Aus der Tiefe

Es liegen Worte auf dem Grund. Pro Mensch ein Satz oder zwei. Wie im tiefen Wasser liegen sie, die meiste Zeit bleiben sie unerkannt. Sie sind vergraben im Sand oder Schlick. Doch es kann passieren, dass etwas sie nach oben schwemmt, etwas Aufwühlendes, das die Oberfläche berührt und tiefer geht. Dann werden sie aufgewirbelt, steigen in Spiralen hoch und kommen ans Licht.

Neulich war ich dabei, wie so ein Satz empor kam. Wir saßen mit meiner Tante am Tisch, redeten von früher und sie sagte plötzlich zu uns: Ich habe nie eine Kindheit gehabt.

Und aus ihren Augen sprach ein acht Jahre altes Mädchen.

Mit acht, als ihre Mutter starb, musste sie mit einem Schlag erwachsen werden. Von der ersten Minute an wurde sie zu den Tätigkeiten herangezogen, die erwachsene Frauen in einem Haushalt üblicherweise verrichten. Bei der Stiefmutter sollte sie für neun Leute kochen, putzen, Wäsche waschen, natürlich mit der Hand. Auch die mit Maschinenöl verschmutzten Lappen auswaschen, die der Vater von der Arbeit mitbrachte.

„Und stopfen. Man war ja arm, da konnte man nicht immer alles neu kaufen,“ erzählte sie. Alles wurde ausgebessert und gestopft. Socken, Bettwäsche, Hemden, Kleider. Alles. Und so saß sie da.
Einmal durfte sie sogar nicht zu der Beerdigung eines Schulfreundes raus, der im Schwimmbad ertrunken war. Ssenjka Antonow, einer der Zwillinge, war tot und sie musste zuhause sitzen und stopfen.

„Sobald ich erwachsen war, habe ich nie wieder auch nur eine Socke gestopft,“ erzählte sie weiter. „Ich schmeiß die Sachen alle gleich weg, wenn sie kaputt sind.“

Ich habe nie eine Kindheit gehabt – ist so ein Satz aus der Tiefe. Wie ein Faden durchdringt er alle Lebenslagen, zieht sich durch die Stoffe und Muster, die das Leben bereithält. Stört die Farbgebung, lenkt vom Eigentlichen ab, durchsetzt alles. Überschattet die glücklichsten Momente.

Zwei andere Sätze, die unten verborgen lagen: niemand will uns haben, wir gehören nirgends hin. Zwei Satzhälften, durch ein Komma getrennt. Auch so ein Rhythmus, der alles übertönt. Der als kaum wahrnehmbarer, aber durchdringender Tinnitus immer im Ohr mitschwingt.

Es sind die Sätze meines Vaters.

Ich sah ihn, einen erwachsenen Mann, auf einmal aufschluchzen. Er las gerade einen Text des Dichters Alexander Schmidt, in dem es um Heimat und Verlust ging, in dem der Protagonist in die jetzt fremde Heimat zurückgefahren ist. Der Autor schreibt im letzten Absatz: Selig sind die Vertriebenen…, die alles verlieren, die Heimat, das Haus, die Gräber der Ahnen. […]Nur eins bleibt, Großmutters Gebet. Nur ein Wort.

Darüber wimmerte mein Vater laut auf, schüttelte sich und brachte die Sätze heraus: Wir gehören nirgends hin, niemand will uns haben.

Er wurde wieder zu dem kleinen Jungen, der von überall weg musste, für den es kein Ankommen gab, gefühlt bis heute nicht gibt. Wir gehören nirgends hin, schluchzte der, der fast 16 Mal so alt war, wie der kleine Junge von damals und wischte sich die Träne aus dem Augenwinkel. Mit der Geste eines Kindes.

Was ist wohl mein Satz? Was liegt bei mir auf dem Grund?

 

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Blütengestöber

In Großvaters Garten standen mehrere Kirschbäume, auf die wir Kinder im Sommer klettern durften und uns erst mal selbst die Bäuche vollschlagen, bevor wir einige Handvoll Früchte für den Rest Familie gepflückt haben. Ganze Nachmittage hingen wir in den Bäumen und wenn uns die Lust vergangen war, gingen wir in Opas Holzwerkstatt und bauten aus Resten kleine Segelboote, die wir in den Aryks schwimmen ließen, den eingefassten Kanälen, die in den Dörfern Kasachstans neben jedem Haus entlang fließen.

Der Großvater hatte für alles einen Vergleich parat gehabt. Irgendeine Parabel, in die er die Realität verpackte, so dass ihre Spitzen nicht so deutlich hervorstachen.

Er konnte sich im Mai den blühenden Kirschbaum anschauen und sagen, „Glaub gar nicht, dass sich aus jeder Blüte eine Kirsche entwickelt. Zu Hunderten hängen sie auf den Zweigen, aber Regen oder Wind reißen die Blütenblätter oft vorzeitig ab. Dann liegen sie nass und zerdrückt auf dem feuchten Boden. Aus der, die bis zum Schluss ausharrt, die Wind und Wetter verschont haben, wird eine Frucht. Die hat dann Glück gehabt.“

„Oder auch nicht, Opa, wenn die doch gegessen wird?“

„Ja, das ist wahr, sie wird von uns und den Vögeln verspeist und hat dann ihre Bestimmung erreicht. Aber die anderen, die drumherum sind, die vorzeitig zerstört werden, vom Wind vom Regen, die sind da, um sie zu schützen, sie bilden einen Schutzschild. Verstehst du, dann haben sie auch nicht umsonst am Baum gehangen. Ihre Bestimmung ist, die eine zu beschützen. Der Wind schafft es vielleicht, vier Blüten zu zerrupfen aber an die fünfte kommt er nicht ran.“

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Nach einer Windbrise, leicht zerrupft.

Das konnte ein langer Vortrag werden, ich kannte das schon. Und sicher kam er am Ende mit: so wie diese Kirschen sind auch wir Menschen, weißt du Grashalm. Nur dass er mich natürlich nie Grashalm nannte, sondern Olenka. Oder Olja. Seine erste Enkelin nach neun Jungs.

„Das ist doch seltsam, dass man die vielen braucht, damit diese eine gedeihen kann,“ fuhr er fort und machte ein neues Loch in einen Ledergürtel oder baute einen Verschluss aus Draht oder oder beulte einen Metallbecher fürs Händewaschen aus. Immer hatte er was zum Reparieren in der Hand. „Und sie selbst, die anderen, fallen. Die zarten Blütenblätter rieseln herab und das, was eine Frucht hätte werden können, verdorrt. Bleibt fruchtlos. Sie wird erst gar nicht bestäubt, von den fliegenden Insekten, den Bienen und Schmetterlingen. Wenn ich ein Wissenschaftler wäre, so würde ich mich den ganzen Tag mit solchen Fragen beschäftigen. Wie viele Blüten müssen abgehen, damit du eine einzige Kirsche bekommst?“

„Na, hast du doch gesagt, vier auf eine, oder so.“

„Die Rechnung ist nicht immer so einfach. Es gibt ja auch Jahre mit besonders reicher Kirschernte, so wie es Apfeljahre oder Kartoffeljahre gibt. Letztes Jahr zum Beispiel gab es viele Äpfel, aber wenig Kirschen. Vielleicht ist es so, dass genau in der empfindsamen Zeit der Blüte es weder starken Regen noch Wind geben darf. Und in diesem Klima wachsen ganz viele zur Fruchtreife heran und. Müssen nicht zerknickt auf dem Boden liegen. Und wenn die Sonne sie zum Reifen bringt, füllen sich die Früchte mit süßen Säften. Werden besonders gut. Verstehst du, was ich sagen will?“

Damals habe ich sicher genickt, aber verstanden habe ich es nicht. Vielleicht spielte er auf den Zusammenhalt der Familie an, dass sich die einen für die anderen aufopfern. Oder er wollte erklären, warum er nicht Wissenschaftler, sondern Automechaniker geworden ist. Eine der Blüten, die es nicht zur Reife gebracht hat, dass äußere Unbilde seine Entwicklung verhindern können. Was ist unser Wind und Sturm? Bei Großvater war es sicher der Krieg. Er wollte damit vielleicht das Unerklärliche erklären, wie tausende und abertausende vom Weg abkamen oder sogar den Tod fanden.

Weiße und rosa Blütenblätter, hingeworfen auf dunkler Erde. Aber dann will ich diesen Vergleich nicht. Denn die Stürme, die Stalin und Hitler und ihre Koalitionspartner und Kontrahenten über die halbe Welt haben fegen lassen, kann man nicht mit einem Frühlingsgewitter gleichsetzen.

Doch der Großvater liebte solche Gleichnisse und suchte und fand sie überall. Wir sind wie diese Blüten. Wir sind wie die Sonnenblumenkerne in der Pfanne. Wir sind wie die Zugvögel. Wie die Holzboote in einem Aryk.

Auch heute, mehr als dreißig Jahre nach diesem Gespräch, steht ein Kirschbaum hinter unserem Haus. Es ist nicht genau unser Haus und auch nicht unser Baum, er steht auch nicht in unserem, sondern im Garten der Nachbarn, aber er ist hoch und ragt mit seinen obersten Zweigen fast an die dritte Etage heran. Dieser Baum ist sehr alt. In manchen Jahren glaubten wir schon, er treibt gar keine Blüten mehr aus, so nah wie er an der schattigen Mauer steht. Außerdem wird er von Efeuranken fast erstickt. Doch dann, im Frühling erwacht er wieder zu neuem Leben und zieht sein weißes Kleid an. Er bringt nicht ganz so viele Kirschen hervor, die die Bäume in Großvaters Garten, aber diejenigen, die es schaffen, werden saftig und rot. Doch leider wuchsen sie bisher weit außerhalb unserer Reichweite. Seit diesem Frühling, durch den monströsen neuen Balkon, den der Vermieter zwecks Steigerung der Wohnqualität hat anbringen lassen, kommen wir fast mit der Hand an sie heran.

