Tagesnachdichtung 5. März – Max Schatz

„In letzter Zeit habe ich etliche Texte russischer Rocksongs (70er Jahre bis heute) nachgedichtet. Mögen mir die Autoren meine freien Übersetzungen verzeihen, denn ich ergänze sie oft mit eigenen Gedanken …“
Max Schatz

Aus seiner Sammlung heute: DDT, lyrics: Juri Schewtschuk, eins-am
(ДДТ – Единочество), veröffentlicht 2002

Gruppe DDT mit Frontmann Juri Schewtschuk

eins-am

wenn du eins=einsam bist
in der einigkeit=einsamkeit
blitzender schatten im
erstarrten wald inmitten von
stein & eis. wenn der mond
die milchhaut erfrorener birken
erkriecht. wenn du bis zum
hals in der schlafenden welt
versinkst & statt des plektrums
ein abbrechklingenstück über
die saiten einer lyra fährt. und
du siehst tote stimmen im
fichtenhaine man kann sie
nicht dissimilieren sie klirren
braun wie trockene rohrkolben.
wenn am fernen ufer struppigen
hunden gleich die dorflichter
den himmelsbogen trist anheulen.
in solchen nächten fließen die
toten im see zusammen. alle
gefallenen getöteten blinden
pilgern die dunkelheit & nicht
ausgesegnete asche tastend.
alle vergessenen. wenn dein
teleskop im weltraum zerbricht.
wenn der mond alles getue in
einem einzigen einheitlichen
raum vereinend aufs eis legt den
rohstoff der unbeständigkeit
& im hof hängende wäsche.
wenn du
endlos einsam
allein
allein
krieg spielst
so leise.
beginne ich zu begreifen
dass meine zeit dem wahne
gleicht. was suche ich in
meinem leben? was habe
ich darin verloren? niemand
hat mich darein gerufen.
spuren als wörter im schnee
reimen sich geistlos. diese
gleichungen werden nie den
mond konstruieren einen
neuen menschen erschaffen.
und trotzdem bin ich eins
mit diesen kranken wolken
dem pockigen mond dem
sehnigen wald dem see &
den toten

Und so hört es sich im Original an:

Hier ein Konzertmitschnitt zu diesem Song von 2003: