Deckname Ramsay

Er war der Spion, der den zweiten Weltkrieg hätte verhindern können. In der Russischen Föderation ehrt man ihn mit Denkmälern und benennt Straßen nach ihm. Hier ist er fast völlig in der Verdeckung verschwunden: Dr. Richard Sorge, Stalins Spion in Tokio.

R_SorgeEs gibt eine Richard-Sorge-Straße in Berlin, ganz in der Nähe der Karl-Marx-Allee. Ein kleines Programmkino befindet sich dort. Aber es ist fraglich, ob da jemals ein Film über diesen Spion und ausgezeichneten Journalisten, diesen Querkopf und Frauenhelden gelaufen ist. Die Sache mit Sorge ist in unserem Land eher unbekannt.

Ab 1961 bleiben die Tilsiter Lichtspiele, so heißt das kleine Programmkino sogar für mehrere Jahrzehnte geschlossen. Genau in diesem Jahr erschien der Streifen: Qui etes vous, Monsieur Sorge? des französischen Regisseurs Yves Ciampi mit Mario Adorf in der Rolle des Max Clausen, eines der Mitarbeiter des Tokioter Spionagerings. Damals wurde die Straße noch als Tilsiter Straße geführt.

Dieser Film Noir war es aber, der den damaligen Vorsitzenden Nikita Chrustschew 1964 auf diese schillernde und historisch so bedeutende Persönlichkeit aufmerksam gemacht hat, er rief nach der geschlossenen Ausstrahlung vor einem illustren Kreis der KP sogar aus: Aber, Leute, das war doch ein Held!

Seit dem wird Sorge in der Sowjetunion mit anderen Augen gesehen. In den letzten Jahrzehnten wurden nicht nur Straßen nach ihm benannt, sogar diverse Denkmäler für diesen spät erkannten Helden der Sowjetunion werden einer nach dem anderen eingeweiht.

Dabei reicht die Persönlichkeit und das Leben Sorges für mindestens 5 Blockbuster:

Er war der erste Europäer, der in Japan hingerichtet wurde.
Er war Sohn einer Russin und eines Deutschen, geboren in Baku, aufgewachsen in Berlin.
Er war Kommunist, als Soldat im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite verwundet. Im Lazarett mit den Lehren Marx‘ und Engels‘ in Berührung gekommen. Dort wurde er radikalisiert, wie man heute so schön sagt.
Er ging nach Moskau, wurde Mitglied des Komintern und glühender Atheist.
Er baute in Tokio einen Spionagering auf.
Er war bester deutscher Journalist des Jahres 1941.
Er war Vertrauter des Botschafters in Tokio.
Er war ein starker Raucher und Trinker, fuhr wie ein Berserker Motorrad und Automobil. Ein Arbeitstier.
Er war ein Draufgänger und Casanova und hat sich nie den Mund verbieten lassen.
Er war Doppelagent. Für Russland und für Deutschland, aber für die Deutschen nur zum Schein, um an strategische Informationen zu kommen.
Er war derjenige, der den Genossen Stalin 1940 davor gewarnt hat, dass Hitler die Sowjetunion angreifen wird.

Leider hat Stalin eher an den Nichtangriffspakt geglaubt als seinem Abgesandten in Tokio. Das war ein folgereicher Fehler und deshalb musste Sorge, als unliebsamer Zeuge des Stalinschen Unvermögens, 1944 sterben.

Sorges Presseausweis
Sorges Presseausweis gültig bis 1946, da war sein Inhaber schon tot.

Die Japaner wollten ihn gegen einen japanischen Agenten austauschen, aber Stalin hat geantwortet: Sorge? Kennen wir nicht. Es gibt keinen Genossen dieses Namens in der Sowjetunion.

Und damit war sein Ende besiegelt.

Schon Ende der Dreißiger war Stalin dieser Geheimdienstmitarbeiter in Tokio ein Dorn im Auge. Viele der anderen Agenten, die in Moskau geblieben sind, wurden im Zuge der großßen Terror-Säuberungen liquidiert. Auch Sorge hat die Weisung erhalten, in die Hauptstadt zurückzukehren. Aber er antwortete frech, er hätte zu viel zu tun, wäre unabkömmlich. Eine Antwort, die den Generalissimus in Rage versetzt haben mag.

