Out of Karaganda

‚Ritas Leute‘ ist ein Dokuroman der Journalistin Ulla Lachauer von 2002. Karaganda und Kehl sind nur zwei der vielen Stationen der Familie Pauls, die mit dem Strom der Aussiedler nach Deutschland kommen. Die Autorin lernt die Studentin Rita Pauls Anfang der Neunziger kennen und mit ihr eine ihr fremde Welt und ein unbekanntes Stück deutscher Geschichte. Sie beschließt, die Lebenswege der Familie zurückzuverfolgen und darüber einer breiten Öffentlichkeit zu berichten. Lachauer wohnt Familienfesten bei, begleitet Rita, wenn diese als Sängerin auftritt und unterhält sich mit deren Großmutter. Die Journalistin besucht die russlanddeutsche Familie aber nicht nur in Kehl sondern reist mit Rita zu den Orten, die für die Familie von Bedeutung sind, darunter Karaganda in Kasachstan oder das ehemalige deutsche Dorf Lysanderhöh.
beautyful Karaganda at its best

In der ersten Hälfte war ich begeistert von Ulla Lachauers Buch. Es ist gut recherchiert und nah an den Menschen erzählt. Das einzige, was ich ihr vielleicht vorwerfen kann ist, dass sie die Familie Pauls zwar nicht direkt vorführt, aber als befremdliche  Exoten darstellt. Ihr Zugang zu unserem Thema erfolgt aus der Distanz, ist aber nicht despektierlich, dachte ich zunächst.

Und so früh, also schon Mitte der Neuziger hatte sich hier im Westen niemand so richtig für uns interessiert, dann kommt sie und begleitet eine junge Frau aus russlanddeutscher Familie in die verschiedenen Sphären ihrer Familiengeschichte. Nach Kasachstan in die Ukraine, nach Sibirien und auch nach Kanada.

Anfangs gibt es eine kurze Episode über den russischen Begriff Knochen waschen. (Мыть кости/косточки). An einer Stelle sagt Rita, sie war mit einer Freundin unterwegs, sie hätten „Knochen gewaschen“. Das ist eine russische Wendung und bedeutet so etwas wie Lästern, über jemanden herziehen. Im Deutschen gibt es eine ähnliche Redewendung: sich bis auf die Knochen blamieren.

Beim Lesen beschleicht mich der Eindruck, dass es keine echte Dokumentation ist, denn dafür positioniert sich die Autorin zu gern selbst zu den Neuankömmlingen und ihrer Lebensart. Sie bleibt nicht neutral und eigentich ist es ein Buch über sie selbst. Lachauer kann sich einfach nicht verkneifen zu urteilen und kann sich nicht in die Lage der Familie versetzen. Da ist Empathie, aber wir bleiben das für sie: unbegreifliche Fremdlinge. Aber ist es ein echtes Knöchelchen waschen? Wohl eher auch nicht.

Sie hat natürlich ein Recht darauf ein persönliches, nicht neutral beobachtendes Buch zu schreiben. Aber sie macht sich auch nicht die Mühe, Schlüsse zu ziehen, zwischen dem was diese Menschen erlebt haben und dem, wie sie drauf sind.

Zwischen der Autorin und ihren „Objekten“ tut sich immer mehr eine Kluft auf. Beispielsweise äußert sie sich fast beleidigt über das Desinteresse der russlanddeutschen Familie am Fall der Berliner Mauer 1989. Sie leben in ihrem eigene Universum und nehmen kaum Notiz davon. Das verübelt sie Ihnen sehr.
Erst habe ich es nicht glauben, dann nicht wahrhaben wollen, aber es ist so, bis heute: der dramatische, unblutige Zusammenbruch der Nachkriegsordnung ist für sie nebensächlich! Darin liegt – für mich – die schockierendste aller Fremdheiten zwischen den Pauls und mir. […], dass sie das Überwältigende, mit dem sie existenziell durch ihre Ausreise, verbunden sind, nicht mitdenken und mitempfinden können. Ich werde mich an diesen Herbst 1989 zeitlebens nicht ohne Herzklopfen erinnern können. S. 238

So what, sind die Pauls nicht erst 1989 ausgewandert? Dann haben sie sicher andere Sachen im Kopf gehabt als den Fall der Mauer. Und ich erinnere mich, politisch haben wir in der ersten Zeit auch wie unter einer Glocke gelebt. Nicht wie mündige Bürger, die sich aus Zeitung und TV über das Weltgeschehen informieren und es vor allem ständig kommentieren. Es wurden Manty gemacht. Es wurde sich getroffen. Deutschkurse besucht. Sich an die Bürokratie gewöhnt. Auch unsere Welt war überschaubar und schloss globale Ereignisse von weltbewegender Bedeutung aus.

