Glaube nicht, hab keine Angst, bitte nie

…sondern steh einfach auf und lauf los! Der russische Beitrag zum diesjährigen ESC stammt von Manizha und heißt „russian woman“. Es ist schon erstaunlich, dass das russische Imperium so eine Gesandte auf eine europäische Bühne entlässt. Die Sängerin ist die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die als Flüchtling aus Tadschikistan nach Moskau kam. Sie ist Feministin und setzt sich in einer eher homophoben Gesellschaft für die Belange von LGBTQ Menschen ein. Ihre Selbstverständlichkeit, den Begriff der der russischen Frau von dem traditionellen und nationalistischen Bild zu lösen, dürfte nicht allen politischen Kräften in Russland gefallen haben. Zumindest den konservativen, nationalen und homophoben nicht.

Möglicherweise will die Regierung im Kreml sich liberaler und weltoffener gebärden als sie ist. Oder sie halten den Contest für unwichtig und die Botschaft, die von ihm ausgeht für harmlos.



Die Journalistin Katja Garmasch schreibt dazu auf ihrem FB-Account:
Schon im Vorfeld gab es Unmengen Unmut in klassischen und digitalen Medien – die Tadschikin sei nicht russisch genug um über russische Frauen zu singen, ihre Stimme nicht gut genug, ganz geschweige von diesem Äußeren, ihre feministische Lyrics gehen gegen alle russische Werte, und die Musik gegen alle russische Harmonien. Es gab sogar eine Klage von Veteranen-Verein (und die sind in Russland heilig) und ich dachte schon: Nie wird diese Frau nach Rotterdam schaffen! Und doch, steht nun diese unrussische unschöne Frau in unfraulichem Outfit auf der ESC Bühne, singt darüber, dass die Frauen auf die Erwartungen der Gesellschaft scheißen sollen und lässt auch noch im Hintergrund ein Chor von Journalistinnen, Bürgerrechtlerinnen, Unternehmerinnen und anderen regierungskritischen Frauen, gegen den Chauvinismus ansingen so, dass man denkt: Moment mal, war das mit Putin abgesprochen?! Sie wird doch gleich von der Bühne abgeführt!

Das offizielle Video polarisiert: hat heute über 300.000 Likes, und fast 180.000 Dislikes.

Der Veteranen-Verein konnte sich diesmal wohl nicht durchsetzen, Manizha wurde nominiert und nach Rotterdam geschickt.

Sie tritt zunächst in traditionell wirkenden, kaftanähnlichen Gewändern auf, wirft sie bald ab, darunter kommt ein Jumpsuit in Rot zum Vorschein – nicht gerade Glamour, keine Pailletten, nichts Figurbetontes, und gerade deshalb so stark. Das Outfit erinnert eher an eine Arbeiterinnenkluft, Klamotten mit denen frau malochen geht und sicher nicht in die Chefetagen und wenn, dann als Mitarbeiterin einer Reinigungsfirma. So wie das Kostüm ist auch die musikalische Kombi aus Hiphop und einem traditionell klingenden Chorus, ein Mix aus Tradition und Moderne. Mit einer klaren Botschaft. Hier ein Clip des Auftritts am 18. Mai in Rotterdam. Die Lautsprache-Übersetzerin scheint offensichtlich genauso viel Spaß zu haben:
https://youtu.be/Cn38A8iUTxc

Alles an dem Auftritt ist stimmig, ein Statement, alles ein Spiel mit wechselnden Paradigmen. Ein kraftvoller und empowernder Song über „rashn women“, mit der Botschaft, lass dir nichts sagen, hab keine Angst, bitte nicht, sondern geh einfach deinen Weg.

Worauf wartest du: Steh auf und geh los! Die Liedzeile ist wohl einer der Sprüche ihrer Mutter gewesen, die auch die Managerin von Manizha ist.

In einem Interview sagt die Interpretin, ob sie gewinnt oder nicht, ist nicht wichtig, die Botschaft findet auch so ihren Weg. Es würde mich nicht wundern, wenn es Manizha und ihr Team in die TopTen des European Song Contestes schafft.

Hier das Video als Studioaufnahme mit englischen Untertiteln:
https://youtu.be/h3Eg2PyByBQ

Historisches Bewusstsein – Douze Points

Jamala
Foto: Andres Putting © eurovision.tv

Eine Ukrainerin gewinnt den European Song Contest 2016. Vor dem russischen Favoriten. Doch nicht das allein besitzt für mich Brisanz, sondern vor allem, dass sie mit einem Lied namens „1944“ auf die Bühne geht, das die Vertreibung der Krim-Tataren durch Stalin thematisiert – und damit den ersten Preis macht.

