Okroschka und die AfD

Die Russifizierung Europas schreitet voran! Und ich genieße das, denn gestern habe ich im (nichtrussischen) Supermarkt Kwas in Dosen gefunden. Von zwei verschiedenen Firmen sogar. Heute mache ich mal eine Okroschka-Suppe und teste, ob dieser Kwas was taugt. Das Rezept für die frische Sommersuppe mit Kartoffeln und Dill steht bei einem früheren Eintrag auf diesem Blog.

Auf anderen Kanälen wird ebenfalls eine schleichende oder galoppierende Russifizierung moniert. Russlanddeutsche tauchen als potentielle AfD-Wähler fast epidemisch in allen möglichen Artikeln und bei Sendungen wie Monitor im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf. Diese bucklige Verwandtschaft, die sich störrisch gegen jegliche Modernisierung und Anpassung an eine offene multikulturelle Gesellschaft sträubt. Die mit einem astreinen russischen Akzent oder auf Russisch gegen Fremde herzieht. So kommen wir rüber. Zwar ist der Ton ist nicht mehr so abweisend wie noch vor 20 Jahren und es werden sogar Aussagen getroffen, wie diese: Dann werden sich die Demokraten von rechts bis links über die Parallelgesellschaften, den Mangel an Demokratieverständnis der Migranten und ihre Beeinflussung durch den Kreml empören. Dabei sei jetzt schon bemerkt: Das sind die russischsprachigen Aktivisten, die sich für die demokratischen Werte einsetzen, und das ist die deutsche Politik, die sie dabei im Stich lässt.

Der vollständige Beitrag der FAZ vom Donnerstag ist hier zu finden. Dieser Artikel ist dabei noch einigermaßen differenziert.

Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.

Wenn eine Gesellschaft eine Gruppe in Ghettos pfercht, ihnen den Zugang zu qualifizierten Jobs und Bildungschancen wenn nicht sperrt, so doch erschwert, dann kommen ganz sicher keine zufriedenen und weltoffenen Bürger*innen heraus. So oder so ähnlich sehen das manche Kommentare auf Facebook zu diesem Artikel. Zumindest diejenigen, die nicht gegen Schäferhundrussen pöbeln.

Ich kann es nicht leugnen. Es scheint etwas an dieser Partei zu geben, das insbesondere Russlanddeutsche anzieht. Es steht noch aus, die Gründe dafür zu untersuchen.

Was mich allerdings wundert: aus dem Spektrum der vielen Menschen, der Schicksale und Einstellungen werden gerade diejenigen herausgefischt, die solch extremen Ansichten vertreten wie Eugen Schmitz oder Heinrich Groth, der behauptet bei Monitor so abstruse Sachen wie diese: den Deutschen sei es unter Adolf ja nicht so schlecht gegangen. Gegenüber dem russischen Sender RTDV hat er Anfang April gesagt: ich als Biologe weiß genau, was die Verunreinigung der biologischen Masse bedeutet. Der Mann ist einfach ein Extremist und soll nun alle Russlanddeutschen repräsentieren? Ich weiß genau, dass die Medien das besser hinkriegen könnten. Warum tun sie das nicht? Weshalb fehlt hier die nötige Differenzierung, die an anderer Stelle so stark eingefordert wird?

Traurig, dass kaum andere O-Töne gesucht und gefunden werden. Aber vielleicht sind progressive, gut integrierte Aussiedler*innen einfach zu banal? Passen nicht ins Konzept. Dienen nicht dem Aufbau eines simplen Feindbildes?

Und was ist unsere Volksgruppe eigentlich anderes als eine Okroschka-Suppe, denke ich und zupfe die feinen Äste vom Dill ab: Ein zusammengewürfeltes Gebilde aus vielen verschiedenen Zutaten. Die einen sind eben die Salzgürkchen für den säuerlichen Geschmack und andere die Kartoffeln, die breite Basis. Radieschen mit außen roter Haut und innen weißer Masse habe ich schon an anderer Stelle behandelt. Wer ist dann aber der Dill? Die sogenannten Kulturarbeiter*innen? Und wer kommt daher, wie eine scharfe Frühlingszwiebel? Der Kwas und der Schmand sind dann die beiden gemeinsamen Sprachen, das Fluidum, in dem alle schwimmen. Übrigens steht auf der einen Kwas Dose als Slogan: Refresh Yourselfsky! Was soviel heißen soll wie: Erfrisch dich selbskij. Witzig. Und: Kvass Drovje! Weniger witzig. Ein Männeken tanzt Kasatschök. Aus dem piefigen Armeleutegetränk ist ein trendiges veganes Produkt geworden. Leider ist dieser Kwas etwas zu süß für meinen Geschmack, da hätte ich auch gleich Malzbier nehmen können. Schmand habe ich auch nicht, werde wohl wieder griechischen Joghurt drauftun, damit schmeckt es ebenso gut.

Ist es so schwer zu begreifen, dass die Gruppe der Aussiedler nicht etwas Homogenes ist, sondern etwas ebenso Zusammengewürfeltes wie eine Okroschka, bestehend aus vielen Grüppchen und Individuen. Ein jeder und eine jede befindet sich an anderer Stelle im Prozess der Loslösung von der alten Heimat und dem sich Verwurzeln in der Neuen. Manche verleugnen das Russische in sich, andere distanzieren sich eher vom deutschen Anteil. Und dazwischen gibt es 2 Millionen 399 Tausend 998 weiterer Nuancen. Die pauschale Annahme, alle fänden Putin prima und die AfD wählbar, kann und will ich nicht akzeptieren, sie tut mir fast körperlich weh.

Aber mich fragt ja keiner. Pah! Dann geh ich eben weiterschnibbeln. Auf Wiedersehnje!

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