Anfang der Vierziger befindet sich Japan in einer regelrechten Spionage-Paranoia. Filme und Berichte heizen das Misstrauen weiter an. In den Schaufenstern hängen Portraits von vermeintlichen Agenten mit europäischem Aussehen. Trotz dieser Stimmung war Richard Sorge recht rege und erfolgreich, er hat ein eigenes Kodierungssystem entwickelt. Als Schlüssel benutzte er das STATISTISCHE JAHRBUCH für das Dritte Reich von 1935. Damit konnte er die Chiffrierung bis in die Unendlichkeit variieren. Die sensiblen Informationen wurden auf Mikrofilm aufgenommen. Bis zu einem winzigen Punkt reduziert, konnten sie nun auf einfache Briefe geklebt werden. Als Interpunktionszeichen.

Doch Sorge hat nicht nur bloße Informationen weitergegeben, wie von ihm verlangt wurde, sondern sie ausgewertet und seine Analyse der Lage mitgeliefert, das hat Stalin auch nicht besonders gefallen.

Seine zweite wichtige Botschaft, dass die japanischen Truppen nicht vorhatten, Russland von Osten aus anzugreifen, wurde im Kreml ernst genommen und führte dazu, dass die rote Armee sich auf die Westfront konzentrieren konnte. Was den Verlauf des Krieges erheblich beeinflusst hat.

Dokumentationen über Sorge gibt es einige (viele in russischer und eine sehr kurze in deutscher Sprache) und auch weitere Filme, zum Beispiel die deutsch-japanische Produktion Ein Spion aus Leidenschaft von 2003/2003 des Regisseurs Masahiro Shinoda, die hierzulande genauso sang und klanglos in den Wogen der Geschichte verschwunden ist wie ihr Protagonist.

Was schade ist, ich würde diesen Film gern selbst und in längerer Version als der eines Trailers sehen. Die DVD ist leider vergriffen und lediglich für einen Preis von 66,- Euro online zu erwerben. Der Schotte Ian Glenn verkörpert hier den Meisterspion und Ulrich Mühe ist in der Rolle des Botschafters Ott zu sehen.

Die Meinung eines amerikanischen online-Kritikers zu diesem Film:

Dieser historische Film ist eher politisch als historisch motiviert. Weil es an ein deutsches Publikum adressiert ist, überschattet seine anti-kommunistische Botschaft Dr. Sorges Spionage-Erfolge, seine Warnung an Stalin, dass Nazi-Deutschland die Sowjetunion am 20. Juni 1940 attackieren würde, und dass Japan die Sowjetunion in der Mandschurei nicht angreifen würde, sondern seine Streitkräfte auf Pearl Harbor richten würde, scheint den Regisseur Masahiro Shinoda wenig zu interessieren. Es wäre spannend zu wissen, wie die deutschen Zuschauer auf die Botschaft dieses Films reagiert hätten, in dem ein Mann der Hitlers Niederlage im Osten beteiligt war, das nur getan hat weil er ein verwirrter Idealist gewesen ist.

Der Trailer, auf japanisch mit englischen Untertiteln, wirkt denn auch sehr militaristisch und Japan-zentristisch…:

https://www.youtube.com/watch?v=YLctuvKRK9Y

Das Buch des britischen Journalisten Robert Whymant ‚Richard Sorge: Der Mann mit den drei Gesichtern‘ von 1999 kann dagegen neu oder antiquarisch erworben werden und gehört sogar zu den Bild-Bestsellern. Was immer das heißen mag. Ich bin gespannt ob auch das politisch gefärbt ist und in welche Richtung…

Außerdem ist 2008 im Carlsen Verlag eine wundervolle Graphic Novel erschienen, entwickelt und gezeichnet von der in Hamburg lebenden Künstlerin Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge – Stalins Spion in Tokio

Da erzählt sie die Geschichte Richard Sorges aus der Sicht von mehreren Zeitgenossen, seinem Vertrauten Max Clausen, seiner Geliebten, der der Pianistin Eta Margarethe Harich-Schneider und einigen anderen Mitstreitern oder Gegenspielern des Spions. Komprimiert auf einige wenige Monate vor seiner Verhaftung. So entsteht ein facettenreiches Bild, und die Geschichte kristallisiert sich nach und nach heraus.

Vom Fischkorb im Hafen, die Oberleitungen und alten Straßen, die Gebäude und ihre Inneneinrichtung oder auch die Kleidung der Menschen, egal ob auf den Straßen der Kaiserstadt oder in den Botschaftsräumen – alles wirkt authentisch und scheint einen förmlich zurück ins Tokio der frühen 40iger Jahre zu führen.

