Musikalisches Intermezzo: Tariverdiev reloaded

Folgende Geschichte: 2011 sucht ein britischer Musikproduzent mit einer Freundin Zuflucht vor dem frostigem Schneewind in einem Moskauer Café und als seine Begleiterin ihn etwas fragt, hört er gar nicht hin, so sehr ist er hingerissen von der Musik, die gerade gespielt wird. Als er die Bedienung fragt, was da grade läuft, antwortet sie : Ach, das ist etwas von früher.

Die Musik im Café war der Soundtrack zum Film «До свидания, мальчики!» Auf Wiedersehen Jungs! aus dem Jahr 1964, sein Erschaffer: Mikael Tariverdiev, einer der bekanntesten Filmmusikkomponisten der Sowjetunion.

Für den Briten Stephen Coats beginnt mit dieser Platte (die er bald ergattert) eine Reise in die Welt der russischen Filmmusik der Sechziger/Siebziger Jahre und insbesondere in das Leben und Schaffen des außergewöhnlichen Musikers und Komponisten. Er trifft sich mit seiner Witwe Vera Tariverdieva, die im gleichen Appartment lebt wie zu Lebzeiten ihres Mannes. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, sie bewahrt die Erinnerung an ihren berühmten Gatten, widmet sich seinem Nachlass. Sein Studio ist noch genau so wie vor dreißig Jahren, nichts ist angetastet. Hier findet Coates alte, gut erhaltene Tonband-Aufnahmen, die entweder nie veröffentlicht wurden oder zu den Filmen gehören, die das kulturelle Leben der Sowjetunion stark geprägt haben.

Wenige Jahre später bringt er in London selbst eine Sammlung mit Tarivardievs Filmmusik heraus. Sie umfasst ganze drei Schallplatten oder CDs, ist thematisch unterteilt und liebevoll gestaltet.

Eine der Scheiben wird von der Musik aus dem Kultfilm «Ирония судьбы, или С лёгким паром!» Ironie des Schicksals (1975) dominiert, auf einer sind zumeist Liebeslieder und Balladen aus diversen Filmen versammelt und die dritte ist Jazz-betont mit Musik aus «До свидания, мальчики!», (Auf Wiedersehen Jungs, 1964) «Маленький школьный оркестр» (Kleines Schulorchester, 1968) oder «Русский регтайм» (Russischer Ragtime, 1993) .

Was übrigens an der Machart des Booklets besonders schön finde: die russische Schreibweise der Lieder sind vom Grafiker oder der Grafikerin zum Teil so abenteuerlich aufgefasst worden, dass es wieder kultig wirkt. Aber das ist gut so. Genau das ist das Zeichen dafür, dass sich der Westen endlich für die Kultur, die hinterdem eisernen Vorhang entstanden ist, interessiert. Und wenn einem die kyrillischen Buchstaben durcheinander geraten, so what! Die Absicht ist eine sehr löbliche. Und bis auf diese klitzekleinen Flüchtigkeitsfehler sind die CDs sehr gelungen.

 

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Die Sammlung, herausgebracht bei earthvenyl 2015

Anfang Dezember letzten Jahres hat Stephen Coates diese Zusammenstellung mit einem künstlerischen Happening im Pushkin House in London präsentiert. Es wurden Ausschnitte aus einigen Filmen gezeigt, auch private Fotos des Komponisten waren zu sehen und die in London lebende, in Russland geborene Sängerin Daria Kulesh hat einige der Lieder live vorgetragen.

Der Initiator sagt auf dem folgenden Clip über sein Projekt: Obwohl Tariverdievs Name in Russland zum Allgemeingut gehörte, blieb er im Westen weitgehend unbekannt. Jetzt wird es Zeit, das zu ändern.

https://www.youtube.com/watch?time_continue=31&v=aHxhj6M2g4c

Die CD, die es seit Ende 2015 auch bei uns zu kaufen gibt, führt mit ihrer erlesenen Auswahl in die gefühlvolle und doch unbeschwerte Welt des russischen Kinos der Sechziger und Siebziger Jahre. Mit einigen sehr jazzigen Überraschungen dazwischen.

