Internet-Geplänkel und noch ein kulinarisches Intermezzo

Wir Russlanddeutschen essen nur russische Gerichte. Sprich, wir passen uns nicht an. Dieses Postulat lese ich gelegentlich. Wie neulich bei einer Diskussion in den sozialen Netzwerken. Im Thread hinter einem Artikel der Zeit, bei dem Aussiedler als identitätsverwirrte Russlandnostalgiker*innen dargestellt wurden, die durch russische Medien gehirngewaschen sind und den starken Kerl Putin toll finden und darüber hinaus sich in Russendiskos auf Highheels zu uralten Sowjetsongs drehen.

Es ist wirklich erschreckend, welches Bild die russischen Sender von Europa zeichnen. Aber in den Kommentaren gings nicht darum. Sie waren wie üblich so:

Sehen fast aus wie Tortellini diese Pelmeni. Aber nur fast…

Nun dann auf zurück zu Putin , wenns den Damen und Herren in Deutschland nicht gefällt.“

Nutzliche Idioten des russischen Despoten!“

Sie würden als stimmvieh für die CDU reingelassen und jetzt müssen wir es ausbaden“

…die wolga wartet! die aufgabe von journalismus ist zu fragen und aufdecken, nicht leugnen und verdunkeln. wer sich auf rt verlässt, den interessieren fakten nur preripher….“

Nix wie ab nach Russland.“

(Ich habe die Rechtschreibung und die Interpunktion so gelassen, wie sie war.)

Aber an anderer Stelle stand: Denn als Deutsche sehen sie sich nur wenn es um Vorteile und Demokratie geht, an sonst reden und atmen die russisch.

Darauf schrieb ich, woher er das wüsste und nicht alle seien so. Auf die Nachfrage, ob der Kommentator wohl schlechte Erfahrungen gemacht hätte kam, dass er vor einiger Zeit auf so Biker getroffen hätte, die ihn nicht reingelassen haben in einen Treff, nur wenn er die Tickets auf Russisch verlangt hätte. (Spannend zu erfahren, woher er Russisch konnte, aber das habe ich nicht gefragt.)

Er schrieb:

… es ist Fakt das die Rußlanddeutschen untereinander russisch sprechen, russische Musik und Filme schauen, russisches Fernsehen sehen und auch russisch kochen.
Das alles ist nicht verwerflich, es ist auch kein Haß von meiner Seite. Es ist nur objektiv gesehen und die Wahrheit. […] Der Zusammenhalt ist außergewöhnlich, Hut ab, aber in die falsche Richtung. “

Es gibt diese geschlossenen Gesellschaften, die sich hermetisch abriegeln, weil sie sich ausgeschlossen fühlen. Oder warum auch immer. Biker. Womöglich noch graue Wölfe.

Aber es gibt genug Aussiedler*innen, die sich gut eingelebt haben und mit diesem Land und diesen Leuten hier verbunden sind. Und trotzdem ab und zu so einen Film auf Russisch schauen.

Und was das russische, bzw. mittelasiatische Essen angeht, andere bringen doch auch Gerichte aus dem Urlaub mit und kochen gern italienisch oder thailändisch oder auch japanisch. Kokosmilch und Algen gibt es an fast jeder Ecke.

So kann man es doch auch betrachten, die Deutschen haben aus Russland eben auch kulinarische Anregungen mitgebracht. Aus ihrem mehr als 200 Jahre währenden „Urlaub“ dort. Unterbrochen von einigen mageren Jahren und Fastenzeiten, wie Hungersnöten und Kriegen oder den gelegentlichen Ausflügen in den Gulag und in die Sondersiedlungszonen. Da haben sich die Leute halt angepasst und landesüblich gekocht. Wenn Kohl da war, wurde halt Kohl genommen. Wenn Baumrinde da war, wurde halt Baumrinde genommen. Punkt. Nicht immer gab es kulinarische Highlights zu erwarten. Aber es sollte satt machen. Hat es oft leider nicht.

Seltsam aber, dass die berühmte Kartoffelschalensuppe oder Salate aus Unkräutern heute unter den Aussiedlern kaum verbreitet sind, sondern nur Speisen aus den „fetten Jahren“ wie Borsch‘ und Manty und natürlich Plow. Viele von uns können noch Tomaten und Paprika einlegen und kochen auch Kobra, das ist so eine scharfe Soße, ähnlich wie Sambal Oelek, noch selbst ein.

Es braucht Zeit, sich kulinarisch einzuleben. Ich denke an die ersten Spaghetti Bolognese, die meine Mutter, auf meinen sehnlichsten Wunsch hin zubereitet hatte. Selbst die schmeckten irgendwie russisch, obwohl Tomatensoße dran war. Aber die Soße erinnerte eher an das Innere von Pelmeni und an Frikadellen. Mit viel Zwiebeln und Pfeffer.