Hier ein Trailer zur Graphic Novel Die Sache mit Sorge auf youtube

Cover Sache_Sorge

Der blogger comicneurotiker dazu (comicneurotiker.blogger.de):

‚…die Thomas-Mann-Verehrerin Kreitz (…) erforscht die Luxus-Enklave der deutschen Botschaft in Tokio und zeichnet sie als eine Art Nazi-„Zauberberg“. Dessen hell- bis dunkelbraune Herren befassen sich – fern von Berlin – lieber mit Klatsch und Konzerten als mit Krieg und Politik. Als Spötter und Spion irrlichtert Richard Sorge am Rande dieser Welt herum. Seiner Romanze mit der zur Botschafts-Menagerie gehörigen Musikerin Eta Harich-Schneider räumt Kreitz dabei ebenso viel Raum ein wie seiner Agententätigkeit.

Kreitz‘ Hirohito-Tokio und all seine Bewohner wirken auf den ersten Blick fast fotorealistisch, stecken aber voll fiebrig flirrender Schraffuren – so wie Historie großenteils aus trügerischen Erinnerungen besteht. Ebenso fügt sich aus den Schilderungen der Zeitzeugen bis zuletzt kein klares Bild des Reporters, Idealisten, Säufers und Schürzenjägers Richard Sorge zusammen: Jeder Beteiligte erzählt nur seine Geschichte.‘

Ein Detail erwähnt Isabel Kreitz in ihrem Buch knapp auf den letzten Seiten, wo Sorges Kurzbiografie und einige Zeilen über die anderen Beteiligten und deren weiteres Leben stehen, eine Sache, die in einem Hollywoodstreifen viel mehr ausgereizt werden würde:

Fünf Jahre nach seinem Tod erreicht Sorges letzte japanische Geliebte Hanako Ishii, dass seine Überreste aus einem Massengrab in eine eigene Grabstätte überführt werden können. Sie hat sein Skelett an den für einen Europäer typischen riesigen Schuhen und einigen anderen Details, wie der Uhr und den Goldkronen erkannt. Aus den letzteren lässt sie sich einen Ring als Erinnerungsstück machen. Hanako überlebt ihren deutsch-russischer Geliebten um 56 Jahre. Sie hat nie geheiratet oder Kinder bekommen und starb in Tokio im Jahre 2000.

Also wenn neben dem Spionagethriller nicht noch mindestens eine glühende Liebesgeschichte darin verborgen ist, dann weiß ich auch nicht. Leider hat Hollywood nie wirkliches Interesse an diesem Stoff gezeigt.

Die Gründe für die mangelnde Anteilnahme an diesem für den Verlauf des Krieges so wichtigen Agenten lassen sich einfach subsummieren: er war Kommunist. Er stand auf der anderen Seite. Und er war ein Hybrid, weder russisch noch deutsch. Beziehungsweise ein Deutscher mit russischen Wurzeln, der Sache der Bolschewisten verschrieben. Ein Held mit falschem Vorzeichen. Die Russen mögen über seine nationale Zugehörigkeit mittlerweile großzügig hinwegsehen. Aber die USA und Deutschland können nicht so locker mit seiner politischen Einstellung Umgehen. Also Schwamm drüber.

Dr_Richard_Sorge
Held der Sowjetunion – Marke von 1965

1951, in der Ära McCarthys, wurde die Angelegenheit Richard Sorge übrigens im Kongress der USA behandelt, er stand posthum unter dem Vorwurf, er habe die Japaner dahin beeinflusst, die Sowjetunion nicht anzugreifen, sondern statt dessen den Angriff auf Pearl Harbour zu führen.

Die Rezeption des Films von 1961 war in der BRD jedenfalls eher dürftig.

Ein Kommentar im Spiegel: Da die Autoren sich zwischen Fiktion und Dokumentation nicht entscheiden konnten, fehlt ihrem Produkt sowohl die Dramaturgie als auch die Authentizität. Oberste tragen Generalsbiesen, BDMMaiden das Goldene Parteiabzeichen, und das Milieu ist auch nicht glaubwürdiger. Das echteste sind die weiten Hosen von Sorges Funker (Mario Adorf).

Die geschichtliche Aufarbeitung war 16 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wohl noch nicht so weit gediegen. Oder der Film kommt wirklich so unentschlossen daher. Zugegeben, die Kostüme scheinen aus dem Jahre 1955 zu stammen, waren eher der Mode der echten Drehzeit angepasst als genau recherchiert. Aber das sind doch nur Randerscheinungen. Über den Inhalt, nada.

Aber sind wir nicht inzwischen entspannt genug, um geschichtliche Ereignisse über ideologische und nationale Grenzen hinweg zu betrachten? Wie wärs mit einer filmischen russisch-japanisch-deutschen Neuauflage dieses Falls? Ohne Hollywood.

Dann hätte die Sache Dr. Sorge doch noch die Chance in den Tilsiter Lichtspielen in der Richard-Sorge-Straße zu laufen. Und das wäre doch eine Reise nach Berlin wert!

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Ungelebte Trauer

Der folgende Beitrag wurde von dem Journalisten Georg Löwen im Jahr 1999 in der Zeitschrift ‚Semljaki‚ veröffentlicht. Damals gab es einige scharfe Reaktionen seitens der Leserschaft zu Artikeln, die sich thematisch mit der Aufarbeitung der Vergangenheit der Russlanddeutschen beschäftigten. Manche Leser reagierten regelrecht agressiv und ablehnend. Dieser Text war eine Antwort auf diese harsche Resonanz. Daraufhin kamen wieder Lesebriefe mit viel Zuspruch, ein Leser schrieb: „Ich habe den Gulag selbst erlebt, aber meine Gefühle so genau auszudrücken, wie Sie es getan haben,  hätte ich nicht vermocht. Danke dafür.“

Hier die Übersetzung des Beitrags von damals, bei dem es um die Notwendigkeit der kollektiven Trauer und den Konsequenzen des Schweigens geht und der nach so vielen Jahren nicht an Aktualität verloren hat:

Unvergessen - ein Denkmal in Berlin
Unvergessen – ein Denkmal für russlanddeutsche Opfer des Krieges

Wir sind nicht weinerlich. Wir beweinen

Die Briefe über die Vergangenheit der Deutschen aus Russland lassen bei einigen Lesern die Frage aufkommen: wozu sich an das Schwere und Traurige erinnern? Einige sagen sogar: Schluss mit der Weinerlichkeit! Schluss mit dem ewigen Gejammere! Wie könnte man das am besten erklären?

Offenbar fällt es schwer, über den staatlich nicht nur sanktionierten, sondern regelrecht verordneten Sadismus zu hören und zu lesen und insbesondere tun sich diejenigen schwer damit, die für lange Zeit unfreiwillig-freiwillig in diesem Staat gelebt haben. Der Wunsch, die Vergangenheit zu vergessen und sich somit der dunklen Schatten zu entledigen, die von der Erinnerung an die schweren menschlichen Schicksale hervorrufen werden, ist nur zu verständlich. Vermutlich kommt deswegen oft auf die Beschreibungen der Qualen, die die Russlanddeutschen ertragen mussten, folgende Reaktion: „Alle hatten es doch schwer!“

Richtig. Alle hatten es schwer. Das Maß zu finden, mit dem man ermitteln kann, wer es schwerer hatte, ist schier unmöglich.

Denn das Erleben von Verlust, von physischem und seelischem Leid, sogar des Leides der Vorfahren, ist eine sehr subjektive Empfindung. Wer hat damals mehr gelitten – die Russen, die Ukrainer, die Weißrussen, die Kasachen oder andere Völker der Sowjetunion, die während des Krieges 20 Millionen Menschenleben zu betrauern hatte. Oder waren es die Russlanddeutschen, die nicht an der Front, sondern im Hinterland, in den Lagern der Arbeitsarmee und den Sondersiedlungen den Großteil ihres Volkes einbüßten? Allein diese Frage ist absurd. Doch Menschen neigen dazu, zu vergleichen, in diesem Fall leisten jedoch weder Abakus noch Taschenrechner ausreichende Dienste.

