Haufenbildungen

Es war fast schon etwas Unpersönliches. Die Unordnung hatte von ihrem Leben Besitz ergriffen und beherrschte es mit strenger Hand. Ein Diktator, der seine Zeit forderte, der von ihr eine tägliche Verneigung erwartete. Man könnte meinen, Ordnung zu halten, würde Zeit kosten. Trugschluss: die ewige Sucherei ist es, die wertvolle Lebenszeit frisst.

Wann hatte Melitta sich eigentlich dazu entschieden, diesem Gott zu huldigen, den die Griechen Chaos nannten? Mit zwölf? Dreizehn? Als all das, was Gut war, gerade und ordentlich und plausibel sein musste. Und sie allen am liebsten entgegen geschrien hätte, aber Erfindungen kommen nicht aus ordentlichen Berechnungen, Phantasie ist nicht gerade, und die Welt ist schon gar nicht plausibel.

Haufenbildungen
Eines muss man lassen: im Chaos gibts viel zu entdecken.

Die Huldigung an das Chaos hat sie letztendlich in eine Sackgasse geführt. Denn irgendwann fehlt die Kraft für phantasievolle, einer eigenen Logik folgende Geschichten, wenn man ständig etwas suchen muss und immer neue Haufen vor Augen hat, bei denen man nicht weiß, was nun zu unters liegt. Einzelne Kontoauszüge für die Steuer, die sich regelmäßig ein Jahr später zwischen anderen Papieren oder Bons einfinden, die überhaupt nicht für die Steuer relevant sind. Schlüssel und Schwimmbrillen, und sogar Geschichten, die zufällig an einem ganz anderen Ort auftauchen. Und dazwischen Flyer, Programmheftchen und Folder mit Ankündigungen von Neuerscheinungen, die sie auf jeden Fall noch lesen wollte. Unaufmerksamkeit gehört dazu, sehr unbuddhistisch. Vielleicht war es eher das.

Sie bewegte sich in diesem Raum der Wahrscheinlichkeiten. Das, was zufällig aus den Wogen der Zeit wieder auftauchte, darauf reagierte sie, nahm es als Dingorakel, folgte der Spur der eingeworfenen Zeichen und Hinweise. Doch das klappte leider nicht immer. Manchmal wurde ein ganz konkreter Nachweis verlangt, wurde etwas dringlich, was sich aber in einem Haufen versteckt hat, der erst in drei Monaten ins Blickfeld rücken wollte.  Pech gehabt.

Menschen, die für jedes Ding einen eigenen Platz haben, die stehen nicht eine geschlagene Viertelstunde mit einem Nupsi oder einer Postkarte in der Hand und überlegen, mit welchen anderen Dingen im Haushalt könnte das denn harmonieren? Denn so wie Leute auch, lassen sich die Dinge nicht immer in Schubladen einordnen. Gut, bei einigen ist es leicht, flache Teller zu flachen Tellern und Töpfe zu Pfannen und große Schüsseln unter die kleinen Schüsseln. Aber was ist mit Plastikbehältern und Gläsern mit Deckel, für den Fall des Marmeladeeinkochens? Dort wo die Töpfe sind oder dort wo Alufolie und Backpapier liegen oder doch nur dort grad wo Platz ist? Dort wo grad Platz ist ist ein schwieriges Kriterium, auch wenn sie mit der Zeit ein inneres Koordinationssystem für alle Dinge in der Wohnung entwickelt hat. Manchmal versagt dieses Navi und dann ist „dort wo grad Platz war“ kein sonderlich hilfreiches Attribut, um etwas zu finden. Aber manchmal blieb ihr nichts anderes übrig. Serviettenringe und Kerzenstummel. Zu welchen Dingen passen sie in einen Kontext? Oder schafft man ihnen eine eigene Welt? Nur weil sie selten gebraucht werden und schon fast heruntergebrannt sind, kann man sie doch nicht verurteilen und den Weg allen Irdischen gehen lassen? Auch Menschen sind manchmal abgebrannt, durch Burnout oder finanzielle Pleite. Was, du kannst nicht zahlen? Raus aus der EU. Das geht doch nicht. Da brauch es langwierige Verhandlungen in Brüssel. Auch ein Serviettenring, selbstgebastelt und mit unseren Namen in Goldbuchstaben, hat ein Recht darauf, zu existieren. Stopf ins Fach und weg damit. Kurz und schmerzlos verstaut. Aber wenn es gedankenlos geschieht, dann kann man diese Dinge gleich im Bermudadreieck versenken. Auch wenn die Serviettenringe ihr in regelmäßigen Abständen vor die Füße fallen, weil darunter Zettel mit alten Rezepten, Mülltüten, die ein Fehlkauf waren und zu keinem Mülleimer der Wohnung passen und die Broschüre von der Stadtreinigung lagern. Durch die Mülltütenrollen bilden sie eine gekippte Ebene, von der rutscht schon mal was runter.