Kurz zum Künstler, um den es geht:

Tariverdiev wurde 1931 in der Hauptstadt Georgiens, Tbilissi als Sohn armenischer Eltern geboren, doch verlief sein künftiges und künstlerisches Leben in Moskau. Dort hat er neben zahlreichen anderen Kompositionen Musik für mehr als 130 Filme geschrieben. Besonders in die Geschichte und ins kollektive Gehör eingegangen sind jedoch seine Melodien zu Ironie des Schicksals und zu der Fernsehserie 17 Momente des Frühlings «Семнадцать мгновений весны» von 1973.
Der erste ist ein regelrechter Kultfilm geworden, der seit Mitte der Siebziger jedes Jahr an Silvester läuft. Es ist eine Verwechselungskomödie und eigentlich unglaublich lang. Das liegt sicher auch daran, dass oft zur Gitarre gegriffen und ausgiebig gesungen wird, oder dass ein musikalisch untermalter Spaziergang durch ein verschneites Leningrad seine 5 Minuten dauert.

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Мне нравится что вы больны не мною, Es gefällt mir, dass sie nicht verrückt nach mir sind..

Die Texte zu den Liedern in diesem Film stammen zum Teil aus der Feder so bekannter Dichter wie Boris Pasternak, Marina Zwetajewa oder Jewgenij Jewtuschenko.

Mehr Infos über das Projekt von Stephen Coates, auch mit mehr Musik zum anhören, (Texte in englischer Sprache) auf http://www.tariverdiev.com/

Starttermin unbekannt: Poka – heißt Tschüss auf Russisch

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Eine weite Reise steht Lena noch bevor © Jolle Film

Wieder eine russisch-deutsche Liebesgeschichte im Film. August 1989 – Georg, ein in Kasachstan lebender deutscher Lehrer, verbringt seinen Ernte-Einsatz in einer kasachischen Sowchose. Dort begegnet er Lena, der Tochter von Paschkin, dem Direktor dieser Sowchose. Als Komsomolzin und Kind eines hohen Kaders wurde sie ebenfalls dazu verdonnert, den Sommer über dort zu arbeiten, unfreiwillig, sie will sich eigentlich nicht mit diesen Landeiern abgeben. Doch wie es so oft kommt, die beiden verlieben sich trotz allem ineinander und treffen sich heimlich. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt, als Georgs Familie einen Aufnahmebescheid in die BRD bekommt und Lena merkt, dass sie ein Kind erwartet.

Mit „Poka – heißt Tschüss auf Russisch“ ist Anna Hoffmann ein wundervoller Film über Aussiedler gelungen. Er beginnt in Kasachstan und wechselt in eine schwäbische Turnhalle, die in ein provisorisches Aufnahmelager umfunktioniert ist. Mit Duschkontainern auf dem Schulhof. Jeder, der eine ähnliche Reise durchgemacht hat, wird vieles wiedererkennen. Die staubigen Pisten der kasachischen Steppe mit den großäugigen, rundkurvigen LKWs ebenso wie die ersten Schritte in dem neuen Land, wo vieles befremdlich ist und beileibe nicht den überzogenen Vorstellungen entspricht, die man vorher davon hatte.

Bald fangen wir richtig an zu leben“, sagt Georg zu seinem Bruder Mischa kurz vor der Ausreise, „aber die beschissene Steppe wird mir fehlen.“

Es gibt eine wunderschöne Überleitung von Ost nach West. Statt das Gewühl auf dem Flughafen nachzuerzählen, blendet die Kamera von einem Kühlschrankinneren in Kasachstan mit Reihen von selbstgemachten Pelmeni zu dem grellbunten Inhalt eines Geräts in der Notunterkunft, wo unzählige Packungen übereinandergestapelt sind.

Überhaupt ist der Film voll mit feinen Beobachtungen von Menschen, wie sie reden und wie sie sich aufeinander beziehen. Die Spannungen zwischen den frisch verheirateten Paaren sind ebenso minutiös gezeichnet wie die Blicke und Wortwechsel zwischen dem Vorsitzenden der Sowchose Sergej Paschkin und dem deutschen Familienoberhaupt Alexander Weber. Die beiden Väter werden dargestellt von den in Russland bekannten Schaupielern Gennadi Vengerov, der leider dieses Jahr verstorben ist und Jurij Rosstalnyj, der bei uns schon mal in einem Tatort zu sehen ist – als fieser Schurke der Russenmaffia.