Ohne übertriebene Lightshow, ohne halbnackte Tänzer. Sie tritt in einem schlichten blauen Hosenkleid auf und bewegt sich mit eindringlichen Gesten. (Die Lichteffekte waren schon stark, aber sie haben sie nicht in den Hintergrund gedrängt oder eine schwache Performance übertüncht, so meine ich das.)

Statt Liebesschnulzen und rockigen Egoshooter-Songs kommt 2016 die vertonte Aufarbeitung einer stalinistischen Deportation auf den ersten Platz. Gekonnt und ohne Gejammer vorgetragen, wenn auch nicht ohne Pathos und mit Tränen in den Augenwinkeln. Mich berührt das, wohl auch weil meine eigene Familie väterlicherseits 1941 genau aus dieser Region vor Stalin geflohen ist und später ebenfalls deportiert wurde. Es ist ein universelles Thema. Leider. Und auch noch heute immer aktueller denn je. Gleich die ersten Zeilen haben mich gepackt und auch die tatarischen Spracheinsprengsel gehen mir nah, auch wenn ich davon nichts verstanden habe und die Melodie sowieso. War sie authentisch? Ich glaube ja. Geht das Thema auch mit weniger Pathos? Ich glaube nein.

Es ist wohl generell untersagt, politische Inhalte in diesem Zusammenhang zu bringen. Aber da Jamala die Geschichte ihrer Urgroßmutter verarbeitet hat, persönlich und ohne zu deutliche politische Bezüge, entspricht das Lied den Regeln des ESC, auch wenn es von Anfang an umstritten diskutiert wurde.

Direkte Bezüge zu aktuellen politischen Vorkommnissen sind in dem Text wohl nicht zu finden.

Der Spiegel online schreibt heute: Doch in so aufgeheizten Zeiten in Europa kann der ESC unmöglich unpolitisch sein.

Wir dürfen auf den nächsten Contest in Kiew gespannt sein. Mal sehen, wie viele politische Inhalte sich zwischen Pailletten und Popklänge quetschen lassen. Unaufgearbeitete Themen gibt es genug.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die beiden Länder, Ukraine und Russland sich dieses Jahr nicht abgestraft haben: die Ukraine gab dem russischen Kandidaten die ganze Punktzahl, das russische Publikum, anders als die russische Jury übrigens, dieser nicht sehr leichten Darbietung immerhin 10.

Ebenfalls bemerkenswert: die Sängerin wird Ukrainerin genannt. Das finde ich auch gut. Keiner sagt: Kirgisin mit Krim-tatarischen Wurzeln. Oder Tatarin mit ukrainischen Wurzeln. Denn Susana Jamaladinova ist Anfang der achtziger in Kirgisien zur Welt gekommen und ist mit ihrer Familie erst nach dem Ende der Sowjetunion auf die Krim zurückgekehrt. Oder noch schlimmer: Ukrainerin mit Migrationshintergrund. Das wäre falsch und ein Hohn sondergleichen. Denn Hey, waren die Tataren nicht noch vor den slawischen Völkern auf der Krim?

Schade, jetzt wünschte ich, ich wäre gestern doch bis zum Schluss aufgeblieben. Heute morgen bin ich aus allen Wolken gefallen, als ich davon erfahren habe und hab gleich beschlossen, damit meine längere Pause vom Blog zu brechen.

Lustig, die ersten Kommentare im Netz: Boykotiert den nächsten Song Contest!!! Das ist keine Show, das ist Politspektakel!

Oh, glaub mir lieber Albert Zweistein, jetzt erst recht!!! Armenien hätte da auch noch ein Liedchen zu singen, und Polen, und Lettland und Litauen und ach, alle haben sie doch ihre Gespenster, die an der Türschwelle kratzen.

Jamala polarisiert mit ihrem Song. Mensch. Was will man mehr? Das Lied an sich hat die Gegner musikalisch nicht überzeugt? Naja, gibt schlimmeres oder? Und sie wittern proamerikanische und Putin-feindliche Propaganda? Uuups. Dann haben sie sich wohl mit der Geschichte der Krim nicht so ganz auseinandergesetzt. Aber auf Wildwuchs-Leser*innen-Kommentare aus dem w.w.w. darf man eh nichts geben.

Millionen Anrufer und Anruferinnen haben gewählt und diesmal bin ich mit dieser Wahl einverstanden.