Leute, die Ordnung halten, schmeißen wahrscheinlich alles was nicht in eine klare Kategorie hineingehört, einfach weg. Und Tschüss. Oder sie haben ein inneres Ordnungssystem, das jedem Ding seinen unverwechselbaren, logischen Platz zuweist. Aber dafür fehlte ihr das Organ. Und so wuchs die Dingwelt und verfilzte sich, verklebte miteinander, verformte sich an den Rändern und in den Ecken und führte ihr Eigenleben. Ließ wichtige Dinge verschwinden, ließ andere wieder auftauchen und war auf diese Weise ständig präsent. Ein sich windender Leviathan.

Auch wichtige Papiere mussten jedes Mal neu gefunden werden. Entweder lagen sie in einem der drei Haufen (in drei Teile geteilt, nicht nach Sinn und Unsinn, sondern weil der Stapel verrutscht, wenn er zu hoch wird) oder in einem der vielen Leitzordner. Aber aus einer Rebellion gegen das Spießertum heraus, hat sie ihren Ordnern früher mal kreative Bezeichnungen gegeben. Zum Beispiel: Tiger (um sich Mut zu machen, mit Behörden umzugehen), oder Write or Wrong, oder 9. Haus und 10. Haus. Die letzteren wegen der Astrologie, denn das 9. Haus umfasst alles, was Weiterentwicklung und Reisen betrifft, Lernen und persönliche Entwicklung. Das zehnte Haus ist der Bereich der Karriere, des Berufes und der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Ein schickes Haus oder ein Auto würden auch dazu zählen. Statusobjekte. Aber was half das alles, wenn sie die Sozialversicherungsnummer suchen wollte. Oder eine Bescheinigung aus dem Studium. Manchmal war ein Ordner schon voll und ein Rest der Krankenkassen-Korrespondenz landete in dem Ordner vom Arbeitsamt. Also musste sie in mehreren Ordnern nachsehen, wenn sie was finden wollte. Und am Ende durchforstete sie sie alle und fand das Gesuchte dann doch nicht. Kein Wunder, dass ihr der Mut sank, wenn ein Brief kam, dies und dies muss noch bis dann und dann nachgereicht werden, unverzüglich und vollständig. Nein, sie mochte diesen Gott nicht mehr. Kreativität hin oder her. War es nicht ein Gott der Zerstörung? Sie wusste aber auch nicht, wie sie sich daraus befreien sollte. Irgendwann mit über dreißig hat sie angefangen, die Ordner anders zu beschriften und wichtige Dinge, wie Haustürschlüssel, Kamera und Thesafilm immer an ein und den selben Platz zu packen. Aber was wurde mit den Stoffen und der Wolle, die darauf warteten, verarbeitet zu werden? Was mit den vielen Kabeln von Handys, die vor Jahren den Kindern zum Spielen abgegeben wurden? In einer Welt der Ordnung muss man so viele Kleinigkeiten beachten, man kann nicht einfach nur in den Tag hinein leben. Die Dinge nehmen auch ihren Platz ein im Kopf, wollen angefasst, verstaut, kategorisiert und abgespeichert werden. Bleibt da noch Zeit für was anderes? Ja, denn sobald sie wegsortiert und eingeordnet sind, am richtigen Platz, am besten in geschlossenen Schränken, aus den Augen sozusagen, kommen sie auch aus dem Sinn. Und es wird Raum frei für anderes. Leere. Vakuum. Sehnsucht Vacuii. Ein unerfüllbarer Wunsch.

