Es muss nicht immer Kaviar sein

Als Jewgenij Samjatin, der Autor des dystopischen Romans „Wir“ 1930 aus der UdSSR nach Paris flieht, vermerkt er in sein Tagebuch, dass er nur zwei Bücher mithabe: Helene Molochowetz und Puschkin. Puschkin kennen wir. Aber wer ist diese Elena oder Helene Molochowetz und was macht ihr Werk so besonders?

Nun. Vielleicht hilf dieses Zitat weiter:

Die erste bekannte schriftliche Erwähnung eines Rinderfilet Stroganoff (als Gowjadina po-strogonowski) erfolgte durch Jelena Molochowetz in der 1871er Ausgabe ihres russischen Kochbuchs Podarok molodym chosajkam („Geschenk für junge Hausfrauen“). Dort ist das Gericht als eine Art Ragout mit einer auch Schmand enthaltenden Senfsauce beschrieben. Es lässt sich wohl nicht mehr feststellen, wer das Rezept wann erdacht hat.

Der in St. Petersburg tätige Küchenchef Charles Brière stellte das Boeuf Stroganoff 1891 bei einem Kochwettbewerb in Paris vor. In der Folge wurde es zu einem Klassiker der internationalen gehobenen Gastronomie. Zur Bekanntheit in der breiteren deutschen Öffentlichkeit auch abseits der gehobenen Gourmandise trugen Clemens Wilmenrod und Johannes Mario Simmel (durch die Beschreibung im Roman „Es muß nicht immer Kaviar sein“) bei.

So gefunden im Lexikon deutscher Frauen der Feder.

Wir wissen, wie Helene Molochowetz aussah. Ungefähr so:

Helene Molochowetz als junge Frau

Geboren wird sie 1831 als Elena Iwanowna Burman in Archangelsk, früh verwaist, absolviert sie mit 17 das Smolnij Institut in St. Petersburg, eine bekannte Schule für höhere Töchter. Kurz darauf heiratet sie den Architekten Franz Franzewitsch Molochowetz, bleibt Zeit ihres Lebens bekennende Protestantin und Monarchistin, wird Mutter von zehn Kindern (acht von ihnen sollen noch vor ihr sterben) und Autorin des wohl bekanntesten Kochbuches der russischen Küche.
Naja, als sie älter ist, verfasst sie noch dubiose Broschüren zu national-spiritistisch-religiösen Themen. Aber die gehen aus irgendeinem Grund irgendwie unter. Sie stirbt unter unbekannten Umständen in den Wirren der Revolution in St. Petersburg. Verarmt. Vermutungen gehen sogar soweit, dass die Herausgeberin und Verfasserin des bekannten Kochbuches verhungert sei.

Trauriges Kapitel. Doch zurück zum Buch an sich. Ein dicker Schinken von satten 700 Seiten. (Verzeiht meine billigen Metaphern, kann mich nicht zurückhalten) 1861 erstmalig herausgebracht. Da war sie dreißig, lebte mit ihrer Familie noch in Kursk, später zieht sie nach St. Petersburg. Das Geschenk enthält fünf Register aus 800 Mittagen, von bis. Vom einfachen Armer Ritter bis delikaten Wildgerichten. Plus 2000 Angaben der Zubereitung verschiedener Wirtschaftsvorräte, also Haltbarmachung von Lebensmitteln. Unter anderem beschreibt sie Beispiele französischer und russischer Küche aber auch deutsche Gerichte. Wie konnte eine junge Frau, die mit 17 die Mädchenschule verließ, um zu heiraten innerhalb von 13 Jahren so eine Sammlung anlegen? Nebst Kinderkriegen? Wie konnte sie mit knapp dreißig genug Kocherfahrung ansammeln, um diesen Wälzer herauszubringen, protestantisch sparsam, sättigend. Rubelgenau.

„Geschenk für die junge Hausfrau oder Mittel zur Verringerung der Wirtshaftsausgaben“ ganz schön sperriger Titel, dennoch gibt es in Russland bis 1917 29 Auflagen davon. Ein Meilenstein.

Die erste deutsche Ausgabe übersetzt sie 1877 kurzerhand selbst. Was für eine Powerfrau, möchte ich denken. Heute kostet ein antiquarisches Exemplar des deutschen „Geschenks“ mehrere hundert Euro.

Kolduny und Pelmenien, Seite um Seite voll mit den beliebten Teigspeisen. Niedliche Schreibweise: Pelmenien.

Oder hat sie das Buch am Ende nicht ganz allein geschafft? Zumindest nicht mehrere hundert verschiedene Gerichte selbst in ihrer Laborküche erprobt. Aber das werden wir vermutlich nie erfahren. Andererseits, es gibt solche Leute. Mit viel Sitzfleisch und Sinn für methodisches Arbeiten. Was ich mir allerdings eher vorstellen kann, ist, dass irgendeine Tante, irgendeine oder mehrere Köchinnen sie dabei unterstützt haben. Vielleicht sogar die Großmutter Burmann, die Mutter ihres Vaters, die sie nach dem Tod der Eltern unter ihre Fittiche genommen hat. Doch das sind nur Spekulationen meines überhitzten Gemütes. Vielleicht gab es da ein Familienrezeptbuch, auf das ihre methodische Arbeit fußte?
Und selbst wenn, trotz allem hat diese Frau eine großartige Leistung vollbracht und eine Spur in Russland hinterlassen. Als eine der wenigen Deutschen.

Bei den Nachspeisen ist mir ein Nachtisch aufgefallen, der modern klingt, Gefrorenes Tutti Frutti. Mich hat nur gewundert, wozu die 6 Kilo Salz gebraucht werden, ist ja schießlich eine Nachspeise. Aber ja, gestoßenes Eis und Salz benutzt die junge Hausfrau zum Haltbarmachen bis die erlauchten Gäste kommen und das Eis genießen, das in Schalen aus gefrorenem Wasser liegt. Das habe ich soweit kapiert, aber: Wo kriege ich heute Pomeranzenwasser her?

1043 Gefrorenes Tutti Frutti

Wie dem auch sei, dieses Kochbuch war lange Zeit der Renner bei den jungen und weniger jungen russischen Hausfrauen. Im sowjetischen Russland galt das „Geschenk“ als Höhepunkt kulinarischer Dekadenz, doch nach dem Zerfall der Sowjetunion 1986 wird das Kochbuch in Russland wieder gedruckt. In St. Petersburg haben fünf Frauen sogar ein Restaurant eröffnet, das wohl Molochowetz oder Molochowetz‘ Traum heißt und ausschließlich Speisen aus dem „Geschenk für die junge Hausfrau“ anbietet.

Molochowetz‘ Traum in der Radischew Straße in St Petersburg.
… und hier ist doch noch Kaviar rechts im Bild, na sowas.

In Abschluss ihres Vorwortes schreibt Elena Molochowetz:

“ Um sich davon zu überzeugen, daß die von mir angegebenen Portionen für 6 Personen hinreichend sind, ersuche ich jede Hausfrau zur Probe 3-4 Speisen zu wählen und sie in ihrer Gegenwart zubereiten zu lassen. Wenn ein kleines Mittag- oder Abendessen veranstaltet werden soll, kann man nach diesem Buche mit Rücksicht auf die Preise des betreffenden Wohnortes die Kosten annähernd vorausbestimmen.“

Und ich dachte, ich soll jetzt selbst an den Herd! Ok. Das wären pro Mahl 1-2 Silberrubel. Doch eine letzte Frage bleibt: Wo krieg ich nun das vermaledeite Pomeranzenwasser her? Habe nachgeschaut: Es ist schlicht Bitterorangen-Likör.

Übrigens wird Kaviar doch erwähnt. Und zwar u.a. auf Seite 359 im Zusammenhang mit den russischen Pfannkuchen Nr. 862:

Man reicht ganz frische geschmolzene Butter, saure Sahne und Caviar dazu.

Beim durchscrollen dieser Speisenzusammenstellungen (ich habe das Buch als PDF vorliegen, nicht als antikes Prachtstück) kann ich gut verstehen, dass der oben genannte Schriftsteller das dicke Buch mit ins Exil geschleppt hat. Denn geben uns nicht Gerichte der Kindheit und andere kulinarische Gewohnheiten auch sowas wie ein Heimatgefühl?

Ein dicker Wälzer, oder soll ich sagen Schinken?

 

 

 

Out of Karaganda

‚Ritas Leute‘ ist ein Dokuroman der Journalistin Ulla Lachauer von 2002. Karaganda und Kehl sind nur zwei der vielen Stationen der Familie Pauls, die mit dem Strom der Aussiedler nach Deutschland kommen. Die Autorin lernt die Studentin Rita Pauls Anfang der Neunziger kennen und mit ihr eine ihr fremde Welt und ein unbekanntes Stück deutscher Geschichte. Sie beschließt, die Lebenswege der Familie zurückzuverfolgen und darüber einer breiten Öffentlichkeit zu berichten. Lachauer wohnt Familienfesten bei, begleitet Rita, wenn diese als Sängerin auftritt und unterhält sich mit deren Großmutter. Die Journalistin besucht die russlanddeutsche Familie aber nicht nur in Kehl sondern reist mit Rita zu den Orten, die für die Familie von Bedeutung sind, darunter Karaganda in Kasachstan oder das ehemalige deutsche Dorf Lysanderhöh.
beautyful Karaganda at its best

In der ersten Hälfte war ich begeistert von Ulla Lachauers Buch. Es ist gut recherchiert und nah an den Menschen erzählt. Das einzige, was ich ihr vielleicht vorwerfen kann ist, dass sie die Familie Pauls zwar nicht direkt vorführt, aber als befremdliche  Exoten darstellt. Ihr Zugang zu unserem Thema erfolgt aus der Distanz, ist aber nicht despektierlich, dachte ich zunächst.

Und so früh, also schon Mitte der Neuziger hatte sich hier im Westen niemand so richtig für uns interessiert, dann kommt sie und begleitet eine junge Frau aus russlanddeutscher Familie in die verschiedenen Sphären ihrer Familiengeschichte. Nach Kasachstan in die Ukraine, nach Sibirien und auch nach Kanada.

Anfangs gibt es eine kurze Episode über den russischen Begriff Knochen waschen. (Мыть кости/косточки). An einer Stelle sagt Rita, sie war mit einer Freundin unterwegs, sie hätten „Knochen gewaschen“. Das ist eine russische Wendung und bedeutet so etwas wie Lästern, über jemanden herziehen. Im Deutschen gibt es eine ähnliche Redewendung: sich bis auf die Knochen blamieren.