„Ich habe alles am eigenen Leib erfahren und nichts davon vergessen,“ schreibt Albina Bender, „nicht vergessen habe ich, wie ich bereits nach dem Krieg das Radio eingeschaltet hab und einen während des Krieges aufgezeichneten Aufruf von Ilja Ehrenburg hörte: ‚Töte den Deutschen!‘ Ich dachte, dass wenn ich gleich auf die Straße gehe, dann kann mich irgendein Fanatiker einfach so erschlagen.“ Weiter berichtet sie: „Wo ist der Unterschied zwischen Erschießungen und anderen Vernichtungsmethoden? Wenn die Deutschen aus Russland in der nackten Steppe bei Schnee und Minus 40 Grad ausgesetzt wurden? Der Ausgang ist der Gleiche: der Tod.“
Die Deutschen aus Russland leiden nach wie vor darunter, unschuldig verfolgt und mit einem furchtbaren Stigma belegt worden zu sein: Verräter. Es quält sie, dass sie von einem Staat verfemt und zu Gesetzlosen erklärt wurden, in dem sie friedlich und ehrlich gelebt haben.

„Der Feiertag mit den Tränen in den Augen“ nennt man in Russland den Tag des Sieges. Viele Jahre sind seit dem Krieg vergangen, aber noch immer trauern die Bürger an Obelisken und Denkmälern und beweinen die Toten des Krieges. Ihnen gebührt ewiges Gedenken. Sie sollen unvergessen bleiben.

Den Toten aus den Reihen der Deutschen aus Russland wurden bis zum Ende der Sowjetzeit keine Obelisken aufgestellt. Und sie hatten daher keine Gelegenheit, gemeinsam ihre Trauer auszudrücken, die Väter zu beweinen, die erniedrigt und von unerträglicher Plackerei und Hunger geplagt wurden, die Mütter zu beweinen, denen ihre minderjährigen Kinder entrissen wurden und die sie nie wieder sehen durften. Sie hatten kein Recht auf ein ewiges Gedenken. Hatten kein Recht darauf, dass wir uns an sie erinnert und offen um sie getrauert haben.

„Was habt ihr denn, liebe Leute, ihr genießt es wohl sehr, um die Vergangenheit zu weinen, tut euch selbst leid. Schaut euch um, das Leben geht für euch doch weiter, und das gar nicht mal so schlecht!“
Die Rede geht wieder um uns, die Deutschen aus Russland. Was kann man darauf antworten? Wir freuen uns ja auch an unserem gegenwärtigen Leben. Doch sogar jetzt wachen die alten Männer, die früher in der Arbeitsarmee waren, mit Tränen in den Augenwinkeln aus ihren nächtlichen Alpträumen auf: sie hören erneut die letzten Atemzüge der sterbenden Leidensgenossen auf den Pritschen nebenan, sehen ihre Leichname in den Gräben liegen.

Ironisch daher gesagte Sprüche über das „unglückliche Volk der Russlanddeutschen“ sind ebenso unüberlegt wie anmaßend. Es bleibt ein Gefühl der Peinlichkeit, des Fremdschämens gegenüber denjenigen, die so wenig Empathie für das Leid anderer aufweisen, obwohl sie diese seelischen Zustände doch selbst erlebt haben.

Wir sind nicht weinerlich, wir beweinen. So wie jedes Volk seine leidgeprüften verstorbenen Töchter und Söhne beweint. Schon immer haben die Menschen getrauert, und genau dieses Verhalten ist imstande, die quälenden Alpträume und die innere Ausweglosigkeit zu erleichtern – über den Prozess der Trauer gelangt die Seele zu innerem Frieden. Wir müssen sogar trauern und die Toten beweinen, damit unsere Seele ihre Ruhe findet. Dass es so ist, werden Ihnen sowohl Priester als auch Psychologen bestätigen können – ein jeder mag denjenigen fragen, dem er in dieser Hinsicht am meisten vertraut.

Jedes Volk hat sein eigenes Trauma. Bei Völkern, die Vertreibung und Genozid durchlebt haben, wirken diese Traumata noch lange nach. Sehr lange. Die Deutschen aus Russland waren gezwungen, dieses Trauma über Jahrzehnte in sich zu unterdrücken, sie mussten schweigen, und so hat es sich in immer tiefere Schichten zurückgezogen.

Vielleicht kommt es daher, dass unsere alten Leute, wenn sie in der Kirche um ihre Verstorbenen beten, so bitter und so leise, fast heimlich aufschluchzen, als würden sie ihre Trauer nicht zeigen wollen.
Ihnen gebührt ein ewiges Gedenken. Sie sollen unvergessen bleiben.

Stalins Erlass von 1941 sorgte für Massendeportationen
Stalins Erlass von 1941 sorgte für Massendeportationen