Hatte sie vielleicht messiehafte Ansätze? Wäre sie ein geeigneter Kandidat für eine Spätabendsendung, wo Aufräumtrupps mit Schutzanzügen in vollgemüllte Häuser eindrangen, um zusammengepappte Schichten von Essensresten und Kleidung zu entfernen und Ungeziefer mit kleinen Giftgaben zu vernichten?

Wie grob da mit der Psyche umgegangen wird. Ja, bei der Melli, da sitzt eine Angst ganz tief in ihr drinne und lässt sie all diese Sachen horten, nicht wahr? Welche Angst könnte das denn sein, Melli, dreh dich mal eben zur Kamera hin und sag unseren Zuschauern, ob dein Vater dich geschlagen hat und wie oft. Und am Ende waren sie beim Friseur und auf dem Friedhof und in der Hundeschule, ganze vier Stunden, damit das Hundchen nicht über das Frauchen herrscht sondern umgekehrt. Und kommen zurück in eine abgetünchte, leergeräumte und gelüftete Wohnung, die aus dem Katalog eines niedrigpreisigen Möbelhökers eingerichtet ist. Bist du sicher, dass du diesen New-York-Kalender behalten willst, der ist doch schon angeschimmelt. Ach, der ist aus dem Jahr, in dem deine Mutti gestorben ist? Loslassen, Melli, ich bin sicher, du kannst das. Eins, zwei, und schmeiß ihn in den Container, wir werden was Schöneres finden. Die Mutti, die ist doch in deinem Herzen, da brauchts dieses Pappding nicht. Go Melli, go!!! Du schaffst es! Jaaa, suuper!

Wenn das so einfach wäre. Eine Fernseh-Psychotante und ein Renovierungsteam und schon sind deine Skrupel, die du hast, wenn du Dinge zuordnen sollst, Geschichte. Als ob sich ein Trauma mit Tapetenfarbe übermalen ließe.

Es heißt übrigens, dass bei anderen Aussiedlern ihrer eigene und der älteren Generation die Wohnungen total ordentlich und septisch rein seien. Da ist Melitta eher die Ausnahme. Sie muss das wohl nicht kompensieren, das Gebeutelt sein. Oder sie tut es auf andere Weise. Und außerdem war ihre deutsche Oma schon tot, als sie geboren wurde und konnte ihr die Ordnungsliebe nicht eindrillen. Fast war sie froh darum. Es ist zwar hilfreich, Kleidung so falten zu können, dass im Schrank und in den Schubladen nicht alles so aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen, aber um welchen Preis? Strenge und Kontrolle und das Verbot, mal was Unkonventionelles zu tun oder zu denken. Ihre Tante hat erzählt, aufs gemacht Bett durfte sich tagsüber niemand setzen, als sie Kind war. Und das war schon in der Sondersiedlung so, als sie bereits in echten Baracken wohnten. Wie das bei dem Erdloch war, das sie in der Anfangszeit gegraben und bewohnt hatten, weiß niemand. Wetten, dass auch dort täglich gefegt und die Holzbretter, die als Bett dienten, jeden Morgen gemacht wurden? Mit Kanten, so gerade wie mit dem Lineal gezogen. Man muss sich seine Kultur erhalten, wenn alles andere nicht funktioniert. Wenn um dich herum die Welt zerbricht, wenn alles verschwindet und du dich an nichts mehr festhalten kannst, dann ist zwanghafte Ordnungsliebe wohl das Gebot der Stunde.

Tja und da wundern sie sich alle, dass Aussiedler aus Russland, die Erben der Verschickung, der Lager und Vertreibungen so furchtbar konservativ sind. Die retten bloß ihr Seelenheil. Freies Denken und Ablehnung der Konventionen kann nur derjenige zulassen, der in Sicherheit lebt. Das hat sie mal irgendwo gelesen. Was ist mit der Kriegskindergeneration? Wie sehen deren Betten aus, gemacht oder ungemacht? Na also.

Wie schön die Blätter an der Linde vorm Fenster im Wind tanzen, nie gerade ausgerichtet oder abgezählt, scheinbar chaotisch wachsend und doch einer eigenen Ordnung folgend. Bei manchen Bäumen bilden sie buschige Zusammenrottungen bei anderen sitzen sie in eleganter Langgezogenheit auf den Zweigen, jedes Blatt separat. Bäume sind doch klüger als wir, dachte sie, aber sie müssen auch nie eine Steuererklärung abgeben.

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Letzte Ruhe in Chudschand

Meine Tante ist kurz vor ihrer Ausreise nach Deutschland von Kasachstan aus noch Mal nach Leninabad geflogen, da war es gerade wieder in Chudschand umbenannt worden, denn 1992 hatte Lenins Sowjetreich längst aufgehört zu existieren.

Sie wollte auf den christlichen Friedhof von Chutschand, um vom Grab unserer Oma ein wenig Erde mitzunehmen. Sonnengetrocknete Gebirgserde aus dem Dreiländereck von Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan, unweit des Stausees Kairakkum. Ich selbst war nie im Leben dort, aber in einem Film habe ich die Gegend, ohne es zu wissen, schon mal gesehen. Der gefeierte Kinofilm „Luna Papa“ wurde nämlich fast vollständig in Chutschand gedreht. Bei uns wurde er nur gezeigt, weil Moritz Bleibtreu in einer der Hauptrollen zu sehen ist. Das wäre überhaupt eine gute Quizfrage fürs Fernsehen: Was hat Moritz Bleibtreu mit meiner Großmutter Melitta gemeinsam?

Doch zurück zur eigentlichen Geschichte: Meine Tante ist also hin, um ein wenig Erde zu holen, weil irgendjemand ihr das geraten hat, wer weiß, ob ihr jemals wieder zurückkehrt, hat er gesagt, ihr werdet’s sonst noch bereuen.

Vor der Übersiedlung noch Erde mitzunehmen war wohl so üblich bei den Russlanddeutschen, es muss in den 90iger Jahren viel davon über die Grenze gekommen sein. In Einweckgläsern, Filmdosen, Cremeschachteln oder in geschnitzten Holzkisten mit altslawischen Motiven. Wer weiß, wie viel davon aus Versehen verschüttet wurde. Nicht auszudenken.

Deutscher Friedhof in Duschanbe copyright: abenteuerosten
Deutscher Friedhof in Duschanbe
copyright: abenteuerosten 2007

Nun hatten wir aber in Deutschland noch keine Grabstätte, um Großmutters Erde endgültig zur Ruhe zu betten und ihr Mann, unser Großvater, war damals auch noch sehr lebendig, also bat die Tante unsere Eltern, ihr zu helfen und Großmutters symbolische Überreste in einem, wie sag ichs am besten, Leihgrab zwischenzulagern. Aber es sollte selbstverständlich einer Person mit dem gleichen Vornamen gehören. Damit man es besser wiederfinden kann und überhaupt.

Unsere Mutter war damals der Ohnmacht nahe, als die Tante das Einweckglas mit Großmutters Erde vor sie hingestellt hat. Sie hatte regelrechte Panik davor, dass etwas davon auf den Teppich fallen könnte. Sie als Russin hat uns immer strengstens verboten egal was vom Friedhof mitzunehmen. Das gehört sich nicht. Das bringt Unglück, nachher klebt da noch was dran von den bösen Geistern!

