Eine Geschichte in drei Koffern

Ich packe meinen Koffer und lege hinein… drei Elefanten, eine Murmel, einen Sonnenschirm, die Stadt Wien, ….mit diesem Spiel vertreiben wir uns die Zeit auf langen Autofahrten.

Eigentlich hasse ich es, Koffer zu packen, mich überkommt jedes Mal eine regelrechte Panik, wenn ich es tun muss. Und doch kann die Geschichte meiner Familie anhand von drei Koffern erzählt werden. Einem Koffer mit Gewitterwolken über der Bucht von Riga, einem mit Unterhemden aus einem geplünderten Laden und einem, der randvoll gefüllt ist mit blassen Gesichtern aus Celluloid.

Der erste Koffer war ein hübsches Modell aus braunem Leder und gehörte Nina, die im letzten Krieg aus Lettland fliehen musste.

Sie packte ihren Koffer und legte hinein… ihr Tauftuch mit einigen getrockneten Tropfen aus dem Weihwasserbecken, eine Bluse zum Wechseln, einige alte Fotos. Keine drei Elefanten, und auch nicht die Stadt Wien, sondern die Ostseestadt Riga. Denn zwischen den Falten ihrer Bluse hatte sich etwas davon festgesetzt, der Geruch nach Trockenfisch und feinem Metallstaub. Die Rufe der Hafenarbeiter, das Bimmeln der Straßenbahn. Auf einer gemalten Miniatur, die sie ganz unten verstaut hatte, quollen dichte Gewitterwolken über der Bucht und der Petrikirche.

Als sie aus dem Haus trat, lag der Koffer seltsam leicht in ihrer Hand. Glatt und neu sah er aus, mit seinen glänzenden Metallecken. Nur ein einziges Buch hatte sie dabei, ein Lyrikbändchen von Rudolf Blaumann, der als Begründer der lettischen Literatur Rūdolfs Blaumanis genannt wurde.

Reisen mit leichtem Gepäck – nicht alle können das.

Irgendwann, viel später, als dieser Koffer über zwei Dutzend Bücher enthalten wird – ein Koffer voller Literatur – werden seine Flanken abgeschabt und fleckig aussehen und eine der Metallecken wird fehlen. Doch als Nina ihr Haus an der Valnu iela verlässt, ist seine Oberfläche makellos. Sie wird es schaffen, gemeinsam mit anderen, die den zahlreichen Trecks folgen. Sie wird mit ihrem kleinen Lederkoffer heil in Friedland ankommen, dem Aufnahmelager für Vertriebene aus dem Osten. Viel später wird sie sich von einem Maler in Öl porträtieren lassen, einen Buchhändler heiraten, Söhne in die Welt setzen und das braune Köfferchen mit Büchern füllen. Als Begrüßungsgeschenk für andere, die aus dem Osten anreisen. Für uns.

Doch zunächst kommt ein anderer Koffer ins Spiel. Ein blauer Pappkoffer aus der Stadt Dahme in Brandenburg.
In den letzten Tagen vor Kriegsende wurden zwei kleine Flüchtlingsjungen aus der Ukraine, einer davon mein Vater, Zeugen einer Plünderung. Eigentlich durften sie nicht aus dem Haus, wenn Bomben fielen. Die Mutter hatte es strengstens verboten. Doch die Gelegenheit war günstig und die Tiefflieger schon hinter dem Wald verschwunden. Es rauchte nur noch leicht aus den Kratern und den oberen Stockwerken.
Sie liefen über die Straße zu dem Laden mit dem zerbrochenen Schaufenster, darüber hing, halb abgerissen, das Schild „Herrenbekleidung“. Heiner, der ältere Bruder, schnappte sich einen Riesenkoffer und beide fingen an, wahllos Sachen hineinzustopfen.

Sie packten ihren Koffer und legten hinein … Hüte und Sockenhalter, Hosen und Jacken und einen ganzen Haufen gerippter Unterhemden. Was machte es schon, dass da Symbole der Wehrmacht draufgenäht waren? Die beiden Jungen achteten bloß darauf, dass keiner ihnen die Beute wegschnappte.

Kurze Zeit später haben sie die Stadt an der Dahme wieder verlassen, denn sie sollten repatriiert werden. Soldaten der Roten Armee verfrachteten die Brüder mit ihrer Mutter, zusammen mit den anderen Volksdeutschen in Züge, die in Richtung Osten fuhren. Der Vater der Familie, mein Großvater, war noch in Kriegsgefangenschaft. Erst viele Monate später würden sich ihre Wege wieder kreuzen. Irgendwo in Sibirien.