An einer anderen Stelle fragt Lachauer, welchen Bezug die Russlanddeutschen zur Heimat hätten. Und wenn, dann wäre deren Heimat doch eindeutig an der Wolga. Was eher naiv und kurz gedacht ist und nicht für alle zutreffen kann. Diese und andere Bemerkungen führen sicher nicht dazu, dass dieses Buch von der community akzeptiert wird.

Vor Jahren muss ich das Buch schon einmal gelesen haben. Ich erinnere mich an die Bilder. Jedoch konnte ich damals mit dem Inhalt wohl nicht so viel anfangen. So lese ich es dieses Jahr wie zum ersten Mal. Gut, es ist überarbeitet, aber die Ausgabe von heute ist identisch mit meinem Taschenbuch von 2002.

Ich finde den geschichtlichen Rahmen, das Forschen nach der Verwandtschaft und was sie an den Orten wiederfinden höchst aufschlussreich. Vieles davon war selbst mir unbekannt.
Einiges war mir geläufig:

Die ersten Karagandiner waren Erdmenschen …S.129

Das soll bedeuten, die Verbannten, nicht nur Deutsche, wurden in der Steppe ausgesetzt, ohne Häuser, ohne Zelte oder Baracken. Sie haben sich Erdhütten gebuddelt und die erste Zeit unter der Erde gelebt.

So beschreibt sie die Entstehung und Entwicklung der Stadt Karaganda, die Zivil- und Kriegsgefangene in der kasachischen Steppe praktisch aus dem Nichts heraus gestampft haben. Sie lässt die Großmutter aus der Zeit nach der Revolution erzählen und vermittelt mir ein reiches Bild in einer deutschen Siedlung in diesen bewegten Zeiten. Vieles ist gut beobachtet, bis in die abweichenden Redewendungen und andere Sprachliche Blüten Ritas und ihrer Sippe.

wir sind anders – und unsere Tomaten auch. Karaganda

‚Karaganda‘ ist übrigens auch eine Tomatensorte. Im Buch geht es viel um Tomaten von dort. Ritas Mutter schafft es, eine Fleischtomate aus Kasachstan in Kehl heimisch zu machen.

Wie gesagt spätestens ab der Mitte des Buches, blieb beim Lesen ein schaler Nachgeschmack zurück. Besonders in der Art, in der sie uns als Gruppe bewertet. Distanziert freundlich, aber wie etwas gänzlich Fremdartiges. Wie Käfer in einem Reagenzglas.

Schon auf Seite 16 schreibt die Autorin über die „russische Nachtigall“, wie sie Rita nennt:

Bei aller Zuneigung blieb eine gegenseitige Scheu, das Bewusstsein des Ungewöhnlichen. Mein Mann und ich waren die einzigen „richtigen Deutschen“, mit denen Rita und Irene [eine Freundin] verkehrten. Sie waren die einzigen Russlanddeutschen, mit denen wir verkehrten.

Dabei beteuert Lachauer bei einem Interview in der Vereinszeitschrift der Landsmannschaft im Jahre 2004, sie möchte folgendes weitergeben, nämlich‚ dass es DIE Russlanddeutschen nicht gibt, sondern eine ungewöhnliche Vielzahl von Herkünften, Verhaltensweisen in der Sowjetzeit, Ausreisemotiven etc. Warum sie zu uns gehören, obwohl sie fast 200 Jahre in russischen Kontexten gelebt haben und viele die Sprache und Kultur ihrer deutschen Vorfahren verloren haben. Es geht darum, sich ganz konkret vorzustellen, was den Deutschen dort in der Stalin-Zeit widerfahren ist.‘

Sie plädiert für mehr ‚Verständnis für das Leben unter dieser östlichen Diktatur, den Alltag z.B. in einem Kolchos. Und natürlich sind solche Defizite nicht von heute auf morgen zu bewältigen, das ist eine Riesenherausforderung, das dauert, man braucht viel Geduld.‘

Um im selben Jahr genau diese Vereins-Zeitschrift in einem Artikel in DER ZEIT so vorzuführen: Im redaktionellen Teil von ‚Volk auf dem Weg‘ – der Titel nimmt Bezug auf die historische Wanderschaft – geht es um anderes. Im Wesentlichen um drei Punkte: 1. Wir sind deutsch! 2. Wir haben gelitten! 3. Wir bringen mehr ein, als wir kosten! Allmonatlich dieselbe Litanei, manchmal zornig, manchmal auch wie ein Schrei. Alles ist richtig und zugleich wirklichkeitsblind.