Also war es, wie man sich denken kann, meiner Mutter ein starkes Anliegen, diese Erde, bei allem Respekt, so rasch es geht aus dem Haus und in ein passendes Grab zu bekommen. Doch genau das war nicht so einfach. Metas, Hedis und Charlottes gab es zuhauf, aber keine einzige Melitta, im gesamten Umkreis nicht. Warum hat Oma bloß nicht Maria geheißen, oder Anna oder wenigstens Martha.

Doch dann, nach vielen langen Spaziergängen auf den Gottesackern diesseits und jenseits des Rheins hat mein Vater doch noch eine Melitta gefunden. Und was für ein Zufall, auch sie ist im Jahr ’57 gestorben, nur ihr Sternzeichen und ihr Geburtsjahr waren andere. Und ja, die Lebensumstände natürlich auch. Nordrheinwestfalen ist ja nicht Tadschikistan.

Und so wurde unsere Großmutter symbolisch aus dem uranhaltigen Boden von Chudschand, vormals Leninabad, in die nasskalte Meerbuscher Friedhofserde gesenkt, wo sie für fünf Jahre ausharrte, bis mein Großvater verstarb und sie noch einmal in sehr homöopatischer Dosis diesmal in ihre gemeinsame Ruhestätte überführt werden konnte.

Zwar steht auf ihrem neuen Grabstein noch immer ein falsches Geburtsdatum, alte Zeit, neue Zeit, wer soll sich da auskennen mit dem Julianischen Kalender, sie ist ja noch vor der Revolution zur Welt gekommen. Aber was machen diese zwei Wochen schon aus? Wenigstens stimmen ihre Sternzeichen: Eine Skorpiongeborene im Jahr des Hasen. Wenn man den Astrologen glauben schenkt, sind beide Zeichen keine Freunde von großen Veränderungen oder Ortswechseln, aber wer kann es sich schon aussuchen.

Melitta jedenfalls nicht. Es hat so viele hin und hers gegeben in ihrem kurzen Leben. Anfang des Krieges Flucht aus der Ukraine, nach einem kurzen Aufenthalt im zerbombten Deutschland dann die Zwangsumsiedlung in den Ural, bis ihr Mann es schafft, sie zu sich nach Sibirien in ein anderes Lager zu holen. Nach der Aufhebung der Kommandatur einige Monate im warmen Tadschikistan, bis zu ihrem plötzlichen Tod im Krankenhaus von Leninabad. Und selbst nach ihrem Tod hat sie ja noch mehrmals umziehen müssen, bis sie an ihrem endgültigen Bestimmungsort angekommen ist. Bis zu nächsten Migrationswelle zumindest.

Nach dieser Erfolgsgeschichte mit dem Erdaustausch ist übrigens noch ein angeheirateter Onkel zu meinen Eltern gekommen und hat, nach dem er ein Geschenk, einen glänzend neuen Dampfkochtopf für Manty eine echte Mантоварка aus seiner Tasche ausgepackt hat, noch mal vier Einmachgläser auf den Tisch gestellt.

„Ich habe gehört, ihr habt die Melitta umgebettet,“ hat er gesagt „Ich möchte euch bitten, auch mir dabei zu helfen, ich habe auch Erde mitgebracht von drüben aus Frunse und aus Taldy-Kurgan.“

Meine Mutter schnappte nach Luft, „Nicht hierher, sonst fällt es noch runter! Pass doch bitte auf!“

„Das hier sind Großonkel Theophil und Cousine Eugenie und die beiden Schwestern von der Tante Emilie, mit Namen Evangelina und Krezenzia Cramer“, hat er gesagt und meine Mutter erwartungsvoll angeschaut, „Ich habe gehofft, dass ihr mir helfen könnt, die letzte Ruhestatt für sie zu finden.“

Melitta macht den Tee zum Genuss

Mel geht in die Küche und setzt schon mal das Wasser auf, es soll ja genug Zeit haben, abzukühlen. Sie füllt den Beutel mit grünem Tee und geht die Kleine wecken. Wieder in der Küche schaut sie raus auf die mit Efeu bewachsene Mauer. Nach dem Sturm letztes Jahr haben sie viele der Ranken abgeschnitten, aber es wächst wieder nach, in zarten schlängelnden Lianen.