Georg Weber ist Lehrer für Physik und Sport und wie bei so vielen werden seine Diplome in Deutschland nicht anerkannt und er muss in einer Fabrik anfangen, wo er ausgestanzte Metallreste wegfegt. Doch er lässt sich nicht entmutigen.

Hauptdarsteller Pasha Antonov, der derzeit in Hamburg beim Musical „Das Wunder von Bern“ zu sehen ist, überzeugt als Wandler zwischen den Welten ebenso wie Natalia Belitzki als Lena, die bereits als siebenjährige nach Deutschland kam und in vielen Film- Fernseh- und Theaterproduktionen auch ohne Akzent auftritt. Die Bilingualität aller Darsteller verleiht diesem Epos übrigens genau die richtige authentische Note, die viele Filme zum Thema Russland vermissen lassen. Hier aber wechseln die Darsteller je nach Situation oder Land locker vom Russischen ins oft holprige Deutsche – mit den damit verbundenen Verwicklungen und Komplikationen.

Die Nebenrollen sind bis zu den Statisten stark besetzt, eine gelungene Mischung aus Profis und Laiendarstellern. So wird zum Beispiel Georgs Bruder Mischa von Thomas Papst gespielt, der im Film so herrlich bedröppelt gucken kann und im echten Leben als Singer-Songwriter in Berlin lebt und einige Stücke zu dem Soundtrack beigesteuert hat. So zum Beispiel das Lied “Ветер степей“ (Steppenwind), das im im Aufrag der Regisseurin für diesen Film geschrieben wurde und im Abspann zu hören ist:

„Poka- heißt Tschüss auf Russisch“,  entstanden in Koproduktion mit dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF, stand bereits bei zahlreichen Festivals im Wettbewerb (so beim 35. Filmfest Max Ophüls Preis 2014 und dem 24. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern 2014 und beim Film Festival Cottbus 2014 ) und hat in Mecklenburg-Vorpommern den Förderpreis der DEFA-Stiftung und in Cottbus den Preis als Bester Jugendfilm gewonnen (dieser Preis wurde übrigens von einer deutsch-polnischen Jugendjury vergeben). Außerdem war er für den Prix Europa 2014 nominiert.

Um so erstaunlicher ist es, dass er für die breiten Massen weder im Fernsehen noch im Kino zu sehen ist. Dabei zeigt er einen wichtigen Teil der Geschichte von russlanddeutschen Übersiedlern und könnte, packend und identitätsstiftend wie er ist, durchaus zum Kultfilm avancieren. Könnte, würde, sollte. Ich schreibe im Konjunktiv. Dabei wünsche ich diesem Film und uns allen, dass er in nächster Zukunft einen Verleih und einen Sendeplatz (nein gleich mehrere Sendeplätze) findet. Und dass ich in der Zukunftsform folgendes über ihn berichten kann:

Der Film ‚Poka…‘, einer der ersten ernstzunehmenden Streifen über die Aussiedlerwellen der Neunziger Jahre, wird dann und dann auf ZDF und ARTE ausgestrahlt, er kommt dann und dann in die Kinos und so und so viele haben ihn gesehen und waren begeistert!

Ich verspreche, sobald ich die Ausstrahlungstermine für Kino oder Fernsehen erfahre, gebe ich sie hier und auf der Facebookseite von ‚Scherben sammeln‘ bekannt.

Als kleiner Vorgeschmack hier schon mal der Trailer:

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© Jolle Film

Poka – heißt Tschüss auf Russisch, (Deutschland, Kasachstan 2014),

Regie: Anna Hoffmann

Darsteller: Pavlo Pasha Antonov, Natalia Belitski, Gennadi Vengerov, Jurij Rosstalnyj, Thomas Papst, Regina Kletinitch, Patrick von Blume uvm.

Starttemin: unbekannt

Liebst du Boogie-Woogie? Swing-Kultur in Russland

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Stiljaga Bob und ein  Swing-Mädchen am Set

Letzten Sonntag sind uns beim Schlendern durch den Park Swingtöne entgegengekommen. Und per Zufall sind wir bei der Openair-Bühne in ein Konzert der Hamburger Kombo Sun-Jon & the Big Jive geraten. Mehrere Dutzend Tänzerinnen und Tänzer haben sich neben der Bühne versammelt und zu der Musik geswingt. So richtig, so wie damals. Teilweise sogar genauso angezogen wie zwischen 1935 und 1960. Ein Retromix aus allen Stilen.

