Treppenhausfluchten

Die im Treppenhaus abgestellten Dinge sind zu entfernen, sie sind aufgrund von Brandgefahr und der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ein Mal im Jahr schreibt die Hausverwaltung diese Aufforderung, das Zeug im Treppenhaus betreffend.

Das Treppenhaus ist aufgrund der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ungelogen. Das steht wirklich so da. Aufgrund von Freihaltung freizuhalten. Leider kann ich nicht entgegnen: Dieses Schreiben ist aufgrund von unschöner Sprache als gegenstandslos zu betrachten.

Jedes Jahr um diese Zeit stellen wir das Schuhregal in die Wohnung, bringen die Stöcke und die Kreide, die Eimer mit Ostsee-Steinen, Rollschuhe und Roller und alles was sich angesammelt hat, raus oder hoch auf den Dachboden. Und nach einer bis zwei Wochen wandert alles wieder an den Platz neben der Haustür. Zuerst die Schuhe, danach die gesammelten Dinge, die nicht in die Wohnung gehören. Bis zur nächsten Aufforderung, die Fluchtwege freizuhalten.

Was wissen die schon von Fluchtwegen? Auf welchen Wegen sind sie denn schon geflohen?

Ich sollte ihnen entgegnen: es ist ein für alle Mal vorbei mit Flucht und Vertreibung. Von Ost nach West, von West nach Ost. Ein ewiges hin und her. Aus, Schluss, vorbei!

Alle Koffer sind doch schon ausgepackt und verstaut, oben auf dem Schrank oder unter dem Bett. Koffer, die höchstens hervorgeholt werden sollen, wenn es auf Urlaub geht, ab in den sonnigen Süden oder in den windigen Norden.

Ich sollte Ihnen entgegnen: Fluchtwege dürfen nicht freigehalten werden. Das Haus muss die Menschen festhalten dürfen, schreien, geh nicht, bleib hier, verlass mich nicht. Ein Haus verliert nichts gern. Am wenigsten seine Bewohner. Denn dann steht es ohne seine Bestimmung da. Also hört es nicht auf, zu wiederholen: Setz deinen Fuß zurück auf meine Dielen, setz dich aufs Sofa, an den Küchentisch und verharre da. Du gehörst zu mir, wie dein Name an der Tür.

Eigentlich muss uns die Hausverwaltung noch dankbar sein. Denn es sind doch alles Fluchtverhinderer da draußen im Flur. All die Gegenstände, die wir anhäufen, verhindern unser Fliehen, weil wir sie nicht mitnehmen können.

Wie viel Leben passt schon in einen Koffer? Wie viel Leben kannst du mitnehmen auf der Flucht treppab, fernab vom heimischen Herd. Ein paar Schuhe. Die Kleidung am Leib. Einige Fotos und etwas das dir heilig ist. Etwas Proviant. Sonst nichts.

Aber so werde ich heute das Regal mit den Schuhen, die Kreide und die Ostseesteine entfernen und warten, bis die Verwaltung ihre Objektbegehung hinter sich gebracht hat.

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Willkommen im Club oder Eine Weihnachtsgeschichte im Januar

Ich habe letztes Jahr im Januar eine Einladung zu einem Schreibwettbewerb erhalten. Das Thema war: deutsche Weihnachten in Russland. Veranstaltet vom Literaturkreis der Deutschen aus Russland e.V. und von der katholischen Seelsorge in den GUS Staaten.

… mit einem besonderem Blick auf die Wechselbeziehungen von religiösen und gesellschaftlichen Problemen und auf die Fragen nach Gott und der Weihnachtstagen im Leben eines Menschen in der heutigen modernen Gesellschaft …

Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, den Wettbewerbstext, dachte ich, toll, da mach ich mit. Der zweite Gedanke: was soll ich dazu schreiben? Ich habe nie deutsche Weihnachten in Russland gefeiert.

Also habe ich genau das geschrieben:

Ich kann mich nicht erinnern, jemals deutsche Weihnachten in Russland erlebt zu haben. Noch nicht mal russisch orthodoxe Weihnachten. Als ich ein kleines sowjetisches Mädchen war, wurde mir gesagt, dass Leute, die in die Kirche gehen, gefährlich leben. Dass sie verachtet werden und Schwierigkeiten bekommen könnten. Welcher Art Schwierigkeiten, hat mir aber niemand genau erzählt. Meine Kernfamilie hat sich diesem Risiko jedenfalls nicht ausgesetzt. Und zuhause haben wir in guter sozialistischer Tradition am 31. Dezember eine Tanne aufgestellt, unchristliche Gedichte aufgesagt, „Die Ironie des Schicksals“ geguckt und das Väterchen Frost brachte uns unsere Geschenke. Ich weiß noch nicht mal, ob ich als Kind was von Jesus gehört habe. Vielleicht eher an Ostern, wo es dieses Brot gab und man sich zuflüstern musste, Iessus woskress, also Jesus ist auferstanden, und die Augen so aufreißen. Aber ich habe die Bedeutung der Wörter nicht verstanden, sie waren für mich eher so etwas wie eine geheime Formel. Zauberei. Gott wurde oft erwähnt, Gott musste man fürchten, denn er strafte alle, die Blasphemie betrieben. Das Wort „Kaschjunstwo“, also Blasphemie kannte ich von kleinauf. Aber ich vermute, dass die katholische Seelsorge diese Dinge eher nicht wissen will.