Beim Lesen beschleicht mich der Eindruck, dass es keine echte Dokumentation ist, denn dafür positioniert sich die Autorin zu gern selbst zu den Neuankömmlingen und ihrer Lebensart. Sie bleibt nicht neutral und eigentich ist es ein Buch über sie selbst. Lachauer kann sich einfach nicht verkneifen zu urteilen und kann sich nicht in die Lage der Familie versetzen. Da ist Empathie, aber wir bleiben das für sie: unbegreifliche Fremdlinge. Aber ist es ein echtes Knöchelchen waschen? Wohl eher auch nicht.

Sie hat natürlich ein Recht darauf ein persönliches, nicht neutral beobachtendes Buch zu schreiben. Aber sie macht sich auch nicht die Mühe, Schlüsse zu ziehen, zwischen dem was diese Menschen erlebt haben und dem, wie sie drauf sind.

Zwischen der Autorin und ihren „Objekten“ tut sich immer mehr eine Kluft auf. Beispielsweise äußert sie sich fast beleidigt über das Desinteresse der russlanddeutschen Familie am Fall der Berliner Mauer 1989. Sie leben in ihrem eigene Universum und nehmen kaum Notiz davon. Das verübelt sie Ihnen sehr.
Erst habe ich es nicht glauben, dann nicht wahrhaben wollen, aber es ist so, bis heute: der dramatische, unblutige Zusammenbruch der Nachkriegsordnung ist für sie nebensächlich! Darin liegt – für mich – die schockierendste aller Fremdheiten zwischen den Pauls und mir. […], dass sie das Überwältigende, mit dem sie existenziell durch ihre Ausreise, verbunden sind, nicht mitdenken und mitempfinden können. Ich werde mich an diesen Herbst 1989 zeitlebens nicht ohne Herzklopfen erinnern können. S. 238

So what, sind die Pauls nicht erst 1989 ausgewandert? Dann haben sie sicher andere Sachen im Kopf gehabt als den Fall der Mauer. Und ich erinnere mich, politisch haben wir in der ersten Zeit auch wie unter einer Glocke gelebt. Nicht wie mündige Bürger, die sich aus Zeitung und TV über das Weltgeschehen informieren und es vor allem ständig kommentieren. Es wurden Manty gemacht. Es wurde sich getroffen. Deutschkurse besucht. Sich an die Bürokratie gewöhnt. Auch unsere Welt war überschaubar und schloss globale Ereignisse von weltbewegender Bedeutung aus.

An einer anderen Stelle fragt Lachauer, welchen Bezug die Russlanddeutschen zur Heimat hätten. Und wenn, dann wäre deren Heimat doch eindeutig an der Wolga. Was eher naiv und kurz gedacht ist und nicht für alle zutreffen kann. Diese und andere Bemerkungen führen sicher nicht dazu, dass dieses Buch von der community akzeptiert wird.

Vor Jahren muss ich das Buch schon einmal gelesen haben. Ich erinnere mich an die Bilder. Jedoch konnte ich damals mit dem Inhalt wohl nicht so viel anfangen. So lese ich es dieses Jahr wie zum ersten Mal. Gut, es ist überarbeitet, aber die Ausgabe von heute ist identisch mit meinem Taschenbuch von 2002.

Ich finde den geschichtlichen Rahmen, das Forschen nach der Verwandtschaft und was sie an den Orten wiederfinden höchst aufschlussreich. Vieles davon war selbst mir unbekannt.
Einiges war mir geläufig:

Die ersten Karagandiner waren Erdmenschen …S.129

Das soll bedeuten, die Verbannten, nicht nur Deutsche, wurden in der Steppe ausgesetzt, ohne Häuser, ohne Zelte oder Baracken. Sie haben sich Erdhütten gebuddelt und die erste Zeit unter der Erde gelebt.

So beschreibt sie die Entstehung und Entwicklung der Stadt Karaganda, die Zivil- und Kriegsgefangene in der kasachischen Steppe praktisch aus dem Nichts heraus gestampft haben. Sie lässt die Großmutter aus der Zeit nach der Revolution erzählen und vermittelt mir ein reiches Bild in einer deutschen Siedlung in diesen bewegten Zeiten. Vieles ist gut beobachtet, bis in die abweichenden Redewendungen und andere Sprachliche Blüten Ritas und ihrer Sippe.

wir sind anders – und unsere Tomaten auch. Karaganda

‚Karaganda‘ ist übrigens auch eine Tomatensorte. Im Buch geht es viel um Tomaten von dort. Ritas Mutter schafft es, eine Fleischtomate aus Kasachstan in Kehl heimisch zu machen.

Wie gesagt spätestens ab der Mitte des Buches, blieb beim Lesen ein schaler Nachgeschmack zurück. Besonders in der Art, in der sie uns als Gruppe bewertet. Distanziert freundlich, aber wie etwas gänzlich Fremdartiges. Wie Käfer in einem Reagenzglas.

Schon auf Seite 16 schreibt die Autorin über die „russische Nachtigall“, wie sie Rita nennt:

Bei aller Zuneigung blieb eine gegenseitige Scheu, das Bewusstsein des Ungewöhnlichen. Mein Mann und ich waren die einzigen „richtigen Deutschen“, mit denen Rita und Irene [eine Freundin] verkehrten. Sie waren die einzigen Russlanddeutschen, mit denen wir verkehrten.

