Nachtrag zum Gedenktag

Heute kam eine älterer Text aus der ZEIT zu mir geflattert. Die Beschreibung eines stillen Gedenkens an gefallene russische Soldaten, die ich der Vollständigkeit halber auch ins Mosaik aufnehmen möchte. Andere Perspektive, anderes Erleben. Mit Witz und einer gewissen Aufmüpfigkeit zeichnet der Artikel die Geschichte zwischen den Russen und den Deutschen nach und ist erfüllt von einem Gefühl, das oft fehlt in unseren heutigen Diskursen: Einfühlungsvermögen.

Achtung, er ist lang.

Russland sei Dank

Ein Plädoyer für den empathischen Blick nach Osten
Von Christoph Dieckmann

  1. Januar 2014

Ich lebe in Pankow, im Norden von Berlin. Seit Langem pflege ich ein Silvesterritual. Am letzten Tag des Jahres wandere ich durch die Zingerwiesen und den Schönholzer Wald zum sowjetischen Ehrenmal.

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70 Jahre danach – Erinnerungskultur

In diesen Tagen sind sieben Jahrzehnte vergangen, seit die deutsche Wehrmacht kapituliert hat und damit die Schrecken des zweiten Weltkriegs offiziell vergangen sind. Es häufen sich die Beiträge und Meldungen, die Thementage und Gedenkreden im Radio, in den Zeitungen im Fernsehen. Die Gedenkmaschinerie ist angelaufen.

‚Es ist alles gesagt, oder?‘ fragt Oliver von Wrochem provokativ, einer der Leiter des Seminars Täter, Mitläufer, Zuschauer in der Familie, das ich im April diesen Jahres besucht habe.

‚Medial ist das Thema präsent‘, führt er weiter aus, ‚die Gedenkveranstaltungen sind ritualisiert. Aber es gibt immer noch eine mangelnde Auseinandersetzung in den Familien. Man sieht nicht genau hin.‘

Es gäbe zwar ein großes Wissen über die Verbrechen, aber es werde nicht mit der eigenen Familiengeschichte verbunden. Doch die Teilnehmer des Seminars wollen genau das. Hingucken, weil die vorherigen Generationen nicht hingucken konnten. Um zu überleben? Vielleicht.

Nun trafen sich die Nachkommen von möglichen und tatsächlichen Tätern und Mitläufern schon zum 14. Mal auf dem Gelände des ehemaligen KZs Neuengamme. Die Teilnehmerzahlen sind steigend. Diese Veranstaltung ist im Moment noch einmalig in ganz Deutschland und wird zwei Mal jährlich, im Frühjahr und im Herbst angeboten. Das nächste Mal Anfang Oktober.

Ich war im April dort, weil ich hoffe herauszufinden, was mein deutscher Großvater im Krieg (das heißt in der Zeit nachdem er aus der Ukraine nach Deutschland geholt wurde bis zu seiner Auslieferung durch die Alliierten und der Inhaftierung in einem sowjetischen Gefangenenlager), erlebt, gesehen und getan hat. Ich habe allerdings nicht viel Hoffnung, dass ich viel in den Archiven finden werde. Es gibtzwar einige Familienerzählungen, aber, so habe ich in diesem Seminar auch mitbekommen, auf die ist nicht immer Verlass.

Ich war auch dort, weil ich gehofft habe, zu lernen wie ich mit dem, was ich rausfinden könnte, umgehen kann. Es geht mir nicht um Schuld. Es ist eh die Frage, wie viel Handlungsspielraum die einzelnen Beteiligten in solchen diktatorischen Regimes hatten. Die Frage, so lerne ich in dem Vortrag von Dr. von Wrochem, ist nicht ob, sondern warum? Leider ist es sehr wahrscheinlich, dass ich keinerlei persönliche Aufzeichnungen finde, nichts, woraus ich schließen kann, wie mein Opa damals gedacht hat.

Nochmals.

Es geht nicht um Schuldzuweisung. Obwohl ich, seit ich halbwegs erwachsen bin, ein diffuses Gefühl von Schuld mit mir trage, das ich nicht näher einordnen kann. Vielleicht möchte ich dieses Gefühl, das sich wie ein Nebel über viele Jahre auf mich gelegt hat, näher beleuchten und ihm seinen Stachel nehmen. Aus der Distanz betrachten. Auflösen.

Hilfreich finde ich Sätze, die nach Begegnungen von Menschen aus Täterfamilien mit solchen, die von den Opfern abstammen, herausgearbeitet haben.

In Hamburg gibt es diesen speziellen Dialog wohl seit 2013, als auf dem hiesigen Kirchentag der Sohn eines Polizisten aus der NS-Zeit mit der Tochter einer KZ-Insassin zusammentrafen. Aber ich meine, es gibt solche ähnlichen Treffen auch weltweit.

Im Mai letzten Jahres wurden jedenfalls bei einer solchen Zusammenkunft in Neuengamme jedenfalls Ergebnissätze formuliert, die, wie ich finde die Frage nach Schuld oder Verantwortung bündig beantworten:

Die Kinder von Tätern und die Kinder von KZ-Häftlingen müssen mit den Folgen einer Vergangenheit umgehen, für die sie keine Verantwortung tragen.

Sie können und sollten gemeinsam handeln, damit die Verbrechen, die ihre Eltern verübt haben oder erleiden mussten, sich nicht wiederholen.

Seminare wie das im April und auch Veranstaltungen wie Forum Zukunft Erinnerung, das heute und morgen auf dem Gelände von Neuengamme stattfinden, ebnen den Weg zu einer verantwortungsvollen, persönlichen Erinnerungskultur jenseits der offiziellen Verkündigungen.