Ein bißchen Frieden – Ukraine fehlt und Russland siegt, naja fast…

Ich wollte nur kurz mal reinzappen, aber der Contest hat mich doch in seinen Bann gezogen. Spannend fand ich, dass diesmal soziale und politische Themen durchblitzten. So wie bei dem Lied der ungarischen Sängerin, die sich mit ihrer Friedensbotschaft eindeutig auf den Ukraine Konflikt bezog, ebenso wie das Lied „One Million Voices“ von Polina Gagarina aus Russland.
Lange Zeit sah es so aus, als würde ihr Beitrag von den Wählern honoriert werden, möglicherweise genau wegen dieser Message. Russland bekam ständig hohe Punktzahlen – Ungarn seltsamerweise gar nicht…

Dennoch wird das russische Team dieses Jahr den Grand Prix d’Eurovision nicht mit nach Hause nehmen, auch wenn es lange Zeit den Anschein hatte, doch irgendwann hat sich das Blatt gewendet und Måns Zelmerlöw konnte sich mit seiner multimedialen Performance auf dem ersten Platz halten und wurde Sieger. Hoffentlich nicht nur wegen der atemberaubenden Spezialleffekte.

Dabei hat Polina Gagarina doch alles gegeben, ihr Kleid verfügte sogar über den für das diesjährige Grand Prix typischen keilförmigen Ausschnitt, der knapp vor dem Bauchnabel aufhört, kombiniert mit einem überlangen bauschigen Rock – Le Dernier Cris beim Grand Prix. (Anne Sophie aus Hamburg zeigte übrigens genau denselben Ausschnitt und landete – unverdient? – auf dem vorletzten Platz.)

Polina Gagarina mit ihrem Song  - One Million Voices
Polina Gagarina mit ihrem Song – One Million Voices

Ich will nicht unken, obwohl mich die Emotionalität, die Gagarina am Ende ihres Auftritts und vor allem im „green room“ an den Tag legte, als sie eine reelle Chance auf den ersten Platz hatte, etwas unangenehm berührt hat. Zugegeben, sie hat nicht ein leichtes Liebeslied, sondern ein Anti-Kriegslied gesungen. War das ein wagemutiges politisches Statement?

Manchen Kommentatoren stößt es beim diesjährigen Grand Prix sogar auf, wenn ‚die russische Kandidatin über Neustart und Hände, die sich verbinden singt, während in der Ostukraine Separatisten Regierungstruppen bekämpfen.‘

Der Journalist Karoun Demirjian schreibt beispielsweise in der Washington Post:
And when sanctions and diplomacy won’t do, Europe can always be trusted to settle its political scores in the arena of an annual singing competition.
Frei übersetzt: Wenn Sanktionen und Diplomatie nicht greifen, kann man davon ausgehen, dass Europa seine politischen Probleme in der Arena eines jährlichen Gesangswettbewerbs löst.

Hier geht’s weiter zu seinem post…

Eine junge Mutter (das hat der Kommentator einzig bei ihr extra betont), die ein Lied gegen den Krieg singt, den ihr eigenes Land gegen ihr Nachbarland führt. Das hat ihr nicht wenige Sympathien gebracht. Und ich kann verstehen, dass es für sie ziemlich aufwühlend gewesen sein muss. Aber in diesem Glamour-Dom schien es irgendwie fehl am Platz. Sogar der armen Conchita Wurst, die sich kurzzeitig neben sie gesetzt hatte, um ein wenig zu plaudern, war diese tränenreiche Gefühlsdemonstration nicht ganz geheuer und sie verzog sich recht schnell wieder.

Mir hat das Aufeinandertreffen von Ukraine und Russland bei diesem Contest gefehlt, aber die Ukraine hatte keinen Vertreter geschickt, und ich meine sogar, dass Kiew beim Voting gefehlt hat. Ist etwa der Krieg dafür verantwortlich, dass das Land vom Grand Prix ausgeschlossen wurde? Oder war ich einfach nur so k.o. an diesem Abend, dass ich den Punktegeber aus der Ukraine verpasst habe? Nein, bei Wikipedia ist zu lesen:

Währenddessen bleibt die Ukraine der Veranstaltung aus finanziellen Gründen und aufgrund der aktuellen Situation im Land fern.

Mit einem Verweis auf eine weitere Wiki-Seite, mit dem Titel: Krieg in der Ukraine seit 2014.

Schade. Bestimmt hätte die Ukraine dieses Jahr viele 12 Points gekriegt. Mit oder ohne tiefen Ausschnitt. Es wäre doch eine Sensation, wenn sie gewonnen hätten und 2016 die Schow auf dem Maidan stattfinden würde. Das wäre ein politisches Statement. Aber nein, lieber umschiffen wir das minenreiche Gewässer und die Ukraine ist gar nicht erst dabei.

Der russische Telefonkandidat war jedenfalls mehr als peinlich. Er hat sich gemeldet mit einem fröhlichen: Hello Europe, this is Mother Russia speaking. Was angesichts der ganzen osteuropäischen und baltischen Interpreten und der Teilnehmer vom Balkan so ziemlich unangebracht war. Und dann hat dieser Witzbold noch gesagt seine Douze Points, die Twelve Points go to … Russia! Bevor er sie doch Italien mit ihrer schmelzigen Klassik-Pop-Ballade zugesprochen hat. Haha!