O malenkaja Nelli

Auch wenn meine Großeltern in den zwanziger und dreißiger Jahren nicht weit von Odessa gelebt haben, so bezweifle ich doch stark, dass sie viel vom Dshas mitbekommen haben. Aber wissen kann ich es natürlich nicht. Das Radio wurde zwar mit der Zeit zu einem wichtigen Organ, an öffentlichen Plätzen und in Parks wurden Empfänger aufgehängt, aber auch in den deutschen Dörfern? Es gab, soviel ich gesehen habe, kaum deutschstämmige Musiker bei den Jazz-Kombos. Einen Klavierspieler habe ich gefunden, der dabei war, Nikolai Minch, oder Münch, der aus Saratov an der Wolga stammt.

Mein Vater spielt manchmal Tanzlieder auf der Mundharmonika. Das hört sich nicht unbedingt nach Jazz an. Er sagt, bei Hochzeiten oder anderen Festen haben ein paar junge Leute immer Gitarre gespielt oder Akkordeon oder eben Mundharmonika. Bis weit nach dem Krieg, als alle aus den Nachbardörfen der Ukraine in derselben Siedlung in Leninabad gelandet sind. Und die Alten, die kannten die ganzen deutschen Lieder von früher. Seine Tante konnte gut Gitarre spielen, und singen. Sie wurde wohl immer eingeladen, zu jeder Hochzeit. Und er saß dann bei den Festen dabei und hat sich die Melodien abgehört und gemerkt und spielt sie immer noch. Seine traurigen Tanzlieder.

Wie ich in dem Buch „Mein Herz blieb in Russland“ gelesen habe, gab es vor dem Krieg selbstverständlich auch deutsche Jugendorchester. Aber sie haben viel Klassik gespielt. Dunajewski, der Komponist der Massenlieder der Stalin-Ära, stand wohl auch auf dem Programm. Aber auch die Dshas-Größen Tsfasman und Utjossow?

Ich habe gelesen, dass bei den Tanzveranstaltungen in den deutschen Dörfern auch Tango oder Foxtrott gespielt wurde. Vielleicht kannten meine Großeltern auch das eine oder andere Estrada-Lied, das sind Schlager oder Gassenhauer der damaligen Zeit.

Neulich bin ich über die Noten eines Songs aus den zwanziger Jahren gestolpert. Er heißt „НЕЛЛИ“ ist aber auch bekannt als „O malenkaja Nelli“ mit der Musik und dem Text eines unbekannten Autors. Meine Großmutter hat ihre erste Tochter Nelli genannt. Dieser Name war in unserer Familie niemals zuvor aufgetaucht. Kannte sie vielleicht das Lied? Könnte doch sein.

Das Lied "НЕЛЛИ " (Nelli) könnte auch meine Oma gekannt haben
Das Lied „НЕЛЛИ “ (Nelli) könnte auch meine Oma gekannt haben

Werde mal jemanden fragen, mir die Musik vorzuspielen. Ob es ein Tango ist? Es ist ein Lied, in dem die Meeresgischt anklingt und die Dämmerung der südlichen Nächte das Blut erregt. Passt also in das Schema der Zeit.

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Русский Джаз – russischer Jazz

Begleitmusik der Terrors – Genau in der Zeit der größten politischen Säuberungen der Sowjetära, als täglich Tausende verschwanden, einfach so abgeholt wurden von Männern in Uniform, im besten Fall in einem der unzähligen Lager endeten oder im schlimmsten Fall in einem Massengrab, genau in diesen Jahren um 1937 gedeiht in Russland eine Musikrichtung, die man nicht mit der strukturellen Enge des Sozialismus in Verbindung bringen würde: der ДЖАЗ (Dshas).

Schon in den Zwanziger Jahren wurde der Jazz von russischen Musikern in Hotels oder bei Tanzveranstaltungen und in Theatern gespielt. Namhafte Vertreter dieser Stilrichtung wie Alexander Tfasman oder Leonid Utjossow stammen aus jüdischen Familien rund um Odessa am Schwarzen Meer.

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Plakat für die Jazz-Band von L. Teplitzkij im großen Saal der AK-Philharmonie

 

Neben instrumentalen Nummern gibt es Stücke mit Gesang, wie den Gangsta-Jazz, die sogenannte „Murka“. Matrosen und Gauner sind ihre Helden, überhaupt wird die Hafenstadt Odessa und das Meer gern und oft besungen.

