Out of Duschanbe – Lia Frank

Du-schan-be – wie schön das klingt. Das Wort bedeutet auf tadschikisch profan Montag. Denn früher, sprich seit dem 5. Jahrhundert, wurde hier einmal die Woche ein Markt abgehalten. Saftige Melonen, süße Pfirsiche, Hülsenfrüchte aber auch Teppiche oder lebende Tiere wurden feilgeboten. Bis der kleine Marktflecken Bāzār-i Dušanbe zu einer Stadt herangewachsen ist und später zur Hauptstadt von Tadschikistan wurde.

Duschanbe, das war eine der vielen Stationen auf dem Lebensweg von Lia Frank. Sie selbst hat sich einmal, als eine „in Tadshikistan lebende und deutsch schreibende sowjetische Dichterin“ bezeichnet. Geboren ist sie 1921 in Kaunas, Litauen. Den Jobwechseln ihres Vaters ist es zu verdanken, dass sie in Berlin aufwuchs und dort auch zur Schule ging, ihr Abitur aber in der lettischen Kleinstadt Ludsa machte. Als Jüdin floh sie zu Beginn des zweiten Weltkrieges mit ihrer Familie hinter den Ural, wo sie ihr Studium beendete und ging nachdem Krieg wieder zurück nach Lettland. Doch weil sich ihr hier kaum Berufsperspektiven boten, zog sie 1960 mit Mann und Söhnen nach Duschanbe, arbeitete hier an der Uni als Dozentin für Latein und Deutsch.

Bis zu ihrer Ausreise in die Bundesrepublik lebte sie in der heißen Sowjetrepublik und schrieb. Immer auf einem hohen sprachlichen Niveau. Denn trotz des Lebens im Exil ist es ihr gelungen, die deutsche Sprache nicht nur zu bewahren, sondern auch weiterzuentwickeln und sich literarisch darin auszudrücken. Neben ihrer Arbeit als Deutschdozentin mga ihre ehrenamtliche Tätigkeit in der internationalen Buchhandlung „Mezhkniga“, für die sie gern schonmal Bücher auf deutsch bestellte, ihr dabei geholfen haben. Aber auch der eiserne Wille, in ihrer Muttersprache zu schreiben und zu vesich darin rständigen. Sie las, pflegte Kontakte zu deutschsprachigen Freund*innen im In- und Ausland und zu deutschen Tourist*innen in Tadschikistan (Ja, solche gab es auch) und zog ihre Enkelin zu einer Gesprächspartnerin heran, in dem sie ihr konsequent Deutsch beibrachte.

In einem Band mit Kurzprosa, das dieses Jahr im ostbooks Verlag erschienen ist, spielen ihre Lebensstationen eine wichtige Rolle und auch das Verhältnis zur deutschen Sprache wird in dem einen oder anderen Text behandelt. Ich durfte bei einer Online-Lesung zum Erscheinen ihres Erzählbandes im Rahmen der russlanddeutschen Kulturtage einige dieser Texte vorlesen und bin so tiefer in ihre Arbeit eingetaucht.

Viele dieser Geschichten und Verse handeln von Entfremdung, von Umbrüchen und Kriegsfolgen – nie programmatisch, nie aus der Vogelperspektive, sondern immer aus einem persönlichen Blickwinkel heraus. Manch einer Lebenssituation des realexistierenden Sozialismus gewinnt Lia Frank auch eine humoreske Seite ab, wie in den den Stücken „Fehlverbindungen“ oder „Hausflusromantik“. Es kommen aber auch wie gesagt ernste Themen vor. „Der Mann mit der Handgranate“ oder der „Lederne Mann“ zeigen die Auswirkungen von kriegerischen Konflikten vor 80 Jahren oder während des Zusammenbruchs der Sowjetunion in den 1990ern.

In der titelgebenden Erzählung „Das himmlische Kreuz“ , die kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges angesiedelt ist, deutet sie die zukünftigen Ereignisse im Leben von Jugendlichen in einer kleinen litauischen Stadt an, die kurz vor dem Abitur stehen, ohne sie explizit zu benennen. Wir ahnen, wie lebensverändernd und endgültig diese sein werden.