Klingt pathetisch. Sorry. Ich meine einfach, es tut gut, sich mit anderen in einem geschützten Raum mit Tabu-Themen zu befassen und auszutauschen. Ich habe viel gelernt an diesem Wochenende auch wenn ich noch immer nichts Konkretes zu meiner eigenen Spurensuche gefunden habe.

Ich habe versprochen, keinerlei Details aus den sehr persönlichen Gesprächen öffentlich zu machen. Das Thema ist sensibel. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie ich in diesem blog, der ja auch öffentlich ist, mit meiner eigenen Geschichte umgehen kann. Wie viel gebe ich preis? Es gibt Scherben, die wehtun, ihre Kanten sind scharf.
Wir werden sehen.

Mehr Infos zu den Seminaren der Gedenkstätte Neuengamme hier und hier.

Stalins Stimme und Putins Rocker

Meine Mama war ein Kleinkind in Sibirien als der große vaterländische Krieg, wie er in Russland genannt wird, vorbei war. Das, woran sie sich am ehesten erinnern kann, war die einprägsame Stimme des allseits bekannten und beliebten Radiosprechers, Jurij Borisowitsch Levitan.

Im Westen wurde Levitan Stalins Stimme genannt. Meine Mutter sagt auf jeden Fall, dass ihr immer noch Schauer über den Rücken wandern würden, wenn sie diese Stimme hört. Sie beschreibt es so: ‚Draußen stand ein Radio, damit alle Leute konnten jeden Tag hören Nachrichten von Krieg und natürlich jeden Tag traurige. In Radio war ein Diktor (Sprecher), seine Stimme war mächtig, wenn ich jetzt diese Stimme hören werde, kriege ich Gänsehaut.‘

Er fing seine Ankündigungen immer mit Goworit Moskwa, Es spricht Moskau an. Hier der sechsminütige Beitrag zum Akt der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Levitan wäre  übrigens vor einigen Monaten 100 Jahre alt geworden.

Jurij Borisowitsch Levitan
Das Gesicht zu der Stimme: Jurij Borisowitsch Levitan

Ich vermute, dass das Lied ‚Das ist der Tag des Sieges‘ gesungen von Lestschenko bei den meisten älteren Russen ebenfalls Gänsehaut auslösen würde. Aber ich möchte es hier grade nicht vorstellen.

Andere Barden, die nationalistisch gesinnten Nachtwölfe, auch Putins Rocker genannt, sind letztes Wochenende aufgebrochen, um den Weg von Moskau nach Berlin auf ihren Motorrädern zurückzulegen. Die Band und ihr Tross wollen genau am 8. Mai, in der deutschen Hauptstadt ankommen. In Russland ist das der offizielle Tag des Sieges. ‚Ziel ist es, das Andenken an diejenigen zu ehren, die beim Kampf gegen den Faschismus gefallen sind‘, so der Organisator Bobrowski.

Die deutsche Regierung ist nicht amused, sie droht der Rockband und ihrer Entourage mit Einreisesperren, falls sie die Veranstaltungen zum Ende des Krieges stören wollen. Es heißt, es sei ein Anliegen, dass der Tag in Würde begangen werde, die Aussöhnung liege im Kerninteresse der Regierung, nicht die Konfrontation.

Auch andere Länder, durch die die Biker rattern wollen, sind nicht begeistert vom wilden Durchgangsverkehr. Der Spiegel berichtet, dass polnische Regierungsvertreter in der ‚Siegesfahr‘ eine Provokation sehen und ihnen die Einreise verweigern.

Und die Wölfe fallen anders als die Hells Angels zum Beispiel nicht durch kriminelle Handlungen auf. Sie sind orthodox gläubig, nationalistisch und homophob. So steht es zumindest bei Wikipedia. Sie stellen sich im Ukraine Konflikt deutlich auf die Seite Russlands und bezeichnen die pro-ukrainischen Streitkräfte als Faschisten. Jetzt wollen sie in ganz Europa Soldatengräber besuchen und an den „Blutzoll“ im Kampf gegen Hitler erinnern, der mit 27 Millionen Toten bezahlt wurde. Aber sie kommen nicht weit. Es sieht ganz so aus, als müssten sie ihre Motorradtour abbrechen.

Jedenfalls scheint es tiefsitzende Ängste zu wecken, dass die Ankunft von 15 Bikern so viel Staub aufwirbelt und das auswärtige Amt sogar von Gefährdung der Sicherheit spricht. Die Russen kommen. Anscheinend noch immer ein sensibler Punkt. 70 Jahre sind vergangen und doch kommts einem vor wie ein Wimpernschlag. Ich frage mich wirklich, was diese wilden Kerle machen können, um die nationale Sicherheit zu gefährden. Andererseits, sie sind mit einer Stalinflagge aufgebrochen. Dass sein Gesicht bei den Feierlichkeiten siegessicher von der Fahnenstange weht würde ich mir auch nicht so gern ansehen.

Es geht um etwas mehr als einem Dutzend Rocker (andere Medien sprechen von 20), die durch Europa fahren. Was hat die Band angekündigt, warum diese Empörung auf allen Seiten? Was macht ihren Besuch so explosiv? Wenn in Hamburg Harley-Days sind, sind hunderte von ihnen auf den Straßen. Ohne Kravalle.

Für weitere Infos. hier sind zu einem Spiegel Artikel und zwei Beiträge von tagesschau.de und von heute.de.