Im Nebel tappen – Ein Buch über Kriegsenkel

Meine Urlaubslektüre war diesmal: Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte, herausgegeben von Michael Schneider und Joachim Süss.

Die Sammlung enthält Texte von dreiundzwanzig Autoren und Autorinnen, darunter Alexandra Senfft, Anne-Ev Ustorf, Merle Hilbk, Bettina Alberti und vielen mehr. Entstanden ist dieses Buch nach einer Vortragsreihe, die in den Jahren 2013/2014 in Hamburg lief. Ich meine, ich hätte damals sogar die Plakate gesehen, konnte aber nicht hin. Wie das so ist.

Die zweiundzwanzig Beiträge sind zweiundzwanzig Spiegel. So andersartig sie sind, so behandeln sie doch alle möglichen Formen von Weitergabe an die nachfolgenden Generationen. Es ist die Rede von unterschwelligen Belastungen, die diese daran gehindert haben, ihren Weg zu gehen, durchzustarten. Von einem Zustand, der nicht greifbar ist, wie ein Nebel, von dem eine leise Bedrohung ausgeht.

Foto: Moritz Pendzich
Foto: Moritz Pendzich

Die Beiträge sind unterschiedlich gewichtet und von unterschiedlicher Qualität. Sie nähern sich aus rein persönlichen Blickwinkeln oder aus der distanzierten, wissenschaftlichen Betrachtung dem Thema an. In einigen taucht Kritik über den Sammelbegriff „Kriegsenkel“ auf, der häufig als handliche Vokabel eingesetzt wird, jedoch zu allgemein ist, um individuelle Befindlichkeiten zu verorten. So bewertet Ulrike Pohl, die sich in ihrem Text viel mit Abwehrmechanismen beschäftigt, den Generationenbegriff als zu allgemein:

Es ist ein immenser Unterschied, ob jemand Kleinkind, Mitglied der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel war, Kind von überzeugten Nazis oder als jüdisches Kind verfolgt wurde. War Anne Frank ein Kriegskind? Kinder auf dem Land waren oft weit weniger Gefahren ausgesetzt und besser mit Nahrung versorgt als Kinder in bombardierten Städten.“ Seite 178
Sie führt aus, dass in diesem Zusammenhang selten über die Faszination für die Hitlersche Ideologie gesprochen wird. Von Nächten im Bombenkeller, von Flucht, von Hunger, das ja. Es würde oft die eigene Opferrolle betont, weniger das eigene Mitläufertum oder das der Eltern. Hier würden starke Abwehrmechanismen weitergegeben werden, die noch bei den Enkeln greifen.

Gabriele Lorenz-Rogler gibt Teile ihres Interviews mit Eugen Drewermann wieder. Auch er ist Pauschalisierungen gegenüber skeptisch, räumt allerdings ein, dass es in einzelnen Fällen durchaus eine Weitergabe von Traumata gegeben haben mag. Seiner Meinung nach kann es jedoch nicht angehen, dass dieser eine Aspekt der Übertragung allein für die Lage einer ganzen Generation verantwortlich ist. Die jeweilige Familienkonstellation, die Entwicklung nach ’68 und der Druck der multioptionalen Welt, in der alle alles erreichen können dürfen müssen, seien ebenfalls stark für die psychische Gemengelage verantwortlich. Der Begriff Kriegskinder (oder Kriegsenkel) sei seiner Meinung nach zu grob gefasst. Man muss auch hier differenzieren: waren die Eltern so alt, dass sie als Flakhelfer eingesetzt worden sind oder waren sie zu klein, um die Ideologie zu aufzunehmen oder waren sie Vertriebene? Das alles führt zu anderen Weichenstellungen für die Psyche. Allerdings hat Drewermann, der 1940 in Bergkamen geboren wurde, als Kind selbst Flächenbombardements in seiner Siedlung erlebt und überlebt. Er würde somit in die Kategorie der Kriegskinder fallen. In einem anderen Interview beschreibt er seine Erlebnisse mit einer für diese Gruppe typischen, emotionslosen und gleichbleibenden Stimme: „Das letzte Haus, das stehen blieb, war das meiner Eltern, das Haus Nummer 5. Das ich noch lebe, ist reiner Zufall.“ und „In der Nähe des Todes habe ich das Leben erlernt.“
Eventuell ist sein Unverständnis denjenigen gegenüber, die sich vor Schwierigkeiten sehen, weil sie an den Altlasten der Kriegskinder zu tragen haben typisch für seine Generation. Obwohl er sagt ja lediglich, dass nicht alle gleich betroffen sein müssen.

