Grenzbruch

Die Stadt und die Stadt – von China Miéville

Geteilte Städte und geteilte Länder gibt und gab es einige auf unserem Planeten. Aber diese beiden, Besźel und Ul Qoma, in denen Miéville seine Kriminalgeschichte ansiedelt, sind noch einen Tick spezieller. Die beiden Stadtstaaten teilen sich nämlich denselben Raum. Kein Zaun trennt sie, keine Mauer und kein Fluss, bloß erlernte Nichtbeachtung. Die Menschen beider Städte atmen die gleiche Luft, viele der Straßen und Gebäude sind deckungsgleich, aber dennoch sind sie getrennt voneinander – sie nichtsehen das andere einfach. Es ist sogar bei Strafe verboten, das jeweils andere zu bemerken.

Das Buch ist schwer zu rezensieren, ohne zu viel von der Idee dieses Settings zu verraten, das im Roman ganz allmählich aufgebaut wird. Aber da es mir auf diesen besonderen Umstand ankommt, muss ich das tun.

Es beginnt damit, dass in einer der beiden Städte, in Besźel, die Leiche einer jungen Frau entdeckt wird und Inspektor Tyador Borlú und sein Team die Ermittlungen aufnehmen. Selbstverständlich führt sie die Spur in die andere Hälfte, in die Parallelwelt.

Für einen Science Fiction Roman kommen recht wenig Aliens, Raumschiffe oder technische Apokalypsen vor. In vollkommen realistischer Weise rollt der Autor die ganz gewöhnliche Schizophrenie von parallelen Gesellschaften auf und treibt diese noch auf die Spitze. Angesiedelt ist die Story in einer Zeit, wo es zwar schon Computer und Handys gibt, aber es sind keine smarten Wischtelefone und das Wlan ist auch andauernd am stocken. Außerhalb der Zwillingsstädte gibt es reale Staaten, es gibt Europa und Amerika, es ist unsere Welt und doch nicht.

Ich verfolgte die Hausnummern. Sie steigerten sich etappenweise, immer wieder unterbrochen von Ul-Qoma-Enklaven. In Besźel waren kaum Leute auf der Straße, um so mehr anderwärts, und ich musste nichtsehend zahlreichen jungen, ungemein tüchtig wirkenden Männern und Frauen ausweichen. Ihre Stimmen schlugen gedämpft an mein Ohr, eine unspezifische Geräuschkulisse. Dieses selektive Hören ist eine Folge vieler Jahre darauf gerichteter Erziehung. S 71

So kann es sein, dass sich jemand in Besźel im Zickzack durch eine vermeintlich menschenleere Straße bewegt, weil sich auf der anderen Seite ein belebtes Marktviertel befindet. Und alle finden es normal und alltäglich.

Die meisten Menschen in unserer Umgebung befanden sich in Besźel, deshalb sahen wir sie. Was Kleidung anging, waren hierzulande von jeher einförmige, nichtssagende Schnitte und Farben vorherrschend. S 32

Besźel ist ein ausgedachter Ort, angesiedelt irgendwo in einem postkommunistischen, nicht näher bestimmten osteuropäischen Staat. Es ist düster und grau, irgendwie schäbig im Gegensatz zu dem farbenprächtigeren, wirtschaftlich erfolgreicheren Zwilling Ul Qoma, das orientalische Züge aufweist. Allerdings ohne die Islam-Komponente, denn es es eine rein sekulare Demokratie.

Miéville findet und erfindet viele Vokabeln, um die Besonderheiten zu beschreiben, das obligatorische Nichtsehen oder Protubs, das sind sogenannte Protuberanzen, wenn durch einen Unfall oder einen Brand die Parallelwelt auf einmal stark ins Bewusstsein drängt. Anderwärts ist auch so ein schönes Wort.

Kind sein in Besźel (und nach aller Wahrscheinlichkeit auch in Ul Qoma) bedeutet lernen, lernen, lernen, die tausend Kleinigkeiten, die man wissen muss, um keinen Fehltritt zu tun. Sehr schnell prägten wir uns ein, wie man sich kleidet, welche Farben erlaubt waren, die richtige Körperhaltung und wie man geht. Im Alter von acht Jahren oder so konnte man den meisten von uns zutrauen, dass wir uns ohne peinliche Patzer draußen zu bewegen wussten, auch wenn man Kindern natürlich noch weitgehend Narrenfreiheit gewährt. S 101

Auch wir kennen schon als Kinder unsichtbare Trennlinien und unausgesprochene Gesetze. Wir lernen sehr früh, wen wir beachten, wen wir übersehen oder übergehen können. Die Lektüre lässt Rückschlüsse auf unser eigenes Verhalten zu.

Es ist eine Studie zu Wahrnehmung, blinden Flecken und Tabus. Dieses Wegsehen, die Grenzen im Kopf, auch wir haben sie verinnerlicht. Wenn ich nach der Lektüre durch die Straßen meiner eigenen Stadt laufe oder an der Theke eines Gemüsehökers stehe, fällt mir deutlich auf, wen ich ignoriere und wer mich ignoriert und einfach über mich hinweg kommuniziert.

Was wir in diesen Wochen und Monaten erleben, ist ebenfalls das Aneinaderprallen von unterschiedlichen Sichtweisen und parallelen Wirklichkeiten. Das macht Miévilles geniales Gedankenexperiment so aktuell. Begriffe wie „Heimat“, „Rechtsstaat“, „ demokratische Werte“ oder „Freiheit“ sind zwar den Buchstaben nach deckungsgleich, ihre Bedeutungen und Untertöne driften allerdings sehr weit auseinander. Womöglich sind es sogar weit mehr als zwei Städte, die unsere urbanen (und ruralen) Räume besetzen, an einigen Stellen überlappen sie sich, an anderen verhalten sie sich wie Wasser und Öl. Viele Parallelwelten, die mindestens genauso weit auseinanderliegen wie Besźel und Ul Qoma.

Inspektor Borlú wird die Trennlinie übertreten und auf eine dritte Entität stoßen, aber ob es letztendlich das ersehnte Orciny sein wird, die geheime dritte Stadt in der Doppelstadt, wird an dieser Stelle nicht verraten. Der Roman mag sich von anderen aus der Feder Miévilles unterscheiden, lässt sich vielleicht keiner eindeutigen Sparte zuordnen und verbringt viele Zeilen mit dem Umschreiben der spezifischen Eigenheiten der beiden Städte. Aber er entwickelt auch einen starken Sog, zieht uns hinein in diese beklemmende Welt voller unsichtbarer Grenzen.


China Miéville

Die Stadt und die Stadt
Bastei Entertainment, 2009
Übersetzung von Eva Bauche-Eppers

ISBN: 9783404243938

 

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