Mein Vater kann was zu deutschen Weihnachten in der Verbannung in Sibirien erzählen. Wie sie nach dem Krieg aus Zeitungspapier Baumschmuck gefertigt haben gemeinsam mit der Mutter. Das ist aber auch schon alles, was ich dazu habe. Und das ist noch nicht mal meins.

Andere Dinge, die mir dazu einfallen, will die katholische Seelsorge sicher auch nicht wissen.

Wie ich letztes Jahr kurz vor Weihnachten per Mail ein Foto von meinem Großvater bekommen habe, weil ich innerhalb der Familie nach Bildern gefragt hab, die ihn auch mal als jungen Mann zeigen.

Auf diesem Foto sieht er sogar sehr jung aus, fesch und stolz guckt er aus seiner Uniform.  Mit den Sig-Runen am Kragenspiel. Dass er bei der Wehrmacht war, als er für kurze Zeit während des Krieges nach Deutschland kam, wusste ich. Aber dass er auch bei der Waffen-SS gewesen ist, habe ich nicht gewusst oder hatte es all die Jahre verdrängt.

Waffen-SS. Das zumindest besagt seine Uniform. Hat keiner vor mir was gemerkt? Warum hat niemand jemals darüber gesprochen?

Weils damals eben so war? Die Zeit hart war? Du hast zu viel Phantasie, was soll er schon gemacht haben? Alle waren dabei. Sie mussten ja.

Willkommen im Club, lautete der knappe Kommentar einer deutschen Freundin.

1941 Polen 1
In solchen zu Schreibstuben umgebauten LKWs wurden Volksdeutsche eingebürgert und rekrutiert. Polen 1941

Wie habe ich damals reagiert? Panisch und manisch. Habe angefangen wie wild zu recherchieren. Habe Uniformen und Kragenspiele und Embleme auf Tellermützen verglichen. Und erst einmal festgestellt, dass er nur zum Fußvolk gehörte. Keine höheren Rangabzeichen, die unterste Kategorie. Ich habe aufgeatmet. Doch das muss ja nichts heißen.
Ich habe weiter geforscht und ein Buch im Internet gefunden, bei dem es um Volksdeutsche in der Wehrmacht ging. Leider eine Sackgasse, weil das Buch in so einem Zwischenreich zwischen Faszination für den Krieg und Faktenreichtum dämmert. Fakten über meinen Opa habe ich da leider nicht gefunden.

Ich habe mich bei einem Seminar über Täter in der Familie angemeldet und erst das konnte meine innere Aufruhr ein wenig lindern.

Über Weihnachten habe ich alle Heimatbücher (Text-Sammlungen der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland), die bei meinen Eltern zuhause im Schrank standen, durchforstet und nach anderen Russlanddeutschen gesucht, die bei der SS waren. Es scheint allerdings kein sehr gängiges Thema zu sein. Viele Erinnerungen habe ich gelesen, viele Biografien und Memoiren. Alles Opfer. Keine Täter. Von einem Hinweis, dass jemand bei der Wehrmacht oder der SS gewesen wäre, nicht die Spur. Entweder wars wirklich unüblich und mein Opa war ein Einzelfall oder es wird nicht darüber gesprochen. Ist ja auch kein rühmliches Kapitel der Geschichte. Nur in einem Bericht über die Heimholung ins Reich war da dieser Satz, dass alle Deutschen, die mit einem der Trecks durch den Warthegau gekommen sind, im Eiltempo eingebürgert wurden und die halbwegs Kampffähigen unter ihnen eingezogen wurden, in die Wehrmacht, den Volkssturm und eben in die Waffen-SS.

Und in einem anderen Nebensatz wird erwähnt, dass Karl Stumpp, ein hoher SS-Offizier und selbst Russlanddeutscher, damit beauftragt war, die Volksdeutschen in den Ostgebieten zu zählen und statistisch zu erfassen. Vielleicht mit dem Ziel, sie als letztes Aufgebot Hitlers ins Deutsche Reich zu holen? Heimholung ins Reich. Was für ein Euphemismus. Dafür was dann geschah.