Doch anstatt mich zu freuen und die Musik zu genießen, habe ich nur gemurmelt: Vor siebzig Jahren bist du für sowas noch eingebuchtet worden. Mein Denken ist halt für immer verseucht, hoffnungslos.

Also zurück zum Thema:

Über die Swingjugend und die Schlurfs in Österreich wurde bereits viel geschrieben, doch die Subkultur der Stiljagi oder Стиляги,  in der Sowjetunion der Endvierziger bis Anfangsechziger Jahre ist hierzulande noch weitestgehend unbekannt.

Russische Jungs und Mädels, die statt Komsomolzen-Uniform lieber buntgemusterte Kostüme und Petticoats trugen, sich mit Eiweiß eine Tolle ins Haar schmierten und Swing, Jazz und Rock’n’Roll hörten. Halbstarke, die auf dem Schwarzmarkt ergatterte Platten eines Charly Parker oder Duke Ellington auf Röntgenfolien (sogenannte „rips“ oder Rippen) raubkopierten und sich heimlich in nächtlichen Pavillons zum Tanzen trafen.

Sie fielen nicht nur auf im sozialistisch verordneten Einheitsgrau, sie lebten auch riskant in einer Zeit, in der die Verherrlichung westlicher Kultur zu Verhaftungen und sogar Lagerhaft führen konnte. Stichwort: heimatlose Kosmopoliten! Denn dieser Lebensstil war verpönt und galt als Dekadenz pur.

2008 ist in Russland ein Film mit dem gleichnamigen Titel Стиляги erschienen, der diesen unbekannten Teil der russischen Swing-Kultur beleuchtet und einen eigenen Trend begründet hat.

Unter der Regie von Valerij Todorovskij ist eine Mischung aus schrillem Musical und Tragikomödie um den zunächst angepassten Komsomolzen Mels entstanden, der angezogen von der Musik und dem Lebensstil einer kleinen Gruppe von Hipstern selbst zu einem Rock’n’Roller mutiert.

Mir gefällt besonders die Szene am Anfang, wo er sich von einem Stiljaga namens Bob (Boris mit russischem Namen) zeigen lässt, wie man richtig tanzt. Als Bob merkt, wie verbissen der sportliche Mels an die Sache herangeht, erklärt er dem Anfänger, worauf es wirklich ankommt:

„Hier braucht man nicht stärker, höher, weiter,..hier braucht man… Drive!…von hier aus!“ Und er zeigt dabei auf seinen eigenen üppigen Bauch. Hier ist dieser Filmausschnitt mit engl. Untertiteln:

https://www.youtube.com/watch?v=_Ff52VA8n7Q

Köstlich, und mir ist ganz egal, ob das Wort Drive in dem damaligen Sprachgebrauch üblich war oder nicht.

Sein Wandel bleibt natürlich nicht ohne Konsequenzen. Der Stiljaga Mel wir vor den Komsomol geladen.

‚Wo sind deine Ideale, du hast auf sie gespuckt, du verkaufst dich für bunte Lappen,‘ wirft die Vorsitzende ihm vor. Währenddessen skandieren brav frisierte Studenten im grauen Einheitslook im eindringlichen Sprechchor: ‚Geschmiedete mit einer Kette, Verbundene mit einem Ziel.‘

Die Partei ist ihren Mutter, der Komsomol Vater: Individualismus und Rock’n’Roll sind hier fehl am Platz. Also muss der, der sich zum Fremdkörper gemacht hat, die Kette durchbrochen hat, gehen.

Eine leise aber rhythmisch gelungene Kritik an der Gleichförmigkeit und den fast radikal-religiösen Werten der Sowjetgesellschaft klingt hier durch. Hier der Song:

https://www.youtube.com/watch?v=0Mt0–JSe88&list=RDgOuqZG7UUgs&index=20

Der Amerikaner Richard Hume, der im heutigen Moskau lebt und Rock’n’Roll Konzerte im Esse Club organisiert, schreibt auf seiner Website Co-op-jive über die Kultur der Stiljagi:

Ihr Stil entsprach nicht zu 100% dem Rock’n’Roll – sie hörten auch andere Musikrichtungen, wie zum Beispiel Jazz – und das spiegelte sich auch in ihrem Kleidungsstil wieder. Aber es war nah genug dran, um sie als echte jugendliche Rebellen in Russland zu etablieren.

