Ein Stück Russland in einer Wilhelmsburger Kneipe

Es geht musikalisch weiter. Vor kurzem habe ich mich gefragt, was aus dem Hamburger Liedermacher Zhenja Urich geworden ist, und letzte Woche hat er im Rahmen des Wilhelmsburger Festivalwochenendes ein Konzert gegeben.

‚Deichdiele‘ heißt die Kneipe, die sich an einer Kreuzung mit hübschen Gründerzeitbauten befindet. Helle Räume und Fünfzigerjahre Möbel und in der Kuchenvitrine liegen noch zwei Stücke russischer Zupfkuchen. Ob extra für dieses Konzert gebacken oder nicht, kann ich nicht sagen.

Zhenja_konzert_2

An diesem kühlen Juni-Nachmittag tritt hier also Zhenja Urich auf mit seiner Gitarre, einer Mundharmonika und Kazu im Gepäck – und vielen russischen und ein paar deutschen Songs, nicht alle sind von ihm selbst geschrieben, aber doch einige. Und es wird warm werden bei diesem Konzert – im Raum und auch ums Herz.

Das Konzert ist eine kleine Zeitreise, ein Ausflug in die musikalische Welt der Sowjetzeit. Nostalgischer Auftakt: ‚der Himmelblaue Wagen‘ aus dem Zeichentrick über Tscheburaschka und Krokodil Gena. Auch Lieder von Bulat Okudschawa oder Viktor Zoy stehen auf dem Programm. Dazwischen, Songs von seinem eigenen Album – ‚Hinterm Horizont‘, das er nach dem Bruch mit seiner ehemaligen Band „Peripheria“ aufgenommen hat. (Jegliche Verbindung zu Udo Lindenberg ist purer Zufall!)

Urichs Präsenz ist erstaunlich stark. Die Stimme mal rauh und kratzig wie die von Wladimir Wyssotzki und dann doch so volltönend wie bei dem Lied Конь ‚Konj‘ der Gruppe LjuBevon 1993, das wie einaltes Volkslied klingt. Kurzweilig sind auch die Kommentare zwischen den Songs, als erstes bittet er das Publikum, keine Angst zu haben, wenn die Russen kommen, und erzählt auch schon mal von einem unfreiwilligen Ständchen, das er auf dem Flughafen in St. Petersburg halten musste, weil bei ihm so viel Metall (diverse Mundharmonikas) im Handgepäck gesichert worden ist, und er unter Beweis stellen durfte, wie gut er dieses Instrument beherrscht.

Urich, der Ende der siebziger in eine russlanddeutsche Familie hineingeboren ist, hat keine Scheu, sich als Russen zu bezeichnen, fast alle seine Lieder sind auch in russischer Sprache, die er seine Muttersprache nennt – einzig ein umgedichtetes Kinderlied und der „Bewerbungssong“ singt er auf Deutsch. Der russische Klang passt einfach zu dieser Musik und dieser Stimme. Wenn man versucht die Zeilen zu übersetzen, verlieren sie eindeutig was.

Zhenja_konzert_4

Dialog zwischen Interpreten und einem Zuschauer:

– Habt ihr Fragen?

– Was hieß das eben?

– 50 Zeilen, du willst doch nicht alles übersetzt haben?

Aber eine Zeile will ich hier doch übersetzen, aus seinem Lied, „Welikij Gorod“, (Riesige Stadt):

Схватил гитару, отдуши сыграл – in etwa: Ich schnappte mir die Gitarre, und spielte aus der Seele.

So kommen die Lieder rüber, als hätte sich einer seine Gitarre geschnappt und aus ganzer Seele angefangen zu singen – von Plänen, die anders rauskommen als gedacht, vom Getriebensein, vom Leben.

