Realitäts-Check Ukraine

Was habe ich eigentlich erwartet, als ich letzen Freitag zum Abschlussfilm des russisch-deutschen Filmfestes gegangen bin? Vielleicht Klarheit? Es wurde ein Dokumentarfilm zu den Ereignissen in der Ukraine gezeigt und vielleicht habe ich gehofft, endlich zu verstehen, was da los ist.

Denn die bisherige Berichterstattung auf beiden Seiten hat mir nicht grade geholfen, ein klares Bild zu bekommen, es gab emotionale Ausbrüche, widersprüchliche Angaben und unterschiedliche Interessen, die aufeinanderprallten. Ich war verwirrt, wer nun das Bleiberecht hat und wer die Wahrheit sagt. Vielleicht dachte ich, ich setz mich in den Kinosaal und ein gutmeinender Onkel mit einer tiefen Stimme erklärt mir die Zusammenhänge und lässt mich das Geschehen chronologisch nachvollziehen. Eine Mischung aus Sendung mit der Maus und einer guten Nachrichtensendung, nur mit mehr Hintergrundwissen.

Aber so arbeiten die Macher vom realnost.com Kollektiv nicht. Proffessionelle Dokumentarfilmer mischen ihre Aufnahmen mit Beiträgen von Laien, Handyaufnahmen, wackelige, schlecht ausgeleuchtete Filmchen, die von den Leuten gemacht wurden, die mittendrin sind im Geschehen, ohne Abstand und draufhalten. Kommentarlos schneiden sie die verschiedenen Sequenzen nebeneinander, linke, rechte Flügel, Ukrainer, Russen, Kiev, Krim, es ist schwer, die Orientierung zu behalten.

Als erstes tanzt eine fröhlich aufgeregte Stundentenschar durch die Uni und skandiert revolutionäre Parolen, Leninstatuen werden von Sockeln gerissen, es ist eine riesige Party auf dem Maidan, mit Musik. Dann Schnitt.

Bilder einer Polizeimacht, die in ihren Blickdichten Superheldenanzügen mit Stöcken auf die Demonstanten einprügeln. Ende des Flowerpower.

Wieder ein Schnitt. Man sieht nur noch bullige Männer in Camouflageanzügen. Maskierte, Leute mit Fahrradhelmen. Er wird schnell, laut, blutig.

Ab jetzt sind die Kinder, die tanzenden Frauen nicht mehr dabei. Man merkt, wie die Bewegung sich schnell radikalisiert oder von kämpferisch Gesinnten an sich gerissen wird.

Anfangs treten noch vereinzelt Politiker in Erscheinung. Petro Poroschenko, der jetzige amtierende Präsident, vor zwei Jahren noch Wirtschaftsminister, redet beruhigend auf die Menge auf dem Maidan ein, versucht die Gemüter zu beruhigen. „Nimm die Maske vom Gesicht, wenn ich mit dir rede“, sagt er zu einem wütenden Angreifer. Er hat keine Berührungsängste. Zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht.

Bilder, die mich füllen, sprechende Bilder, nur, dass ich die Syntax und die Vokabeln nicht immer begreife. Was ist Berkut? Was ist ein Moskal? Das weiß ich noch nicht. Schnelle Wechsel. Der Orte und der Lager. Aber ich bekomme unvergleichliche Einblicke in die Realität oder die verschiedenen Realitäten dieser zwei Jahre. Uniformierte mit eckigen Gewehren, die Journalisten bedrohen. Offizielle Sprecher mit ihren leeren Parolen. Blut auf beiden Seiten. Junge Leute, die eben noch friedlich demonstrierend, anfangen Pflastersteine aus dem Boden zu reißen und sie Vermummten zu geben. Priester, die diejenigen, die den Präsidentenpalast stürmen, auffordern, sich an der Bar mit Snacks einzudecken. Stärkt euch nur, Kinder. Seltsame Gestalten, die diese Kämpfe hervorbringen, wenn ich jetzt Worte für sie gebrauche, werte ich sie. Ich versuchs. Ein seltsamer Heiliger, ein windiger Typ, der eben noch wachhabenden Omis ihre geklauten Tablets wiederbringt, aber im nächsten Moment das Haus von Lukaschenko stürmt und versucht ein Souvenir zu ergattern, geblendet von all dem Luxus. Letztendlich hat er sich einen goldenen Tannezapfen irgendwoher abgeschraubt und prahlt damit am Telefon vor seinen Freunden, und damit, dass er dem Präsidenten in sein Luxusklo gepinkelt hat. Im Getöse zeigt dieser Film aber auch Momente der Poesie, mitten im wüsten Kampf sitzt ein Mann am Flügel und spielt klassische Musik, er sei von der Gruppe Pianisten für den Maidan. Soldaten mit Bazookas in voller Montur, schaukelnd auf einem Spielplatz auf der Krim. Bunte Metallstäbe der Schaukeln, ein Kontrast. Zeitvertreiben und Warten gehört auch dazu. Eine Oma, die ein Plakat hochhält, wo drauf steht, „Besudelt nicht die Ehre Russlands“, wird ebenso niedergeknüppelt, wie der Mann, der schreibt, „Ich schäme mich, Russe zu sein.“

Und immer wieder ist der Ruf zu hören, Ehre der Ukraine, den Helden Ehre.

Was wir zu sehen bekommen, erstmalig in Deutschland, ist noch Rohmaterial. Gedreht von dem vermutlich einzigen russischen Dokumentarteam, das vor Ort war. Vor zwei Jahren waren sie wegen eines anderen Projekts in Kiev, aber die Ereignisse haben sich so schnell überschlagen, dass sie geblieben sind, um sie filmisch zu begleiten. Und weil diese Gruppe so arbeitet, Material von Anwohnern und Zeugen aufgreift, haben sie viele Aufnahmen zugeschickt, zugesteckt bekommen. Dieser Film ist bloß der erste Teil. Er wurde schon in Kiev gezeigt und ist sehr positiv aufgenommen worden. Am 16. Dezember wird er bei einem Filmfestival in Russland zu sehen sein. Man darf gespannt sein.

Der zweite Teil wird aus Interviews bestehen, und zwar von beiden Seiten, Russen werden ebenso zu Wort kommen, wie Ukrainer.

Nachdem ich diesen Film, zumeist mit weitaufgerissenen Augen und Hand vorm Mund verfolgt habe, bin ich noch immer verwirrt. Nein, nicht ganz, ich habe bloß kein geordnetes Gesamtbild erhalten. Ich habe ins Herz des Chaos geblickt. Aber es gab Momente der Klarheit, ich habe begriffen, dass es bei diesem Konflikt keine richtige Seite, keine ehrenvolle Position geben kann. Wenn also das auch kein klassischer Lehrfilm war, mit erklärenden Bildern, hat er mich doch bewegt. Ich habe nicht begriffen, wer recht hat, aber ein wenig davon, dass dieser alte Konflikt sehr tief greift und nicht mit Pauschallösungen und Parolen von Freiheit gelöst werden kann.

Die Filmer vom Kollektiv realnost.com muten ihren Zuschauern so einiges zu und die Diskussion nach dem Film war denn auch ziemlich hitzig. Es wurden Fragen nach der politischen Ausrichtung gestellt, danach, wer entscheidet, welche Sequenzen in den Film kommen und wie sie geschnitten werden, ein Mangel von Aufnahmen aus der Ostukraine, aus dem Donbas, ist aufgefallen. Tendenziell war der Film aus der Perspektive der Kämpfer auf der ukrainischen Seite eingenommen worden. Aber dass ein russisches Team hingeht und die Ukrainer ohne propagandistisch zu werden bei ihrem Kampf filmt, macht schon einen Unterschied, finde ich.

Wer das Web-Doku Experiment der realnost.com  Gruppe verfolgen möchte, kann das auch auf Facebook und Youtube tun. Dort sind auch einige der Sequenzen zu sehen, leider oft ohne Untertitel…
Hier ein Beispiel:

 

 

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Auf den letzten Drücker – Besuch beim Filmforum

Vorletzter Tag des russisch-deutschen Filmfests im Metropolis Kino und ich habs endlich geschafft. Bin wie eine Wilde gerast, mich mit einer Autofahrerin angelegt, die mir die Vorfahrt abschneiden wollte. Mein Kind hustet und ich musste ihr erst noch die Heiße 3 einflößen und warten, bis die nicht mehr ganz so heiß war. Bin total groggy. Aber jetzt bin ich endlich hier, sogar rechtzeitig vor Filmbeginn. Höre nur russische Satzfetzen um mich herum. Und ein wenig Polnisch auch. Die Musik in der sehr stylischen Bar des Kinos ist aber Dixieland oder irgendwas aus den frühen Jahren des Jazz. Nichts aus dem Ostblock. Obwohl, habe ich nicht mal gehört, in Odessa war Jazz mal ganz groß? Ja, vielleicht hätte ich mir genau diesen Sowjet-Jazz gewünscht. Unten im Foyer sind die Bilder von Dmitrij Leltschuk gehängt. Leider etwas zu hoch für mich kleine Person. Werde sie mir nach dem Film mal genauer ansehen. Es geht um Gastarbeiter in St. Petersburg. Das Wort Gastarbeiter hats übrigens ins Russische geschafft, dort heißen die georgischen oder usbekischen Männer auf dem Bau „гастарбайтэры“. Für morgen habe ich mir vorgenommen, wenigstens den 21-Uhr-Film zu sehen. Dann habe ich einen Spielfilm und eine Doku gesehen. Nächstes Jahr werden wir versuchen, unsere Virenerkrankungen so zu legen, dass wir in der Woche vom Filmfestival verschont bleiben und ich mehr mitbekomme.

kinopoisk.ru
Sasha/Olja oder Olja/Sasha – das doppelte Lottchen auf der Krim

Gern hätte ich auch den Film „Patriotinnen“ von Irina Roerig gesehen, mit der Stimme von Iris Berben als Marina Zwetajewa. Ob der Fim heute der richtige für mich ist? „Wie ist mein Name“ , Regie: Nigina Sajfullaewa. Zwei junge Frauen fahren auf die Krim, um den Vater der einen aufzusuchen, den sie noch nie gesehen hat. Aber kurz vor der Begegnung beschließen sie ihre Rollen zu tauschen und so gibt sich die mitgekommene Freundin als die Tochter Olja aus. Falsche Tochter, wiedergefundener Vater. Und das vor der Kulisse eines eindruckvollen Meeres. Wellenrauschen, Wolkenspiel. Sonne, mediterrane Stimmung, nur die Häuser sehen anders aus, mehr Wellblech und haushohe Zäune und sie reden alle Russisch miteinander. Oder ein paar Brocken Ukrainisch. Und ich spüre, ich wollte doch schon vor Jahren hin, die Sehnsucht steigt auf. Der Film ist von 2014, und ich hätte die Regisseurin gern nach den Begleitumständen des Drehs gefragt, aber es gibt kein Gespräch, diesmal nicht.

Jetzt nach dem Film, ist die Musik lateinamerikanisch, soft und chillig. Wenige Deutsche scheinen unter den Zuschauern zu sein. Anscheinend ist es eine kleine verschworene Gemeinde, die sich hier trifft. Ich kenne keinen. Vielleicht sind darunter auch welche, die Slawistik studieren oder sich für den Nachbarn im Osten interessieren.

Ich schau mir die Bilder der Ausstellung an. Bin beeindruckt. Die Gastarbeitery schuften auf dem Bau, ohne Helm und nur in Badelatschen, ihre Behausungen zusammengeschustert und ärmlich. Ich muss an die polnischen Arbeiter denken, die unser Vermieter hier in Hamburg anheuert und in seinen leerstehenden Wohnungen im Block unterbringt. Mit Etagenbetten. Sechs Mann in einer kleinen Bude.
Ist der Mann mit Bärtchen und Brille der Regisseur des Films, der als nächstes gezeigt wird? Haitarma, ein Drama über die Krim-Tataren. Nein, wohl nicht, er zieht seine Mütze auf und geht. Meine Freundin Anja hatte mal ne Bekannte in Köln, die war Slavistin, ein bißchen kauzig und sehr intelektuell, hat ganz bescheiden gelebt, ohne Kühlschrank, und hat sich von Olivenpaste und Brot ernährt. Sachen, die nicht gekühlt werden müssen. Muss grade an sie denken.

In dem Film eben habe ich nicht alles verstanden. Den Inhalt schon, ich meine eher, bei der Sprache musste ich total aufpassen, die haben so schnell und so nuschelig gesprochen. Ich nehme an, dass früher die Schauspieler, ganz deutlich reden mussten. Sauber und klar, wie im Theater. In modernen deutschen Filmen ist es auch so, die Leute reden undeutlich, das ist authentischer und cooler. Nur fällt mir das nicht auf, weil ich nicht jedes Wort fangen muss um zu verstehen. Und außerdem sind die Protagonistinnen 17/18 Jahre alt und reden so jugendliches Neusprech, das ich nicht kenne. Aber es hat auch Spaß gemacht, zuzuhören und zu erraten. Viele Vokabeln habe ich nicht gelernt, ging zu schnell. Vielleicht noch das Wort „крут“ (krut), weil es ständig vorkam, es bedeutet so etwas wie witzig oder cool. Bockig sagen die Hamburger Schüler dazu. Und noch was, als sie ihrem Vater vorwirft ein Loser zu sein, beschimpft Sasha/Olja ihn als „лох“. Ich wundere mich woher das Wort stammt. Doch nicht etwa aus dem Deutschen? Klingt nach „Loch“. Und wirklich, jemand der versagt, der total abloost kann doch wie ein Loch sein. Ein Nichts in der Landschaft. Schöner, wilder Film, schöne Menschen. Und so heiter, wie die Landschaft wirkt, ist es gar nicht, es geht auch ganz schön ans Eingemachte.

Schreibend fühl ich mich nicht mehr so seltsam fehl am Platz. Das altbekannte Fremdheitsgefühl. Nicht Fisch nicht Fleisch. Nicht russisch, nicht deutsch. Auch wenn mir der Klang der Sprache vertraut ist, die letzen 30 Jahre habe ich wenig mitgekriegt von den Entwicklungen. Nur so sporadisch wie hier bei einem Film, einem Lied, einem Buch.

In einer Gruppe, die sich angeregt unterhält, sehe ich einen Mann stehen, der sieht im Dämmerlicht aus, wie der Businessmän in der österreichischen Miniserie „Die Schlawiener“. Krass, er bewegt sich auch so. (Als ich zuhause nach dem Macher des Dramas „Haitarma“ im Netz suche, stelle ich fest, dass er der Regisseur Achtem Sejtablaew war und doch nicht der mit Bärtchen und Brille.)

Wenn ich verrückt genug wäre, würde ich mir spontan noch eine Karte für diesen Film kaufen, aber ich bin brav und bleibe bis zum Einlass und gehe dann heim. Morgen habe ich noch eine letzte Chance und ich habe mir den Spätfilm ausgesucht. Ich brauch die Kraft noch.

Für ganz kurz entschlossene, hier der Link zum Kinoforum. Heute laufen noch drei Filme, die bestimmt ganz sehenswert sind.

Russische Filme in Hamburg

In dieser Woche (noch bis zum 5.12.2014) läuft im Metropoliskino das 4. Hamburger deutsch-russische Kinoforum. Eine Kaleidoskop aus 22 Filmen, alten wohlvertrauten und neuen mit politischer oder soziokultureller Brisanz, die Schwerpunkte des diesjährigen Festivals sind: Retrospektive von Alexei German (1938-2013), „Ukraine“, „Frauengesicht“, „Große Beute – Festivalhits“, „Dokumentarfilme“. Alle Filme laufen im Originalton mit deutschen oder englischen Untertiteln.

Einer der Filme,„Haitarma“, der am Donnerstag, um 21.15 läuft, handelt von der Geschichte der Krim-Tataren und darf in Russland nicht gezeigt werden. Achtem Sejtablaew, der die Regie bei diesem Film führt, wird als Gast erwartet.

Begleitend zu den bewegten Bildern, zeigt Dimitrij Leltschuk eine Fotoausstellung mit Namen „Gastarbeiter in St. Petersburg“, die sich mit der Lage von Einwandern aus Ländern wie Georgien oder Usbekistan beschäftigt.

Zum Filmprogramm

Metropolis, Theaterstraße 10, beim Gänsemarkt, Eintritt 7 Euro.

Wieder ein Film über Russland

Das Konzert (Originaltitel Le Concert) ist ein französischer Film von Radu Mihăileanu aus dem Jahr 2009 (In Wirklichkeit waren wieder mehrere Länder dran beteiligt: Frankreich, Italien, Rumänien, Belgien und Russland.)

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Hoffen aus eine neue Chance in Paris: geniale Musiker eines Exorchesters

Einige Rezensionen bei Amazon kreiden diesem Film an, der Plot wäre an den Haaren herbeigezogen und die Geschichte voller Klischees und unrealistischen Darstellungen.

Zum einen finde ich die Darstellung sehr realistisch. Die Achtziger Jahre kommen gut durch und auch die Jetzt-Zeit in Moskau. Nach Jahrzehnten affenartiger, überzeichneter Russenmenschen in amerikanischen Filmen, freut es mich, ein wenig von echter russischer Mentalität und Ausdrucksweise in einem Film zu sehen. Besonders wenn man sich den Film in den Originalsprachen Russisch/Französisch angeschaut, wirkt er authentisch. Und unterhaltsam ist er auch. Zum anderen sind die Vorurteile in diesem Streifen mit einem Zwinkern erzählt und gehen nie unter die Gürtellinie.

Irgendwie haben die Russen und die Franzosen diese besondere Verbindung. Immer noch.

Und das der Regisseur ein Rumäne ist, ist ein großer Pluspunkt, so kennt er sich im Ostblock und mit Grenzgängen gut aus.

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Hat für diesen Film Geige gelernt – die französische Schauspielerin Mélanie Laurent

Der Plot ist nicht dokumentarisch. Das gebe ich auch zu, aber es ist auch keine Doku oder ein gut recherchierter Zeitungsartikel. Die Kunst darf sich die Freiheit nehmen, zu überzeichnen und poetisch zu sein. Zu erdichten und verdichten. Kein Zuschauer will und wird sich ansehen, was wirklich geschehen ist mit Künstlern, die ins Gefängnis oder in die Psychiatrie gesteckt wurden, weil sie regimekritisch waren. Keiner will sehen, wie Leben endgültig zerstört wurden ohne eine Wiedergutmachung in einem Théatre de Châtelet. Und was mit den Kindern derer, die in Lagern umgekommen sind geschehen ist. Die Menschen wenden sich gern ab, wenn es darum geht. Die Wahrheit ist unansehnlich und schwer auszuhalten. Da ist es doch wunderbar, wenn ein Autor und ein Regisseur dahingehen und ein Märchen schaffen, in dem das Gut und Böse miteinander spielen, wo durch das verdichtete Gespinst ein Stück Realität durchblitzt. Ich sage einfach Bravo.

Der einzige Kritikpunkt, den ich auch hätte, ist die Darstellung der schacherischen umtriebigen Juden. Sie ist wirklich grenzwertig. Aber wie der Dirigent Filipov in einer Szene sagt, es ging ihm nicht dazu Juden zu verteidigen. Er wollte Musik machen, vollkommene Harmonie und dazu brauchte er seine jüdischen Musiker. Und Vater und Sohn, die beiden Trompeten im Orchester, dass sie so versessen sind, ihre Handys an den Mann zu bringen und zu spät zur Vorstellung kommen, ist sicher geschmacklos und würde in einem deutschen Film nicht geduldet. Aber die Produktion ist je keine deutsche.

Und die anderen Klischees, die neureichen Russen, Le Trou Normand mit seiner Bauchtänzerin, die am Flughafen ausgestellten Pässe, die machen den Film eher witzig und liebenswert. Werden doch die Nationalitäten, die Ausbuchtungen der Menschen auf die Schippe genommen. Und die virtuosen und findigen Synti und Roma kommen doch super weg. Sie sind es, die die Lage retten und das Konzert erst möglich machen. Da werden Klischees sogar kontrakariert, wie man so schön sagt. Aufgehoben.

Als ich den Film zum zweiten Mal alleine und auf OT mit U (Originalton mit Untertiteln) gesehen habe, hat er mich richtig berührt. Ich habe Russland erkannt und ich habe das Schicksal anerkannt, das die junge Frau getroffen hat. Und mich hat berührt, dass sie im selben Jahr Russland verlassen hat wie wir oder einige Monate nach uns. Das Jahr 1980, das so wichtig für mich wurde ist das schicksalhafte Jahr des ersten abgebrochenen Konzerts.

Nemez – ein Kinofilm von Stanislav Güntner

Gesehen gestern im Rahmen des kleinen Fernsehspiels im Zweiten Deutschen Fernsehen.

Ein junger Russlanddeutscher, Dima, lässt sich in Berlin auf kriminelle Machenschaften ein. Er arbeitet für den georgischen Kunstdieb Georgij, der ihm den Spitznamen „Nemez“ gibt. Dima wird erwischt und landet im Gefängnis. Wieder draußen, verliebt er sich in die Kunststudentin Nadja (nur der Name ist russisch) und sucht einen Weg mit der Vergangenheit als Kunstdieb abzuschließen, die ihn immer wieder einholt.

Wir erfahren, dass er den Einbruch nur mitgemacht hat, um seinem Vater, der Geologe ist und in Berlin als Taxifahrer arbeitet, das nötige Startkapital zu beschaffen, damit er ein eigenes Taxiunternehmen gründen kann. Doch der hat eh andere Pläne, er will zurück nach Russland, will wieder in seinem Beruf arbeiten.

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© Filmschaft Maas & Füllmich und Nominal Film

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist der erste Film, den ich gesehen habe, in dem ein Russlanddeutscher die Hauptrolle spielt. Seine Herkunft und seine Konflikte werden leise und unaufdringlich thematisiert. Ich habe dennoch vieles wiedererkannt. Die Coolnes der Jungs, wie die Mutter ihm noch mehr auf den Teller tut. Pelmeni essen. Auch die Idee mit der Gefrierkammer. Schön.

Vielleicht kommt er so echt rüber, gerade weil der Film mit echten Russlanddeutschen, also (zum Teil) mit Laienschauspielern besetzt ist. Aber das sorgt auf jeden Fall für die nötige Authentizität. Man merkt, dass Regie und Drehbuch nicht von Leuten stammen, die die russische Seele nur aus Konsalikverfilmungen kennen und deutsche Schauspieler als Klischeerussen auftreten lassen, die mit einem aufgesetzten Akzent grammatikalisch korrekte aber typisch deutsche Sätze drechseln.

Für meinen Geschmack ist Dimas Grund, kriminell zu werden,  nämlich um das Leiden des Vaters zu beenden, einen Tick zu altruistisch.
Dennoch. Starke Bilder. Wie Dima sich an die Glocke hängt, das Motiv der Leiter, die durch den ganzen Film zieht. Starker Auftritt der beiden Hauptdarsteller.

Meine Mutter, die ebenfalls lange wachgeblieben ist, um ihn zu sehen, ist hellauf begeistert. Wie gut sie gespielt haben, Dima und Nadja auch. Sie erzählte mir am Telefon, nicht nur für deine Generation, für Leute meines Alters hat er auch was zu sagen, der Film. Für die Älteren. Da sieht man ja, wie stark die Kinder mit den Geschichten von den Eltern verwickelt sind.

Schade, dass ich nicht rechtzeitig gelesen hab, dass man über Twitter mit dem Regisseur Kontakt aufnehmen kann. Ich hätt ihn so einiges fragen können. Zum Beispiel wenn der Georgier Dima Nemez nennt, also Deutscher in Anlehnung an seine Herkunft, was ist mit den anderen Jungs, die er für seine Diebereien einspannt. Sind die denn keine Russlanddeutschen? Aber unwichtig. Spitznamen haben ihre eigenen Gesetze.

Was mich irritiert ist, dass die Mutter bei ihrem Sohn bleibt und den Mann ziehen lässt.

Ein russlanddeutsches Märchen. Ein edler Junge, gute Anlagen, der abgerutscht ist und seinen Weg sucht. Ich hätte dem Film vermutlich ein böseres Ende verpasst. Aber Dima kommt ja auch nicht ganz mit heiler Haut davon.

Das Aufbleiben hat sich gelohnt. Auch wenn ich es schade finde, dass dieser Film nicht um viertel nach acht läuft, außer auf einem Spartensender, den ich nicht reinbekomme.

Und auf ARD wurde fast zeitgleich eine Doku zum Thema Deutsche in Polen gezeigt. Sicherlich reiner Zufall. Die Programmdirektoren haben sich wohl kaum abgesprochen und gesagt, nun machen wir mal nen Vertriebenen/Aussiedler-Abend.

Nein, ich will mich nicht beschweren. Super.

mehr Infos

http://www.nemez-film.de/trailer.html