Stiljagi - damals
Stiljagi – damals, die kurze Kravatte ist ihr Markenzeichen.

Während der Fünfziger Jahre spielten einige Leute in der Sowjetunion Rock’n’Roll Platten, aber meistens in ihren eigenen vier Wänden. 1959 haben die sowjetischen Autoritäten dann ein großes Jugendfestival in Moskau organisieren lassen. Sie luden auch Musiker und Bands aus den USA ein, dort zu spielen, (…) Der Einfluss dieses Festivals auf einige junge Russen war enorm. Es löste eine bedeutende Jugendbewegung in Russland aus, die sich auf die Metropolen Leningrad und Moskau konzentrierte.

Doch die russische Jugend bezahlte einen hohen Preis für dieses Festival. Einige junge Frauen aus Moskau versuchten mehr über diese aufregende Kultur zu erfahren und plauderten während des Festivals mit amerikanischen Musikern. Später wurden diese sie (die jungen Frauen) isoliert und von der Miliz inhaftiert. Ihre Haare wurden ihnen abgeschnitten und ihre Kleider zerrissen. In anderen Worten: sie wurden gedemütigt. Es war ein klares Signal seitens der Kommunisten, dass obwohl sie netterweise ein einmaliges publicityträchtiges Festival zugelassen hatten, die Verbrüderung mit dem Klassenfeind noch immer verboten war.

Mein Vater hat, auch wenn er nicht in den beiden Metropolen lebte, ebenfalls zu den Stiljagi gehört und noch immer schwingt er gern das Tanzbein zu der guten alten Rock’n’Roll Musik. Aber verhaftet wurde er nie, hat es immer rechtzeitig geschafft zu türmen, sagt er.

Mit dem Film Stiljagi startete vor sieben Jahren in Russland jedenfalls ein ungeheurer Kult und es begann eine regelrechte Verklärung der damaligen Jugendbewegung als hippem Style. Nicht wenige Hochzeiten wurden fortan im Fifties-Look abgehalten und es gab auch einige Flashmobs wie hier 2012 und hier 2011  mit als stilgerecht verkleideten Hipstern, die sich synchron zu Swingmusik bewegen.

Im Frühjahr diesen Jahres fand in Kiev sogar eine Stiljagi-Parade statt, aber in inwiefern dieser Trend noch heute als Widerstand zu werten ist, kann ich leider nicht einschätzen. Ich müsste es noch recherchieren. Ich vermute eher, dass die Leute es als ein buntes Retro-Abziehbild mit Musikbegleitung lieben. Der Trend stellt also eher einen Rückzug zu fröhlich swingender Musik und schönen Kleidern dar als eine rebellische Gegenbewegung. Ein Paradox?

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Schön bunt, die Parade in Kiev am 18.4.2015

Übrigens:

Die amerikanische Autorin und Theaterkritikerin Dorothy Parker schreibt begeistert kurz nach dem zweiten Weltkrieg über ein Stück von Lew Tolstoi: „Sehen Sie es sich an, auch wenn Sie eine Hypothek auf Ihr Auto aufnehmen, ihr Apartment untervermieten oder alles verkaufen müssen bis auf die Kriegsanleihen…“ Nur eins bemängelt sie daran, nämlich, dass die russischen Namen unmöglich auszusprechen und noch unmöglicher zu merken sind. Sie bitte herzlich darum, bei der nächsten englischen Übersetzung aus Fjodor Wassilljewitsch Protossow, Sergej Dmitriewitsch Abreskow und Iwan Petrowitsch Alexandrow schlicht Joe, Harry und Fred zu machen.

Im Film Stiljagi sehen wir, dass genau das geschehen ist, aus Fjodor wurde Fred aus Boris Bob. Aber aus Mels wurde seltsamerweise Mel. Ob das Dotty Parker gefallen würde?

Ich höre Schnittke – Orlandos Thema aus Skaska Stransvij

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Drama pur – werden sie springen?

Meine Entdeckung am Rande: eine weitere Film-Melodie von Alfred Schnittke, die sich in mein Gehör schraubt und mich nicht loslässt. Es handelt sich um ein Stück zu dem Filmmärchen Сказка странствий (Skaska Stranstvij) von 1981. Das Stück heißt Liebeserklärung oder Orlandos Thema.

Dem Regisseur Alexander Mitta ist mit dieser Parabel ein Film gelungen, der sich nicht leicht einordnen lässt: Märchen oder Fantasy-Streifen oder doch eine Abenteuergeschichte in historischem Gewand? Er wird als Kinderfilm gehandelt, aber bitte nicht unter einem FSK von 12 Jahren! Zu traurig, zu verstörend. Ein Kinderfilm für Erwachsene, das ja.

In einer Zeit, die diffus dem Mittelalter ähnelt, erlebt das Mädchen Marta (Tatjana Aksjuta) wie ihr kleiner Bruder Mai von zwei Ganoven entführt wird. Er hat nämlich die Gabe Gold anzuziehen und genau dies Talent wollen sich die beiden Gauner zu Nutze machen. Marta macht sich auf die Suche nach ihrem Bruder und trifft unterwegs den fahrenden Medicus Orlando, dargestellt von Andrej Mironow.

Als beide zu Gefangenen in einem Turm werden, rettet Orlando sich und das Mädchen mithilfe einer Flügelmaschine. Und hier setzt die von Schnittke komponierte Melodie ein, die mir so gefällt. Obwohl, nein, schon als sie sich kennenlernen taucht dieses Thema auf, aber hier kommts mit Schmackes, wie die Kölner sagen.

Möglicherweise wirken die special effects in dieser Szene etwas unecht und aufgesetzt (und auch der Drache an einer anderen Stelle des Films würde in Hollywood wohl keinen Blumentopf gewinnen), aber wozu braucht man imposante Effekte wenn die Geschichte packend und die Musik atemberaubend ist…

Hier ist der Ausschnitt mit dem Flug von Orlando und Marta mit englischen Untertiteln:
https://www.youtube.com/watch?v=T0wk_98bVYY

Hier noch die orchestrale Version, ohne Drama diesmal, mit Bildern von irgendwelchen Enten und Parklandschaften (???!!!):

Nicht nur die Musik dieses Filmes ist bemerkenswert, auch die Kostüme und Hintergründe sind gekonnt umgesetzt. Oft sieht es aus, als spielte die Handlung in einem wüsten Gemälde von Bosch oder einer üppigen Brueghel-Szenerie. Richtig gut beobachtet und schöne historische Zitate! Wieder einer der Filme, der es nie in den Westen geschafft haben, wieder zu Unrecht. Vielleicht kursieren ja Versionen mit Untertiteln davon im Netz, ich bezweifle jedoch, dass er jemals synchronisiert worden ist, zumindest auf deutsch. Der Filmtitel Skaska Stranstvij wird bei uns übrigens mit Märchen der Wanderungen übersetzt, im Englischen heißt er The Fairy-tale of Wanderings. Falls sich jemand auf die Suche begeben möchte. Gute Reise!

Magische Klänge – Hörwelten von Alfred Schnittke

Sein Name war Magie – so titelt ein postumer Bericht über Alfred Schnittke. Einer der bedeutendsten russischen Komponisten nach Schostakowitsch, heißt es weiter. Doch nicht alle in der Sowjetunion haben ihn zu seinen Lebzeiten als Magier gesehen. ‚Darf man die Sinfonie von Schnittke in den öffentlichen Konzerten aufführen?‘ oder ‚Ein ernsthafter Schaden für die Musik‘, so lauteten die Kommentare 1974  nach der Uraufführung seiner ersten Sinfonie. Plakate wurden abgerissen, seine Aufführungen offen boykottiert.

Alfred Schnittke
Der Komponist Alfred Schnittke

Neue Musik ist umstritten – nicht nur in diktatorischen Regimes. Aber Schnittke hat sich nicht beirren lassen, hat seine avantgardistischen Kompositionen weiter geschrieben, hat geforscht, ausprobiert. Auch als er nicht mehr unterrichten durfte auch später, als er schon krank war. Von den 70 Werken, die er in 20 Jahren geschaffen hat, wurden vom allrussischen Kulturministerium ganze zwei aufgekauft. Statt heroischer Klarheit und Verherrlichung der Massen, taucht in seinen Kompositionen das Widersprüchliche auf. Das Unvereinbare, das Verletzliche. Der Abgrund. Dieser Ausdruck passte nicht in jede Epoche der glorreichen Sowjetzeit und führte wohl auch dazu, dass er eher im Ausland Lob und Anerkennung fand. Und auch das verhältnismäßig spät.