Dabei beteuert Lachauer bei einem Interview in der Vereinszeitschrift der Landsmannschaft im Jahre 2004, sie möchte folgendes weitergeben, nämlich‚ dass es DIE Russlanddeutschen nicht gibt, sondern eine ungewöhnliche Vielzahl von Herkünften, Verhaltensweisen in der Sowjetzeit, Ausreisemotiven etc. Warum sie zu uns gehören, obwohl sie fast 200 Jahre in russischen Kontexten gelebt haben und viele die Sprache und Kultur ihrer deutschen Vorfahren verloren haben. Es geht darum, sich ganz konkret vorzustellen, was den Deutschen dort in der Stalin-Zeit widerfahren ist.‘

Sie plädiert für mehr ‚Verständnis für das Leben unter dieser östlichen Diktatur, den Alltag z.B. in einem Kolchos. Und natürlich sind solche Defizite nicht von heute auf morgen zu bewältigen, das ist eine Riesenherausforderung, das dauert, man braucht viel Geduld.‘

Um im selben Jahr genau diese Vereins-Zeitschrift in einem Artikel in DER ZEIT so vorzuführen: Im redaktionellen Teil von ‚Volk auf dem Weg‘ – der Titel nimmt Bezug auf die historische Wanderschaft – geht es um anderes. Im Wesentlichen um drei Punkte: 1. Wir sind deutsch! 2. Wir haben gelitten! 3. Wir bringen mehr ein, als wir kosten! Allmonatlich dieselbe Litanei, manchmal zornig, manchmal auch wie ein Schrei. Alles ist richtig und zugleich wirklichkeitsblind.

Sie scheint eine der wenigen zu sein, die diese Rückwärtsgewandtheit und das Pochen auf die nationale Zugehörigkeit so früh kritisiert hatte, die der LmDR und vielen ihrer Landsmänner eigen ist.  Was stört mich daran? Auch mich befremdet das ewige Pochen auf die nationale Zugehörigkeit und ich habe die ewige Opferrolle ebenfalls satt.

Aber es ist wohl nicht ganz so einfach. Außerdem sind in der jüngeren Generation andere Themen und andere Befindlichkeiten aufgetaucht. Die Beobachtungen von 2004 treffen nicht mehr in allen Punkten zu.

Als ich meinem Vater mein Exemplar des Buches zu lesen gab, hat er sich doch sehr aufgeregt über die Überheblichkeit der West-Autorin. Er fühlte sich schlicht verkannt. Nicht alle seien so, wie sie sie beschreibt. Das waren seine Worte. Sie hat sich eine einfach Familie herausgepickt, die auch in der Sowjetuinion unpolitisch war und erwartet, dass sie sich für so ein Ereignis wie die Wiedervereinigung mehr interessieren als die Setzlinge in ihrem Garten.

Auf jeden Fall ist das Buch ‚Ritas Leute‘ wohl eher nichts für die ältere Generation. Aber eine ausführliche Einführung in die Wanderungen der Russlanddeutschen und ein Bild davon, wie es war, als so viele von ihnen Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger nach Deutschland gekommen sind. Gefahr eines zu hohen Blutdrucks!

Die Pauls sind mit Häuschen und Garten, mit Oma und russischem Tante-Emma-Laden sicher eine Vorzeigefamilie. Was wäre passiert, wenn ich 1993 eine Autorin wie Ulla Lachauer getroffen und die sich für unsere Geschichte interessiert hätte? Welche Knöchelchen hätte sie bei uns gefunden?

Und was Rita Pauls betrifft, ich würde ja gern wissen, was sie heute so macht. Ihre digitale Spur verliert sich nach 2012. Ich würde sie fragen, wie sie das empfunden hat, dass Ulla Lachauer so über die Familie geschrieben hat. Das Verhältnis zu der Journalistin scheint seit 2004 sichtlich abgekühlt, sie hat sich anderen Themen zugewandt – nicht mehr über uns Erdmenschen geschrieben. Ob Rita immer noch singt?

Ulla Lachauer

Ritas Leute

Eine deutsch-russische Familiengeschichte

Rowohlt Verlag, Reinbek 2002
ISBN 9783498039103
Gebunden, 432 Seiten, 19,90 EUR

Die Dame am Steuer – Clärenore Stinnes im Sowjetreich

Am heutigen Tag, vor genau 90 Jahren, dreht Fräulein Stinnes am Zündschlüssel ihrer Limousine und beginnt ihre Weltumrundung. Mit dem Adler Standard 6 bricht sie am 25. Mai in Frankfurt am Main gen Osten auf. Mit dabei ist ein vollbeladener Begleit-LKW, eine Reisekasse von 100 000 Mark, drei Mann Besatzung – zwei Mechaniker der Firma Adler und der Kameramann Carl-Axel Söderström, der die Reise dokumentieren soll – und ihr Irish Setter Rüde Lord. Ihr Ziel: aus westlicher Richtung genau hier wieder einzutreffen. Sie will die erste Frau sein, die mit einem Automobil die Weltkugel umrundet.