Im Anschluss an die Lesung meinte ihre Enkelin Jana, die aus Berlin zugeschaltet war, Lia wäre sicher eine hervorragende Bloggerin gewesen, wäre sie nur einige Jahrzehnte später zur Welt gekommen. Sie konnte Alltagsszenen festhalten und so auf den Punkt bringen wie kaum eine andere.

In russlanddeutschen Literaturkreisen ist Lia Frank als Autorin durchaus bekannt. Sie hat bereits in der Sowjetunionin den deutschsprachigen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht und war auch bei Seminaren dabei gewesen. Auch wenn sie von einigen Vertretern wie dem Literaturkritiker Reinhold Keil, nicht als russlanddeutsche Autorin akzeptiert wurde. Vielleicht weil sie als Jüdin in der Sowjetunion nicht den gleichen Repressalien ausgesetzt war wie fast alle DaR? Nicht das Schicksal der Schicksalsgemeinschaft teilte? In früheren Zeiten war es immer sehr wichtig, wer dazugehörte und die Richtlinien dieser Zugehörigkeit wurden sehr eng gesetzt. Nun. Nicht nur in früheren.

Auch wenn sie nicht diesen typischen Weg mit Verbannung, Zwangsarbeit und deutschfeindlichen Repressionen gegangen ist, gab es aufgrund von Flucht, Heimatverlust und des Nicht-Dazu-Gehörens durchaus Überschneidungen der Lebenswelten. Auch literarisch.

So handeln ihre Verse aus dem Zyklus Ruheloser Februar 1990, die kurz vor der Ausreise in die Bundesrepublik entstanden sind, von Aufbruch und Verlust:

Erinnerungen. Noch sind wir daheim

Noch sind wir daheim –
Meine Bücher stehen
in den Regalen;
die Enkel sind in der Nähe [,]
die Katzen gut versorgt …

Doch liegen auf dem
Tisch schon Fragebogen,
für Auswanderer bestimmt –

nach Israel, Kanada,
Autralien … Gibt es
welche nach Neuseeland?

Großer Gott! Wo liegt
bloß NEUSEELAND?!
Noch sind wie daheim …

Lettisch, Russisch, Hebräisch und Jiddisch – Lia Frank beherrschte viele Sprachen. Sie war dennoch ihrer Muttersprache sehr verbunden und hat es wie gesagt geschafft, diese trotz Exil und eisernem Vorhang, zu erhalten und sich darin weiter zu vervollkommnen. Ihre Liebe zur deutschen Sprache blieb unvermindert, trotz alldem was das deutsche Volk den Jud*innen angetan hat. In diesem vielzitierten Gedicht bringt sie diese Zerrissenheit zum Ausdruck:

An euch gekettet / durch eure Sprache, / eure Gedichte und eure Lieder, die ich / mit dem Knebel der Schwermut / im Munde / immer wieder / zu singen versuche …

An euch gekettet / und eure Bücher, / euer Gelächter / und eure Bräuche, / an denen ich zerre, / mich zerfleischend, / und die ich nicht / lassen kann – / wie mein Leben …

Das Erbe wiegt schwer. Sie nimmt es an, sie beschäftigt sich damit. Aber veröffentlichen kann sie Gedichte über den Holocaust in der Sowjetunion eher nicht. In Zeitschriften wie Freundschaft oder Rote Fahne, die nach 1956 wieder erlaubt waren publiziert sie andere Gedichte. Die Prosastücke erscheinen gesammelt und nicht auf Anthologien verteilt, erst in diesem Jahr, in dem Band „Das himmlische Kreuz“ auf Initiative der Herausgeberin Annelore Engel-Braunschmidt.