1990 wurden in Schweden anlässlich eines ihm gewidmeten Festivals 40 verschiedene CDs publiziert und einige Jahre später eine Schnittke-Gesellschaft gegründet. 1992 erhielt er in Japan den hochdotierten ‚Praemium Imperiale‘ Preis – als erster deutscher Künstler überhaupt.

Ich habe mich lange schon damit rumgetragen, etwas über ihn zu schreiben, wir haben hier in Hamburg schließlich die Alfred-Schnittke-Akademie und in den Heimatbüchern lese ich manchmal etwas über ihn, oder seine Mutter, Marie Schnittke, die sich Ende der Sechziger sehr für die Neuerschaffung einer deutschen Wolgarepublik eingesetzt hatte. Und von einem ihrer Söhne hieß es dort immer, er sei ein weltberühmter Komponist. Jaja, dachte ich. Jeder Aussiedler, der was macht und in die Öffentlichkeit geht, muss gleich eine Weltberühmtheit sein. Darunter machen wirs nicht. Wir halten sie vor wie Standarte, schaut, wir sind auch wer. Aber Schnittke ist nicht nur ein Komponist von Weltrang, er ist phantastisch. Diese Entdeckung durfte ich machen, als ich mich in seine Töne hineingehört habe.

Die Symphonien, das Requiem und seine avantgardistischen Trios und Quartette machen ihn sicher zu dem bedeutenden Komponisten, der er ist. Aber auch die Filmmusik braucht sich nicht dahinter zu verstecken.

Ich bin eine ungeübte Hörerin und so hat sie mich zuerst angesprochen. Zu Rikki Tikki Tavi oder zu der Verfilmung von Anna Karenina von 1967. Zu mehr als 60 Filmen hat Schnittke die Musik geschrieben. Der Meister und Margerita ist ebenso darunter wie der schwarzweiße Klassiker Die Kommissarin. Dabei war er anfangs eher unglücklich damit, U-Musik machen zu müssen, wo es ihn doch zur avantgardistischen E-Sparte hingezogen hat.

Dabei hatte Schnittke sich jahrelang mit diesem Widerspruch gequält, hat versucht, seine avantgardistischen Kompositionen und das andere, das eher Populäre zu trennen. Er spürte den Riss zwischen der sogenannten laboratorischen und der Kammer-Musik. Doch bei der Arbeit an der Musik zur Gläsernen Harfe (Стеклянная гармоника), gelang es ihm, diesen Abgrund zu überbrücken. Es war wie eine Erleuchtung. Übrigens ein ganz zauberhafter Zeichentrickfilm über die Kraft der Kunst mit vielen Bildzitaten aus der Kunstgeschichte, mit Anleihen bei DaVinci, Bosch, Magritte:

Die gläserne Harfe, ein Film von 1968
Die Glasharfe, ein Film von 1968

Wie gesagt, er hat lange dagegen gekämpft, was er als das Seichte, das Schlagermäßige in der Musik bezeichnet und wollte nicht damit in Verbindung gebracht werden. Seine Worte:

Schlager ist eine passende Maske für jede Teufelei, darum sehe ich keine bessere Möglichkeit für die Verkörperung des Bösen in der Musik als das Schlager-Moment (er sagt wörtlich: Schljagernostj).

Vielleicht weil der Schlager so eingängig ist, so schmeichlerisch. Wie eine Kobra. Was ist sein Biss?

Dabei ist er nun wirklich weit weg davon, was ich als ’seicht‘ bezeichnen würde. Nein, was ich an manchen Stellen in den Stücken spüre, ist Zerrissenheit. Sublimierter Schmerz aber mit dem Zartklang einer Schmetterlingsblume. Ein Schlager hat das nicht.

Ein weiteres Zitat von ihm selbst: Im Lauf mehrerer Jahre war es für mich ein inneres Bedürfnis, Theater- und Filmmusik zu schreiben. Anfangs machte es mir noch Spaß, aber schon bald wurde ich dessen überdrüssig. Erst später ging mir ein Licht auf: Die Aufgabe meines Lebens besteht darin, die Kluft zwischen E- und U-Musik zu überbrücken, auch wenn ich mir dabei den Hals breche.