Als sie in die Waggons gestoßen wurden, dicht an dicht, klammerte sich mein fünfjähriger Vater an das blaue Gepäckstück, als ginge es um sein Leben. Er legte sich auch zum Schlafen darauf, seine Hand fest um den Griff gekrallt. Beide waren nicht länger als einen Meter – der Koffer und das Kind.

Später, in der Sondersiedlung, sollte die Beute aus dem Laden ihre Rettung werden. Ein Filzhut mit Feder, eingetauscht gegen ein halbes Dutzend Eier. Ein kariertes Jackett gegen einen Laib Brot. Und nachts saß die Mutter beim Schein der Kerosinlampe und trennte die verräterischen Aufnäher von den Hemden ab. Die abgelösten Zeichen zischten im Ofen und brannten so langsam, dass die Brüder Angst bekamen, jemand könnte sie erwischen. Doch sie hatten Glück, und nach zwei Jahren war alles in Nahrung umgewandelt, bis auf den letzten Faden. Der Koffer wurde von Behausung zu Behausung mitgeschleppt, auch als die Kommandaturaufsicht aufgehoben wurde und die Mutter starb. Als der Koffer in seine Einzelteile zerfiel, warf mein Großvater das alte Pappding einfach weg.

Der Koffer Nummer drei legte wieder dieselbe Strecke in umgekehrter Richtung zurück – von Ost nach West..

An Lenins 110. Geburtstag waren wir in Moskau zwischengelandet, um in ein Flugzeug nach Frankfurt umzusteigen. Frankfurt/BRD. Wir waren zu viert und reisten mit leichtem Gepäck. Alles andere wurde vor der Abreise veräußert, meistens verschenkt. Im Westen könnt ihr eh nichts mit diesem Barachlo, diesem sowjetischen Ramsch anfangen, hatte man uns gesagt.

So packten wir unseren Koffer und legten hinein – unser ganzes Leben. Ach was, mehrere Leben. Denn der handliche Koffer sowjetischer Fabrikation war bis zum Rand gefüllt mit Familienfotos.

Auf einem stehe ich am Schulportal mit weißer Schürze und Blumen für die Lehrerin. Ein anderes Bild zeigt meine mehlbestäubte, lachende Mutter in der Sommerküche beim Ausrollen von Teig für Manty. Auf einer fast verblassten Aufnahme sitzt Großvater auf einem Pferdekarren vor einer Baracke der Sondersiedlung. Hunderte von Babyfotos, Gruppenbildern, Hochzeiten, Geburtstagen, Beerdigungen, fast ein Jahrhundert der Fotografie. Die älteste Aufnahme ist von 1907 und zeigt drei ernste Damen vor einer gemalten Landschaft, die Taillen von breiten schwarzen Gürteln gehalten. Alle Fotos sind schwarzweiß, auch die aus der jüngeren Zeit. Viele hat mein Vater in seiner mobilen Dunkelkammer selbst vergrößert.

Die Taillen mit breiten schwarzen Gürteln gehalten.

Und ebendieser Koffer war bei der Landung in Frankfurt verschollen. Einfach weg. Es hieß, er wäre aus Versehen in Moskau geblieben und könne erst später nachgeschickt werden. So, als hätten sich die Geister derjenigen, die auf den Bildern abgelichtet waren, vom Fotokarton gelöst, weil sie noch etwas in Russland zu erledigen gehabt hätten. Vielleicht sind sie ins Mausoleum geglitten, an den Wachen vorbei zu der Leiche des Mannes, dessen Geburtstag draußen nicht mehr ganz so frenetisch wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren abgefeiert wurde. Sie dachten auch an den mächtigen Schnurrbart des anderen, der so viele Tote auf dem Gewissen hatte und dessen eigener Tod 1953 kollektiv beweint werden musste. Diese beiden Politgiganten hatten ihnen also soviel Verdruss bereitet. Die Geister meiner Vorfahren betrachteten die Wollmäuse in den stillen Ecken des Mausoleums und brachen in ein stimmloses Gelächter aus.

Noch lieber hätte ich es gesehen, wenn sie mit dem Gepäck versehentlich in ein anderes Flugzeug gekommen wären und endlich die weite Welt gesehen hätten. Oder wenigstens Paris.

