Unvereinbarkeiten

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Schützengraben im zweiten Weltkrieg.

In mir geht der Kriegsschauplatz weiter. Ich fühle mich manchmal wie zwischen zwei Frontlinien. Zwischen zwei Gräben. Angefüllt mit Schlamm. Soviel Hass auf beiden Seiten. Die eine hat die andere vernichtend geschlagen. Die andere hats geflissentlich versucht.

Mein Onkel mütterlicherseits ist im Krieg verschollen. Als Soldat der russischen Armee. Wir wissen nicht, wie er gefallen ist. Vielleicht ist er angeschossen oder in die Luft gesprengt worden, von jemandem, dessen Enkeln ich heute die Hand gebe. Vielleicht, nein wahrscheinlich hat er deutsche Soldaten umgebracht. Den Verwandten all dieser Männer begegne ich heute auf der Straße, sitze mit ihnen ins Kino oder in der S-Bahn. Treffe sie auf dem Schulhof meiner Tochter.

Und auf der anderen Seite? Mein deutscher Großvater ist in den letzten Kriegsmonaten zunächst in die SS und dann in die Wehrmacht verpflichtet worden. Was hat er gesehen? Was mitgemacht als Fahrer eines Generals?

Nicht nur, dass zwei Seelen ach in meiner Brust wohnen. Es sind zwei Soldaten, die sich feindlich gegenüberstehen. Und die Demarkationslinie geht mitten durch mich hindurch. Mein Leben als Kriegsschauplatz? Jede Handlung ein militärischer Einsatz. Jedes noch so kleine Vermasseln ein abgebranntes Haus, eine vernichtete Batallion, eine verlorene Schlacht. Ich habe nie ein Schlachtfeld betreten. Wie kann ich so etwas behaupten?

Dennoch. Da geht ein Riss durch mich hindurch, nicht ein bloßer Culture Clash. Culture Clash – das klingt lustig, nach Abenteuerurlaub im Club, nach Karma-Chameleon und dem Surfen auf einer großen Welle. Aber in mir sind diese feindlichen Linien, die aufeinander treffen, miteinander verschmolzen zu einem Wesen. Mir wird bewusst, wie unmöglich dieser Gedanke eigentlich ist. Und doch lebe ich. Atme. Und ich bin nicht die Einzige.
Frag andere Kinder von verfeindeten Nationen, wie sie sich fühlen. Wenn der Vater Tutsi ist und die Mutter eine Hootu. Frag den Sohn einer Palästinenserin und eines Israeli. Was würden sie wohl dazu erzählen?

Bei alldem haben die beiden Völker, von denen ich abstamme, trotz diverser Kriegshandlungen und Kriegshändel viele Gemeinsamkeiten. Den Enthusiasmus und die Sentimentalität, die romantische Ader, auf andere Weise ausgelebt. Und natürlich: die Melancholie. Auch hier ist sie unterschiedlich gefärbt, aber es gibt sie – auf beiden Seiten. Die jahrhundertelangen Handelserfahrungen und den Kulturaustausch nicht zu vergessen. jedes Jahr tritt der Donkosakenchor in meiner Stadt auf – jedes Jahr schaffe ich es nicht, ihn mir anzuhören.

Ich lese, ich verschlinge Berichte, ich tauche ein in die Kriegserzählungen von Soldatinnen, Flakschützinnen und Partisaninnen (die weibliche Form davon klingt seltsam, auf russisch nicht: Partisanka). Da ist eine die erzählt, wie die Dorfbewohner und ihre eigene Mutter als lebende Schutzschilde übers Feld getrieben werden. Dahinter die faschistischen Soldaten. Sie treiben sie mit Gewehrschüssen vor sich her und die Partisanen schießen. Natürlich. Die Lage schient alternativlos. Aber diese Frau hat ihre Mutter damals nicht getroffen. Sie wurde von den anderen erschossen – von den Faschisten.

Ich sehe die kaputten Menschen auf den Straßen. Wie gestern den Mann der etwas über NS-Brüder skandiert, jedem Passanten ins Gesicht schreit, dass wir es uns bequem gemacht hätten in unserer faschistischen Kinderwiege. Ein sich lautstark empörender Mann mit vielen Plastiktüten und einem Rauschebart. Ganz außer sich. Ich denke dann, diese armen Irren, sie tragen eine große Last, zu groß, als dass sie sie schultern könnten. Und doch sprechen sie die Wahrheit. Schreien ihre Wahrheit in die Welt hinaus.

Einige Tage nachdem ich das Buch von Swetlana Alexijewitsch anfange, lautet der Spruch auf meinem Yogi-Teebeutel:

Vergib dem Vergangenen, erleb‘ einen wunderschönen Morgen.

Wenn das nur so einfach wäre. Er klingt nach Heilverheißung und Glück: alte Wunden heilen lassen, die Seiten miteinander versöhnen. Wie kann das gelingen, wenn der Riss mitten durch einen durch geht?

Aber ich schließe für heute mit einer versöhnlichen Geschichte:
Vaters Familie hat die beiden Hungerwinter 1946/1947 unter Kommandotur verbracht. In der sibirischen Verbannung, mit nichts als den eigenen Kleidern am Leib. Einer seiner Brüder war damals sieben oder acht und ging in die erste Klasse einer Schule, die auch russische Schüler besuchten.

Der kleine Deutsche hat sich mit einem russischen Kind angefreundet, dem Sohn eines Bäckers. Und dieser Bäcker hat seinem Sohn jeden Tag einen Laib Brot mitgegeben für seinen deutschen Freund. Die anderen Geschwister haben nach der Schule ungeduldig auf den kleinen Bruder gewartet und dieses Brot wie eine Trophäe nach Hause getragen. Abwechselnd. Diese Geste eines Unbekannten hat sie gerettet.

Auch solche Zeichen der Versöhnung hat es gegeben. Es sind diese kleine Geschichten, die sich wie Nähte über die klaffenden Wunden legen. Wie wacklige Bretter über den reißenden Fluss aus Hass und Gewalt.

Wir brauchen mehr davon.

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