Über zwei Jahre sollte diese Tour de Force dauern. Die Automobilistin kommt mit ihrem Tross oft durch Gegenden, wo es keine Straßen gibt und wo zuvor noch nie so ein selbstfahrendes Gerät gewesen ist. So gleitet, ruckelt, rutscht das Fahrzeug durch Wüsten, Schlammwege, über Berge und Schotter und über den zugefrorenen Baikal-See oder muss über weite Strecken geschoben und gezogen werden. Schier unmenschliche Strapazen werden sie durchleiden und nach 48000 km unter Jubel am Ausgangspunkt ihrer Reise wieder antreffen.

Es bleiben am Ende nur noch Clärenore und Carl-Axel als eingeschworenes Abenteuergespann übrig. Die beiden Mechaniker werden sie bereits nach wenigen Tausend Kilometern verlassen müssen, zum Teil krankheitsbedingt.

Clärenore Stinnes, Aufnahme: E. Bieber, 1926

Die Weltreise ist als Promotionstour gedacht, gesponsert von der deutschen Automobilindustrie und mit einem hohen Widerhall in der internationalen Presse. Söderström muss fast zeitgleich Material für die Wochenschauen zur Verfügung stellen.

Clärenore Stinnes ist bereits mit Mitte zwanzig eine erfahrene Rennfahrerin. Unter anderem nimmt sie 1925 in Russland an der internationalen Zuverlässigkeits-Rallye teil, dem Всесоюзный испытательный автомобильный и мотоциклетный пробег 1925 года, von Leningrad über Moskau bis nach Tiflis und wieder retour. Als einzige Frau unter 135 Teilnehmern gewinnt sie den dritten Platz, der ersten in ihrer Wagenklasse.

Dame mit Hut in der Männerdomäne Autorennsport

Hier wird auch die Idee geboren, eine Fahrt um den Globus zu wagen, die sie mehrere Jahre minutiös vorbereitet. Sie studiert Karten, legt an der Strecke Punkte für Benzin-Depots fest, verschafft sich einen diplomatischen Passierschein. Als Tochter des Großindustriellen Hugo Stinnes hat sie ihre Kontakte und nutzt sie auch.

Sechs Monate Schlamm und Schnee

Mich interessiert natürlich ein besonderer Abschnitt dieser Weltreise: das Sowjetrussland der auslaufenden zwanziger Jahre.

In der russischen Hauptstadt und einigen Orten im europäischen Teil ist moderne Technik nichts Unbekanntes. Aber im Hinterland fahren sie durch Gegenden, in denen noch nie ein Automobil gesichtet wurde. Dementsprechend werden sie empfangen: Die Pferde scheuen, die Menschen bekreuzigen sich am Wegesrand als ob sie der Teufel persönlich wären oder ihnen folgt ein begeisterter Tross von Kindern und Erwachsenen.

Trotz aller Eile sind sie um Wochen in ihrem Plan zurück. Das Risiko in den sibirischen Weiten eingeschneit zu werden ist groß. Sie kommen kaum voran, die Straßen sind nur Schlamm und Matsch. Nach Überschwemmungen in der Ukraine verladen sie die Wagen kurzerhand auf die Eisenbahn, um weiterzukommen. Aber es wird nicht besser.

Es gibt da ein Zitat, das Gogol oder Puschkin zugesprochen wird. в России две беды: дураки и дороги. Was soviel heißt wie, in Russland gibt es zwei Übel, die Dummköpfe und die Straßen. Und zumindest das zweite Übel haben die Abenteuerin und ihre Männer zur Genüge erfahren dürfen.

Die Reise verzögert sich. Durch den Wintereinbruch bleiben sie ganze drei Monate in Irkutsk. Verbringen Weihnachten bei einer dänischen Familie und vertreiben sich die Zeit, in dem sie im hohen Norden burjatische Ureinwohner bei der Jagd filmen.

Die filmischen Zeugnisse, die Söderström in der Sowjetunion sammelt, sind noch heute wertvoll und bilden einen angenehmen Kontrast zu den sonst propagandistischen Filmdokumenten aus Russland der damaligen Zeit.

Im sibirischen Winter festsitzend, erkunden Clärenore und Carl-Axel die Möglichkeit, über den Zugefrorenen Baikalsee in Richtung Mongolei überzusetzen. Für alle Fälle nehmen sie zwei Bretter mit, über die der Wagen rollen soll, falls das Eis brechen sollte. Wäre der Wagen nur ein wenig langsamer über das Eis gefahren, hätte das Abenteuer schon hier sein unschönes Ende nehmen können. Aber sie haben Glück. Am 7. Februar 1928, nach 16 728 km erreichen sie Ulan-Ude an den Felsufern der Selenga.

In ihrem Tagebuch notiert Clärenore:

Immerwährend krachte der See, die Luft wie mit fernem Geschützfeuer erfüllend, in den Bergen widerhallend. Von Süden nach Norden rollte es heran. Wie Scheibenklirren sprang das Geräusch unter unseren Füßen weiter. Hie und da öffnete sich das Eis in Zentimeterbreite, das Wasser sickerte durch. Wir durften uns keine Zeit nehmen, darauf zu achten, denn wir wollten hinüber.

Erst hier, in der Mongolei bieten sich Carl-Axel und Clärenore das du an. Ursprünglich hatte sie sich für diesen Kameraoperateur entschieden, gerade weil er verheiratet war. Während der Reise merken sie jedoch, dass sie sich aufeinander blind verlassen können und ein gutes Team bilden. Zwar begleitet Söderströms Frau Marthe ihren Mann auf der kurzen Etappe zwischen Frankfurt und Stockholm (Clärenore beschließt, die Reiseroute zu verlängern und Carl-Axel zu Hause abzusetzen) aber die Eheleute haben sich entfremdet.

