Von Arizona nach Tschewengur

Mal was ganz anderes. Manchmal entstehen Verbindungen. Nach Jahrzehnten wird sichtbar, was zusammengehört. Was woher kommt. Das ist wohl dieses die-Welt-ist-klein-Ding.
Vor 20 oder 25 Jahren hatte ich einen Lieblingsfilm. Mein Gott, es sind schon fast dreißig, so schnell geht das. Er wurde 1993 gedreht. Kam ein Jahr später bei uns in die Kinos. Der Film hieß Arizona Dream und war von Emir Kusturica. Ich habe ihn geliebt. Nicht unbedingt nur weil Johnny Depp da mitgespielt hat, sondern wegen der surrealen Szenen und gerade wegen der seltsamen Worte am Anfang. Und weil Jerry Lewis da mitgespielt hat.

Und natürlich wegen der Balkanmusik. Das war meine erste Begegnung mit Kompositionen von Goran Bregović. Und auch noch von Iggi Pop gesungen. Leute, Iggy himself!

Jerry und Johnny und der Fisch

Einer der Songs heißt: This is a Film.

Der Text, den Iggi darin singt, geht folgendermaßen:

This is a film about a man and a fish
This is a film about dramatic relationship between man and fish
The man stands between life and death
The man thinks
The horse thinks
The sheep thinks
The cow thinks
The dog thinks
The fish doesn’t think
The fish is mute, expressionless
The fish doesn’t think because the fish knows everything
The fish knows everything

Da ist eine Zeile drin, die mich ein Leben lang begleitet:

The fish doesn’t think because the fish knows – everything.

Fragt mich nicht warum, aber sie hat mein 23jähriges ich am meisten beeindruckt.

Meine Überraschung war groß, als ich vor einigen Tagen auf fast genau diesen Wortlaut in einem Roman stieß. Gleich zu Beginn, auf Seite 13. Ich bin fast aus den Latschen gekippt. Wäre ich gekippt, wenn ich nicht immer im liegen lesen würde.
In dieser Passage des Buches geht es kurz um einen russischen Fischer zu Anfang des 20 Jahrhunderts, der besessen ist von Fischen und vom Tod, der früh stirbt, ins Wasser geht, weil er den Tod für so etwas wie ein anderes Land hält, aus dem man wieder zurückkehren kann. Es heißt da:

„Sieh welche Weisheit. Der Fisch steht zwischen Leben und Tod, darum ist er stumm und sein Blick ohne Ausdruck; selbst ein Kalb denkt, aber ein Fisch nicht – er weiß schon alles.“

Der Roman heißt Tschewengur und ist von Andrej Platonov. Geschrieben hat er ihn 1926 und 1927.

Zufall? Oder eine zufällige Inspirationsquelle? Eine lyrische Anleihe bei einem wuchtigen, nicht normkonformen und ewig verbotenen Autor der frühen Sowjetunion. Seine Worte haben den späteren Regisseur Kusturica wohl ebenso beeindruckt wie mich. Hat er Zugriff auf irgendwelche Samisdat-Kopien des Romans gehabt, während er noch verboten war? Ab Mitte der dreißiger wurde nichts mehr von ihm gedruckt, nachdem ihn Genosse Stalin als Abschaum betitelt hatte.

Nein, ich lese, ab den 1988 wurde dieser Roman Platonov erstmalig gedruckt, nachdem er 1929 verboten wurde. Der Autowurde zwar veröffentlicht, einige kurze Sachen, Märchen. Aber ob zu seinen Lebzeiten je ein Roman von ihm erschien, weiß ich nicht. Kusturica kann vor dem Dreh des Films also theoretisch ein wirklich gedrucktes legales Buch vor sich gehabt haben. Oder ist der Komponist Bregovic für die Lyrics verantwortlich gewesen?

Der Roman lohnt sich wirklich. Und es wundert mich nicht im geringsten, dass er nicht durch die Zensurmaschinerie geschafft hat. So niederträchtig und schäbig und einfach nur menschlich beschreibt er Orte und Menschen und den frühen Sozialismus. Obwohl er kein Kritiker ist. Ir war sogar ein Kommunist durch und dur. Aber er schreibt so unbeschönigt, so schräg mit so verrückten kauzigen Charaktere, dass es so wenig Propaganda ist, wie bissige Satire. Soetwas täte den Machthabenden sicher nicht gefallen. Hat es ja auch nicht.

Jedenfalls hat mich der Soundtrack des Films über viele Jahre begleitet. Ebenso Platonows Worte, obwohl ich ihn damals noch nicht kannte. Die slavischen Gesänge in der Musik haben mir ein Stück Heimat vermittelt. Echte Ostalgie aus dem amerikanischen Kino. Mit surrealen Szenen zwischen Arizona und Antarktis.

Andrej Platonow
Tschewengur – Die Wanderung mit offenem Herzen. Roman
Surkamp Verlag, 2018
978-3-518-42803-0

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