Statt sich den Hals zu brechen, schaffte er es durch Zitate, durch Querverweise und durch Überlappungen diese beiden Pole zu verbinden. Und natürlich durch unermüdliche Arbeit.

Ein britischer Autor sagt, Alfred Schnittkes Musik war schon immer ein unbehagliches Spiel zwischen Tiefe und Oberfläche.  Tiefe-Oberfläche, Osten-Westen. Schlager-Avantgarde. Ein Wanderer zwischen den Welten auch er, das spürt man beim Hineinhorchen in die Stücke. Das liest sich auch in der Biografie des Komponisten.

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Das erste Instrument in Wien: ein Akkordeon

Obwohl er der Sohn einer Wolgadeutschen war, verlief sein Leben zunächst etwas anders als das der meisten Russlanddeutschen seines Jahrgangs. Sein Vater, ein Journalist, kam aus einer Familie von baltischen Juden und durfte Mitte der Vierziger mit der Familie nach Wien ausreisen und dort leben. So blieb ihnen die Deportation zunächst erspart. In der Walzerstadt Wien hat das Kind Alfred seine Liebe zur Musik weiterentwickelt. Diese Zeit und dieser Ort waren für ihn immer mit Sehnsucht verbunden. Ab 1948 lebte er mit seinen Eltern, der Oma und den Geschwistern bei Moskau. Nicht eindeutig russisch, nicht ganz deutsch und auch nicht richtig jüdisch. Und doch mit dem Vermächtnis von allen drei Völkern. Auch hier ein Wanderer. Auch hier kennt er das Dazwischen.

Auch wenn ein Schnittke-blog nur bis 2012 fortgeführt wurde, scheint es, als ob das Interesse nicht abreißt. Seine Aufnahmen werden im Netz weitergeteilt und die vielsprachigen Kommentare klingen sehr begeistert. Beispielsweise zu dem Stück ‚Labyrinths‘, einem Stück aus den Siebzigern:

‚Hairraising at times‘ (Shoyu Tao)

‚Overwhelming. Surely, the greatest piece of 1971 and then some.‘ (PolkRidgeAesthete)

‚Спасибо. В 1971 Mы ни о чем подобном понятия не имели. У нас был сплошной Хреников.‘ (Леонид Бейзерман)

‚Musica che amo malinconica grazie del bel brano sentimentale.‘ (macciboma)

Mein absolutes Lieblingsstück ist und bleibt die Filmmusik zu Story of an Unknown Actor von 1976.

Hier in einer wilden Orchesterfassung:

https://www.youtube.com/watch?v=M3EuHTOLG8o

oder hier der eingängige Originalwalzer aus dem Film:

Auch Schnittke galt la lange Zeit als ein eher unbekannter Künstler – außer natürlich in Fachkreisen.
Polyphone Klänge, Mixtur aus vielen Zeiten und Stilen. Das schreiben die Experten. Seine Zitate kommen dabei nicht nur aus der Klassik, Schnittke bedient sich auch der russischen oder slawischen Musiktradition und natürlich auch den Klängen der Moderne. Neben dem Atonalen in dem verwobenen Klanggefüge ist soviel was ich wiederfinde, etwas knüpft an meine Gefühlswelt an, ganz direkt.

Trotz neuer Hörgewohnheiten und der aufwühlenden Gemütszustände, die diese Musik auslöst, erkenne ich also Vertrautes, wird mein Geist angesprochen. Oder eher nicht der Geist, sondern mein Herz. Oder wo sonst die Musik gespeichert wird, wenn sie verklingt. An einem magischen Ort eben.

Weitere Links:

Ein Schnittke Blog bis 2012: https://alfredschnittke.wordpress.com/2010/02/

Eine englische Rezension: http://www.allmusic.com/composition/the-story-of-an-unknown-actor-film-score-mc0002458493

Die Sammel-CD zu seiner Filmmusik: http://www.e-filmmusik.de/filmmusik/alfred-schnittke.html

Die Dokumentation über Alfred Schnittke (‚Дух дышит, где хочет‘) von 2004 auf russisch: https://www.youtube.com/watch?v=xiiOvAsL2uY

Und zum Abschluss, das Requiem:

https://www.youtube.com/watch?v=M9UiT_KOE-s