Und was sollen die Frauen, wenn sie hierher kommen, auch sofort anderes kochen, als das, was sie schon kennen? Ich spreche meist von Frauen, von Herrinnen über Haus und Küche. Es scheint, als hätten sie mit den Gerichten auch ein althergebrachtes Frauenbild im Gepäck dabei, das so von 1763 oder so stammt. Wirkt zumindest so. Aber es gibt auch rühmliche Ausnahmen, wie zum Beispiel Onkel Jos’ka, einen Freund meiner Eltern. Seine Canneloni schmecken wie beim Italiener. Nee, besser. Er räuchert auch Fisch selbst und keltert eigenen Kirschwein. Überhaupt ist DIY, also tu alles, was du kannst selber, auch ein Thema aus der Community. Das haben die Deutschen aus den Steppen ebenfalls mitgebracht, alles selbst zu machen, vom Räucherofen bis zum Hausausbau. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ich frage mich, warum ich so empfindlich auf die Pauschalisierungen und dieses immerwährende Aussiedler-Bashing reagiere? Einer der Kommentatoren meinte auf den Einwand, der Zeitartikel sei etwas einseitig und woher die Autorin wohl diese Vorzeigeexemplare hätte:

Steht im Titel: „In Berlins größtem Club für Russlanddeutsche“ – Nicht jede Reportage, nicht jedes Portrait kann und muss alle Meinungen abdecken. Dafür gibt’s demographische Umfragen. Es steht ja auch nirgends im Text, dass ALLE so denken. Natürlich gibt es auch unter Russlanddeutschen ein breites Spektrum von Meinungen, und viele, die Putin ablehnen – aber es gibt eben auch das beschriebene Millieu, und es ist nicht klein; auch wenn das für so manchen schmerzhaft oder peinlich ist. Im Übrigen kommt die Autorin wohl selbst aus Russland.‘

Allerdings kommen mir  wirklich viele Artikel über Russlanddeutsche und wie sie sich geben unter die Nase. Komisch, aber sie fallen mir eben auf. Und die wenigsten von ihnen beleuchten die andere Seite des Spektrums.

Ich leugne es nicht. Es gibt sie. Die nur Russia Today schauen, die Biker, die sich weigern auf Deutsch zu antworten. Auch die Teenies, die keinerlei Geschichtsbewusstsein haben und glauben Wladimir Putin wäre ein weiser, gütiger Monarch. Ähem, ich meine natürlich Präsident, oder Kanzler? Was ist er nun seit der letzten Wahl? Es gibt sie, die AfD-Kandidatinnen mit russlanddeutschem Hintergrund, die Hitlerbildchen auf Whats-App versenden und hinterher meinen, es sei doch alles nur ein Scherz gewesen.

Aber bitte, liebe Presseleute und fleißigen Kommentierer*innen, das bildet doch nicht alle ab. Mich nicht und die meisten meiner Freunde und Freundinnen aus den Reihen der Aussiedler auch nicht. Ein Artikel kann nicht alle Meinungen abbilden. Aber in der Summe sind sie doch sehr tendentiös. Mal wieder.

Wir sind gut integriert. Auch wenn wir gern mal einen Teller Borsch‘ essen oder einen ganzen Topf mit Pelmeni (wer mag sie eigentlich lieber mit Essig?) vertilgen und dabei eine alte Sowjetschnulzette auf Youtube schauen. Schnulzette trifft es aber eigentlich nicht. Diese Machwerke mit ihrer ungeschlagenen Mischung aus Naivität und Abgeklärtheit, gibt es sonst kaum. Außer vielleicht im italienischen Autorenfilm der früher Fünfziger Jahre. Aber zu diesen Filmen passen nun wirklich eher Canneloni oder eine selbstgemachte Pizza. Abgesehen davon darf man nicht vorm Bildschirm essen! Das ist nun wirklich kulturlos. Habe ich das geschrieben? War alles bloß Fake-News.

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Ein bißchen Frieden – Ukraine fehlt und Russland siegt, naja fast…

Ich wollte nur kurz mal reinzappen, aber der Contest hat mich doch in seinen Bann gezogen. Spannend fand ich, dass diesmal soziale und politische Themen durchblitzten. So wie bei dem Lied der ungarischen Sängerin, die sich mit ihrer Friedensbotschaft eindeutig auf den Ukraine Konflikt bezog, ebenso wie das Lied „One Million Voices“ von Polina Gagarina aus Russland.
Lange Zeit sah es so aus, als würde ihr Beitrag von den Wählern honoriert werden, möglicherweise genau wegen dieser Message. Russland bekam ständig hohe Punktzahlen – Ungarn seltsamerweise gar nicht…

Dennoch wird das russische Team dieses Jahr den Grand Prix d’Eurovision nicht mit nach Hause nehmen, auch wenn es lange Zeit den Anschein hatte, doch irgendwann hat sich das Blatt gewendet und Måns Zelmerlöw konnte sich mit seiner multimedialen Performance auf dem ersten Platz halten und wurde Sieger. Hoffentlich nicht nur wegen der atemberaubenden Spezialleffekte.