Das Fräulein Stinnes und ihr Kameraoperateur kommen sich spätestens beim Schneiden des Filmmaterials und der Zusammenstellung der Dokumentation endgültig näher. Sie heiraten Ende 1930, ziehen nach Schweden und bewirtschaften einen Hof, der der Familie Stinnes früher als Feriendomizil diente. Weder wird Clärenore jemals wieder ein Rennen fahren, noch Carl-Axel einen kommerziellen Film drehen. Zwar machen sie Pläne für einen neuen Dreh in der Karibik. Doch dazu wird es nicht kommen, sie bleiben in Schweden, bekommen sie drei Kinder und nehmen während des Krieges noch zwei finnische Jungen auf.

1931 kommt ihre Dokumentation Im Auto durch zwei Welten in die Kinos. Als Stummfilm konzipiert, muss schnell eine Tonspur drübergelegt werden, denn die Entwicklung hatte sie bereits überholt, als sie noch auf Tour waren. Clärenore macht persönlich die Erzählstimme und ein bekannter Komponist steuert die Filmmusik bei.

In Wirklichkeit ist die Dokumentation viel länger, dieser kurze Streifen gibt die Strapazen nicht im Ansatz wieder.

Heute ist diese Pionierin in unserem Denken nicht mehr so richtig präsent. Ab und zu läuft eine Dokumentation über sie auf ARTE. Und 2009 entstand ein deutsches Dokudrama mit vielen Einsprengseln des alten Materials. Mit Sandra Hüller als ziemlich spröde daherkommendes Fräulein Stinnes und mit dem dänischen Schaupieler Bjarne Henriksen als formvollendetem Gentleman. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das ein Denkmal für diese außergewöhnliche Frau hätte sein können. Es ist verständlich, dass es allein schon ökonomisch unmöglich ist, mit einem Filmteam die Strecke von 48 000 km durch 23 Länder nachzufahren. So jedoch wirkt zumindest der Abschnitt, der in Russland spielt eher kulissenhaft und hölzern. Und es wird nicht deutlich, dass sich die beiden Hauptakteure ineinander verlieben. Vielleicht kam es in der Realität auch erst nach der Reise. Aber würde das den Plot nicht auf besondere Weise würzen?

Die Weltumrundung unter den Bedingungen von 1927 ist eine ungeheure Leistung, die nur mit äußerster Beharrlichkeit und  Durchhaltevermögen zu schaffen war. In einem Interview sagt Clärenore Stinnes mit 85, in der heißen Phase des Kalten Krieges:

‚Ich würde heute die Fahrt noch mal machen, wenn ich damit Russen, Europäer und Amerikaner in einer Einheit zusammenschweißen könnte. Dann würde ich das trotz meines Alters noch mal machen. Selbst wenn ich auf der Strecke bleiben würde.‘

Vier Jahre später stirbt die unerschrockene Pionierin, jedoch ohne die Welt ein zweites Mal umrundet zu haben.

Bücher:

Clärenore Stinnes, Im Auto durch zwei Welten: Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt 1927 bis 1929, Edition Frauenfahrten

Eine Frau fährt um die Welt, die spektakuläre Reise der Clärenore Stinnes 1927-1928, Bildband von Carl-Axel Söderström und Gabriela Habinger, Verlag Fredeking & Thaler

Michael Winter, PferdeStärken: Die Lebensliebe der Clärenore Stinnes

Filme:

1931, Im Auto durch zwei WeltenClärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström

2009, Fräulein Stinnes fährt um die Welt, Regie Erica von Moeller, mit Sandra Hüller und Bjarne Henriksen

Es war ein weiter Weg bis an die Wolga

Eindruckvolle Räume mit Moderator Ferch
Eindruckvolle Räume mit Moderator Ferch

Was fällt einem Deutschen sofort ein, außer Wodka meine ich, wenn er an Russland denkt? Richtig, die Transibirische Eisenbahn. Dieser Zug scheint seit dem ersten Spatenstich 1891 ein ewig währendes Faszinosum für die Bürger Westdeutschlands zu sein (die im Osten der Republik denken sicher anders, aber sie wurden für diese Doku auch nicht gefragt). Es ist erstaunlich, dass bisher noch keiner von ihnen die Transsib für die Nominierung als das neunte Weltwunder vorgeschlagen hat.

Was allerdings nicht erstaunlich ist: der Luxuszug Zarengold und seine Mitreisende, westdeutsche Rentner*innen mit Freudentränen in den Augen, die sich diese Reise mal eben zum Geburtstag gönnen, nehmen denn auch einen prominenten Teil der Berichterstattung ein über das Thema deutsche Spuren in Russland ein.

Nostalgie im Luxuswagon - das ist Russland!
Nostalgie im Luxuswagon – das ist Russland!

Auch ein Adelsfräulein, das auf den Spuren seiner Vorfahrin, Katharina der Großen wandelt, oder eher durch die Ruinen stolpert, kommt zu Wort und ein preußischer Offizier, der 1812 an dem napoleonischen Feldzug teilgenommen hat, anhand von Tagebuchaufzeichnungen.

