Die Unschärfe der Masse

Alle Menschen

alle Menschen verallgemeinern, sagen:
alle Russen, alle Chinesen, alle Blondinen,
die Obrigkeit, alle Fahrer, alle Männer,
der Westen, alle Polizisten, sie, das Volk,
alle Dichter, alle Studenten und so weiter …
ich verallgemeinere nie,
aber die Menschen verallgemeinern gerne.

Sergej Tenjatnikow

Stellen Sie sich vor, Sie fotografieren eine Ansammlung von Menschen, eine Demo vielleicht. Die vorderen Personen sind noch einigermaßen deutlich auszumachen. Die im Hintergrund wirken dagegen unscharf. Sie verschwimmen zu einer Menschenmasse. Nehmen Sie dagegen ein Bild von einer kleineren Gruppe, beispielsweise einer Familie, werden die einzelnen Personen sichtbar, ihre Einzelheiten treten deutlich hervor. Noch mehr gilt das für Nahaufnahmen. Besonders bei den Portraits der niederländischen Meister. Die konnten das, den Charakter malen statt nur den Kopf.

Das alles klingt offensichtlich und banal, dennoch unterlaufen uns Generalisierungen. Wo wir doch in einer pluralistischen Gesellschaft leben, in der Individualität ein hohes Gut ist, wenn nicht das höchste überhaupt.

Im Fall der Deutschen aus Russland wiederholt sich diese Verallgemeinerung immer wieder. Mit fatalen Konsequenzen.

Pilzgeflecht

Eine Gruppe ist selten homogen. Dieses Begriffspaar homogen – heterogen wie abstrakt das klingt. Ein Bild wäre besser: Gehen wir davon aus, diese Gruppe, dieses WIR ist kein Granitblock, sondern eher wie ein unterirdisches Geflecht, ein rhizomatisches WIR-Gefüge. Ein Rhizom ist eigentlich ein Begriff aus der Biologie, er bezeichnet die Wurzeln von Pilzen unter der Erde. Die beiden Franzosen Gilles Deleuze und Felix Guattari haben das Rhizom bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in ihren philosophischen Diskurs aufgenommen und der Filmemacher Alexej Getmann hat bei einem Vortrag die kulturelle Verbundenheit der Deutschen aus Russland damit verglichen.
Demnach ist das WIR ein Zusammenschluss von vielen, einzelnen und auch Gruppen, die sich unterscheiden, aber auch Gemeinsamkeiten bilden. Es entstehen Knotenpunkte und Verdickungen dort, wo es Ähnlichkeiten und einheitliche Interessen gibt. Die einzelnen existieren für sich und sind trotzdem durch eine gemeinsame Erinnerungskultur oder andere Klammern miteinander verbunden. Zum Beispiel durch eine Sozialisation in den Sowjetstaaten oder durch die Erfahrung von Wanderungen von einer Kultur in die andere. Das Kulinarische scheint so eine Klammer zu sein. Doch selbst hier gibt es keinen Einklang. So zählen einige von uns nur Gerichte wie Krebble oder Strudel mit Sauerkraut zu unserem kulturellen Erbe. Andere haben slawische Nationalgerichte wie Borsch, Piroggen oder Pelmeni in den russlanddeutschen Küchenkanon aufgenommen und wiederum andere kochen auch mittelasiatische Speisen wie Plow oder Manty. Die entscheidende Frage ist, welche dieser Speisen gehören zu uns, welche Zugehörigkeiten zu anderen Kulturkreisen, und sei es durchs Essen, machen uns aus, bilden einen Teil unserer Identität? Eine starke Klammer sind natürlich auch die Zuschreibungen von außen.

Ein Stempel für alle
Anhand von ausgewählten Beispielen von früher und heute wird sichtbar, wie willkürlich solche Bezeichnungen sind und was für ein starkes kollektivierendes Element sie besitzen. So sah man unsere Leute in Russland ab 1914 und später ab 1941 in der Sowjetunion:

Spione
Diverssanten
Hitlers fünfte Kolonne
Volksfeinde
Kollaborateure
Faschisten
Fritzen

So sah man unsere Leute in Deutschland ab 1990 und ab 2016:

Passbeschenkte
Mitglieder der Russen-Maffia
Russen-Babuschkas (die berechtigte Frage: wer ist gefährlicher, Russen-Omas oder die Russen-Maffia?)
die mit dem deutschen Schäferhund
Putins fünfte Kolonne
AfD-Sympatisant*innen

Wie wir uns sehen:
Unsere Leute sind fleißige, sparsame Familienmenschen, sehr bescheiden, zuverlässig.

Diese Selbstwahrnehmung unterscheidet sich ziemlich stark von der Fremdwahrnehmung ist aber nicht weniger verallgemeinernd. Überhaupt unsere Leute.

die Unsrigen – die Hiesigen
wir – ihr
hier – drüben

Das sind so einige der Grenzmarkierungen, innerhalb derer wir (alle? einige von uns? die anderen, aber ich nicht?) uns bewegen.

Und dennoch, wenn wir näher ranzoomen, die einzelne Persönlichkeit in den Fokus nehmen, bemerken wir, dass die Identitäten nicht statisch, sondern schillernd sind. Das WIR ist divers. Unter uns gibt es welche, die schlau sind, welche die dumm sind, welche die spitzfindig und schnell beleidigt sind. Na gut, zugegeben, das sind wir alle, also schnell beleidigt.

Solche, die konventionell sind und solche, die pervers sind, divers pervers. Solche, die zart sind wie eine Elfe, auch Jungs. Auch unter den Unsrigen gibt es die Phantasievollen, Musikalischen und Sportlichen. Frauen, die sich weigern zu kochen, Männer, die sich in einem dezenten Anthrazitgrau die Nägel lackieren. Und es gibt genau diejenigen, die allen Klischees von Russlanddeutschen entsprechen. Ich habe selbst welche kennengelernt.
WIR, das sind nicht nur die Guten, Fleißigen, Sparsamen. Es gibt auch Faule und Verschwenderische und Hinterhältige darunter. Klar, auch den einen oder anderen Spion, warum nicht. Aber der größte Teil wurde unschuldig deportiert.
900.000 waren es insgsamt.


Doch ein Monolith?

Das WIR besteht aus vielen Individuen, es sei denn, von außen kommt eine determinierende Zuschreibung, die so starr und einschränkend ist, dass sie einer Pressform gleicht.

Nach der allgemeinen Spionomanie und antideutschen Haltung im Zarenreich, die 1914 ihren Höhepunkt erreicht, hat Stalins Gleichung von Fritz=Faschist=Hitlers Spion verheerende Auswirkungen auf die deutsche Minderheit im Land. Sie werden zu Kriegsbeginn zu zig-tausenden in Lager verbannt, die nicht so heißen, sondern Arbeitsarmee oder Sondersiedlung.
Einzelne Schicksale verschmelzen zu einem. Da ist der Transport in Viehwaggons. Da ist das Ausgeladen werden im Nichts. Kälte, Hunger, Gewalt – alles sehr große Gleichmacher. Jede Familie, jedes Schicksal wird dadurch austauschbar. Und doch, aus der Nähe am eigenen Leib erlebt, wenn es dich selbst, deine Mutter, deinen Bruder oder dein Kind trifft, wird es schnell wieder sehr persönlich.
Fällt es deshalb so leicht, die Russlanddeutschen als Masse zu sehen, weil sie durch dieses gleichmachende Trauma gegangen sind? Reicht eine äußere Pauschalisierung, wenn sie mit genug Gewalt vertreten wird, aus, um jede Individualität auszumerzen?

Haben WIR, also die Unsrigen, diese negative ethnische Zuschreibung so sehr eingestanzt bekommen, das wir sie verinnerlicht, dass wir sie als bestimmendes Merkmal in unsere Identität aufgenommen haben? Aus der äußeren Beschimpfung Faschisten ist vermutlich auch die innere Wahrnehmung: „Wir sind deutsch, wir sind fleißig, ehrlich und sparsam“ geworden. Aus reinem Selbstschutz heraus.

Was viele nicht wissen: in der Sowjetunion gibt es seit 1934 in jedem Pass die fünfte Linie für die Nationalität. Diese fünfte Linie hat drüben Menschen deutscher Herkunft zu wirklichen Passdeutschen gemacht. Du konntest deinen Vornamen zu Wolodja oder Walja ändern, konntest dir jeden Akzent abtrainieren, aber die fünfte Linie hat trotzdem dein Leben bestimmt. Im Guten, oder, wie im Falle der Deutschstämmigen, eher im schlechten. Das war die herrschende Realität.

Dann – Tadaaa – reisen diese geplagten Passdeutschen nach Deutschland aus. Zu den vermeintlich Unsrigen, also Ihrigen. Was für ein großes Hallo da entstanden ist. Denn die Hiesigen waren dabei, eine neue Realität zu schaffen: nach der Ethnomanie der Nazis waren sie dabei, sich vom ethnozentristischem Denken zu befreien. Da kommen hunderttausende Zerlumpte mit ihrer amputierten Sprache daher und behaupten, WIR sind Deutsche wie IHR. Von der Geschichte dieser Leute wusste niemand etwas. Und WIR – gewohnt, uns zu ducken und über uns zu schweigen, haben weiter geschwiegen. Übrigens, das nur am Rande, allein wegen der ethnischen Zugehörigkeit wäre wohl niemand aufgenommen worden. Die Tür in den Westen hieß nicht Bello, der deutsche Schäferhund, sie hieß Kriegsfolgeschicksal. Aber das ist im öffentlichen Diskurs leider untergegangen. Auch hier hat sich die Unschärfe der Masse gegen uns gewendet. Dabei ist auch das einfach wie banal. Wer den Fokus wieder auf den einzelnen Menschen richtet, verwandelt Generalisierungen zu dem, was sie in Wirklichkeit sind: zu lächerlichen Krücken. Dann tritt der einzelne Kopf wieder deutlich hervor, mit all seinen Merkmalen und Eigenschaften. Dann braucht es keine Zuschreibungen mehr, die jedes individuelle Merkmal verschwimmen lassen. Wie ein kaputtes Objektiv.