Sie scheint eine der wenigen zu sein, die diese Rückwärtsgewandtheit und das Pochen auf die nationale Zugehörigkeit so früh kritisiert hatte, die der LmDR und vielen ihrer Landsmänner eigen ist.  Was stört mich daran? Auch mich befremdet das ewige Pochen auf die nationale Zugehörigkeit und ich habe die ewige Opferrolle ebenfalls satt.

Aber es ist wohl nicht ganz so einfach. Außerdem sind in der jüngeren Generation andere Themen und andere Befindlichkeiten aufgetaucht. Die Beobachtungen von 2004 treffen nicht mehr in allen Punkten zu.

Als ich meinem Vater mein Exemplar des Buches zu lesen gab, hat er sich doch sehr aufgeregt über die Überheblichkeit der West-Autorin. Er fühlte sich schlicht verkannt. Nicht alle seien so, wie sie sie beschreibt. Das waren seine Worte. Sie hat sich eine einfach Familie herausgepickt, die auch in der Sowjetuinion unpolitisch war und erwartet, dass sie sich für so ein Ereignis wie die Wiedervereinigung mehr interessieren als die Setzlinge in ihrem Garten.

Auf jeden Fall ist das Buch ‚Ritas Leute‘ wohl eher nichts für die ältere Generation. Aber eine ausführliche Einführung in die Wanderungen der Russlanddeutschen und ein Bild davon, wie es war, als so viele von ihnen Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger nach Deutschland gekommen sind. Gefahr eines zu hohen Blutdrucks!

Die Pauls sind mit Häuschen und Garten, mit Oma und russischem Tante-Emma-Laden sicher eine Vorzeigefamilie. Was wäre passiert, wenn ich 1993 eine Autorin wie Ulla Lachauer getroffen und die sich für unsere Geschichte interessiert hätte? Welche Knöchelchen hätte sie bei uns gefunden?

Und was Rita Pauls betrifft, ich würde ja gern wissen, was sie heute so macht. Ihre digitale Spur verliert sich nach 2012. Ich würde sie fragen, wie sie das empfunden hat, dass Ulla Lachauer so über die Familie geschrieben hat. Das Verhältnis zu der Journalistin scheint seit 2004 sichtlich abgekühlt, sie hat sich anderen Themen zugewandt – nicht mehr über uns Erdmenschen geschrieben. Ob Rita immer noch singt?

Ulla Lachauer

Ritas Leute

Eine deutsch-russische Familiengeschichte

Rowohlt Verlag, Reinbek 2002
ISBN 9783498039103
Gebunden, 432 Seiten, 19,90 EUR

Rühren in alten Töpfen, Markus Berges – Die Köchin von Bob Dylan

Jasmin Nickenig trägt immer nur Sneaker und T-Shirt. Sie war mal Literaturstudentin und ist irgendwie in das Kochbusiness reingerutscht. Da bietet ihr eine Freundin an, sie als Köchin eines alternden Rockstars bei der Tournee zu vertreten.

Wegen der privaten Einladung eines ukrainischen Oligarchen wird der Auftakt der Reise kurzerhand nach Jalta verlegt. Dieses Detail erweist sich als schicksalhaft, denn obwohl Jasmin selbst mit der Ukraine und der Sowjetunion nicht das Geringste zu tun hat, stammt ihre Großmutter Erna von der Krim. Als Angehörige der deutschen Minderheit kam sie in den Kriegswirren nach Deutschland.

Nach wenigen Tagen in der Ukraine bekommt die Köchin den Anruf eines unbekannten Mannes, der glaubt, mit ihr verwandt zu sein.

Spitzfindige unter uns würden sagen, dass ist nicht russlandeutsche Literatur. Stimmt. Denn Berges ist in der Bundesrepublik geboren und aufgewachsen und fällt selbst nicht in die Kategorie Aussiedler. Aber auch seine Oma gehörte zu der deutschen Minderheit in der Ukraine und er scheint sich nicht nur tief in die Materie eingearbeitet zu haben, sondern ist auch dort gewesen. Die Beschreibungen der Bazare und Straßen und die historischen Details zeugen jedenfalls davon.

Jasmins Erlebnisse in der Crew von Bob Dylan bilden den einen Strang der Geschichte, in einer zweiten Ebene gibt es Rückblenden in die Vergangenheit von Florentinius Malsam, der in Helenendorf, einem deutschen Dorf in der Ukraine aufwächst und von der Kollektivierung bis zur Besatzung durch die Wehrmacht alles hautnah miterlebt.

Typische Hochzeit in den 1930gern

Es hätte mit ein paar Abstrichen unsere Geschichte sein können. Der Autor beschreibt die Zeit des Hungers zum Beispiel so intensiv, dass ich die Lektüre mehrere Male unterbrechen musste. So nah ging mir das. Es tritt das plastisch vor Augen, was in den Familien nur noch bruchstückhaft kursiert. Es macht einen Unterschied das alles als Romangeschichte zu lesen, denn dadurch wird es seltsam real. Und es ist wohltuend das zu lesen. So als wäre die Geschichte unserer Leute, die eigentlich nie explizit auftaucht, auf einmal gültig. Als wäre sie wert, erzählt zu werden und nicht nur ein ewiges Jammern über verlorene Dörfer.

Vielleicht war diese Genauigkeit möglich, weil Berges selbst aus einer gewissen Distanz schreiben kann. Russki plocho muss seine Protagonistin in den Bazaren immer wieder sagen, sie hat zwar die Erzählungen der Großmutter im Ohr, aber sie wirkt auf mich eher unbelastet. Sie fragt sich zum Beispiel, woher der Mitreisende im Bus sofort „Chände Choch“ zu ihr sagt, als er sie als Deutsche erkennt.

Jetzt, hinten im Bus fragte Jasmin sich, woher er das kannte. Der Mann hatte ungefähr nach sechzig ausgesehen, eher jünger, war also Anfang der Fünfziger geboren, frühestens. „Chände choch!“ Er musste das von seinen von den Deutschen eroberten Eltern haben.

Irrtum, hätte ich Jasmin sagen können, wäre ich im selben Bus gesessen. Aus den unzähligen Kriegsfilmen hat er das, mit denen nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder in der Sowjetunion unaufhörlich indoktriniert wurden. Und bis heute werden. Die bösen Deutschen, Cheil Gitler und Chände choch gehört zum Repertoire der Menschen bis heute.

Auch die Passagen der 30ger und 40ger Jahre in der Ukraine zeichnet Berges sichtbar durch die Brille dessen, der in der BRD sozialisiert wurde. Was aber nicht stört. Er beobachtet genau, er hat genau recherchiert, bis hin zur Syntax und den Vokabeln, die auch mir bezeichnend für die hermetisch abgeschiedene deutsche Minderheit erscheinen:

Und als diese Schwäne vor den Vorhang getanzt gekommen sind zur Musik – wie Tupfen auf ihrem Kleid, hat sie gedacht, wie Tupfen, obwohl, die Tupfen auf ihrem Kleid ja rot waren – … Schließlich aber ist alles gut geworden und hat ein glückliches Ende genommen und alle haben jubiliert. S 25

Dann fing der Onkel vom Kolchos an, dass längst alle wären hineingezwungen. Den Ehresmann, den Hunkele, den Haberlach und den Mack Georg, auch deren gesamte Familien, die hätten sie ja noch abgeholt als Kulaken. Danach habe der Kolchos dann Zulauf gehabt. S 39

Er benutzt das Wort Muhme für Tante. Den Vornamen nach hinten zu setzen ist ebenfalls typisch. Für Russen und auch für die Russlanddeutschen. Manche machen das bis heute. Das einzige, was ich zu monieren hätte, an einer Stelle reden zwei Liebende deutsch in der Öffentlichkeit und zwar in der Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf. Das hat es meiner Meinung nach in der Stalinzeit nicht gegeben, Pakt mit Hitler hin oder her.

Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf 1917
Schwarzmeerdeutsche Familie

Speisen, Tourerlebnisse und alte Familiengeschichten werden geschickt verwoben und es ist gut, dass der Autor als Mitglied und Texter der Band Erdmöbel sich in mindestens einem von diesen Bereichen sehr gut auszukennen scheint.

Ihm gelingen auch brillante Passagen zu den Themen Flucht und Vertreibung, Leid und Verlust. Insbesondere dort, wo die sogenannten Deutschländer, also die Reichdeutschen auf den Plan treten, wird die Beschreibung bis zur Ausdrucksweise der damaligen Zeit sehr authentisch.

Berges spart auch die sonst kaum benannten blinden Flecke in der Geschichte der Schwarzmeerdeutschen nicht aus, so werden die Wehrmachtssoldaten mit Freundlichkeit aber auch einigem Misstrauen in dem deutschen Dorf empfangen. Es gibt schon damals kulturelle Missverständnisse:

„Dass ihr Leutchen hier eure Namen immer verkehrt rum aufsagt. Ich heiße schon mein Leben lang Harald Finkchen. Zum Glück für dich einfach Herr Hauptsturmführer.“

„Kann ich euch was anbieten?“

„Und immer dieses ‚Euch‘ und ‚Ihr‘. Wer hätte das gedacht, Pluralis Majestatis ausgerechnet im Kommunismus. Wir ihrzen nicht mal den Führer. Ein Teechen mit Schuss tät ich nehmen, auch ohne Teechen zur Not.“ S 184

Und irgendwann kommt auch raus, woher die großzügigen Kleiderspenden für die Dörfler eigentlich stammen. Gänsehaut.

Die Verwirrung von einigen Leser*innen, die der Titel und der Covertext in die Irre geleitet hat, kann ich schon verstehen. Bob Dylan wird erst spät eingeführt und ums Kochen geht es auch nur marginal. Aber mir wurde ja das Buch von einer Kollegin wärmstens ans Herz gelegt, weil es um die Geschichte der Schwarzmeerdeutschen geht, so hatte ich keine falschen Erwartungen. Wen Jasmin da wirklich antrifft und was es mit ihr macht, möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten.


Lesung und Interview mit Markus Berges auf der Buchmesse:

Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rohwolt Berlin, März 2016,
€ 19,95,
ISBN 9783871347092, 286 Seiten

Mythos von der mitgenommenen Generation, Nachtrag

Enklave. Ich muss wieder daran denken, was dieser Politiker in der Zeitung gesagt hat, dass sie sich abgrenzen, die jungen Aussiedler. Die Frage ist, ob diese Kids ohne es zu wissen, ohne es zu begreifen, sich in ihren kleinen Enklaven abkapseln, weil sie es übernehmen. Von früher. Nicht weil sie angeblich zu der mitgenommenen Generation gehören, sondern weil sie die Nachkommen sind. Nachfahren derjenigen, die sich schon immer außerhalb befunden haben. Seit Jahrhunderten schon. Außerhalb. Aber innerhalb ihrer eigenen sicheren Gemeinschaft. Mit festen Regeln und Gepflogenheiten. Das, was schon ihren Urgroßeltern bekannt war, das wiederholen sie. Ohne es zu wissen.

Prischiber_Kolonie
einmal Enklave – immer Enklave? Siedlungsflecken in der Prischiber Kolonie

Und natürlich kapseln sie sich ab, weil sie trotz einer deutschen Staatsangehörigkeit, durch den Landeswechsel Ausgewanderte sind, Migranten. Weil sie in ein Außen gedrängt werden. Mit einer Spaltung in sich. Muttersprache. Vatersprache. Kindheitssprache und die Spätersprache. Das Fremde soll eigen werden. Das Eigene wird als fremd empfunden. Von den anderen, die im eigenen Land leben und von diesem inneren Graben keinen blassen Schimmer haben. Das Eigene, dass jetzt fremd ist, soll abgelegt werden. Mach es einfach. Wie eine alte Haut. Sagen die selbsternannten Experten. Sagen die Heimischen, Kinder des Kalten Krieges, die die fremde Heimat fürchten, weil sie den Russen fürchten. Der scharlachrote Buchstabe ist tief eingebrannt in der Biografie dieser Jugendlichen. Er scheint durch, spätestens dann, wenn sie den Mund aufmachen. Daran würde ein ochsenstarker Mann zerbrechen. Wie soll ein unsicherer Teenager damit fertig werden?