Nennt mich nachtragend, nennt mich kleinlich,  aber wenn eine von Anhalt-Zerbst von heute sich hinstellt und sagt, also ich habe viel von meiner Urahnin, auch ich bin furchtlos, erkunde fremde Territorien, da dreht sich mir der Magen um. Ehrlich. Würde sie noch so sprechen, wenn ihre Vorfahren durch das Gulagsystem gejagt, verfemt und dann lange Zeit ihr Schicksal untern Teppich gekehrt worden wäre? Wohl kaum. Egal. Schwamm drüber.

sie wird Juschka genannt wie ihre berühmte Vorfahrin
sie wird Juschka genannt wie ihre berühmte Vorfahrin

Ich bin gerade tendenziös und ungerecht. Stimmt ja, später im Film kommen die Lebensläufe von zwei russlanddeutsche Familien mit den angemessenen Worten zur Sprache. Aber sorry, dieses vornehme Fräulein reden zu hören, ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht.

Aber ich will ja nicht meckern, wir Minderheiten neigen dazu, uns schnell übergangen zu fühlen.

Deshalb, Tusch und Applaus: nach genau der Hälfte der Sendung erzählt Heino Ferch (das ist toll, dass sie ihn als Moderator gewonnen haben, wie kommen wir zu dieser Ehre?) von Tausenden Russlanddeutschen, die auf Geheiß der neu gekrönten Zarin ins riesige Land und an die Wolga strömen. Danke allein für diesen Satz:

Was den Russlanddeutschen widerfuhr, das gehört zu den größten menschlichen Katastrophen des 20sten Jahrhunderts.

Das musste mal gesagt werden im deutschen Öffentlich-Rechtlichen. Sonst hätte ich fast gedacht, es ginge allein um die Weiten Sibiriens.

Allerdings entsteht wieder mal der Eindruck, dass es Deutsche nur an der Wolga gab. Nichts davon, dass seit der mittelalterlichen Hanse ein reger Austausch bestand und noch vor den Siedlern an der Wolga zig Tausende Familien deutscher Herkunft in Moskau und später in St. Petersburg lebten und das kulturelle Leben dort entscheidend prägten. Nichts über die Siedlungsgebieten am Kaukasus nichts über Bessarabien oder das Schwarzen Meer.

Super, Alexander von Humboldt, der Durchreisende, wird kurz erwähnt und ein Ingenieur ohne Namen, der am Bau der Transsib beteiligt war, aber wie stark ansonsten der kulturelle Austausch gewesen ist, bleibt möglicherweise aufgrund der Kürze der Sendung (die Transsib ist eben sehr lang) leider auf der Strecke. Der Theaterschaffende Meyerhold, Sofija Tolstaja oder die Ehefrau Tschechows, die Schauspielerin Olga Knipper, um nur einige wenige zu nennen, bleiben außen vor. Ebenso die Tatsache, dass die Kochbuchbibel Russlands und der Sowjetunion von einer Deutschen namens Helene Malochowetz geschrieben wurde. Und viele andere Verbindungen aus Kultur und ähem… Kultur. Denn in der Politik waren Deutsche nicht so zahlreich vertreten. Warum denn bloß? Darüber werden wir auch im Dunkeln gelassen. Naja.

Dass viele intellektuelle Russen nicht nur in Paris gelebt und studiert haben, sondern eben auch in Weimar oder Leipzig und aufklärerische Ideen mitgebracht haben in ein Zarenregime, das auch von Katharina der Großen gestützt wurde. Von wegen aufklärerische Monarchin. Sie hat Schriftsteller, die gegen die Praxis der Leibeigenschaft angeschrieben haben, ebenso nach Sibirien verschickt wie ihre Vorgänger und Nachfahren auf dem Thron.
Davon, dass einer der tonangebenden Dekabristen, Paul (Pawel) Pestel ebenfalls
Deutscher war, was ebenfalls eine wesentliche deutsche Spur in Russland sein könnte, kein Wort. Und vom regen Austausch zwischen den jeweiligen klassenkämpferischen Parteien auch nicht. Ach, das ist wohl grad nicht zeitgemäß…

Es ist ja auch mehr so die Landschaft, welche die Deutschen am riesigen Reich interessiert.

Habe ich Gutes zu berichten über die Sendung? Natürlich. Allein, dass sie von Heino Ferch moderiert wird. Und ein Lob dafür, dass das überhaupt Thema ist.

Nur mit dem wie, habe ich eben so manche Probleme. Ich könnte wetten, dass bei der Mache der Sendung kein einziger Russlanddeutscher beteiligt war.

Enkel und Opa Maier an auf der Wolga
Enkel und Opa Maier an auf der Wolga

Und diese salbungsvolle und bombastische Musik. Wer hat sie bloß ausgesucht? Einiges von Alfred Schnittke wäre sicher angebrachter gewesen. Aber das ist nun Meckern auf höchstem Niveau.

Und da ist ein Satz, der gleich zu Anfang fällt: Deutsche und Russen  – über Jahrhunderte eine mörderische Angelegenheit.

Er ist schlichtweg falsch.

Über Jahrhunderte pflegten sie eine friedliche Koexistenz. Erst seit dem ersten Weltkrieg geht es mörderisch zu. Zugegeben, das wird ja später auch so gesagt… Aber dennoch, der falsche Eindruck bleibt.