Ausgerechnet sie, die so heißt wie die Kaffee-Firma, trinkt Tee. Fast ausschließlich.

Am Anfang, als sie neu in Deutschland war, hat sie noch ihren vollen Namen genannt. Melitta Roth. Mit rollemdem ERRR. Aber sobald sie in die neue Schule kam, wurde aus Melitta einfach Mel und alle dachten, es käme von Melanie. Sollten sie doch. Ihre Eltern haben ihr diesen Namen gegeben. Sie wussten nichts vom Aufstieg der westfälischen Hausfrau Melitta Bentz, die 1911 den ersten Kaffeefilter erfunden hat. Als das passiert war, lebte ein Teil ihrer Vorfahren in Sibirien und der andere schon seit mehreren Generationen in der Ukraine. In ihrer deutschen Enklave. Es gab zwar deutsche Lieder, und deutschen Strudel aber getrunken wurde Tee. Wenn es denn Tee gab. Den Namen bekam sie also aus Unwissenheit und um die Großmutter väterlicherseits zu ehren, die bestimmt kein leichtes Leben gehabt hat. In Russland war es schon schwierig, mit so einem untypischen Namen, aber in Deutschland, eine Katastrophe.
Im ersten Jahr in Deutschland wurde sie viel gehänselt. Nicht nur wegen des leichten rollenden Rs, sondern vor allem wegen Melitta. Melitta! Macht Kaffee zum Genuss. Jedes Mal wenn sie sie sahen. Oder: „Na Melitta, wo bleibt denn der Kaffee, ich habe Durst!“ Oder: „Hmm, wie riecht es gut! Na wenn das nicht der Kaffee ist“. Jedesmal. Sie verbeißen sich in irgendein Detail und dann kriegst du dein Fett weg. Das kann nur jemand nachvollziehen, der immer zu klein oder zu groß ist, der was im Gesicht hat, das da nicht hingehört oder eben komisch heißt. Manche Jungs, aber auch Mädchen, haben es so sehr auf die Spitze getrieben, dass sie erst weinen musste, dann irgendwann resigniert hat und bei der erstbesten Gelegenheit einfach die Abkürzung genommen hat. Mel. Wie Mel Brooks, Mel Gibson oder Mel C von den Spice Girls.

Von wegen Kaffee. Sie jedenfalls konnte gar keinen Kaffee kochen, denn sie hat seit ihrer Kindheit immer nur Tee getrunken. Zuerst natürlich Schwarzen, dann während des Studiums erst Kräutertee und später grünen Tee und inzwischen konnte sie sich keinen Morgen ohne das Ritual vorstellen. Wasser abkühlen lassen, eigentlich bis 70° aber manchmal war sie zu ungeduldig und hat ihn mit 80° aufgegossen. Dann zwei bis zweieinhalb Minuten ziehen lassen. Und am liebsten richtig guten Tee. Sencha oder milde chinesische Mischungen.
Und erst der zweite Aufguß! Der chinesische Dichter Lo Tung hat vor hunderten von Jahren über die zweite Tasse Tee geschrieben, dass sie seine Trauer vertreibe. Und die sechste bringe ihn sogar nah an die Unsterblichkeit. Na gut. Vielleicht hatte er auch soviel Zeit, um im Teehaus zu sitzen und seine sechs Aufgüsse und mehr zu trinken und zu sinnieren. Beneidenswerter Mann.

Sobald sich die Tochter aus dem Bett schält, ists vorbei mit den schönen Ritualen, dann wird geplappert, gesungen oder gemault. Zack zack, anziehen, Zähne putzen. Und das Schulbrot nicht vergessen. Meinst du, Nina kommt auch zum Laternelaufen? Ein halber Arbeitstag in nur einer Stunde. Wenn die Kleine in den Klassenraum geht, atmet Melitta auf. Nun beginnt ihr Tag, ihre Arbeit.