Wenn ich die anderen Kapitel des Buches lese, offenbart sich mir ein deutliches Bild. Auch wenn Monokausalität eine Falle ist, lässt es sich nicht leugnen, dass der Krieg noch Jahrzehnte später seine Spuren in den Seelen hinterlassen hat. Irgendwo in dem Buch stehen Zahlen: 8-10 Prozent der deutschen Rentner*innen leiden an psychischen Störungen, weitere 25% klagen über leichtere psychosomatische Störungen.

In der Schweiz, ohne diese Erlebnisse, sind es 0,7 Prozent in der gleichen Altersgruppe.

Mag sein, dass nicht alle traumatisiert waren. Mag sein, dass nicht alle etwas weitergegeben haben. Aber je stärker etwas verschwiegen und verdrängt wird, desto heftiger will es ans Licht.

Für die meisten Autor*innen dieses Buches steht außer Zweifel, dass die Erlebnisse der Vorfahren einen Schatten auf unsere Gegenwart werfen. Dieses Zögern, diese diffusen Ängste, über die spätere Generationen klagen, lassen sich aber nur schwer greifen. So beschreibt die Filmemacherin Daniela Schiffer, wie ihr die Interviewpartner wegbrechen, als sie eine Dokumentation über diese Generation machen will. Wie sich alles entzieht, wie Dinge nicht zustande kommen und wie sie von eigenen Blockaden befallen wird, die sie bei anderen Themen nicht kennt. Letztendlich geht es in ihrem Beitrag darum, wie das Projekt bereits während der Vorbereitungen an nebulösen Hemmnissen und dem unverbindlichen Verhalten der Interviewpartner scheitert.

In diesem Nebel, in diesem diffusen und nicht greifbaren Erleben, treffen sich die Kriegsenkel letztendlich doch. Es gibt dieses Gemeinsame. So schreibt sie:

Ich erzähle einem Freund, dass ich manchmal Angst kriege, einfach so, als könne gleich was schief gehen. Ich nenne das dann Gewittertierchen-Stimmung. Er kann sofort etwas damit anfangen. Es gehe ihm genauso. S. 184

Mir kommt dieser Zustand auch bekannt vor. Das erkenne ich aber mit anderen Aspekten kann ich weniger anfangen. In vielen Beiträgen hiesiger Kriegsenkel wird Atmosphäre in den Familien oft als nicht lebendig und kalt beschrieben. Es gehe nur darum, zu funktionieren, ein Austausch auf der Gefühlsebene würde fehlen. Bei Russlanddeutschen ist es meistens umgekehrt, denn sie sind anders sozialisiert. Die schwarze Pädagogik hatte zwar ihre Parallelen im frühen sozialistischen System, wo alle Familienbande zerrissen werden sollten. Aber entweder hat es bei den Minderheiten nicht funktioniert oder die Deutschen haben so stark zusammengehalten und ihre alten Traditionen gepflegt, dass sie davon nicht berührt wurden. Diese Kälte gibt es nicht. An der Tagesordnung sind hier eher Grenzüberschreitungen, übereifriges Bemuttern und so starke Familienbande, die kaum eine Individualität oder ein Ausscheren aus dem Gewohnten zulassen.

Meine Familie ist nicht von nur von Bomben, sondern von Vertreibung und der Verachtung durch die Siegernation geprägt, die uns, den Paria, den angeblichen Faschisten im Siegerland entgegengebracht wurde.

Ein Teil meiner Vorfahren waren quasi Arbeitssklaven ohne Rechte. Diese Sklavenmentalität einerseits und das Gefühl, ständig auf der Flucht zu sein, andererseits haben mich in meinem Leben oft begleitet.

Euch geht es zu gut…Wir haben das so weggesteckt.
Das sind Sätze einer im Krieg Geborenen zu ihrer Tochter und sie bringen den Generationenkonflikt zwischen denen, die als Kinder Krieg und Trümmer erleben mussten und deren Nachkommen auf den Punkt.

Ja, es stimmt. Es ist uns nie so gut gegangen. Wir hatten nie so lange Friedenszeiten erlebt, noch nie so viele Möglichkeiten gehabt, etwas aus unserem Leben zu machen. Warum also das Gejammere? Das auf der Bremse stehen? Das im Dunkeln tappen?  Weil wir es uns leisten können.
Es gibt keinen Krieg in Deutschland. Gerade deswegen kommen die Chimären der Vergangenheit aus ihren Löchern gekrochen. Weil wir uns nicht ums reine Überleben kümmern müssen, um den Existenzkampf und darum, das Trauma möglichst weit weg von uns zu halten, um zu funktionieren. Wir können es uns leisten, hinzusehen. Können uns den subtilen Energien zuwenden, die unsere Psyche formen und verformen und in die physische Welt hineinwirken.

Was bleibt, sind schwierige Lebensentwürfe. Wobei die Betonung nicht auf schwierig liegt, sondern auf Entwurf. Alles ist provisorisch und unfertig. Im besten Fall ist das Leben im Fluss, im schlimmsten eine hektische Flucht. Einmal auf der Flucht immer auf der Flucht, hat mal ein Psychotherapeut in diesem Zusammenhang gesagt.

Clint Eastwood hat die Thematik sehr plakativ zusammengefasst: Mangelnder Durchsetzungswille und fehlendes Vorwärtsstreben gleich pussy generation. Hoffentlich hat der Altmeister der Cowboys seinen eigenen Sohn so abgerichtet, dass er all diese männlichen Tugenden vorweisen kann.

Die Erlebnisgeneration, die den Schrecken auf der eigenen Haut erfahren hat, mag sich darüber aufregen, dass die jungen nichts wegstecken können, dass sie wegen jedem Kinkerlitzchen jammern und klagen. Sie selbst durften ja nicht. Bloß kein Hinterfragen, keine Zweifel oder Gefühle zulassen.

Die Deutschen aus Russland haben genug Traumata erlebt, es gibt kaum eine Familie ohne Deportationserfahrungen und ohne einen Verwandten, der im Lager oder in der Arbeitsarmee gewesen ist. Auch hier war das Erlebte lange Zeit mit Schweigeverboten belegt. Allerdings kam dieses Verbot von außen nicht von innen. Sie durften ihrer Opfer nicht öffentlich gedenken, es wurde nicht über das Alte gesprochen. Alles Deutsche war eh verboten. Also haben sie geschwiegen, zum einen weil das Erlebte unsagbar war, aber auch weil es ein Tabu gab, sich mit psychologischen Untiefen zu befassen. Nach dem Motto: bei uns gibt es sowas nicht.

Es ist eine andere Art von Nebel. Aber ebenso schwer zu fassen und undurchsichtig.

Merle Hilbk, die mit einem Text hier vertreten ist und auch das Buch „Sibirskij Punk“ geschrieben hat, ist eine Nachfahrin von Wolgadeutschen, so kommt auch diese Gruppe in der Sammlung „Nebelkinder“ vor. Aber auch mit den Schicksalen von Flüchtlingskindern aus dem Sudetenland oder aus Schlesien können wir unsere eigenen Erfahrungen vergleichen und sagen, so ähnlich geht es uns auch. Wir erkennen uns in Themen wie Heimatverlust und schwierigen Eingliederungsprozessen. Wir können uns zwischen den Zeilen ansiedeln. Das ist allemal gemütlicher als immer nur unter den Teppich gekehrt werden.

Ich möchte hier nicht alle Beiträge kommentieren, sie sind bereichernd und erhellend auf ihre Weise, gerade in ihrer Widersprüchlichkeit. Ein Punkt noch: spannend war der Ausflug auf die andere Seite der Neiße. Roswitha Schieb zum Beispiel berichtet über die zweite Generation der Vertriebenen in Polen und über den Diskurs zum Thema Kriegsenkel und transgenerationale Übergabe in der polnischen Öffentlichkeit. Sie schildert die Perspektive derjenigen Repatrianten, die aus einer kulturell regen Stadt wie Lemberg in ein verschlafenes Nest in der schlesischen Provinz wie Gleiwitz zwangsumgesiedelt wurden. Sie geht auf ihre Wahrnehmung von Heimat ein und ihre musikalische oder literarische Annäherung an die Vergangenheit von Orten wie Breslau, die ja eine deutsche Geschichte haben.

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Michael Schneider, Joachim Süss (Hrsg.:)
Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte
Europa Verlag München, 1. Auflage 2015,
gebunden, 384 Seiten, ISBN: 978-3-944305-91-2, EUR 19,99

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Agnes friert

Sie fror. Drinnen zeigte das Thermostat der Heizung 28°, draußen waren es sicher über dreißig. Sommerliche Hitze. Auf dem Spielplatz, den sie von ihrem Fenster aus einsehen konnte war die Plantschbecken-Saison längst eröffnet. Kinder in Badehöschen oder nur in Windeln oder ganz ohne liefen kreischend vor Vergnügen durch das niedrige Wasser, kaum größer als eine Pfütze, ließen sich fallen, spritzen sich nass. Sie fror.
Trotz Wolle-Seide-Unterhemd. Trotz Skisport-Leggins unter der Hose und Fließpulli.
Die Eltern saßen verteilt auf der Wiese, auf Decken und Tüchern rund ums Becken, Reiswaffeln und Frotteetücher einsatzbereit. Sonnten sich, kurzärmelig und mit Shorts oder Röckchen bekleidet und plauderten unaufgeregt miteinander. Sie saß in ihrem Zimmer an der Heizung, die auf drei stand, und fror. Seit Monaten schon. Kein Arzt konnte ihr das bisher erklären. Irgendwann im Herbst fing es plötzlich an. Die Härchen stellten sich auf, sie fröstelte, ging nie ohne Wärmflasche ins Bett, schaltete die Heizung immer höher. Trug bei jedem Wetter eine wattierte Schneehose und fror immer mehr. Ganze Tage verbrachte sie an die Heizung gelehnt, Musik hörend, oder ihre Lieblingsserien schauend. Sie ging nur noch raus, wenn sie neue Vorräte besorgen musste. Oder zum Arzt gehen musste. Aber keiner von Ihnen hat ihr sagen können, was mit ihr los war. Und auch der Psychologe nicht, den sie Dienstags aufsuchte seit dem und liebevoll den Pseik getauft hatte.

Frieren? Was ist das für eine Krankheit? Habe ich noch nie was von gehört, Sie steigern sich da in irgendwas hinein, Frau Nikisch. Trinken Sie mal einen Ingwertee.

Warme Brühen, Kräutertee rauf und runter, Kohlsuppen mit Chilli.

Sie fror weiter. Zitterte am ganzen Körper, kalte Füße, eisige Fingerspitzen. Ihre Meridiane scheinen verstopft zu sein, sagte die traditionelle chinesische Medizinfrau, sie machte irgendwelche Buxtationen oder Moxitationen. Umsonst.

Den ganzen Winter verbrachte sie an der Heizung gelehnt und fror. Dabei war der noch nicht mal besonders streng. Immer über null.

Als die Knospen anfingen aufzublühen, guckten die Leute schon komisch, wenn sie ihre Hamstertouren in den nächstgelegenen Discounter unternahm. In Winterjacke und Skihose, Mütze und Schal bis in den Sommer hinein. Wie die Teilnehmerin einer Expedition zum Nordpol. Die Pelzmütze tief ins Gesicht geschoben. Fehlte nur noch der Husky und ein Schlitten.

Reinhard Schild 2010
Schnee, Schnee, Schnee – 2010 – credits: Reinhard Schild

Wie war Ihre Mutter zu Ihnen, Frau Nikisch? War sie eine warmherzige Frau? Fragte der Pseik. Ist es die zwischenmenschliche Wärme, die Ihnen fehlt? Finden Sie, wir leben in einer, bildlich gesprochen, kalten Welt?

Ihre Mutter war ok. Eine Mutter eben. Sie war zwar auch mit ihren eigenen Krankheitsbildern und Diäten befasst, aber sie war ok. Nichts besonderes.

Was ging sie die Kälte der Welt an?

Sie schaute auf Mütter der kreischenden Kinder am Plantschbecken, die den Sommer genossen und Wassermelone aßen. Ab und an kam ein Kind, schmiegte sich an seine Mutter, wärmte sich auf und ab gings, zurück in die Wasserpfütze.
Ihre Mutter war schon ok, und was hatte die für eine Kindheit gehabt, im Krieg, mit einem Vater, der erst zwei Jahre nach Kriegsende wieder auftauchte, als sie schon ein Schulkind war. Der Opa Stephan. Hat bei Stalingrad gekämpft. Erzählt hat er nicht viel darüber. Er kam mit mehreren Granatsplittern zurück, war arbeitsunfähig. Invalid in jungen Jahren schon.

Sie wusste, ihr Opa war in Kriegsgefangenschaft gewesen, irgendwo in Russland. Harte Zeiten, aber so war es eben. Ein Wunder, dass er überlebt hat. Über das Essen dort hat er manchmal gesprochen. Wie er das Brot eingeteilt hat, immer nur einen Bissen, nie alles auf einmal. Das habe ihn gerettet. Und dass ihn sogar seine Kameraden gebeten hatte, ihr Brot an sich zu nehmen und nur Portionsweise wieder rauszugeben. Damit auch sie nicht alles auf einmal verschlangen. Auf den Stephan, da war Verlass. Disziplin hatte der. Auf den sibirischen Winter waren sie nicht vorbereitet. Der Endsieg sollte doch schon viel früher da sein. Aber es kam anders dann. Viel hat er ja nicht erzählt. Hat immer nur in sich hinein geschaut und geschwiegen. Aber kleine Boote hat er ihr geschnitzt, das weiß sie noch. Und Briefmarken gesammelt. Dafür hat er sich extra den einen Fingenagel am Zeigefinger lang wachsen lassen, damit er die Briefmarken leichter aufklauben konnte. Mit Licht und Lupe saß er da über den Tisch gebeugt, stundenlang. Über die Kälte hat er nicht gesprochen. Nie. Über die abgefrorenen Zehen, die Fußlappen, die immer feucht geworden sind in den Stiefeln, die nie passten. Aber Stiefel. Wer sowas hatte, der war gerettet. Es gab auch Kameraden, die hatten keine. Bis jemand anders den Löffel abgab. Wie haben sie sich um die harten, krummen Stiefel geprügelt. Mit Staub in den Falten. Nachts ist der Opa immer an den Kühlschrank gegangen. Ist aus dem Bett gestiegen und in Schlappen in die Küche geschlurft. Ihr Zimmer lag über der Küche, sie konnte ihn immer gut hören. Das leise Quietschen der Kühlschranktür, dann das Klicken und wieder die Schlurfgeräusche. War der Opa nachts wieder am Käse gewesen, sagte die Großmutter. Oder an der Wurst oder an der Butter. Von der Butter konnte er nie genug kriegen. Weiße Brötchen mit Fingerdick Butter drauf. Genug trockenes Graubrot und wässrigen Gerstenbrei fürs ganze Leben hab ich gehabt, sagte er, wenn die Großmutter ihn schief ansah, weil die Butter schon wieder alle war. Genug gehabt.

Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Wo er stationiert war, mit wem, welche Dinge er erlebt hat, vor der Gefangennahme. Nichts. Weißes Feld. So wie eine Wiese nach einer durchneiten Nacht. Muss doch auch landschaftlich schön gewesen sein dort.

Sie lehnte sich an die Heizung, die Kinderstimmchen hallten durch das geschlossene Fenster. Auf drei hatte sie das Thermostat gestellt. Und dennoch richteten sich die feinen Härchen an den Armen auf. Und alles zog sich zusammen. Wie lange würde sie noch frieren.