Noch ein Land, noch eine Sprache und ästhetisches Verständnis kommt in späteren Jahren hinzu: Japan und die Haikus. Irgendwann stößt Lia Frank in Tadschikistan zufällig auf eine deutsche Übersetzung japanischer Haikus und fängt an, sich selbst mit dieser Verform zu befassen. Sie wird aus der Ferne Mitglied der deutschen Haiku-Gesellschaft und widmet sich gemeinsam mit dem japanischen Germanisten Tsutomu Itoh der vollständigen Übersetzung von Gedichtbänden des frühverstorbenen Japaners Takuboku – aus dem Japanischen ins Deutsche.
Sie korrespondiert fast täglich mit dem Germanisten, um Kleinigkeiten zu verbessern. Und jeder, der den postalischen Weg in der Sowjetunion kennt und weiß wie umständlich es war, Briefe ins Ausland zu schicken oder von dort zu erhalten, kann erahnen, was das bedeutet. Auch für den Geheimdienst, der die Briefe aufmachen und nach feindlichen Botschaften untersuchen musste. Ob die Herren und Damen Beamten die Haikus auf Deutsch für irgendeinen besonders perfiden Code gehalten haben?

Als sie in Deutschland lebt, erscheint im Verlag Robert Buhrau ein Band mit ihren eigenen Haikus: „Die Kraniche ziehen“. Allerdings ist dieses Buch vergriffen und wird nicht mehr aufgelegt.
Hier eine kleine Auswahl an Haikus aus ihrer Feder:

Vorkriegsfotos –
ich unter so vielen
jungen Toten.

***

Traurig schaut meine
Stube mich an – nimmt Abschied –
Wieder ins Exil …


***

Nach Kürze suchend
fand ich endlich den Pfad –
drei Zeilen …

Schon 1989 reist Lia Frank auf Einladung der deutschen Haiku-Gesellschaft in den Westen, ein Jahr später siedelt nach Berlin über, wo sie mehr als zwei Jahrzehnte bis zu ihrem Tod verbringt. So schließt sich der Kreis. Denn in Grunewald ist sie in der Vorkriegszeit ja zur Schule gegangen. Hier stirbt sie 2012 mit 91 Jahren.

Am 18. November wäre diese eigenwillige und starke Persönlichkeit 100 geworden. Ihre Prosa und ihre Verse sind so formvollendet und berührend, dass sie auf keinen Fall in Vergessenheit geraten sollten.

***

Lia Frank
„Das Himmlische Kreuz“
Hrsg. Annelore Engel-Braunschmidt
ostbooks Verlag, Herford, 2021
ISBN 9783 947270 149
16,-

Hier finden sich noch zwei Haikus von Ishikawa Tabkuboku aus dem gemeinsam übersetzten Buch „Eine Handvoll Sand.“ Aus dem japanischen Text übersetzt von Lia Frank und Tsutomu Itoh:
https://lyrikzeitung.com/2020/11/28/butterblumen-und-gaensebluemchen/

Hier noch mal der Link zur Lesung vom 19.10.2021:
Das Himmlische Kreuz: Lia Frank. Eine Lesung mit Annelore Engel-Braunschmidt, Melitta L. Roth und Artur Rosenstern (im Rahmen der russlanddeutschen Kulturtage der LmdR NRW)
https://www.youtube.com/watch?v=U5ZDtAWO7zo

und als Abschluss noch ein Gedicht:

Mein Gesicht

Du hast mir keine
billigen Freunde
eingebracht
mein Gesicht,

denn du warst herb.
Streng warst du
und abweisend,
und ich danke Dir!
Es haben dir
weder Lippenstift
noch Puderquaste
geholfen,
mein Gesicht,
immer bliebst du mir treu,
und ich durfte bloß
mit dem Glanz der Vernunft
in den Augen rechnen,
und ich danke dir,
mein Gesicht,
ich danke Dir!
Doch hat man dich
nie übersehen,

mein Gesicht,
nicht das harte Nasenbein,
das gebogene, die strengen
Augen nicht, den schmalen
Mund, – nein, übersehen
hat man dich nie.
Und wenn es auch
bitter war,
mein Gesicht,
ich danke dir,
denn du hast mir
keine Freundschaften
unverdient eingebracht

und auch keine
Freunde umsonst,
du mein herbes,
für andere
fremdes Gesicht.

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