Hier das Beispiel Gop so Smukom ein Gangster-Stück von Leonid Utjossow. Und ein Swingtitel von Alexander Tsfasman von 1939. Und hier ein sowjetischer Jazztitel aus einer späteren Zeit.

Zeitgleich eroberten auch der Tango und der Foxtrott, vereinzelt auch der Charlston die Tanzböden der großen Hotels und Restaurants aber ebenso die Tanzfeste der Dörfer.

Russische Jazz Kombos gewinnen internationeale Wettbewerbe und geben Gastspiele an exotischen Orten – wie zum Beispiel Shanghai. In Moskau und St. Petersburg sind Utjossows Konzerte nicht selten ausverkauft.

Die Kulturfunktionäre führen in den Presseorganen „Prawda“ und „Iswestja“ bereits 1936 eine heiße Debatte darüber, ob „es einen proletarischen Jazz geben könnte oder ob Jazz an sich bereits bourgeois und dekadent sei.“ (Karl Schlögel, Terror und Traum, Moskau 1937)

Schlögel schreibt, diese Diskussion sei durch eine direkte Intervention von Stalin beigelegt und zugunsten des Jazz entschieden worden. Erst in den fünfziger Jahren wird der Dshas in Russland faktisch verboten und wird nur von wenigen Enthusiasten in kleinen privaten Klubs vorm Aussterben bewahrt.

Die Musikrichtung „Estrada“, eine schlagerhafte Populärmusik, die sich ohne Unterbrechungen bis heute gehalten hat, ist zeitgleich mit dem russischen Dshas entstanden. Isaak Dunajewski entwickelt aus dem Dshas das Massenlied zur Erbauung des Volkes. Sein „Lied von der Heimat“ wird zur inoffiziellen Hymne der Sowjetunion.

Der König des russischen Tango: Petr Leschtschenko
Der König des russischen Tango: Pjotr Leschtschenko

Neben den Größen des russischen Jazz möchte ich gerne einen Sänger erwähnen, dessen Leben, würde es verfilmt werden, jeden James Bond ausstechen würde. (* wurde schon verfilmt… siehe Kommentar)

Пётр Лещенко oder Pjotr Leschtschenko, ist zwar Nahe Odessa geboren, es hat ihn aber schon als Kind nach Bessarabien verschlagen. In den dreißiger Jahren ist er mit seiner Schmelzstimme und seinen pomadierten Haaren sehr populär, später gerät er zwischen die Räder der Geschichte, als der Ort, in dem er lebt, Rumänien zugesprochen wird und somit irgendwann auf der falschen Seite der Macht liegt. (Rumänien war im zweiten Weltkrieg ein Verbündeter Deutschlands). Leschtschenko gilt als Landesverräter, da er seit 1918 die rumänische Staatsbürgerschaft besitzt. „Außerdem war er in den von deutschen, bzw. mit ihnen verbündeten rumänischen Truppen, besetzten Gebieten der Sowjetunion aufgetreten. Es folgen Auftrittsverbote und nur noch seltene Konzerte. Im Zigeunerkostüm wird er von der Bühne herunter verhaftet und stirbt 1954 … in einem Lagerlazarett in Târgu Ocna.“ So stehts bei Wikipedia. Als seine Musik offiziell nicht erlaubt war, kursierten seine Platten lange als aus dem Ausland geschmuggelte Schellackplatten und sogenannte „Ribs“ oder „Rippen“ – Raubpressungen auf ausgedienten Röntgenplatten. Mit dem Niedergang der Sowjetunion setzte ein regelrechter Leschtschenko-Boom ein und er gilt heute als der ungekrönte König des russischen Tangos. Hier ein Hörbeisiel: Петр Лещенко – „Скажите, почему“. (Sagen Sie mir, warum.)

bei dieser Röntgenplatten-Raubkopie sieht man sogar noch die Rippen! - gesehen bei wanderer-records
bei dieser Röntgenplatten-Raubkopie sieht man sogar noch die Rippen! – gesehen bei wanderer-records

Inzwischen ist Odessa wieder die Stadt des Jazz, jährlich werden im Sommer Festivals abgehalten, an denen auch viele internationale Künstler teilnehmen.