Für eine ZDFzeit Doku ist die Sendung also eher etwas schmalbrüstig, aber es ist ja auch ein Stück Infotainment zur Primetime und die Affären Katharinas, ich wusste nicht, dass sie wissenschaftlich belegt sind, interessieren die Zuschauer wohl eben mehr und wie gesagt die Transsib, diese Sehnsuchtsstecke von Moskau nach Wladiwostok. Sollen sie doch lieber einen Film darüber drehen. Ach ja, haben sie schon, es gibt mehr als 1200 Dokumentationen zu diesem Thema auf You-Tube. Aber gut, immerhin ganze 10 Minuten für die Belange von Wolgadeutschen, die 1941 vertrieben wurden und die einer alten Dame, die noch immer in der Gulagstadt lebt, in der ihr Vater einst Sklave war. Besser als das jahrzehntelange Schweigen davor.

In der Ankündigung der Doku „Deutsche Spuren in Russland“ auf der Site von Phönix TV steht:

Für viele Deutsche hatte die große Katharina 1673 ein verlockendes Angebot parat: „Kommt nach Russland und beackert die riesigen brach liegenden Gebiete meines Reichs – und schützt mich vor dem Angriff fremder Mächte.“ Mit einem so genannten „Manifest“ rief sie die deutschen Bauern auf, ihr nach Russland zu folgen.

Gut, in der Jahreszahl ist ein Zahlendreher, aber das ist ja nicht so schlimm. Was mich wurmt, dass der Eindruck entsteht, sie würden aus Spaß und Dollerei und weil ihnen soviel Land versprochen wurde, losziehen. Welchen Verhältnissen sie hier entfliehen wollten, davon ebenfalls kein einziges Wort. Kriegerische Scharmützel, Truppen, die Dörfer verwüsteten und die Erbgesetze, die nur einen Sohn mit Land versorgten, zwangen viele junge Familien zur Ausreise, so war das. Weitere Gründe: religiöse Gemeinschaften wie die Mennoniten konnten ihren Glauben in den deutschen Landen nicht leben, deshalb wanderten sie aus. Und –  weil sie nicht willens waren, der Armme beizutreten und Menschen zu töten. Katharina versprach ihnen die Befreiung vom Wehrdienst.Nach einiger Zeit wurde dies aufgehoben und tausende Mennoniten flohen, nach Kanada oder Südamerika.

So machen die Siedler aber den Eindruck von Wirschaftsflüchtlingen. Doch das ist eh ein Prädikat, das vielen angepappt wird.

Aber das sind wohl unwichtige Details.

Was wir dagegen lernen ist, dass der Russe an sich verschlossen und rustikal ist und wenn man ihn näher kennt, sehr herzlich.

Fazit: es ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Wie gesagt, kommen Russlanddeutsche und ihre Geschichte, anders als in den Jahren davor, überhaupt zur Sprache. Und schließlich haben sie ja auch kein Alleinrecht auf deutsche Spuren in Russland, das muss ich auch zugeben. Aber der Fokus ist dennoch ein etwas verrutschter. Eben so wie Hiesige (Bio-Deutsche aus Westlanden) die Sache wahrnehmen. Und darüber mockiere ich mich.

Deshalb:

bitte das nächste Mal etwas besser und tiefer recherchieren, vielleicht mal einen russlanddeutschen Historiker zurate ziehen und vielleicht die Transsib weglassen?

Ginge das?

Aber die Wagons einer hitorischen Eisenbahn vor dem plietschen Moderator mitten in einer Palastbibliothek zum Stehen zu bringen: das hat schon was…

Deutsche Spuren in Russland, gesendet auf ZDF am 21.2.2016 und im April auf Phoenix TV

https://www.youtube.com/watch?v=7X4Yajqq6Xo

morehotlist

Magazin der unabhängigen Bücher & Buchmenschen

Nacht und Tag

Literaturblog

Bücheratlas

Lesen und Reisen und noch dies und das

ancestors from katharinental

In memory of Katharinental - my ancestors hometown from 1817 until 1944

kafka on the road

Je me baladais sur l'avenue, le coeur ouvert à l'inconnu

brasch & buch

Oft über Bücher, aber auch über Selbsterdachtes

Kotti & Co

Die Mietergemeinschaft am Kottbusser Tor

aufgeblättert...

Luise blättert auf - recherchiert, durchgeblättert, kommentiert.

aufgeblättert...

Der Literaturblog aus Hamburg

travel and books

Wer sich für Bücher und Reisen interessiert ist hier richtig!

Wortverloren

Rezensionen und mehr

parasitenpresse

Verlag für neue Literatur

Birgit Böllinger

Büro für Text und Literatur

idahaeusser

Ich orte mit meinem Parabolspiegel Dinge und Geschichten aus dem Leben der Russlanddeutschen

Vladimir Vertlib - Schriftsteller

presented by jennycolombo.com creativeARTdirectors - salzburg - wien

Cha

the second website of Asian Cha

BücherFrauen

Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Mit leiser Stimme

Eine Plattform für sachlichen Diskurs

.LESELUST

Lesen, Vor-Lesen, gute Bücher

chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

KLITERATUR

weil eine Antwort nicht einfach ist

In Foro - Städtisches Leben um 1300

Ein Blog über Historische Darstellung und das Mittelalter im Allgemeinen