Zhenja Urich ist übrigens in einem kleinen Dorf in der Nähe von Omsk aufgewachsen, also in mehr als einem Sinn ein Landsmann von mir. Seit Mitte der Neunziger ist er in Deutschland und fängt bereits zwei Jahre nach der Ankunft an, eigene Lieder zu schreiben. Mit der Band oder auch solo hatte er schon viele Auftritte nicht nur in Deutschland und der russischen Föderation, sondern auch in den Baltischen Ländern und in Polen.
Doch eigentlich braucht er keine Band im Hintergrund, mit seiner Ausstrahlung und seiner Stimme performt er eine gelungene Ein-Mann-Show – schade nur, dass er nicht mehr so häufig auftritt, denn, so sagt er selbst lakonisch: er müsse sich jetzt vermehrt als Handwerker engagieren, um seine Familie zu ernähren.

Nach dem Konzert habe ich mich mit einer Zuschauerin (kurze Haare, Nickelbrille) über das Konzert unterhalten. Sie meinte, sie kann zwar kein Russisch, hatte aber den Eindruck, dass trotzdem vieles rüberkam. Besonders bei dem Lied, „Ich komme wieder“ aus der Feder eines jungen Dichters aus Rostow am Don, der sich in einen Überfall auf eine junge Frau eingemischt hatte und daraufhin so brutal von der Miliz zusammengeschlagen wurde, dass er seinen Verletzungen erlag. Man hätte in dem Lied gespürt, dass er sein Ende geahnt haben muss. Ach ja, und sie fand auch, dass die Mundharmonika eine besondere Atmosphäre geschaffen hätte. Dieses Instrument hat was Vertrautes, Intimes, sagte sie, als würde man in einem eingeschworenen Kreis um ein Lagerfeuer sitzen.

Wer will, kann ihn auf youtube suchen: mit den Tags Женя Урих oder Zhenja Urich. Aber live ist natürlich besser…

Fazit: gelungener Liveauftritt auch ohne erweiterte Fremdsprachenkenntnisse. Alle Sternchen!

Farbenspiel in Hamburg

Helene Fischer ist dieser Tage in der Stadt, um an zwei Abenden in einer ausverkauften Arena Konzerte zu geben – für insgesamt 72 000 Besucher. Leider habe ich das nicht rechtzeitig mitbekommen, sonst hätte ich sie um ein Interview für diesen blog bitten können. Naja, vielleicht hat sie auch besseres zu tun, als sich vor dem zweiten Konzert ausgerechnet mit mir zu treffen. Bei dem schönen Wetter. Im Moment ist Hamburg im Ausnahmezustand, abends ist es so mild, alle sitzen draußen, Vespas fahren vorüber, es ist ein Feeling wie in Italien. Genau das richtige Wetter für Open-Air Veranstaltungen. Zumindest gestern.
In der Hamburger Morgenpost oder im Abendblatt stand im Vorfeld ein Satz: Helene – man muss sie lieben oder sie hassen. Nicht alle mögen Schlager gut finden, Fischers Karriere ist dennoch bemerkenswert und ich bin froh darüber. Macht ihr Erfolg doch deutlich, dass jemand mit gutem Aussehen, eigenem Talent und dem Willen zum Erfolg nach vorne kommen kann – ungeachtet der Herkunft.

credit: puhschnute2
aufgenommen von Instagram-User: puhschnute 2

Und weil sie so bekannt und unerreichbar ist, muss ich mir jetzt wohl ein fiktives Interview aus den Fingern saugen. Aber da in der Yellow Press eh nicht anders gearbeitet wird, und das was geschrieben ist nichts mit der wirklichen Person zu tun hat…

Der geneigte Leser mag bitte beachten, dass die folgenden Zeilen mit wirklichen Personen des öffentlichen Lebens nichts aber auch gar nichts zu tun haben und unter keinen Umständen für bare Münze genommen werden dürfen. Ist alles nur ausgedacht!

Scherbensammlerin: Frau Fischer, es scheint, als hätte der Wettergott es gut mit Ihnen gemeint, wie hat ihnen das gestrige erste Konzert denn gefallen.