Am unserem letzten Tag im Aufnahmelager bekamen wir den Koffer fast vollständig zurück. Von den Gesichtern auf den Fotos fehlte kein einziges. Lediglich das schwere Kruzifix aus dunklem Holz, das mein Vater einst selbst geschnitzt hatte, blieb verschwunden.

Zwanzig Jahre später waren die Bilder sicher in Alben und Kisten verwahrt, doch der Koffer wurde entsorgt, als der Keller ausgeräumt werden musste.

Den anderen kleinen Lederkoffer, den aus Riga, der mit Büchern gefüllt war, hatte ich fast vergessen. Irgendwann fiel mir ein Büchlein in die Hände, auf dessen Vorsatzblatt ein Name auf kyrillisch geschrieben war. Нина. Nina.

Nina hatte den Koffer mitgebracht, als unsere gesenkten Blicke noch voller Staunen über die Wunder der westlichen Zivilisation waren und unsere Klamotten von der Sammelstelle des roten Kreuzes. Sie kam uns mit ihrem Mann besuchen und hatte die Dichter im Gepäck. Vergilbte Bändchen von längst vergessenen Romreisen im Schnee, Gedichte über weiche Auen und Märchen von kaltherzigen Riesen, die ihre Gärten lieber für sich behalten wollten.

So kam es, dass ich Orwells Science-Fiction-Roman noch vor 1984 las und mir die schillernde Attitüde eines Oscar Wilde vertrauter vorkam als das Leben der Kleinstädter, die uns umgaben. Auch russische Klassiker waren dabei. „Die toten Seelen“, „Die Brüder Karamasow“, oft angefangen und wieder beiseite gelegt. Irgendwann habe ich den Koffer mit dem notdürftig geklebtem Griff fast vollständig ausgelesen. Seite für Seite habe ich den Inhalt in Nahrung umgewandelt. So wie meine Großmutter die Wehrmachtsunterhemden in Eier und Brot.

Doch die hohe Kunst, das ganze Leben in einen Koffer zu packen, beherrsche ich immer noch nicht. Mich überkommt immer noch diese Panik, wenn ich packen muss. Meist nehme ich für drei Tage so viel mit wie andere für drei Wochen. Ob es anderen Menschen mit einem Deportations-Hintergrund auch so geht?

Ich packe meinen Koffer und lege hinein… ein geripptes Unterhemd mit dem Abzeichen eines verlorenen Krieges, eine verblasste Aufnahme mit weißgezackten Rändern, den Kieferngeruch der Rigaer Bucht, einige Zeilen aus Dorian Gray und die Vorstellung von einem schlafenden Jungen auf einem Koffer aus blauer Pappe.

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Der angebrochene Tag

Heute hat ihr Traum dort aufgehört, wo er am spannendsten war. Bevor er ganz entschwindet, schmeckt Olga ihn noch einmal nach, holt die letzten Bilder hervor, versucht den Nebelschleier niederzureißen, um sich zu erinnern. Da war doch. Aber er greift nicht, der Traum, kommt nicht an gegen diese Mauer aus schwerer Schlacke, durch die sie durchwaten muss.

Halb fünf Uhr morgens, die Wolfsstunde ist eigentlich schon vorbei. Seit Tagen, seit Wochen ist das die übliche Zeit. Da wacht sie immer auf. Manchmal schafft sie es nach einer Stunde wieder einzuschlafen, doch oft wird das Kopfkino sofort wieder angeknipst und sie liegt da, bis zum Weckerklingeln und ihre Gedanken kreisen, ziehen sie herab in die Tiefe. Auch heute ist das Grundgefühl ein dunkles, als hätte sie etwas versäumt, etwas unerledigt gelassen, das aber wichtig wäre. Elementar. Und sie weiß nicht was. Sie kommt nicht drauf. Schuld, Schuld, Schuld, die sich einhämmert in ihren Kopf. Bis sie kaum noch atmen kann, ganz in sich zusammengezogen, verzogen vor lauter schlechtem Gefühl, falsch klingend. Stumm. Was hat sie unterlassen? Was verbrochen? Woher kommt diese Schuld?

Sie kann nicht vor und nicht zurück, wird von Stimmungen niedergedrückt, aufgespießt, wie ein Insekt, das von einem Universalgenie des achtzehnten Jahrhunderts zwecks Artbestimmung in einen kleinen Schaukasten gesteckt wird. Doch sie kann sich nicht unter die Lupe nehmen, kann ihre Angst und ihr feiges Lebensgefühl nicht anschauen, nichts analysieren. Jetzt nicht. Sie muss sich dieser Gefühlsschlacke entledigen, sie abstreifen, um aufzustehen, den Alltag zu mimen. Mit fahrigen Bewegungen durch die Küche wanken wie durch Sirup. Und wehe heute sagt jemand etwas Falsches. Alles ist zuviel, zuviel, zuviel. Der Geist ist noch befasst mit dem Tragen des Nachtalbs, der sich ihr in die Brust krallt. Und ihr die letzte Kraft aussaugt. Schuldig, schuldig, schuldig. Aber worin besteht ihre Schuld? Was hat sie unterlassen, was getan, dass diese Schwere sie so in Beschlag nimmt?

Neulich hat Olga geträumt, sie hätte im Zimmer Mehl verschüttet. Im Traum schnappt sie sich einen Besen und fegt es auf, versucht es, erreicht aber nur, dass es aufsteigt und sich überall verteilt, eine weiße Wolke, wie besessen fegt sie, kehrt den feinen Staub zusammen, die Leute kommen doch gleich, sie muss fertig sein. Aber anstatt dass der Boden sauber wird, verwischt sie alles nur. Immer noch Traum, ihre Mutter kommt zur Tür, sagt etwas auf Russisch, sie versteht nur das Wort „мука“ (muka) also Mehl. Mehl, was sonst. Als Olga aufwacht wird ihr bewusst, dass das Wort noch eine andere Bedeutung hat: „му́ка“, auf der ersten statt auf der letzten Silbe betont, heißt Leiden, Qual im Sinne von мучения (mutschenjia). Und мучить (mutschitj) bedeutet leiden, sich selber quälen oder andere. Die Syntax der Träume ist schon seltsam, und dass diese beiden in ihrem Traum ein Wortpaar bilden, einen fast eineiigen Zwilling; мукá – му́ка, unglaublich, geradezu freudianisch.

Was wollte die Mutter in ihrem Traum sagen? Hör auf, dich zu quälen? Feg die Qual einfach beiseite. Einfach aufhören damit. Das wärs. Wenn sie es schaffen könnte, ihre Aufmerksamkeit von den Dingen abzuziehen, die sie niederdrücken. Aber das ist eine Kunst. Und wer schon den Weg der Selbstzerfleischung eingeschlagen hat, kommt davon nicht so leicht los. Erkenne dich selbst, steht auf einer Stehle in Delphi eingraviert. Da steht nicht seit tausenden von Jahren, zermarter dein Hirn, finde raus, warum dich etwas fertig macht. Aber vielleicht muss sie erst durch Tonnen von Mehl-Qual waten, um zur Leichtigkeit zu gelangen, zu dem guten Leben? In ihrem Traum verschwimmt beides ineinander. Mehl – Qual. Sie quält sich. Oder sie kehrt das Leid zusammen wie verschüttetes Mehl. Das eigene oder das anderer Leute. Sie will den Raum von all der Qual befreien. Aber wie?

