Der Fall LISA oder Von welchem Planeten kommen die Russlanddeutschen?

Ein Gastbeitrag von Artur Böpple (Autor, Medienwissenschaftler und Vorsitzender des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e.V. – siehe www.literaturkreis-autoren-aus-russland.de/ )

(c) Fotostudio Flentge, Herford
Artur Böpple – (c) Fotostudio Flentge, Herford

Der Fall LISA hat nicht nur die Gemüter der russlanddeutschen Community aufgewühlt, er rief sogar die Außenminister beider Länder, den Deutschlands und den Russlands, auf den Plan. Was geht in den Köpfen der Russlanddeutschen vor? Werden sie tatsächlich aus Moskau ferngesteuert?

Die russischen Medien üben einen gewissen Einfluss auf die Meinungsbildung eines Teils der russischsprachigen Bürger in Deutschland aus. Das ist unumstritten, genauso wie die türkischen Medien auf die türkischsprechenden Bürger der Bundesrepublik. Die Frage ist, wie stark dieser Einfluss ist. Man geht heutzutage von etwa 20 bis 30 Prozent der Russlanddeutschen aus, die regelmäßig das russischsprachige Fernsehen schauen (laut Historiker Viktor Krieger). Es bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie die ihnen dort gebotenen Inhalte stets unreflektiert konsumieren.

Wenn man die Deutschen aus Russland verstehen will, muss man wissen, was diese Volksgruppe mit Russland verbindet. Ihre Vorfahren wanderten einst aus Deutschland nach Russland aus, an die Wolga, in den Kaukasus, ans Schwarze Meer, in die Ukraine und später nach Sibirien. Sie siedelten über lange Zeit in kompakten Kolonien, blieben meist unter sich, außer wenn sie Handel mit benachbarten Siedlungen und Städten trieben. Ein kleinerer Teil, die Intellektuellen, lebte unter anderem in den Großstädten Russlands, partizipierte am kulturellen Leben und betätigte sich ebenso in Lehre, Kultur oder Wissenschaft. Das überwiegend isolierte Zusammenleben der Russlanddeutschen hatte einerseits Vorteile – die Siedler konnten ihr Deutschtum, die kulturellen Traditionen und die Sprache über Jahrhunderte hinweg tradieren, auf der anderen Seite blieben sie in die russische Gesellschaft de facto nicht integriert. Zumindest so, wie man es heute versteht. Sie lebten in relativ homogenen Siedlungen, und scheuten die Mühe, Russisch zu lernen beziehungsweise sich in die russische Gesellschaft einzufügen, wobei das von ihnen damals nicht erwartet wurde. Sie waren Fremde „auf ewig“. Weil sie lange nicht fähig waren, ausreichend in Russisch zu kommunizieren, schob man ihnen bei lokalen Konflikten gern den „schwarzen Peter“ zu.

Zu massenhaften Verfeindungen zwischen den deutschen Siedlern und der russischen Bevölkerung kam es im Ersten Weltkrieg. Deutschland ging militärisch gegen das Russische Reich vor. Russische Kriegspropaganda arbeitete auf Hochtouren, was die ersten kollektiven Vertreibungen der deutschen Siedler, vor allem aus dem europäischen Teil Russlands, zur Folge hatte. Man schickte sie Richtung Sibirien. Doch das „Kernland“, die zahlreichen Siedlungen an der Wolga, wurden von diesen Vertreibungen kaum berührt.

Nach der russischen Revolution 1917 und noch während des Bürgerkriegs durften die Wolgadeutschen 1918, mit dem Segen von Lenin höchstpersönlich, ihr autonomes Wolgagebiet ins Leben rufen (ab 1924 Autonome Republik, ASSR). Es gab zahlreiche deutsche Schulen, Kirchen und weitere kulturelle Einrichtungen – selbst studieren konnte man dort bald auf Deutsch. Eine kleine deutsche Insel mitten in Russland. Die Russlanddeutschen konnten sich nach dem Bürgerkrieg, einigen Volksaufständen und Hungerjahren erst mal glücklich schätzen, solange die Moskauer Kommissare und Ideologen sie in Ruhe ließen. Die Autonomie wurde von stalinistischen Säuberungen in den 30er Jahren freilich nicht verschont. Aberhunderte – meist Intellektuelle, Autoren und Lehrer – verschwanden auf immer in den feuchtkalten, dunklen sowjetischen Kerkern. Das war jedoch noch nicht genug.