Helene Fischer: Es war toll! Das Publikum ist richtig mitgegangen und es war ja noch lange hell. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so weit im Norden sind. Ich bin nicht zum ersten Mal in Hamburg, aber bisher kenn ich die Stadt nur bei Regen und Kälte. Nur für die pyrotechnischen Effekte wurde es auf der Bühne allerdings ein wenig zu heiß.

Scherbensammlerin: Bleiben Sie denn noch in der Stadt?

Helene Fischer: In einigen Tagen habe ich schon das nächste Konzert in Hannover und ich kanns leider nicht einrichten. Aber ich komme sicher wieder, es ist eine so schöne Stadt!

Scherbensammlerin: Mögen Sie eigentlich die russische Küche und vor allem: kochen Sie selbst?

Helene Fischer: Ich selbst koche nur wenig, und wenn dann meistens Italienisch oder Indisch. Aber meine Mama kann diese ganzen Gerichte wie Manty, Plow oder Pelmeni zubereiten, und immer wenn ich dort bin, liebe ich es, von ihr bekocht zu werden.

Scherbensammlerin: Pirogi, und Borschj und so, was mögen sie am liebsten davon?

Helene Fischer: Alles, aber wenn ich ehrlich bin, so habe ich Akroschka im Sommer am liebsten.

Scherbensammlerin: … mit Kwas.

Helene Fischer: Ja, natürlich mit Kwas, aber es ist ja nicht so leicht, …

Scherbensammlerin: … echten Kwas in Deutschland zu bekommen! Genau. Haben Sie da eine gute Quelle?

Helene Fischer: Mein Onkel, der keltern ihn selbst. Aus Schwarzbrot. Er hat sich sogar spezielle Gefäße aus Russland kommen lassen.

Scherbensammlerin: Wie ich Sie beneide!

Helene Fischer: Dankeschön! Aber ich habe gleich den nächsten Termin…

Scherbensammlerin: Ich verstehe, ich habe natürlich noch tausend Fragen an Sie. Wie Sie es schaffen, mit dieser Berühmtheit umzugehen, ob sie sich Kinder wünschen und so, aber wenn die Zeit davoneilt, sagen Sie bitte kurz: wie schaffen Sie es, Ihre Figur zu halten, diese ganzen Teig und Fleischgerichte sind zwar enorm lecker, aber ich brauch diese Köstlichkeiten nur anzugucken, schon habe ich sie auf den Rippen. Obwohl, von Akroschka ist glaub ich noch niemand fett geworden… Von Manty schon eher.

Helene Fischer: Ich trainiere viel, seit meinem Studium an der Musical School habe ich mir angewöhnt, täglich mehrere Stunden Sport zu machen. Und ich lege ein bis zwei Mal im Monat einen Obsttag ein.

Scherbensammlerin: Das ist alles? Wow, das sind wohl gute Gene! Danke Ihnen, dass Sie sich Zeit genommen haben.

Helene Fischer: Immer wieder gerne, melden Sie sich ruhig.

Ich bin froh, dass wir uns so gut verstanden haben und wünsche Ihr heute Abend in der Arena und während der gesamten Farbespiel-Tour viel Glück! Ach, ich wollte doch noch gefragt haben, wieso ihre Tournee eigentlich Farbenspiel heißt? Die ganze PR Kampagne dazu sieht so blass rosa-lila aus. Das nächste Mal!!!

Wieder ein Film über Russland

Das Konzert (Originaltitel Le Concert) ist ein französischer Film von Radu Mihăileanu aus dem Jahr 2009 (In Wirklichkeit waren wieder mehrere Länder dran beteiligt: Frankreich, Italien, Rumänien, Belgien und Russland.)

Das_Konzert_Szenenbild_101400x926
Hoffen aus eine neue Chance in Paris: geniale Musiker eines Exorchesters

Einige Rezensionen bei Amazon kreiden diesem Film an, der Plot wäre an den Haaren herbeigezogen und die Geschichte voller Klischees und unrealistischen Darstellungen.