Dabei hat Polina Gagarina doch alles gegeben, ihr Kleid verfügte sogar über den für das diesjährige Grand Prix typischen keilförmigen Ausschnitt, der knapp vor dem Bauchnabel aufhört, kombiniert mit einem überlangen bauschigen Rock – Le Dernier Cris beim Grand Prix. (Anne Sophie aus Hamburg zeigte übrigens genau denselben Ausschnitt und landete – unverdient? – auf dem vorletzten Platz.)

Polina Gagarina mit ihrem Song  - One Million Voices
Polina Gagarina mit ihrem Song – One Million Voices

Ich will nicht unken, obwohl mich die Emotionalität, die Gagarina am Ende ihres Auftritts und vor allem im „green room“ an den Tag legte, als sie eine reelle Chance auf den ersten Platz hatte, etwas unangenehm berührt hat. Zugegeben, sie hat nicht ein leichtes Liebeslied, sondern ein Anti-Kriegslied gesungen. War das ein wagemutiges politisches Statement?

Manchen Kommentatoren stößt es beim diesjährigen Grand Prix sogar auf, wenn ‚die russische Kandidatin über Neustart und Hände, die sich verbinden singt, während in der Ostukraine Separatisten Regierungstruppen bekämpfen.‘

Der Journalist Karoun Demirjian schreibt beispielsweise in der Washington Post:
And when sanctions and diplomacy won’t do, Europe can always be trusted to settle its political scores in the arena of an annual singing competition.
Frei übersetzt: Wenn Sanktionen und Diplomatie nicht greifen, kann man davon ausgehen, dass Europa seine politischen Probleme in der Arena eines jährlichen Gesangswettbewerbs löst.

Hier geht’s weiter zu seinem post…

Eine junge Mutter (das hat der Kommentator einzig bei ihr extra betont), die ein Lied gegen den Krieg singt, den ihr eigenes Land gegen ihr Nachbarland führt. Das hat ihr nicht wenige Sympathien gebracht. Und ich kann verstehen, dass es für sie ziemlich aufwühlend gewesen sein muss. Aber in diesem Glamour-Dom schien es irgendwie fehl am Platz. Sogar der armen Conchita Wurst, die sich kurzzeitig neben sie gesetzt hatte, um ein wenig zu plaudern, war diese tränenreiche Gefühlsdemonstration nicht ganz geheuer und sie verzog sich recht schnell wieder.

Mir hat das Aufeinandertreffen von Ukraine und Russland bei diesem Contest gefehlt, aber die Ukraine hatte keinen Vertreter geschickt, und ich meine sogar, dass Kiew beim Voting gefehlt hat. Ist etwa der Krieg dafür verantwortlich, dass das Land vom Grand Prix ausgeschlossen wurde? Oder war ich einfach nur so k.o. an diesem Abend, dass ich den Punktegeber aus der Ukraine verpasst habe? Nein, bei Wikipedia ist zu lesen:

Währenddessen bleibt die Ukraine der Veranstaltung aus finanziellen Gründen und aufgrund der aktuellen Situation im Land fern.

Mit einem Verweis auf eine weitere Wiki-Seite, mit dem Titel: Krieg in der Ukraine seit 2014.

Schade. Bestimmt hätte die Ukraine dieses Jahr viele 12 Points gekriegt. Mit oder ohne tiefen Ausschnitt. Es wäre doch eine Sensation, wenn sie gewonnen hätten und 2016 die Schow auf dem Maidan stattfinden würde. Das wäre ein politisches Statement. Aber nein, lieber umschiffen wir das minenreiche Gewässer und die Ukraine ist gar nicht erst dabei.

Der russische Telefonkandidat war jedenfalls mehr als peinlich. Er hat sich gemeldet mit einem fröhlichen: Hello Europe, this is Mother Russia speaking. Was angesichts der ganzen osteuropäischen und baltischen Interpreten und der Teilnehmer vom Balkan so ziemlich unangebracht war. Und dann hat dieser Witzbold noch gesagt seine Douze Points, die Twelve Points go to … Russia! Bevor er sie doch Italien mit ihrer schmelzigen Klassik-Pop-Ballade zugesprochen hat. Haha!