Kriegskinder und Kriegsenkel – die Bücher von Sabine Bode

Wer sich in unserem Land mit Kriegstraumata beschäftigt, kommt an der Kölner Autorin Sabine Bode nicht vorbei. Mit ihren Büchern „Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ und „Kriegsenkel – Erben der vergessenen Generation“ hat sie vor einigen Jahren die Diskussion um die langen Schatten des Zweiten Krieges angestoßen.

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Kinder bei der Essensausgabe. Ein Foto aus Oriannes Fund

Laut Bode haben Forscher herausgefunden, dass von den Betroffenen, rund ein Viertel das Erlebte nach kurzer Zeit verarbeitet hat, eine Hälfte nach einer längeren Zeit und ein Viertel unter immer wiederkehrenden Schüben leidet, die das Leben beeinträchtigen. Und von den Nachkommen lebt ebenfalls ein Teil störungsfrei. Doch ein Prozentsatz ist da, der doch was abgekriegt hat. Über die Verhaltensmuster in der Eltern-Kind-Beziehung. Über Kanäle, die nichts mit Erziehung und der Weitergabe von Geschichten zu tun haben.

Nein, am eigenen Leib haben wir, die danach geboren sind, nichts von den Schrecken des Krieges mitbekommen. Aber es gibt Mechanismen, die bewirken, dass die Gespenster der Vergangenheit noch nach Generationen in einer Familie nachhallen. Besonders wenn ein Teppich des Schweigens darüber gebreitet wurde,  so beschreibt es die Autorin in ihrem Buch.

Es sind Ängste, Blockaden, die aus heiterem Himmel auftauchen, unerklärliche Verhaltensweisen, bei manchen sogar chronische Krankheiten und wiederkehrende Alpträume vom Krieg. Bei der Lektüre des Buches über die Kriegsenkel habe ich oft gemerkt, denen geht’s wie mir. Nicht die Alpträume, davon werde ich verschont. Sie stehen sich oft im Weg. Genauso wie ich. Sie haben Angst, Fehler zu machen. Weil innerlich so ein Verbot herrscht falsche Entscheidungen zu treffen, denn in der Vergangenheit haben sich kleine Fehlentscheidungen als fatale Fehler erwiesen.

Vielleicht kann ich nicht alles, was in meinem Leben schiefläuft, darauf zurückführen ein Kriegsenkel zu sein, aber allein die Lektüre, hat schon zu so manchem Aha-Erlebnis geführt. Es hilft mir, mich mit Wohlwollen zu betrachten, wo ich mir früher Vorwürfe gemacht habe. Ich bin nicht allein. Ich muss nicht drüberbügeln und funktionieren. Denn da sind Leerstellen in meiner Seele, die hindern mich daran, vorwärts zu gehen. Es hat sich was eingenistet auch wenn die Geschichten von damals mehr als vage bleiben. Und ich bin nicht die Verursacherin, in mir wirkt sich aus, was da nicht hingehört.

Bei einem Vortrag von Sabine Bode habe ich mich einmal gemeldet und gefragt, ob sie auch was zu Russlanddeutschen und deren Kindern gemacht hat, genug unverarbeitetes Trauma wäre da ja vorhanden.

Doch leider meinte sie, sie habe sich noch nicht damit befasst und es wäre auch nicht ihre Aufgabe. Ich habe sie damals so verstanden, dass die Schicksale und Lebenswege dieser Menschen so weit entfernt sind von dem, womit sie sich auskennt. Sie ist bewandert in der bundesrepublikanischen und deutschen Geschichte und es wäre schon schwierig gewesen, die Bürger der ehemaligen DDR in das Projekt einzubinden. Und Russland, das würde ja ein ganz neues Fass aufmachen und darum müsste sich jemand anderes kümmern.

Schade. Ich glaube, dass man viele von den Phänomenen, die sie schildert, übertragen kann. Wenn auch nicht alle. Die starke Familienbindung unter den Deutschen aus Russland ist sicher einer der  Unterschiede. Denn die sogenannte schwarze Pädagogik der Johanna Harrer hat es nicht bis über den Ural geschafft. Es wäre auf jeden Fall spannend, das weiter zu verfolgen.