Doch bevor sie sich an den Rechner setzt, brüht sie sich doch noch den dritten Aufguss an diesem Tag auf. Seit die neue Teekanne da ist, eine kleine chinesische mit blauen emalierten Mustern, macht ihr das Teetrinken noch mehr Freude. Sie konnte noch nie verstehen, wieso sich die Leute hier so sehr ins Kaffeetrinken verbissen haben. Doch. Sie konnte schon. Wenn sie daran dachte, dass alle, auch in den Cafés, einfach kochendheißes Wasser auf die sensiblen Teepflanzen kippten. Das musste ja abartig schmecken. Wie Känguru-Pups, hat eine Freundin von ihr mal über grünen Tee gesagt.

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„Семейство за чайным столом“ oder Familienportrait von Timofej Mjagkow, 1844

Das ist wie mit dem Teeaufguss, schreibt sie und nippt aus ihrer Schale. Die Generationsübergabe ist mit dem Teeaufguss vergleichbar. Der starke Teesud, das sind die ersten mit ihrem Trauma. Dann wird immer wieder heißes Wasser nachgefüllt, zum zweiten, dritten und vierten Mal. Aus dem Samowar. Oder mit japanischem Teegeschirr. Oder mit einer arabischen Metallkanne mit der eleganten Tülle. Also die Generation der Großeltern und der Eltern, die im Krieg noch Kinder waren, das ist der erste Aufguss. Sie haben das Grauen erlebt, in ihnen ist das Erlebnis verdichtet, aber so stark, dass man es fast nicht trinken kann. So stark, dass der Löffel drin stehen bleibt. Das Trauma ist unmittelbar und frisch, sie können sich nicht damit auseinandersezten. Sie müssen verdrängen, um weiterzumachen. Oder wegschmecken beim Trinken.

Und dann kommt der zweite Aufguss. Das war sie, die neue Generation, die Nachgeborenen, die es scheinbar leichter haben und denen im Frieden alles zufällt. Glück und Wohlstand. Der Sud wurde bereits mit heißem Wasser verdünnt und man kann ihn trinken, er ist aber bitter. Noch immer. Die Nachwehen des Traumas sind noch deutlich spürbar. Die folgenden Generationen, die der Enkel und Urenkel schmecken fast nichts mehr von der Bitterkeit, sie können genießen. Sie können Feinheiten spüren. Dem Nachspüren, was die Früheren erlebt haben. Sie haben genug Abstand um zu betrachten, was Oma und Opa im Krieg gemacht haben. Nur dass Oma und Opa dann, wenn sie soweit sind zu fragen, vielleicht nicht mehr antworten können. Auch bitter. Ach ja, und weil er so bitter ist, der Tee, muss in Russland noch soviel Marmelade hienein. Wie passt das wieder ins Konzept?

Genealogische Fortschreibung. Neulich in der „Zeit“ hat sie von einer prominenten deutschen Autorin mit bulgarischen Wurzeln gelesen, diese habe verzichtet, sich genealogisch fortzuschreiben, sprich Kinder zu bekommen. Mel hat der Ausdruck so fasziniert. Genealogische Fortschreibung. Vera Nikolajewna und Malanija Maximowna Mischnewa haben sich in mir fortgeschrieben. Melitta Saar und Katharina Roth, geb. Melm, haben sich in mir fortgeschrieben. Malanija, das klingt ja fast wie Melanie. Also Mel. Aber sie wurde sicherlich Malascha abgekürzt. Mel hat mal ein Foto von ihr gesehen, sie sah mit Ende Dreißig, Anfang Vierzig schon wie eine alte Frau aus. Das war zur Zeit des Bürgerkriegs. In den Hungerjahren.

Ich trage ihren Sud in mir, denkt Mel, einfach nur Mel, im Guten wie im Schlechten. Und ich werde diejenige sein, die was weiterträgt. Vielleicht werde ich mich irgendwann wieder Melitta nennen. Die Zeit, wo man cool sein muss, ist doch längst vorbei.