bürgerkrieg. Unklare Fronten. Ehemalige Nachbarn werden zu Feinden. Trotz der vielen Bilder und Berichte sprengen die Geschehnisse meine Vorstellungskraft. Das, was dort passiert, ist noch so frisch und so verworren, dass ich mir nicht anmaße, ein Urteil darüber bilden zu können. Deshalb habe ich bisher nichts dazu geschrieben. Aber natürlich macht es was mit mir. Die ganze Zeit schon. Mein Mitgefühl ist mit den Betroffenen, mit den Zivilisten, die unter den Überfällen und Artellerieangriffen leiden. Ihr Hab und Gut verlieren, ihre Angehörigen oder ihr eigenes Leben. Wie schon vor 90 Jahren. Und wie in den Jahrhunderten zuvor.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Vor einigen Wochen habe ich online die Aufzeichnungen eines Mannes gefunden, der als Lehrer in einer menonitischen Kolonie den Bürgerkrieg von 1919 beschreibt. Das Tagebuch von Dietrich Neudorf ist ein verstörendes Dokument aus der Zeit, als die Machno-Anarchisten durch die ukrainischen Dörfer zogen und die Leute abschlachteten. Und auch den Thyphus mitbrachten, der letztendlich meine Urgroßeltern getötet hat.

Es macht mich fertig, dass die Ereignisse wiederkehren.