1941 markierte der Zweite Weltkrieg das Ende der blühenden Landschaften am Wolga-Ufer. Stalin bezichtigte die deutschen Anwohner – und zwar allesamt per Erlass in der Prawda – des Komplotts mit Hitler-Deutschland. Nach wenigen Tagen hörte der deutsche Insel-Staat auf zu existieren, die über etwa 150 Jahre verwurzelten Menschen wurden nach Sibirien und Kasachstan verfrachtet und in aller Welt zerstreut. Rund 600 000 Einwohner hatte unmittelbar vor diesem Ereignis die deutsche autonome Republik an der Wolga gezählt. Aber nicht nur von der Wolga wurden die Deutschen vertrieben. Die Siedlungen im Kaukasus, in der Ukraine, um Moskau und Leningrad herum folgten. Bis an die 500 000 Russlanddeutsche verloren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach in den sowjetischen Arbeitslagern aufgrund der Schwerstarbeit, Kälte und Hunger ihr Leben. Viele von ihnen wurden erschossen. In wenigen Monaten jährt sich das schicksalsträchtige Ereignis, die Vertreibung von der Wolga und der darauffolgende Genozid gegen die Russlanddeutschen zum 75. Mal.

Warum dieser kleine historische Exkurs?

Dankbarkeit gegenüber Russland zu zeigen, geschweige denn politische Loyalität, haben die Russlanddeutschen absolut keinen Grund. Die Mehrheit von ihnen kehrte nicht zuletzt aufgrund dieser historischen Ungerechtigkeit und daraus resultierenden Gefahr, ihrer Identität gänzlich verlustig zu gehen, dem sowjetischen bzw. russischen Staat in den 90er Jahren den Rücken. Russlands ursprünglicher Plan, die Deutschen mittels der Zerstreuung im ganzen Land ihrer nationalen Identität zu berauben, ging in der dritten Generation nach dem Krieg größtenteils in Erfüllung. Deutsch wurde in dieser Generation selten gepflegt (meist rudimentär zu Hause), Russisch wurde zunehmend zur Muttersprache. Moskau entschuldigte sich „bei ihren Leuten“ offiziell dafür bisher nicht. Entschädigungen gab es keine! Erst kürzlich, am 31. Januar 2016, revidierte Putin den Beschluss Jelzins aus dem Jahr 1992 über die Rehabilitierung der Russlanddeutschen. In diesem Beschluss war ursprünglich die Wiederherstellung deren Staatlichkeit innerhalb Russlands als ein wesetlicher Punkt im Prozess der vollständigen Rehabilitierung verankert. Putin machte mit seiner Revision die Hoffnungen auf Wiedergutmachung der Vertreibungen und der Verbannung der Russlanddeutschen in den 40er Jahren gänzlich zunichte.

Trotz der überwiegend russischen Sozialisierung kehrten die Deutschstämmigen dem totalitären Sowjetregime den Rücken nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen, wie es oft fälschlicherweise angenommen wird. Der Traum von der wahren Heimat, von der Wiedererlangung der nationalen Identität und der Sprache, eines WIR-Gefühls – all dies waren relevante Faktoren, die in die Waagschale während des Entscheidungsprozesses für oder gegen die Ausreise nach Deutschland gelegt wurden.

Auch diejenigen, denen es wirtschaftlich relativ gut ging, gaben ihr geregeltes Leben, Häuser, feste Arbeit dort auf und emigrierten nach Deutschland, getrieben von der fixen Idee, von der Idealvorstellung über die Heimat. Sie brachten vor allem Loyalität und Dankbarkeit dem deutschen Staat gegenüber mit, das steht außer Frage, und selbstverständlich die grundsätzliche Bereitschaft, sich so schnell wie möglich zu integrieren. Allerdings ohne die leiseste Ahnung davon, wie viel Kraft und Mühe ihnen dieser Prozess abverlangen würde. Man sollte niemandem unterstellen, dass er oder sie es nicht versucht hat. Einige gaben es zu schnell auf, oft rein räumlich in Wohnghettos gedrängt (wohl jede größere deutsche Stadt hatte ein „Kleinmoskau“ als inoffiziellen Stadtteil in den 90ern), fanden sie sich unter den resignierten Gleichgesinnten wieder …

War dies die Heimat, die sie sich zu finden erhofft hatten? Damals, als sie in der Sowjetunion ihre Häuser veräußert und ihre Koffer gepackt hatten? Nein! Und mal ehrlich: Wie groß ist der Anteil der Einheimischen, der die Deutschen aus der Sowjetunion für genuin deutsch hält und der ihnen das bisschen Deutschsein gönnt? Deutschrussen – das ist jedenfalls keine adäquate Bezeichnung, die sie je zufriedenstellen wird. Sie ist nicht förderlich für ihre Integration, und wird mancherorts sogar als Beleidigung empfunden.