Zum einen finde ich die Darstellung sehr realistisch. Die Achtziger Jahre kommen gut durch und auch die Jetzt-Zeit in Moskau. Nach Jahrzehnten affenartiger, überzeichneter Russenmenschen in amerikanischen Filmen, freut es mich, ein wenig von echter russischer Mentalität und Ausdrucksweise in einem Film zu sehen. Besonders wenn man sich den Film in den Originalsprachen Russisch/Französisch angeschaut, wirkt er authentisch. Und unterhaltsam ist er auch. Zum anderen sind die Vorurteile in diesem Streifen mit einem Zwinkern erzählt und gehen nie unter die Gürtellinie.

Irgendwie haben die Russen und die Franzosen diese besondere Verbindung. Immer noch.

Und das der Regisseur ein Rumäne ist, ist ein großer Pluspunkt, so kennt er sich im Ostblock und mit Grenzgängen gut aus.

das Konzert
Hat für diesen Film Geige gelernt – die französische Schauspielerin Mélanie Laurent

Der Plot ist nicht dokumentarisch. Das gebe ich auch zu, aber es ist auch keine Doku oder ein gut recherchierter Zeitungsartikel. Die Kunst darf sich die Freiheit nehmen, zu überzeichnen und poetisch zu sein. Zu erdichten und verdichten. Kein Zuschauer will und wird sich ansehen, was wirklich geschehen ist mit Künstlern, die ins Gefängnis oder in die Psychiatrie gesteckt wurden, weil sie regimekritisch waren. Keiner will sehen, wie Leben endgültig zerstört wurden ohne eine Wiedergutmachung in einem Théatre de Châtelet. Und was mit den Kindern derer, die in Lagern umgekommen sind geschehen ist. Die Menschen wenden sich gern ab, wenn es darum geht. Die Wahrheit ist unansehnlich und schwer auszuhalten. Da ist es doch wunderbar, wenn ein Autor und ein Regisseur dahingehen und ein Märchen schaffen, in dem das Gut und Böse miteinander spielen, wo durch das verdichtete Gespinst ein Stück Realität durchblitzt. Ich sage einfach Bravo.

Der einzige Kritikpunkt, den ich auch hätte, ist die Darstellung der schacherischen umtriebigen Juden. Sie ist wirklich grenzwertig. Aber wie der Dirigent Filipov in einer Szene sagt, es ging ihm nicht dazu Juden zu verteidigen. Er wollte Musik machen, vollkommene Harmonie und dazu brauchte er seine jüdischen Musiker. Und Vater und Sohn, die beiden Trompeten im Orchester, dass sie so versessen sind, ihre Handys an den Mann zu bringen und zu spät zur Vorstellung kommen, ist sicher geschmacklos und würde in einem deutschen Film nicht geduldet. Aber die Produktion ist je keine deutsche.

Und die anderen Klischees, die neureichen Russen, Le Trou Normand mit seiner Bauchtänzerin, die am Flughafen ausgestellten Pässe, die machen den Film eher witzig und liebenswert. Werden doch die Nationalitäten, die Ausbuchtungen der Menschen auf die Schippe genommen. Und die virtuosen und findigen Synti und Roma kommen doch super weg. Sie sind es, die die Lage retten und das Konzert erst möglich machen. Da werden Klischees sogar kontrakariert, wie man so schön sagt. Aufgehoben.

Als ich den Film zum zweiten Mal alleine und auf OT mit U (Originalton mit Untertiteln) gesehen habe, hat er mich richtig berührt. Ich habe Russland erkannt und ich habe das Schicksal anerkannt, das die junge Frau getroffen hat. Und mich hat berührt, dass sie im selben Jahr Russland verlassen hat wie wir oder einige Monate nach uns. Das Jahr 1980, das so wichtig für mich wurde ist das schicksalhafte Jahr des ersten abgebrochenen Konzerts.