Ausgewanderte Wörter

Hier hat ein Journalist/eine Journalistin der Süddeutschen Zeitung deutsche Wörter gesammelt, die sich in anderen Sprachen etabliert haben:

http://www.sueddeutsche.de/panorama/kleines-glossar-ausgewanderte-woerter-1.680010

Sehr amüsant. (Übrigens ein ehemals französisches Wort, heutzutage gibt’s sicher mehr Anglizismen bei uns.)

Apropos ausgewanderte Wörter: im Russischen haben sich jede Menge Begriffe aus der deutschen Sprache eingebürgert. Und anders als die Spätaussiedler, bleiben sie wohl auch dort.

Ich meine nicht das allgegenwärtige Geil Gitler! oder das Chände choch! was ja keinen anderen Sinn macht und nur als Zitat fungiert. Oder Fritzy! als Schimpfwort, die meine ich nicht.

Nein,  ich meine so alltägliche Begriffe wie zum Beispiel фартух (fartuch), was Schürze bedeutet und vom Wort Vortuch oder Fürtuch abgeleitet ist, wie diese Schutzkleider bei uns noch im 15. Jahrhundert genannt wurden.

Oder рарикмахер also Parückenmacher, das noch immer gebräuchlich ist für Friseur, dieser Begriff kommt wohl eher aus dem Zeitalter des Barock, also als Katharina die Große noch gelebt hat. Oder шлагбаум (Schlagbaum) damit ist eine Schranke gemeint.

Am Hofe der Reussen waren immer Damen und Herren der deutschen Adelshäuser, Anhalt-Zerbst oder Hessen-Darmstadt, sie heirateten ein, sprachen deutsch. In Petersburg und Moskau lebten seit dem späten Mittelalter Handwerker und Händler aus den deutschen Landen. So haben auch sie ihre Spuren hinterlassen, auch wenn ihre Siedlungen längst geschliffen sind.

Irgendwann habe ich in einem Film das Wort лох (Loch)  für Looser gehört. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber scheint es da einen Zusammenhang zu einem Schimpfwort zu geben? Oder beschreibt das Wort einfach das Gefühl, man ist in einem Loch, man kommt nicht raus aus der Versagerlaufbahn. Weiß jemand vielleicht mehr darüber?

Ich glaube, die Sammlung ließe sich noch weiter fortführen….

Nachtrag vom 26. Juni 2015: mittlerweile weiß ich, was лох (Loch) bedeutet, überhaupt nicht das was ich angenommen habe. Ich habe eine Freundin gefragt, die zwischen Hamburg und Moskau pendelt und sie hats mir erklärt: der Begriff лох (Loch) kommt aus dem Jiddischen und hat seinen Weg in die Gaunersprache gefunden. Unter Ganoven bedeutet es soviel wie jemand, der so rechtschaffen ist, dass er keine Regeln übertritt, im kriminellen Sinne ein Spielverderber – und deshalb für die übrigen Ganoven nicht existent, nicht verlässlich, also ein leerer Raum, ein Loch. In der Neuzeit ist das Wort in Business-Kreisen (!) adoptiert worden und bezeichnet ebenfalls eine Person, die sich nicht auf illegale Machenschaften einlässt. Ob das für die Businessmänner oder die Kriminellen mit Versager gleichgestellt ist, kann ich nicht beantworten.

Sprachabtausch

War 2013 das Jahr der russischen Sprache in Deutschland, so macht seit September diesen Jahres die deutsche Sprache einen Gegenbesuch. In der gesamten Föderation finden bis zum nächsten Herbst Workshops, Wettbewerbe und Lesungen statt, am 13. und 14. September nahmen beispielsweise an die 3000 Schüler live an der „größten Deutschstunde der Welt“ teil (weitere 1000 waren online zugeschaltet) und auch die Sendung mit der Maus hat Moskau einen Besuch abgestattet. The Maus herself hat beim großen Bildungsfestival „Deutsch hoch drei“ im Eremitage-Garten ihren spröden Charme versprüht und mit den Augen geklimpert.

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Würdige Vertreterin der deutschen Sprache in Moskau: die Maus

Im November sind zum Beispiel zwei Autoren und zwei Autorinnen aus Deutschland beim Literaturfastival „Weißer Fleck“ in Nowosibirsk zu Gast. Die Gegenwartsliteraten, die das Goethe Institut ausgesucht hat, sind Marcel Beyer, Ann Cotten, Angelika Meyer und Roman Ehrlich. Neben Lesungen aus eigenen Werken, beschreiben sie in Form von Essays, was für sie den Reiz der deutschen Sprache ausmacht. Und zwar als Material und Werkzeug für ihr literarisches Arbeiten. Mit Studenten wollen sie anschließend ihre Ausführungen diskutieren.

Auf der diesjährigen Moskauer Buchmesse (vom 26. bis 30. November) bekommt die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur einen Sonderstatus: am deutschen Gemeinschaftsstand werden Neuerscheinungen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland vorgestellt.

Zwar ist der politische Dialog zwischen den beiden Ländern aus gegebenem Anlass etwas angespannt, doch um so mehr scheint ein wenig PR für Goethe, Schiller und Co. unentbehrlich zu sein. Schade nur dass, ja ja, ich weiß, immer muss ich meckern, die Deutschen aus Russland etwas unterrepräsentiert sind. Dabei gibts viel zu erzählen. Schon 1727 wurde von ihnen die erste deutsche Zeitung in Moskau gegründet und bis 1891 an den Schulen in den Kolonien der Unterricht in deutscher Sprache ablief. Es wäre auch mal spannend zu erörtern, inwiefern der Gebrauch ihrer Muttersprache den Deutschstämmigen nach dem zweiten Weltkrieg erschwert beziehungsweise komplett unterbunden worden ist. In der Sowjetunion war es über Jahrzehnte undenkbar und mitunter sogar gefährlich miteinander in der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen. Und dennoch haben Großeltern die Sprache an ihre Enkel weitergegeben. In jeder Region, Bessarabien und der Ukraine, der Wolgaregion und dem Kaukasus wurden eigene vom Hochdeutschen abgeschottete Idiome weitervererbt, die sich nicht nur lustig anhören, sondern auch eigene Vokabeln für „moderne“, sprich nach 1804 aufgekommene Worte wie zum Beispiel „Fahrrad“ haben. Ich schlage vor, falls diese Aktion in den nächsten hundert Jahren wiederholt wird, einfach mal ein Nebenfestival zu gründen und nicht „Weißer Fleck“, sondern gleich „Blinder Fleck“ zu nennen.