Schubladendenken geht leicht von der Hand. Pauschalisierungen sind menschlich. Doch gehört es nicht zur primären Aufgabe der meist weitsichtigen Reporter, das Volk aufzuklären, statt Pauschalisierungen zu zementieren? Seit einem guten Vierteljahrhundert kämpfen die offiziellen Organisationen der Deutschen aus Russland (wie z.B. die Landsmannschaft) gegen das unvorteilhafte Image ihrer Volksgruppe an. Sie bemühen sich um Aufklärung und kommunizieren immer wieder sachliche Inhalte nach außen. Eins davon: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse besagen, dass die Deutschen aus Russland sich im Vergleich zu anderen Migrantengruppen durchaus erfolgreich integrieren. Bloß ein relativ kleiner Teil läuft Gefahr, von russischen Medien manipuliert zu werden. Auf der anderen Seite gab es seit der Ukraine-Krise wiederholt Versuche, die Russlanddeutschen aufgrund von Einzelfällen undifferenziert unter Generalverdacht zu stellen, dass sie allesamt Putinisten, also Putin-Anhänger und nun sogar tendenziell der rechten Szene zugeneigt seien. Es entsteht der Eindruck, als hätte jemand ein Interesse daran, diese Ethnie zum x-Male pauschal im ungünstigen Licht erscheinen zu lassen. Schon wieder einmal sind die Russlanddeutschen zum Spielball der Politik und der Medien geworden. Schon wieder steckt man sie in eine Schublade. Dort waren sie stets Faschisten, hier sind sie Putin-Anhänger und Russen. Ein Volk in der Schwebe, auf der ewigen Suche nach der Heimat.

Als Betroffener weiß ich zu gut, wie unsere Leute „ticken“. Ich weiß bestens um ihre Befindlichkeiten. Es gibt auch unter uns Menschen mit grundverschiedenen Meinungen zu allen wichtigen Fragen der Politik, wie es sich auch bei dem Rest der deutschen Gesellschaft verhält. Es handelt sich hierbei um etwa 4 Millionen Menschen (wenn man der Einwanderungsstatistik ab 70er Jahre den Glauben schenkt). Kaum jemand im Ausland käme doch ernsthaft auf die Idee, aufgrund der höchst ambivalenten PEGIDA-Bewegung, ganz Deutschland pauschal als rechtspopulistisch abzustempeln. Was die Russlanddeutschen betrifft, wäre eine ebensolche Differenziertheit geboten, will man sie nicht ganz an Russland verlieren. Die jüngsten Demonstrationen sind nicht repräsentativ und wurden nicht von offiziell bekannten und formal registrierten Organisationen der Russlanddeutschen veranstaltet.

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Leben ohne Angst – schön wärs!

Bisher sind die Russlanddeutschen politisch kaum aufgefallen. Dieses Jahr wurden einige von ihnen in Demos aktiv. Mir sind die Sprüche aufgefallen, die sie vor sich her tragen und ich möchte sie näher betrachten. Leben ohne Angst! Wir wollen Sicherheit! oder Schützt unsere Frauen und Kinder! – wo kommen diese Sätze her?

 

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Die Ahnen schauen zu. Sie mischen sogar mit.

Auf einem der Transparente während einer Demo von Russlandeutschen im Januar stand: LEBEN OHNE ANGST

Leben ohne Angst – also das ist es, was sie wollen. Unbewiesene Behauptung meinerseits: die Ängste, die diese Menschen plagen, kommen aus ganz tiefen Schichten. Und haben wenig mit einer reellen Bedrohung durch Flüchtlinge zu tun.

Politische Unzufriedenheit, ja, aber wieso gehen die Russlanddeutschen gerade bei der (vermeintlichen) sexuellen Bedrohung auf die Straße?

Sabine Arnold von der evangelischen Sinnstiftung aus Nürnberg (einer Seelsorgeeinrichtung extra für Russlanddeutsche) hat neulich im Radiointerview kluge Dinge gesagt, unter anderem, dass Aussiedler aus einer inneren Lebensunsicherheit, verursacht durch die eigene Migration, nach äußerer Sicherheit rufen.

Stimmt.

Es ist wohl auch so, dass eine Minderheit sich bedroht fühlt, wenn eine neue Minderheit ins Land kommt.

Stimmt auch.

Und die Menschen wurden von einseitiger Berichterstattung aufgewiegelt.

Auch das ist wahr.

Ich gehe noch weiter und behaupte: die Emotionen, die da hoch kochen, gehen auch auf lang vergessene und vergrabene Traumata zurück, die in den Familien schwelen und so nach außen treten. Leider wird dieser Aspekt nicht so recht berücksichtigt.

Warum?

Vielleicht, weil die Akteure ihn selbst ganz weit von sich weisen würden? Ich höre es förmlich.

Wir, traumatisiert? Durch die Vergewaltigungen unserer Großmütter und Urgroßmütter? Geh mir weg mit diesem Psychoscheiß.

Dann sich lieber den Vorwurf von Rassismus gefallen lassen.

Halten wir fest:

In jeder russlanddeutschen Familie gab es in der Vergangenheit Opfer von Vergewaltigungen. Wir brauchen nur zwei Generationen zurück zu schauen.

Als zivile Kriegsgefangene haben besonders Frauen und Mädchen die Wut und Willkür der Siegermacht erfahren.

Sie waren den Übergriffen schutzlos ausgeliefert und bis heute wird nicht öffentlich darüber gesprochen. Die Vorfälle wurden über Jahrzehnte hinweg verschwiegen. Zum Teil sogar in den Familien selbst nicht weitergetragen. Zumindest nicht offen. Verdeckt hat sich dieses kollektive Trauma in die Seelen gesenkt und tritt bei solchen Gelegenheiten wie Schlacke nach außen.

Aber das ist nur meine Meinung, mein Verdacht. Als bloggerin darf ich ja ich sagen, ich, ich, was ich denke, was ich vermute. Bin nicht an stichhaltige Beweise gebunden. Und diese Momente lassen sich auch nicht beweisen, wenn es keine weiteren soziologischen oder psychologischen Studien zu diesem Thema gibt.

Auf einem anderen Transparent steht: WIR LEBEN IN EINEM LAND, WO DIE MONSTER FREI SIND.

Wohl war. Doch es sind die Monster aus den Tiefen der Seele. Wenn wir auf sie hören, werden sie uns sogar etwas mitteilen. Und das ist nicht im esoterischen Sinn gemeint – à la Ghostwhisperer oder Geisterséance. Ich glaube, dass diese Sätze nicht von ungefähr auftauchen, sondern mit den kollektiven Erfahrungen zu tun haben, die diese Bevölkerungsgruppe gemacht hat. Oder ihre Ahnen. Aber ich wiederhole mich. Ich kann mich nicht oft genug wiederholen.

‚Bisher sind Russlanddeutsche als Gruppe politisch nicht in Erscheinung getreten‘, sagte neulich Jannis Panagiotidis Juniorprofessor für ‚Russlanddeutsche Migration und Integration‘ in Osnabrück in einem Interview mit der ZEIT. Und in einem anderen Interview meinte er zu den Demos: ‚Dort lief durchaus ein Querschnitt der Comunity mit. Nicht nur junge Hitzköpfe.‘

Unauffällig – auffällig, so auch das Motto der Pressekonferenz der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland am 4. Februar in Berlin zum Fall Lisa.

In Deckung bleiben, war die Strategie bisher, aus historisch bekannten Gründen.

Doch wenn ein neuralgischer Punkt berührt wird, wie diese Vergewaltigungsstory, die sich als unwahr entpuppt, dann gerät plötzlich was in Bewegung. Übrigens hat die polizeiliche Aufklärung der Geschichte um Lisa Was auf das Grundproblem keine Auswirkung. Die Verunsicherung sitzt viel tiefer. Das Verschweigen und Vertuschen der Gewalt gegen deutsche Frauen in Russland, damals, viel früher, greift viel weiter. Wie ein Wurzelwerk. Wir sehen nur den Baum. Und können nicht verstehen, wieso seine Blätter sich zusammenkrümmen.

Warum stürzen sich die Aussiedler (nicht alle, aber eine wahrnehmbare und von den Medien wahrgenommene Gruppe) genau auf dieses Thema?

Auslöser:

Sexuelle Gewalt gegen ein Mädchen, unser Mädchen.

Und die angebliche Vertuschung durch die Staatsmacht.

(Nicht nur ich, auch:)

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit…

Und das, was sich wiederholt, sind Muster.

Muster, die sich ergeben und die alte Wunden aufreißen. Bilder, die hängenbleiben:

a) Erwachsene Männer vergewaltigen ein wehrloses Mädchen.

b) Eine Frau soll halb nackt durch die Straßen flüchten. (Ausspruch eines Anwalts, der das unserer Bundeskanzlerin wünscht.)

c) Kinder, die abgegriffen und von Fremden mitgenommen werden.

d) Reelle oder empfundene Willkür des Staates: falsche Berichterstattung, Vertuschung, ungerechte Behandlung.

Die Verletzungen aus der Vergangenheit treten durch diese Muster zutage, klopfen an die Tür, wollen angeschaut werden. Monster im Kopf.

Gehen aber leider im rassistischen Hetzgeschrei unter. Schade eigentlich.

Worauf gründen diese Bilder? Wo kommen diese Traumata her? Die jüngsten Massen-Deportationen an Russlanddeutschen begannen 1941. Verfolgungen gab es schon Jahrzehnte vorher. Aber auch die massiven sexuellen Übergriffe? Wann waren sie am stärksten? Wohl eher nach dem Krieg, nach 1945? Als die Angehörigen der Verlierernation den Siegern schutzlos ausgeliefert waren. Wann hörte das wieder auf? Ende der Fünfziger? Vielleicht.

Schuld und Sühne, das bei Dostojewskij eigentlich Verbrechen und Strafe heißt. Die Schuld, das Unrecht dieser Jahre ist nicht gesühnt, ist nicht getilgt, wurde noch nicht einmal zur Kenntnis genommen. Die Geister bleiben unruhig.

Wenn wir genauer hinsehen, hinter das Offensichtliche, taucht zwischen den Demonstranten das Gesicht der wütenden Frau auf, die verletzt an Körper und Würde zur Furie wird, mit aller Macht aus dem Dunkel des Unbewussten. Sie schreit nach Vergeltung. Benebelt die Sinne.

Ihr ist es egal, gegen wen sich die Wut richtet. Sie sieht nicht, ob Unschuldige getroffen werden.

Was können Flüchtlinge dafür?

Nichts.

Aber auch dieser ganze Komplex der Flucht holt alte Bilder und alte Ängste herauf. Und – Russlanddeutsche haben definitiv ihre Erfahrungen mit Flucht gemacht. Ihre Hausaufgaben, wie es so schön heißt. Mit Propaganda übrigens auch, müsste man meinen.

Und zusammen ergeben die alten Bilder, die die neuen Bilder überlagern einen gefährlichen Molotov-Cocktail. Kein Wunder, dass die Lage so eskaliert ist. Dass alle Akteure so vehement auftreten.

Was können wir tun?

Darauf warten, dass von offizieller Seite eine Geste der Versöhnung, der Sühne kommt? Nein. Nicht unter den gegebenen politischen Umständen. Nicht mit einem neuen kalten Krieg, den beide Seiten beschwören.

Wir können den Schleier des Vergessens niederreißen, die alten Wunden betrachten, der Opfer gedenken und hoffen, dass ihre Seelen endlich Frieden finden.

Wie?

In einem persönlichen Ritual?

Mit einer Geschichte? Einem Film? Mit gemalten Bildern? Einem Song?

Oder mit einem Denkmal, das die Opfer ehrt. Ganz öffentlich.

Auf den Fall einer angeblichen Vergewaltigung kommen unzählige wirklich verübter Gewalttaten. Es gibt Denkmäler für Kriegsopfer, für Opfer von sexueller Gewalt bisher aber nicht. Oder?

 

Viel Wind – Unser Mädchen aus Berlin

Irgendein Tief fegt über unsere Stadt hinweg. Seit Tagen pfeift es schon draußen. Ab und an zwischen Wolkenfetzen ein Stück unverhangenes Blau, wenn man Glück hat. Nass und kalt und dunkel, schon um drei, vier Uhr am Nachmittag, genau das richtige Wetter, um sich zu verkriechen. Was haben sie im Radio gesagt, zu viel Vitamin D ist nämlich auch nicht gut. Leute fallen öfter hin mit einer Überdosis davon und brechen sich häufiger was, genau wie mit einem Mangel.

von Winde verweht
Vom Winde verweht – der Fall Lisa, eine haarige Sache

Windmacherei. Panikmacher. Die große Welle machen. Der Januar war voll damit. Und jetzt eine kleine Ruhepause. Die Aussiedler werden wiedermal entlarvt als Fremdenhasser und Verführte vom russischen Fernsehen. Als russischsprechende Diaspora und Putins fünfte Kolonne, die kaum Deutsch können und gegen Ausländer hetzen. Am Anfang steht ein Mädchen, dass sich eine Lügengeschichte um ihr Wegbleiben gesponnen hatte. Und zwei Wochen später spricht der russische Außenminister von „unserem“ Mädchen in Berlin und aufgebrachte Russlanddeutsche demonstrieren gegen Gewalt an Kindern und lauschen den Reden der braunen Agitatoren, die aus ihren Löchern gekrochen kommen. Wer hat sie eingeladen? Das soll allen eine Lehre sein, sich aufbauschen zu lassen wie ein Betttuch auf einer Wiese. Das reinste Agit-Prop. Naja, gewohnt sind sie es ja, von früher. Aber welche Presse lügt? Welche Polizei vertuscht besser? Welcher Macht kannst du vertrauen? Dem eigenen Urteilsvermögen anscheinend nicht.

Ganz schön viel Wind hat er aufgewirbelt, dieser Fall Lisa. Von Vertuschung war die Rede. Ängste sind hoch gekrochen von Muslimen die sich zu dritt auf ein wehrloses Mädchen stürzen. Dabei hatte sie bloß Angst gehabt, nach Hause zu kommen, Schulprobleme wollte sie verbergen und hat bei einem Freund übernachtet. Ohne Sex. Auch nicht einvernehmlich. Solche Wellen kann es schlagen, wenn sich ein Kind eine Ausrede sucht und die Eltern die Geschichte aufgreifen und die Tante, oder die Pseudotante (?) für einen russischen Sender ein tränennasses Interview gibt. Gefundenes Fressen. Die Deutschen haben die Lage nicht im Griff. Seht, das passiert mit dem Multi-Kulti-Wahnsinn.

Die Trolle des Kreml haben ihren Auftrag erfüllt. Und was bleibt? Der fade Nachgeschmack. Das Bild vom Aussiedler an und für sich, der gegen andere Minderheiten und auf Flüchtlinge hetzt. Tendenziöse Berichte über Landsleute, die billigste Verleumdungen ausstoßen, null Kultur oder Weitsicht, aber mich repräsentieren sollen. Mischa steht in Jogginghose im russischen Supermarkt in Dinslaken und erläutert dem WELT-Redakteur seine WELT-Sicht. Ich seh ihn förmlich auf die Straße spucken.
Und das, was Wladimir Kaminer im Radiointerview mit dem NDR sagt, geht in dem ganzen Spektakel unter, dass wir froh sein sollen, dass von 6 Millionen (russischsprechenden Einwohnern in Deutschland) bloß etwas über dreihundert vor dem Kanzleramt standen. Lass es Tausend sein, die breite Masse ist das nicht. Und dass alle Aussiedlerfreunde von ihm nicht so sind. Nicht so rechts und putingläubig.

Und dass sich Teilnehmer der Demo schon vor Ort gegenüber einer Reporterin von der Deutschen Welle von den Agitatoren der NPD und der Pegida distanzieren, kommt bei der westlichen Presse gar nicht erst an.

Viel Wind gemacht, wiedermal. Um unser Mädchen.

Das arme Kind, das bleibt doch an ihr kleben wie Pech. Ein kleiner Teeniestreich und was für Konsequenzen! In Zeiten medialer Schnellstverbreitung darf man das nicht bringen. Arme Teenies.

Ein deutscher Comedian hat gefordert, dass alle Dreizehnjährigen sich von diesem Vorfall distanzieren sollten und wenn das nicht hilft, die Ausweisung aller Dreizehnjähriger. Vielleicht hat er recht. Die einzige Weise, wie man diese absurde Geschichte nehmen darf: mit Humor.