Die SS, das war die Schutzstaffel Hitlers, sie war Heinrich Himmler unterstellt und für Sonderaufträge zuständig. Diese Sonderaufträge mag ich mir nicht vorstellen. Die ganze Operation im Ostraum und in den Baltischen Ländern, in der Ukraine und in Ostpreußen stand unter ihrem Kommando. Sie waren ebenso für die Konzentrationslager zuständig. Für den Bau, die ganze Abwicklung, den Mord an Millionen.

Ein Stück meiner Welt ist letztes Jahr ins Wanken geraten. Mein Opa hat bei denen mitgemacht?

Das geht nicht. Ist undenkbar. Wir waren doch Opfer. Seit ich denken kann, heißt es, wir wurden verschleppt und ungerechtfertigt verfolgt, in Russland festgehalten bis lange nach dem Krieg. Wir haben büßen müssen für das, was wir nicht verbrochen haben. Das sind unverrückbare Sätze, mit denen ich aufgewachsen bin. Wie in Stein gemeißelt. Für die Ewigkeit.

Andere haben eine Geburtsurkunde, ich habe eine amtliche Verschleppungsurkunde. Verschleppt am soundsovielten (mein Geburtsdatum) nach Omsk. Sie hatten wohl im Auffanglager an dem Tag als wir kamen, keine Formulare für Kinder mehr und haben mir eine Verschleppungsurkunde ausgestellt. Anders kann ichs mir nicht erklären.

Aber zurück zu meinem Opa. Ich habe wenig Hoffnung, dass ich herausfinde, was wirklich geschah. Wie so viele, die im Krieg gewesen waren, wie so viele seiner Generation, hat er viel geschwiegen und wenig gesagt. Über diese Zeit. Und in Archiven ist auch nicht viel über ihn zu finden.

Wenn ich diesen Text für den Weihnachtswettbewerb wirklich abschicken würde, nach dem ich ihn auf 5 Seiten a 30 Zeilen gebracht habe, würde es heißen: Sorry, am Thema vorbei. Die Frage nach Gott kann ich auch nicht beantworten. Der 26. Januar, der Tag an dem ich die Ausschreibung erhalten habe, war zufällig der Tag, an dem Auschwitz befreit wurde. Wenn irgendwas mich an Gott zweifeln lässt, dann die Tatsache, dass es sowas wie Auschwitz überhaupt gab.

Aber ebenso undenkbar ist es, dass ein naher Verwandter von mir, mein Opa, dass er ein Rädchen in dieser Todesmaschinerie gewesen sein soll. Viel hat er nicht erzählt, aber dass er nie eine Waffe in der Hand hatte, nur Chauffeur und Kammerdiener eines Generals gewesen sei, dass er nie eine Waffe abgedrückt hat in diesen Jahren, das hat er gesagt. Ich will ihm gern glauben. Ein schwacher Trost. Das ganze deutsche Volk war einst voller Chauffeure und voll mit denen, die nichts gewusst haben. Oder nichts gewusst haben wollen. Nun gehören wir dazu. Ich bin angekommen, in der Mitte der Gesellschaft. So sarkastisch das auch klingen mag.

Ich richte nicht. Ich weiß nicht, auf welcher Seite ich gestanden hätte damals. Auf der sicheren Seite?

Mein Los ist, dass ich beides in mir trage. Das Blut der Russen trage ich in mir, die unter den Faschisten gelitten und sie ebenso grausam bekämpft haben. Die Gräueltaten, die russische Soldaten auf deutschem Boden oder die NKWD Männer gegenüber deutschen Zivilisten in Russland verübt haben, stehen denen der Nazis in nichts nach. Gut, die einen können wenigstens sagen, die anderen haben angefangen.

Und ich bin die Enkelin eines Mannes, der Teil der Waffen-SS gewesen ist. Wenn auch nur für kurze Zeit. Teil derjenigen, die damals gedacht haben, auf der richtigen Seite zu stehen. Auf der sicheren Seite. Die Guten sein. Das Böse vernichten.

Täter – Opfer. Opfer – Täter. Die Linien verschwimmen. Manchmal komm ich mir vor, als wäre ich genau dazwischen. Accidently inbetween.

Mein Großvater kam nach Kriegsende in englische Kriegsgefangenschaft und wurde an die Rote Armee ausgeliefert. Er hat in einem russischen Kriegsgefangenenlager überlebt und hat seine Familie wiedergefunden, auf wundersame Weise.
Das Foto, das unmittelbar danach von ihm aufgenommen wurde, zeigt einen Mann in Zivil, der um mindestes 10 Jahre gealtert ist. Er schaut noch immer geradeaus, aber mit einem gebrochenen Blick.