111 Arten, Plow zu kochen

„Sind da oben nicht nur russische Veranstaltungen?“, fragt mich eine junge Frau, die ich nach dem Weg zur Villa frage. Sie ist Oerlinghauserin, und kommt gerade in der Nähe des Kastanienkrugs aus ihrem Garten. Im Dorf haben wir also schon einen Stempel weg. Betrieben wird die Villa Welschen, in der Seminare und Feste für die russischsprachige Community abgehalten werden, von Deutschen aus Russland. Das Seminar des russlanddeutschen Literaturkreises findet seit Jahren hier statt. Mittlerweile müsste ich den Weg kennen.

Ganz unrecht hat die Frau mit ihrer Frage wirklich nicht, es wird dort überall und laut auf Russisch geschnattert. Wann haben wir sonst die Gelegenheit dazu, als bei solchen Treffen? Und nach außen kommt das dann so rüber: die Russen wieder.

Was das Kulinarische betrifft, geht es jedenfalls sehr russisch zu. Es gibt zwei warme Mahlzeiten am Tag. Reichlich gefüllte Portionen. Vegetarische Gerichte Fehlanzeige. Aber nicht, dass alle denken, es würden nur Gerichte wie Borsch gereicht, es gibt auch Tomatensuppe und Schmorbraten und so. Nachdem wir mittags Schnitzel und Spätzle gegessen haben, steht abends neben dem Brot und der Wurstplatte auch eine große Schüssel mit Plow auf dem Büfett.
Wer das nicht kennt, das ist so ein mittelasiatisches Reisgericht. Mit Fleisch. Jeder Menge Fleisch.

Keine Paella, auch kein Massala, sondern Plow.

An meinem Tisch sitzen noch vier andere Autorinnen und ein Autor.
Alle haben einen Teller Plow vor sich.

„Hm“, sage ich, „lecker.“

„Ja, aber irgendwas ist anders. Irgendein Gewürz daran, das ist irgendwie fremd“, sagt die Autorin zu meiner Linken.

„Es ist auch komisch, dass da mehrere Sorten Fleisch drin sind. Also ich bin gewohnt, dass da Rind reinkommt und fertig. Oder nur Lamm. Mir schmeckt das mit dem Hühnchen nicht so“, sagt die von gegenüber.

„Könnte es Curry sein? Das Gewürz, das du meinst, es schaut auch ziemlich Gelb aus“, sage ich zu meiner Nachbarin.

„Stimmt, es ist Curry. Was um Himmels Willen hat Curry im Plow zu suchen?“

„Es ist auch viel zu wenig Reis. Also ich meine, der Anteil Fleisch ist zu hoch. Das wurde bei uns zuhause ganz anders gekocht“, meint Autorin, die am Fenster sitzt. „Aber jede Hausfrau macht Plow auf ihre Weise. Und so wie bei der Mutter schmeckts halt einfach nie.“

„Also, für meinen Geschmack ist er nicht trocken genug“, meldet der einzige Mann am Tisch zu Wort. „Da, diese Soße, die da austritt. Zu viel Flüssigkeit. Das darf nicht sein. Und überhaupt, wisst ihr, dass ein richtiger Plow eigentlich nur von Männern zubereitet werden kann?“

„Ja,“ rufen alle Frauen wie aus einem Munde. „Wissen wir.“

„Es gibt ja auch immer mindestens einen Mann, der das verkündet“, sagt die Erste. „Jedes Mal .“

„Männer kochen eh immer am besten. Behaupten sie zumindest“, sagt die Nächste. Alle Frauen lachen.

„Und warum? Weil sie nur dann kochen, wenn sie Lust dazu haben. Darum“, sagt die Dritte.

„Und danach sieht die Küche immer aus!“, sagt diejenige, die am Fenster sitzt. „Und wer räumt das Chaos wieder auf?“

„Aber Plow mit Curry, wer denkt sich denn sowas aus?“

„Also, mir schmeckts“, sage ich und stehe auf, um mir einen Nachschlag zu holen.


Und hier eine von den 111 Varianten, von Männern zubereitet: