Sibirische Kälte

Sobald sich eine Welle mit Schnee und Kälte über unser Land legt, wird von sibirischen Winden geredet, die uns angeblich heimsuchen. Dabei kommt sibirische Kälte bei uns hier im Norden Deutschlands nicht wirklich an. Und auch kein Schnee, höchstens ein paar Flocken.


Ist schonmal jemandem aufgefallen, dass in jeder Gruppe aus Russlanddeutschen mindestens einer oder eine aus der Gegend von Omsk kommt? Vielleicht bin ich besonders hellhörig in dieser Hinsicht, aber Tatsache ist, es stammen relativ viele von dort.

Weshalb ich darauf komme? Weil es einen Blog über Sibiriendeutsche gibt, der diejenigen anhand von Interviews und Portraits präsentiert, die in Sibirien leben oder aus Sibirien stammen.

Land und Leute aus einem besonderen Blickwinkel: http://sibiriendeutsche.tumblr.com

Ins Leben gerufen hat ihn eine junge Frau aus Österreich. Magda Sturm hat in Wien Vergleichende Literaturwissenschaft und Slawistik studiert. Und als vor einigen Jahren eine Stelle als Redakteurin (des Instituts für Auslandsbeziehungen) in Omsk ausgeschrieben war, hat sie sich kurzerhand beworben. Aus einem Jahr Aufenthalt sind nunmehr fast vier geworden.

Sie schreibt für deutschspachige Zeitschriften in Russland, arbeitet als Kulturvermittlerin und betreibt in ihrer Freizeit den Blog.

Viele Gesichter tauchen hier auf, viele Leben werden erzählt. Manche der Portraitierten halten die Kochkunst ihrer russlanddeutschen Großmütter in Ehren und machen ihrerseits einen Blog mit russlanddeutschen Gerichten, andere forschen zu ihren Wurzeln und wieder andere, meist die ältere Generation, erzählt aus einer vergangenen Epoche.

In einem Interview kommt aber auch der Hamburger Fotograf Jörg Müller zu Wort, den ein Fotoprojekt zu deutschen Auswanderern des 19. und 20. Jahrhunderts in das sibirische Dorf Litkowka geführt hat.

Seit mehr als zwei Jahren ist der nun Blog online und wächst stetig, seit Herbst 2018 ist er  kein reines Freizeitprojekt mehr, sondern ein offizieller Bestandteil von Magdas Arbeit für das Institut für Auslandsbeziehungen. Seitdem führt sie auch Workshops im Deutsch-Russischen Haus in Omsk durch: mit Schülern, Studenten und demnächst voraussichtlich auch mit Kindergartenkindern, die in dieser Institution Deutsch lernen.


Historisches, Kulinarisches oder einfach nur Menschliches ist auf dem Blog zu finden. Es ist spannend, dass unter den Deutschstämmigen in Sibirien eine Rückbesinnung auf die deutsche Kultur stattfindet und zwar auf die alte Dörfliche kultur ihrer Ahnen. Aus der Ferne wirkt es wie ein Kultur-Konzentrat. Vergleichbar einem dickflüssigen Sirup, wobei wir wieder bei Rezepten wären.

Russlanddeutsche Schnitzsuppe mit Trockenfrüchten. Foto: EckArtRezept (zum YouTube-Video)

Mini-Interview mit Magda Sturm

Magda Sturm 2017 bei einer Ausstellung über die Urvölker Sibiriens.


Ich fragte sie nach kulturellen Unterschieden, denen sie in Sibirien begegnet sei. Ihre Antwort:

Nachdem ich vor meinem Sibirien-Aufenthalt schon ein halbes Jahr in Krasnodar war, und Moskau und Sankt Petersburg besucht hatte, sind mir kulturelle Unterschiede nicht mehr so stark aufgefallen. Und je länger ich in Omsk lebe, desto schwerer fällt es mir auf diese Frage zu antworten. Bei meiner ersten Russlandreise schien mir schon, dass man in Russland im öffentlichen Raum erst mal reservierter ist, weniger lächelt und nur dann offener wird, wenn man jemanden besser kennt. Aber eine gewisse Grantigkeit sagt man ja auch den Wienern nach.

Am Anfang war ich es zum Beispiel nicht gewohnt, dass Telefonate so abrupt enden. Nach einem »Davaj, davaj« oder »Choroscho« ist schon alles gesagt. Ich habe am Anfang ein paar Mal irritiert aufs Handy geschaut, ob mein Gesprächspartner denn wirklich schon aufgelegt hat. Auch die E-Mails sind weniger ausgeschmückt, weniger Höflichkeitsfloskeln und Konjunktive. Der Inhalt beschränkt sich einfach auf die wesentliche Information. Und anfangs fand ich etwas gewöhnungsbedürftig, dass Männer Männern beim Grüßen die Hand reichen, es aber nicht üblich ist, dass Männer Frauen die Hand reichen. Aber inzwischen fällt mir das alles gar nicht mehr auf.  Mir sind in Russland jedenfalls schon viele sehr gastfreundliche Menschen begegnet.

Dass ich russischer geworden bin, glaube ich aber nicht. Ich bin nur insofern sibirischer, als ich in Österreich manchmal aus Gewohnheit viel zu warm eingepackt aus dem Haus gehe. Es ist schon etwas dran an dem Spruch »Ein Sibirier ist nicht jemand, der nicht friert, sondern jemand, der sich einfach gut anzieht.« Je länger ich hier bin, desto wärmer ziehe ich mich an.

Und auf die Frage danach, was sie mitnehmen wird, wenn sie wieder zurückkehrt antwortet sie:

Als Nicht-Kaffeetrinkerin gefällt mir die Teekultur in Russland. Seit ich in Russland bin, trinke ich viel lieber offenen Tee als den in Päckchen. Das macht schon viel Unterschied. In den russischen Cafés käme niemand auf die Idee eine Tasse heißes Wasser und einen Teebeutel zu servieren. Besonders die Teejurten in Sibirien mag ich. Ich hatte während meiner Zeit in Potsdam bei Berlin schon öfter die Tadschikische Teestube in der Oranienburgerstraße besucht. Die Atmosphäre dort fand ich einfach toll. Und die Teejurten in Omsk und Nowosibirsk sind auch sehr gemütlich, richtige Oasen. Man zieht die Schuhe am Eingang aus, sitzt auf dem Boden auf Polstern, trinkt Tee, isst Petschenje, hört ethnische Musik – dort kann man richtig gut entspannen.

In der Jurte. Foto: Magda Sturm

Man hört in der Omsker Teejurte zum Beispiel Musik von Radik Tyulyush, einem tuwinischen Kehlkopfsänger, den ich auch mal bei einem Konzert in Omsk gehört habe. Seine Musik und die seiner früheren Gruppe Huun-Huur-Tu gefällt mir sehr gut.

Obwohl mir als Österreicherin die Berge in Omsk und Umgebung fehlen, finde ich auch die Steppenlandschaft total schön. Es ist faszinierend, wie lange man mit dem Zug durch die Landschaft fahren kann und man sieht nichts als schnurgerade Straßen, endlos weite Steppe, nur ein paar Birkenbäumchen. Und ich mag den Winter in Sibirien mit dem vielen Schnee und Eis total gern. Ich nehme auf jeden Fall alle gefütterte Kleidung nach Österreich mit, die ich mir hier gekauft habe. Die trotzt auch mal minus 40 Grad.

Tee in einer Jurte. sehr sibirisch und sehr gemütlich. Foto: Magda Sturm
Kleines Extra zum lauschen, Sibiriendeutsche auf Deutschlandfunk

Gut einhundert Jahre nachdem die ersten deutschen Siedler nach Russland ausgewandert waren, wurde 1893 das erste deutsche Dorf in Sibirien gegründet. Es waren also schon Siedlungen da, bevor die Deportationswellen weitere hundertausend Menschen aus den Kolonien an der Wolga und aus dem Kaukasus und Repatrianten aus der Ukraine hierherspülten.

Ende letzten Jahres hat sich der Deutschlandfunk in einer Sendereihe mit Sibiriendeutschen beschäftigt. Einige sehr schöne Kurzfeatures von Frederick Rother sind hierbei entstanden. Wer möchte kann da reinhören, der Anmach-Button ist unten rechts am Foto. Ich hoffe, diese Sachen sind noch länger aus Sendung:

1. Das deutsch-russische Haus in Omsk

2. Bruno Reiter, Landrat im Gebiet Assowo

3. Alexandrowka, das erste deutsche Dorf in Sibirien

4. Eine deutsche Bäckerei in Sibirien

5. Sergej, der Rückkehrer

Mit Minus vier Grad herrscht heute keine sibirische Winterkälte bei uns. Es ist höchstens so, wie im Gebiet Omsk Ende Oktober.

Übrigens können die Sommer in Sibirien ziemlich heiß werden, bis zu 35°. Kontinentalklima eben. Aber wenn heuer wieder so ein heißer Sommer kommt wie letztes Jahr, wird sicher niemand bei der Wettervorhersage von sibirischer Hitze sprechen. So viel sei gewiss.

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Viktor Heinz – In der Sackgasse

Der Hochschuldozent Willi Werner wird für eine unbestimmte Zeit in ein Moskauer Krankenhaus verlegt. Er muss das Bett hüten und findet endlich die Muße, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Währenddessen verändert vor den Fenstern die Perestroika alles, was er bisher gekannt hat.

Der Roman erzählt nicht nur das typische Schicksal eines Russlanddeutschen der Kriegs- und Nachkriegszeit in der Sowjetunion, sondern spiegelt auch die Literatur der Deutschen in Russland in den 60ger und 70ger Jahren wieder. Denn der Protagonist studiert Germanistik (wie der Autor seinerzeit) bei dem charismatischen Victor Klein am pädagogischen Institut in Nowosibirsk, trifft auf Autoren wie Sepp Österreicher und lernt bei einer Recherchearbeit den kauzigen Sprachforscher Andreas Dulson kennen. Diese Männer hat es auch in Wirklichkeit gegeben und sie waren wegweisend für die Erhaltung der deutschen Sprache und Kultur in der Sowjetunion. Heinz‘ Figur schreibt selbst, publiziert in den damals regelmäßig erscheinenden deutschen Wochenblättern Neues Leben und Rote Fahne. Desweiteren macht Willi Werner Bekanntschaft mit KGB-Beschattern und Denunzianten und erlebt wie ein Studienfreund auf undurchsichtige Weise ums Leben kommt, weil er an einem Manuskript arbeitet, in dem es Stellen gibt, die „eine Zeitung oder ein Verlag wohl kaum drucken würden“ und die man „verschleiern und verschlüsseln [müsste], damit es nicht so augenfällig ist…“ S 191

Der Freund verschwindet bei einem Fest und wird nach Tagen mit zerschlagenem Gesicht aus dem Irtysch gezogen. Ein Szenario, das nicht vollkommen an den Haaren herbeigezogen ist. Nach Jahren des kompletten Schweigens in der russlanddeutschen Literatur waren die ersten Veröffentlichungen auf Deutsch ab 1957 eher unverfänglich. Naturbeschreibungen und dem Regime genehme pro-sozialistische Prosa. Werke, die das Erleben in der Verbannung und im Gulag zum Thema hatten, wurden untersagt und als nationalistisch gebrandmarkt. Wenn es sie gab, wurden sie nicht gedruckt. Einige der Manuskripte sind wirklich verschollen.

Die wohl stärksten Passagen des Romans beschreiben die Kindheit des Protagonisten in Sibirien. Willi und seine Geschwister wachsen bei der Großmutter auf, weil beide Eltern verhaftet und in die Trudarmia (Arbeitsarmee) eingezogen werden. Auch Stalins Tod ist ein neuralgischer Punkt und darf in diesem Buch nicht fehlen. So wie wir uns die Frage beantworten können, was wir am 11. September 2001 gemacht haben, so erinnern sich alle in Russland lebenden Menschen an den 5. März des Jahres 1953.
In der kleinen Stube, die gleichzeitig als Wohnzimmer und Küche dient, steht ein Tisch[…], über dem in einem großen Rahmen ohne Glas ein bild von Stalin hängt […]
Unter diesem „Heiligenbild“ macht Willi nun seine Hausaufgaben. Sein Vater tritt auf leisen Sohlen an den Tisch heran, beugt sich über Willis Aufgabenhefte, greift mit zitternden Händen nach dem Rahmen und nimmt das Bild herunter. In seinem Gesicht steht leichte Erregung und beklemmende Angst geschrieben.

Wohin wollt Ihr‘s* hänge? Willi lässt nicht mal den Gedanken zu, dass man das Porträt einfach zum alten Eisen werfen könnte. Ihr wollt‘s doch net rausschmeiße?

Bei den letzten Worten zuckt der Vater zusammen und seine Stimme klingt rauh: Was fällt dir ein?! Es kommt in die Abstellkammer. Sag‘s aber keinem weiter! S 21


*russlanddeutsche Kinder haben damals die Eltern respektvoll mit ‚Ihr‘ angesprochen

Dieses russische Sackgassen-Schild wirkt irgendwie wie … Hammer und Hammer!

Ein Straßenschild und die pathetische Namensgebung der sozialistischen Nomenklatur hat den Autor zu dem Titel des Romans inspiriert: Die rückständigsten Kolchosen bekamen den Namen Morgenrot des Kommunismus oder Roter Sonnenaufgang. Die enge verwahrloste Straße im schmutzigsten Winkel der Großstadt hieß – man sage und staune! -Sackgasse des Kommunismus. Hatte der Mann, dem sowas eingefallen war, nur eine überschwengliche Phantasie gehabt oder war es ein Hellseher? S 8

Manche russische Straßen heißen wirklich statt Gasse oder Allee einfach Sackgasse, also Tupik. Nur am Rande, aber das hat Streetartkünstler Jahre später zu folgenden Umsetzungen verleitet:

Sackgasse der Zivilisation. Eine Streetart in einer russischen Stadt.

oder:

Sackgasse der Evolution. Scheint sogar das gleiche Haus zu sein…

Mir ist an der Sprache von Viktor Heinz etwas aufgefallen. Er verwendet nicht nur in diesem Buch oft Floskeln, scheinbare Worthülsen, die hier aufgewachsene Schreibende tunlichst vermeiden würden. Selbst in Dialogen.

Spucks schon aus… Bin gespannt wie ein Flitzebogen… verflixt und zugenäht… Wer die Wahl hat, hat die Qual…

Hier herrscht aber ein ganz anderer Kontext vor. Stellen wir uns vor, jemand ist weit ab von seiner Muttersprache aufgewachsen. Er lernt sie als Dialekt bei der Oma und später an der Uni kennen und schätzen. Er ist verliebt in Redewendungen wie Schlawiner oder sich den blauen Dunst vormachen. Für ihn sind das keine abgedroschenen Klischees, sondern Sahnebonbons. Es ist seine Liebeserklärung an die Bildhaftigkeit der deutschen Sprache. Seine Minne. Wir dagegen stolpern erstmal drüber. Außerdem tauchen an einige Stellen Russizismen auf:

… und steht nun vor dem Bücherberg wie die Kuh vor dem neuen Tor. S 170

Den Schlawiner sieht man Viktor Heinz glatt an…

Viktor Heinz schrieb das Buch 1996 als er bereits vier Jahre im Westen lebte. Er ist Mitbegründer des Literaturkreises der Deutschen aus Russland und hat neben Gedichten und Prosa auch ein Buch über die Mundarten der Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion herausgegeben. Er hat viele Autoren und Autorinnen ermuntert zu schreiben, hat ihre Werke aus dem Russischen übersetzt und ist so etwas wie der Vater der russlanddeutschen Literatur hier in Deutschland. Heinz starb im Juni 2013.

Der Roman In der Sackgasse, Aufzeichnungen eines Außenseiters in Rußland wurde von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland als Taschenbuch verlegt und ist für 13,- Euro plus Versand über den Vereinsshop zu beziehen. Es kursieren aber auch antiquarische Exemplare, die weit mehr kosten. In den Buchhandlungen oder den Bibliotheken sucht man seine Werke eher vergebens. Das ist mehr als schade.

 

Unter der Zirbelkiefer: Heinrich Rahn – Der Jukagire

In der Taiga ist vieles möglich. So steht es an einer Stelle im Roman Der Jukagire von Heinrich Rahn.

Es ist die Geschichte des Waisenjungen Ivan Nickel, dessen Eltern (ein Volksdeutscher und eine Jukagirin, also eine Frau aus einem Stamm sibirischer Ureinwohner) als Volksfeinde verhaftet worden sind. Wir schreiben das Jahr 1946, noch ist Stalin an der Macht und sein Scherge Berija gebietet über den Geheimdienst.

In einen Unfall mit tödlichem Ausgang verwickelt, gerät Ivan in ein Straflager, wo er den Rufnamen Jukagire verpasst bekommt. Später begibt er sich auf eine abenteuerliche Odyssee durch den Nordosten Sibiriens, wird Schamane und erlebt allerhand Verwicklungen. Auch amouröser Art.

Ist dieses Buch ein Abenteuerroman oder eine Liebesgeschichte? Schamanische Praktiken kommen drin vor ebenso wie alte Jäger, sibirische Nomaden und Lagerhäftlinge. Eine Karl-May-Story im wilden Nordosten, so scheint es zunächst. Statt Siuox und Apachen tauchen Jakuten und Jukagiren auf, statt Cowboys sitzen Zobeljäger und ungehobelte Sträflinge am Lagerfeuer und statt Whiskey wird Samogon (= selbstgebrannter hochprozentiger Wodka) rumgereicht. Die Geschichten von Old Surehand und Winnetou drängen sich förmlich auf. Doch schreibt Rahn ohne den überheblichen Ton eines europäischen Eroberers und ohne die Erhöhung des Protagonisten ins Übermenschliche wie es beim Hilfslehrer aus Radebeul der Fall ist. Obwohl der Jukagire mit seinen gestählten Muskeln, seiner gelehrsamen Art und Herzensweisheit ganz schön heldenhaft daherkommt.

Holzschnitt mit einer traditionell gekleideten Jukagirin und einem Jukagiren. Im Hintergrund ein Ren mit seinem Jungen
Holzschnitt von Wladimir Istomin. Frühling, 1973

Die historischen Tatsachen blitzen zwischen den Erzählsträngen auf, Schicksale werden miteinander verwoben. Das Leben im Sibirien der Nachkriegszeit tritt plastisch hervor, aber wie im Märchen, wie in einem Mythos, ohne dass der Dreck und das Blut in den Vordergrund tritt. Es ist eher ein Holzschnitt als eine naturalistische Fotografie.

Buschige Zirbelkiefern, helles Moos, Bären und Elche spielen eine nicht unerhebliche Rolle in diesem historischen Pelz-und-Flintenpanorama. Der Autor kennt die Taiga nur zu gut. Seine Liebe zur Wildnis, zu den Tieren und dem Wechsel der Jahreszeiten wird auf jeder Seite spürbar. Die Kapitel winden sich von Polarlicht zu Polarlicht. Auch die Darstellung der Menschen in dieser rauen Zone scheint sehr authentisch. Sowjetstaat plus extremes Klima – das ergibt einen besonderen Cocktail.

Alte Jäger plaudern über Unerhörtes und über Gehörtes, verweben Erlebtes mit Legenden. Die Stelle, wo Matwej und Lukjan sich in der eingeschneiten Hütte unterhalten, gehört zu meinen Lieblingspassagen im Buch.
Lukjan strich sich wieder über seinen Schnurrbart und begann: „Marischa hat nun einen Geologen geheiratet und wohnt in Amurstadt. Ihr Vater, der alte Sachar, ist zurückgeblieben und lebt mit meiner Schwester zusammen.“ S 143

Die Geschichten der Minderheiten, ob von Russlanddeutschen, Tataren und auch der Urvölker Sibiriens werden unauffällig und ohne großes Lamento eingeführt.

Es gelingt dem Autor ein Spannungsfeld schaffen, über viele Seiten hinweg. Das ist seine große Stärke. Doch dann driftet die Story ab. Was wie ein Karl-May-Spektakel mit schamanistischen Einsprengseln anfängt, verwandelt sich in einen leicht chaotischen Konsalik-Thriller, um in einer fulminanten Doppelagentenstory zu enden. In der Taiga ist vieles möglich – aber doch nicht alles. Alle losen Fäden auf eine so abenteuerliche Weise zum Ende hin miteinander wieder zu verbinden, scheint mir sogar hier, im legendendurchtränkten Polargebiet, eher wenig wahrscheinlich. Aber im echten Leben gibt es sicher noch heftigere Zufälle.

Es gäbe da einen interessanten Konflikt, bei dem ich aufhorche. Die unter der Urbevölkerung verbreiteten schamanischen Bräuche sind ein Dorn im Auge der kommunistischen Partei und sollen unterbunden werden. Doch dann löst sich diese Diskrepanz aus heiterem Himmel wieder auf. Was ein tragendes Element hätte werden können, versickert sang- und klanglos.

Wenn ich die Lebensläufe von Ivan, Kina, Marischa und den anderen Figuren wie Fäden vom Geschehen abziehe, entdecke ich auf der Metaebene zwei Muster, die sich durchziehen.
Zum einen handeln diese Erzählungen von auseinandergerissenen Familien, verlorengegangenen Geschwistern und Ehemännern, behördlicher Willkür und abgebrochenen Lebensläufen. Zum anderen halten sich die Protagonisten und Protagonistinnen seltsam tapfer dabei. Sie bleiben stark. Zeigen ihren Schmerz nicht. Sie sind nicht zerrissen, sondern bewältigen den Alltag wie nebenher und schieben die erlittenen Traumata wie Spinnweben beiseite. Das ist erstaunlich. Oder auch nicht. Denn in der Generation derjenigen, die diese Verluste, Verfolgungen und Verbannungen am eigenen Leib erlebt haben, ist diese Verhaltensweise üblich. Weitermachen und Verdrängen. Und das Aufarbeiten anderen überlassen. Doch das ist jetzt meine eigene Interpretation. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Charakterisierung dem Autor genau so vorgeschwebt hatte.

Was hätte diesem fulminanten Reigen besser getan, ein Weniger an Plots oder ein Mehr an Seiten, um sie ausreifen zu lassen? An manchen Stellen wäre ein strengeres Lektorat wünschenswert, zum Beispiel auf Seite 169, wo es heißt:
Nach dem Trinken hörte man das knisternde Zerkauen von Sauerkraut als Nachspeise.
Achtung: Hier geht es nicht um ein Sauerkraut-Dessert, sondern es ist die Sakuska gemeint, das Stück Brot oder Salzgurke, das die Russen gern nach hochprozentigen Getränken hinterheressen – oder eben Sauerkraut. Das sind so typische Missverständnisse zwischen russischen und deutschen Begrifflichkeiten.

Es sind nur Kleinigkeiten, denn im großen und Ganzen liest sich der Roman mit seiner klaren und bildhaften Syntax sehr flüssig. An einigen Stellen, wenn es um das Liebesspiel geht, wirkt die Sprache allerdings leicht abgedreht und esoterisch. Aber in der Taiga mag vieles möglich sein, auch dass ‚die gemeinsamen Sehnsüchte aus einer erfrischenden, ewigen Quelle vollkommener Leidenschaft‘ erquickt werden. (S223)

Würde ichs noch mal lesen? Jeder Zeit.

Der Jukagire, Heinrich Rahn, Geest-Verlag, 2008
ISBN-13: 978-3866851344
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Spruch der Woche

Tha Master Himself
Liebte provokante Thesen: Laotse

Eine Zugehörigkeit ist dann gegeben, wenn ein Element einer Menge von Gegenständen mit einer bestimmten konstanten Eigenschaft zugeordnet werden kann, ohne dass alle Eigenschaften der Elemente der Menge gleich sein müssen. (A)

Laotse (6. Jhdt. nach Chr.)

Wenn wieder mal jemand zu dir kommt, der sagt, wie kannst du ein Deutscher sein, du bist doch in Kasachstan/im Kaukasus/in Sibirien geboren, dass lächele ihn weise an und antworte ihm mit genau diesem Satz.

Denn das, was Longzi oder Laotse da so elegant formuliert, führt zu dem Schluss, dass ein Russlanddeutscher sich natürlich zu den Deutschen zählen kann, auch wenn ihm 250 Jahre an gemeinsam erlebter Kultur und gemeinsamer Geschichte fehlen. Und auch die Sprachkenntnisse müssen, dieser schönen Definition nach, nicht identisch sein. Hauptsache, es sind hinreichend Eigenschaften gegeben, die sich gleichen. Und das tun sie auch.

In Wirklichkeit ist das alles viel, viel komplexer. Aber das kann man wieder nicht so schön in einen Satz packen.  Denn das war nur der erste Teil des Lehrspruchs.  Die Antithese lautet:

Zugehörigkeit ist nur dann gegeben, wenn ein Element einer Menge von Gegenständen nur dann zugeordnet werden kann, wenn alle Eigenschaften der Elemente gleich sind. (B)

Wird die Schlussregel A angewandt, so ist ein weißes Pferd ein Element der Menge aller Pferde. Wird die Schlussregel B angewandt, ist ein weißes Pferd kein Element der Menge aller Pferde, weil die Elemente dieser Menge die Eigenschaft weiß nicht besitzen.

Alle Klarheiten beseitigt? Dann gibt es ja keine Probleme mehr und wir können zum Tagesgeschehen rübertraben. Oh nein, lieber nicht. Zu komplex.