Halb fünf, wie immer. Tagesanbruch. Und was soll sie mit dem angebrochenen Tag anfangen? Nicht mehr heil und geheimnisvoll, nicht glänzend verpackt in Alufolie, sondern an der einen Ecke angebissen. So liegt sie wach und hat Angst, das Falsche zu tun. Stets das Falsche getan zu haben. Aber was wäre denn das Richtige? Nach drüben fahren in ein ihr unbekanntes Land, tausende von Kilometer entfernt und das Grab der Großmutter öffnen lassen? Nach der kleinen flachen Metallkiste suchen, die in der Erde versteckt ist. Die Großmutter vor ihrem Tod bestimmt, dass alles mit ihr begraben wird. Alle Fotos, die Briefe, die Erinnerung. Das war ihr letzter Wille. Wovor hatte sie so große Angst gehabt? Wollte sie nicht, dass bestimmte Dinge durchsickern, die der Familie schaden? Was würde sie finden in dem luftdicht verpackten Kasten? Fotos mit SS-Abzeichen am Hemd? Ein Brief aus dem Westen? Verhängnisvolle Klagen gegen die Sowjetregierung? Eine Schimpftirade gegen Stalin? Wohl kaum. Die Großmutter ahnte ja nicht, dass das alles einmal ungefährlich werden sollte, nur eine Gefahr für die Seele nicht für den Leib. Aber warum hat sie nicht alles einfach verbrannt? Wie der Großvater, der Jahre später, vor seiner Ausreise, alles vom Dachboden in den Garten hat bringen lassen und alles dem Feuer übergeben hat. Hefte, Zeichnungen, Bilder, Fotos. Vielleicht sogar noch verbliebene Dokumente. Und auch der Koffer musste dran glauben, der große Pappkoffer mit den Metallecken, mitgebracht aus dem großdeutschen Reich, ein Opfer der Flammen. Der Koffer. Als der Krieg vorbei war und die russische Armee vorrückte, haben Olgas Vater und sein achtjähriger Bruder Heiner beobachtet, wie das Volk die Geschäfte plündert. Alle sind in die Läden gerannt, um schnell noch das, was noch brauchbar war, an sich zu reißen. Der Mai 1945 war eine Zeit, als alle Gesetze außer Kraft gehoben waren. Auch in Dahme, dem kleinen Städtchen irgendwo im Osten der Republik, in dem sie kurze Monate verbracht haben. Und der kleine Georg und sein Bruder Heiner stürmen also ein Kleidergeschäft, schnappen sich einen Riesenkoffer und füllen ihn mit Hüten und Socken, mit Kleidern und Röcken, mit Hosen und Jacken. Mit diesen typischen Ledershorts, die in Russland niemand trug. Nur die Deutschen. Während der Vertreibung in den Osten, in den Ural und später in der sibirischen Sondersiedlung am Salzsee hat sie dieser Koffer, haben diese Klamotten sie gerettet, davor bewahrt, zu verhungern. Ein Filzhut mit Feder eingetauscht gegen ein Ei. Ein luftiges Sommerkleid gegen einen Leib Brot oder etwas Milch. Denn der Hunger ist jetzt, aber irgendwann wird die schlimme Zeit vorbeigehen und dann braucht man wieder was Schönes, was fürs Auge. Irgendwann wird das zivile Leben weitergehen. Damit der gestohlene Koffer ihnen nicht ihrerseits gestohlen wurde, schlief ihr Vater immer darauf, die ganze Reise hindurch. Er klammerte sich an dieses Stück Deutschland wie an sein Leben. Ein fünfjähriger Knirps schlafend auf einem Koffer. Sicher nicht viel länger als ein Meter lang – das Gepäckstück wie das Kind. In schweren Zeiten werden Kinder nicht sehr groß. Nur ihre Knie werden knubbelig und die Bäuche aufgedunsen.

Sollte sie wirklich noch diesen Monat nach Duschanbe fliegen? Und versuchen, an diese Metallkiste zu kommen? Oder bleibt sie für immer die Frau, die keine Fahrkarte kauft? Die nachts wach liegt und stumm leidet? Als ob eine kleine flache Kiste den Teufelskreis durchbrechen könnte. Lächerlich.

Kurz vor der Reise

reise
eigentlich ganz einfach. und eigentlich schon oft gemacht.

Kurz vor der Abreise. Ich muss packen. Bin ganz unkonzentriert. Mich überfällt dann so was wie eine Lähmung. Was ist wichtig, was nicht. Manchmal kann ich packen. Meistens muss ich diesen Zustand erst überwinden. Ich frage mich, ob es anderen Menschen mit Deportationshintergrund auch so geht.

Ich weiß, es ist nicht Krieg und ich muss nicht fliehen. Ich muss nicht alles zurücklassen außer dem, was ich am Leib trage und was in einen Handkarren passt. Wir kommen übermorgen wieder. Wir wollen nur ans Meer, zelten, mit Freunden!

Aber ich führe mich auf, als gäbe es kein zurück.Wiederholen sich Momente? Muss ich das, was meine Großmutter mehrmals und meine Urgroßmutter mindestens einmal erlebt hat, auch durchspielen? Wenn auch auf einer anderen Ebene? Nicht so abgrundtief die eigene Existenz gefährdend. Abschiede, etwas zurück lassen, ohne Wiederkehr irgendwohin gehen. Vielleicht haben Freunde recht und es ist nur eine Ausrede dafür, dass ich unkonzentriert bin. Aber ich weiß nicht so recht. Ich werde das beobachten.