Gestern musste ich an den Großvater und seine Geschichten denken. Die mandelförmigen, dunkelgrünen Blätter des Baums waren nach einem Regenschauer wie gesprenkelt. Immer wieder legte sich ein winziges weißes Blatt in eine Windbö und segelte sacht herunter. Dann wieder flirrte eine Meise heran, landete auf einem Zweig und zupfte Blütenblätter mit ihrem Schnabel ab und schmiss sie runter. Vielleicht sind die unreifen noch unentwickelten Knospen für diese Vögel eine Delikatesse.

Es ist seltsam, dass wir nur ein Wort dafür haben. Blatt, Blütenblatt. Dabei sind diese zarten Gebilde überhaupt nicht zu vergleichen mit Zeitungsblättern oder den Blättern der Kreissäge. Ich sehe diesen zarten Tanz und finde keinen passenden Begriff dafür. Vielleicht gibt’s im Japanischen bessere Bezeichnungen. Oh ja, die gibt es!

hanabusa – Blütenkelch, hanabira – Blütenblatt, hana no kushibiru – Blütenlippen, hana no rin – Blütenrund, hana no kumo – Kirschblütenwolken, hana no nishiki – Blütenbrokat. Sie haben ein extra Wort für sacht abfallende Kirschblüten und eine Bezeichnung für umherwirbelnde Blüten. Für Kirschblütengestöber. Und Wellen, auf denen Blüten schwimmen, tauchen auch oft in der Dichtung auf. Als Motiv, nicht als eigenes Wort.

Als Lächeln einer Kirschblüte wird in Japan der Moment bezeichnet, in dem sie sich öffnet. Die dortigen Dichter haben auch die allmählich intensiver werdende Färbung eines Blütenblatts mit einem eigenen Wort bedacht. Das alles hätte Opa sicher gefallen, wenn er das gehört hätte.

Es gibt sogar einen extra Begriff für eine taube Blüte, die keine Frucht trägt – adabana.

War er eine taube Blüte? Nicht zu seiner Bestimmung gelangt. Und bin ich es auch? Eine taube Blüte, frühzeitig vom Baum gerissen und auf einem fremden Ast gelandet? Adabana – klingt dabei so schön. Aber auch sie haben ihren Zweck, diese leeren Kelche, die in alle Winde zerstäubten Blütenblätter. Sie konnten zwar ihren nicht zur Kirsche heranreifen, haben aber durchaus eine poetische Wirkung mit ihrem Dasein erzielt. Oder, laut meinem Großvater, haben die eine Kirschblüte umgeben, die dann zur Reife gelangt ist. Die adabanas haben dem Regen, dem Wind und den Dichtern etwas zum Spielen gegeben, die das weiß-rosa Gestöber, die Blütenfälle ebenso innig besungen haben wie die Blütenpracht und die ausgereiften Kirschen, vielleicht sogar noch mehr. Schönheit und Vergänglichkeit in einem.

Wenn die Kirschen reif sind, werden wir uns einen Obstpflücker ausleihen, einen Teleskopstab mit einem Leinensäckchen daran und einem bezahnten Rand, um die kleinen Kirschköpfe besser von ihren Stängeln zu reißen, dort, wo wir nicht dran kommen. Und vielleicht wirft der alte knorrige und efeuumrankte Baum dort hinten in Nachbars Garten soviel ab, dass wir ein Glas Marmelade kochen können. So wie es auch Großvater mit den Kirschen in seinem Garten in Kasachstan immer gemacht hat. Mit den Kirschen, die wir Kinder ihm übriggelassen haben.

Girls from Omsk

Ich bin in Sibirien aufgewachsen, in Omsk, und habe vor einiger Zeit ein belgisches Mode-Label entdeckt, das sich Girls from Omsk nennt. Tolle klamotten, Indie Rock trifft russische Folklore. In der neuen Kollektion sind auch Kinder Sweater mit einer Baba Jaga Hütte. Für alle, die ich mit meinen transgenerationellen Traumageschichten verschrecke, hier mal etwas zum Aufatmen.

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Heimatgefühle shoppen: GIRLS FROM OMSK aus Belgien

Und abgesehen von dem ganzen Deportationsdebakel, von dem ich als Kind übrigens nichts wusste, es ist nicht das Schlechteste gewesen, in Omsk aufzuwachsen. Ausgenommen vielleicht die nicht so gute Luft aufgrund der Atomfabriken, aber davon wusste ich als Kind auch nicht so viel. Der lange Winter. Gänge durch die Schneeverwehungen graben und mit etwas Wasser übernacht festfrieren lassen. Mit Kindern einfach draußen rumstromern. Und statt Jogurt gabs so eine Quark- oder Frischkäsespeise, die hieß sogar Omitschka. Also Mädchen aus Omsk. Yummie!

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auch ein Mädchen aus Omsk