Nomen est Omen I

Aussiedler. Das klingt doch irgendwie doof. So unsexy. So wenig schnittig und modern. Möchte man so genannt werden? Nicht wirklich. Gibts eine Alternative? Spätheimkehrer, wird kaum benutzt, nicht viel toller. Oder Russlanddeutsche. Ich weiß nicht, welchen Begriff ich schlimmer finden soll. Aus der Werbung weiß man, ein Produkt kann noch so toll sein, ohne einen attraktiven Namen wirds nicht gekauft. Das ist wie beim Thema Handarbeit. Handarbeitszirkel gibt’s nicht mehr. Alle betreiben Do It Yourself und sind in Sachen Handmade unterwegs, oder Crafting. Aber wäre ein Anglizismus hier passend? Settlers? Planters? Homesteaders. Nö.
Aus-siedler so wie Aus-länder, aber das sagt man ja nicht mehr. Mit Migrationshintergrund heißt es in einer politisch korrekten Schreibweise. Die große Frage: haben Aussiedler einen Migrationshintergrund? Ich würd sagen, aber sowas von! Mindestens sieben Generationen des Umherziehens und Heimkehrens und wieder verschleppt werdens. Also nicht nur mit Migrations- sondern sogar mit Deportationshintergrund. Die Nachkommen sind aber nicht Exdeportierte. Wie fasst man das alles zusammen und fügt es zu einem schnittigen Begriff?

Siedeln ist eher altbacken, Die Siedler, klingt schon besser, gibt es aber bereits als Spiel. Und eigentlich triffts Aussiedler auch nicht auf den Punkt. Eher Über-Jahrhunderte-hin-und-her-Geschobene oder Zickzackkulturwechsleruebergenerationenmitungeloestentraumataimgepäck. Ein bisschen sperrig. Und die Abkürzungen? ÜJahiuheGes oder Zizakuwis oder ZZKWs. Vergiss es. Die Alteltern und deren Eltern waren ja Kolonisten (nicht zu verwechseln mit Kolonialisten!) Also vielleicht Ex-Kollis aus der Ex-UdSSR? Bäh!

Gibt es Beispiele in der Natur? Zum Beispiel einen Ameisenstamm, der von seinem Volk abgeschnitten wurde, weil auf einer einsamen Insel gestrandet und dann nach Jahrzehnten wiedergekehrt? Gibts da einen Namen für? Sicher nicht. Die alteingesessenen Ameisen würden die Neuankömmlinge sicher zerbeißen bevor sie auch nur Hallo sagen. Wegen Konkurrenz und Darwin und so.

Einfache Vertriebene sinds nämlich auch nicht. Nicht mehr. Zwischen 1941 und 1945 vielleicht und die nächsten 12 Jahre, nachdem Stalin den großen Vaterländischen Krieg gewonnen hat. Wie wärs mit Landwechsler, Umverpflanzte, Umhergetriebene oder Wurzellose. Pflanzen, die leben ohne in der Erde zu wurzeln. Wie Efeu. Aber Efeu ist ein Parasit. Und das ist ein Schimpfwort und trifft es auch nicht. Außerdem sind Aussiedler sehr auf Wurzeln bedacht. Erde und Eigentum sind vielen wichtig. Irgendwo angekommen zu sein und einen Platz zu finden. Verlorene Söhne und Töchter, endlich heimgekommen.

Endlich-Angekommene oder Willkommene wäre nett als Name, ist wohl aber zu viel verlangt von den Hiesigen. Den deutschdeutschen Mitbürgern. Im Gegensatz zu den Russlanddeutschen, auch so ein seltsamer Begriff. Ist auch nicht zutreffend. Denn die meisten kommen aus Kasachstan, wohin die Wolgadeutschen deportiert wurden, die Alteltern stammen vom schwarzen Meer, die Nachkommen sind in Sibirien gelandet oder im Ural. Gilt der Ural eigentlich noch als Russland? Ich glaube er liegt schon jenseits. Also Russlanddeutsche, die nie in Russland waren, außer vielleicht bei einer Städtreise nach Moskau oder St. Petersburg/Leningrad.  Das sind Feinheiten. Aber Sprache ist bekanntlich das Kleid des Geistes. Und wir wollen doch modisch bleiben, oder?

Wildost-Pioniere klingt wie Wildwest-Pioniere, irgendwie abenteuerlich. Sogar Dissidenten hört sich spannender an. Oder Conquistadores, mutig und wichtig. Kolonialisten und Imperialisten, fies aber irgendwie auch stark. Das Wort Aussiedler dagegen hat so einen muffigen Beigeschmack, langweilig und irgendwie nichtssagend. Naja, ein Glück in etwa 100 Jahren haben sich alle schön integriert, sich vermischt mit den Hiesigen und den anderen und dann ist die Bezeichnung kein Thema mehr. Und in der Zwischenzeit?