Der angebrochene Tag

Heute hat ihr Traum dort aufgehört, wo er am spannendsten war. Bevor er ganz entschwindet, schmeckt Olga ihn noch einmal nach, holt die letzten Bilder hervor, versucht den Nebelschleier niederzureißen, um sich zu erinnern. Da war doch. Aber er greift nicht, der Traum, kommt nicht an gegen diese Mauer aus schwerer Schlacke, durch die sie durchwaten muss.

Halb fünf Uhr morgens, die Wolfsstunde ist eigentlich schon vorbei. Seit Tagen, seit Wochen ist das die übliche Zeit. Da wacht sie immer auf. Manchmal schafft sie es nach einer Stunde wieder einzuschlafen, doch oft wird das Kopfkino sofort wieder angeknipst und sie liegt da, bis zum Weckerklingeln und ihre Gedanken kreisen, ziehen sie herab in die Tiefe. Auch heute ist das Grundgefühl ein dunkles, als hätte sie etwas versäumt, etwas unerledigt gelassen, das aber wichtig wäre. Elementar. Und sie weiß nicht was. Sie kommt nicht drauf. Schuld, Schuld, Schuld, die sich einhämmert in ihren Kopf. Bis sie kaum noch atmen kann, ganz in sich zusammengezogen, verzogen vor lauter schlechtem Gefühl, falsch klingend. Stumm. Was hat sie unterlassen? Was verbrochen? Woher kommt diese Schuld?

Sie kann nicht vor und nicht zurück, wird von Stimmungen niedergedrückt, aufgespießt, wie ein Insekt, das von einem Universalgenie des achtzehnten Jahrhunderts zwecks Artbestimmung in einen kleinen Schaukasten gesteckt wird. Doch sie kann sich nicht unter die Lupe nehmen, kann ihre Angst und ihr feiges Lebensgefühl nicht anschauen, nichts analysieren. Jetzt nicht. Sie muss sich dieser Gefühlsschlacke entledigen, sie abstreifen, um aufzustehen, den Alltag zu mimen. Mit fahrigen Bewegungen durch die Küche wanken wie durch Sirup. Und wehe heute sagt jemand etwas Falsches. Alles ist zuviel, zuviel, zuviel. Der Geist ist noch befasst mit dem Tragen des Nachtalbs, der sich ihr in die Brust krallt. Und ihr die letzte Kraft aussaugt. Schuldig, schuldig, schuldig. Aber worin besteht ihre Schuld? Was hat sie unterlassen, was getan, dass diese Schwere sie so in Beschlag nimmt?

Neulich hat Olga geträumt, sie hätte im Zimmer Mehl verschüttet. Im Traum schnappt sie sich einen Besen und fegt es auf, versucht es, erreicht aber nur, dass es aufsteigt und sich überall verteilt, eine weiße Wolke, wie besessen fegt sie, kehrt den feinen Staub zusammen, die Leute kommen doch gleich, sie muss fertig sein. Aber anstatt dass der Boden sauber wird, verwischt sie alles nur. Immer noch Traum, ihre Mutter kommt zur Tür, sagt etwas auf Russisch, sie versteht nur das Wort „мука“ (muka) also Mehl. Mehl, was sonst. Als Olga aufwacht wird ihr bewusst, dass das Wort noch eine andere Bedeutung hat: „му́ка“, auf der ersten statt auf der letzten Silbe betont, heißt Leiden, Qual im Sinne von мучения (mutschenjia). Und мучить (mutschitj) bedeutet leiden, sich selber quälen oder andere. Die Syntax der Träume ist schon seltsam, und dass diese beiden in ihrem Traum ein Wortpaar bilden, einen fast eineiigen Zwilling; мукá – му́ка, unglaublich, geradezu freudianisch.

Was wollte die Mutter in ihrem Traum sagen? Hör auf, dich zu quälen? Feg die Qual einfach beiseite. Einfach aufhören damit. Das wärs. Wenn sie es schaffen könnte, ihre Aufmerksamkeit von den Dingen abzuziehen, die sie niederdrücken. Aber das ist eine Kunst. Und wer schon den Weg der Selbstzerfleischung eingeschlagen hat, kommt davon nicht so leicht los. Erkenne dich selbst, steht auf einer Stehle in Delphi eingraviert. Da steht nicht seit tausenden von Jahren, zermarter dein Hirn, finde raus, warum dich etwas fertig macht. Aber vielleicht muss sie erst durch Tonnen von Mehl-Qual waten, um zur Leichtigkeit zu gelangen, zu dem guten Leben? In ihrem Traum verschwimmt beides ineinander. Mehl – Qual. Sie quält sich. Oder sie kehrt das Leid zusammen wie verschüttetes Mehl. Das eigene oder das anderer Leute. Sie will den Raum von all der Qual befreien. Aber wie?

Halb fünf, wie immer. Tagesanbruch. Und was soll sie mit dem angebrochenen Tag anfangen? Nicht mehr heil und geheimnisvoll, nicht glänzend verpackt in Alufolie, sondern an der einen Ecke angebissen. So liegt sie wach und hat Angst, das Falsche zu tun. Stets das Falsche getan zu haben. Aber was wäre denn das Richtige? Nach drüben fahren in ein ihr unbekanntes Land, tausende von Kilometer entfernt und das Grab der Großmutter öffnen lassen? Nach der kleinen flachen Metallkiste suchen, die in der Erde versteckt ist. Die Großmutter vor ihrem Tod bestimmt, dass alles mit ihr begraben wird. Alle Fotos, die Briefe, die Erinnerung. Das war ihr letzter Wille. Wovor hatte sie so große Angst gehabt? Wollte sie nicht, dass bestimmte Dinge durchsickern, die der Familie schaden? Was würde sie finden in dem luftdicht verpackten Kasten? Fotos mit SS-Abzeichen am Hemd? Ein Brief aus dem Westen? Verhängnisvolle Klagen gegen die Sowjetregierung? Eine Schimpftirade gegen Stalin? Wohl kaum. Die Großmutter ahnte ja nicht, dass das alles einmal ungefährlich werden sollte, nur eine Gefahr für die Seele nicht für den Leib. Aber warum hat sie nicht alles einfach verbrannt? Wie der Großvater, der Jahre später, vor seiner Ausreise, alles vom Dachboden in den Garten hat bringen lassen und alles dem Feuer übergeben hat. Hefte, Zeichnungen, Bilder, Fotos. Vielleicht sogar noch verbliebene Dokumente. Und auch der Koffer musste dran glauben, der große Pappkoffer mit den Metallecken, mitgebracht aus dem großdeutschen Reich, ein Opfer der Flammen. Der Koffer. Als der Krieg vorbei war und die russische Armee vorrückte, haben Olgas Vater und sein achtjähriger Bruder Heiner beobachtet, wie das Volk die Geschäfte plündert. Alle sind in die Läden gerannt, um schnell noch das, was noch brauchbar war, an sich zu reißen. Der Mai 1945 war eine Zeit, als alle Gesetze außer Kraft gehoben waren. Auch in Dahme, dem kleinen Städtchen irgendwo im Osten der Republik, in dem sie kurze Monate verbracht haben. Und der kleine Georg und sein Bruder Heiner stürmen also ein Kleidergeschäft, schnappen sich einen Riesenkoffer und füllen ihn mit Hüten und Socken, mit Kleidern und Röcken, mit Hosen und Jacken. Mit diesen typischen Ledershorts, die in Russland niemand trug. Nur die Deutschen. Während der Vertreibung in den Osten, in den Ural und später in der sibirischen Sondersiedlung am Salzsee hat sie dieser Koffer, haben diese Klamotten sie gerettet, davor bewahrt, zu verhungern. Ein Filzhut mit Feder eingetauscht gegen ein Ei. Ein luftiges Sommerkleid gegen einen Leib Brot oder etwas Milch. Denn der Hunger ist jetzt, aber irgendwann wird die schlimme Zeit vorbeigehen und dann braucht man wieder was Schönes, was fürs Auge. Irgendwann wird das zivile Leben weitergehen. Damit der gestohlene Koffer ihnen nicht ihrerseits gestohlen wurde, schlief ihr Vater immer darauf, die ganze Reise hindurch. Er klammerte sich an dieses Stück Deutschland wie an sein Leben. Ein fünfjähriger Knirps schlafend auf einem Koffer. Sicher nicht viel länger als ein Meter lang – das Gepäckstück wie das Kind. In schweren Zeiten werden Kinder nicht sehr groß. Nur ihre Knie werden knubbelig und die Bäuche aufgedunsen.

Sollte sie wirklich noch diesen Monat nach Duschanbe fliegen? Und versuchen, an diese Metallkiste zu kommen? Oder bleibt sie für immer die Frau, die keine Fahrkarte kauft? Die nachts wach liegt und stumm leidet? Als ob eine kleine flache Kiste den Teufelskreis durchbrechen könnte. Lächerlich.

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Ortserkennung

Sie kommt geografisch einfach nicht zurecht. Wenn Olga eine neue Adresse aufsuchen muss, selbst wenns in einem Viertel ist, das sie schon kennt, wird ihr Atem flacher und die Hände fangen an zu schwitzen. Es graust ihr, ihren angestammten Stadtteil zu verlassen. Altona ist mein Rayon, denkt sie. Da bin ich sicher. Besonders schlimm ist es, wenn sie zu einem Vorstellungsgespräch nach Jott wie De rausfahren muss. Ihre Angst vor Befragungen und ihre Angst, eine Adresse nicht vorzufinden, oder sich zu verlaufen, vervielfachen sich. Und dann kommt noch dazu, dass sie sich selbst sabotiert und die Zeitplanung schief läuft. Ausgerechnet an dem Morgen klappt was nicht, es gibt Stress, oder sie sucht was, einen Schirm. Wo doch alle Schirme normalerweise im Flur hängen. Aber in dem Moment: kein einziger. Das sind die verhexten Augenblicke, in denen sie sich wie im falschen Film vorkommt. Und so geht sie erst kurz vor knapp los und irrt umher. Natürlich ist es self-fulfillig prophecy, natürlich sind das die Geister, die sie rief. Aber sie ruft sie regelmäßig und bekommt Panik. Läuft wie ein weidwundes Reh durch die unbekannten Straßen und biegt in die falsche Richtung ab. Garantiert. Sie kann sich Hausnummern und Straßen einfach nicht merken oder verwechselt sie ständig. Vielleicht ist das normal. Andere haben sich möglicherweise Tricks zurechtgelegt, um mit solchen Situationen fertig zu werden. Aber Olga gerät immer in eine Spirale der Panik. Bis sie doch irgendwann doch vor der richtigen Tür steht. Verschwitzt und verschüchtert. Nicht grade die optimale Voraussetzung für ein Vorstellungsgespräch. Da hat ihr jemand mal einen Schuhoutlet empfohlen. Ganz einfach zu finden. Nur drei Haltestellen von ihrer Straße stadtauswärts und dann immer gradeaus. Es war aber das falsche Gradeaus und nach einer halben Stunde hat sie es aufgegeben. Beim zweiten Anlauf erst, einige Tage später hat sie dann diesen Laden gefunden. Aber so ist es mit neuen Orten, mit unbekannten Straßen und unlogischen Hausnummern. Wie oft hat sie erlebt, dass es die Nummer zwei in dieser und jener Straße nicht gibt. Oder nach 44 irgendwann die 56 kommt und die dazwischen sind wie ausgeblendet. Das ist, wie in einem Albtraum gefangen zu sein. Das Ankommen ist gefährlich, hat sie irgendwo mal gelesen. Gibt es keine Geo-Coaches, die einen unterstützen, wenn man durch die Stadt fährt? Sie kann doch nicht nonstop mit einer kleinen Frau im Ohr rumlaufen, die ihr sagt, in drei Schritten links abbiegen, nach der Apotheke, links abbiegen. Das ist ihr dann doch zu peinlich.

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Ihr ureigenes GPS ist außer Kraft gesetzt. In Russland kannte sie sich aus. Da ist sie gut zurecht gekommen, sie wusste instinktiv wo abbiegen und welches Links das richtige war. Aber hier kommt es ihr vor, als hätte sie ihr inneres Orientierungssystem verloren.

Im Radio kam was über Orientierung. Das Ehepaar Moser aus Norwegen, Edvard und May-Britt, haben dieses Jahr den Nobelpreis in Medizin bekommen, dafür, dass sie solche Orientierungszellen im Gehirn gefunden haben. Bei Ihren Versuchen mit Laborratten haben sie entdeckt, dass es die sogenannten „Grid-Cells“ gibt, also „Gitternetz-Zellen“, die eine Art Koordinatensystem im Gehirn darstellen und es dem Tier erlauben, präzise Informationen über ihre aktuelle Position zu finden – und damit auch die Möglichkeit zu haben, einen anderen Ort zu finden.
Warum finde ich meinen Ort dann nicht?, denkt Olga. Wie ist es eigentlich, wenn man diese Ratten aus ihrer Umgebung rausnimmt und zig-Tausend Kilometer weit weg verpflanzt. Funktionieren die Gitternetz-Zellen dann genauso wie in ihrem Heimatkäfig? Oder sind die Koordinaten verschoben. Man sagt nach langen Reisen ja auch, die Seele ist noch nicht angekommen, die Seele braucht länger als der Körper.

Wenn sich nun ihre Zellen an das Omsker Stadtsystem angepasst haben? Kein Wunder, dass ich mich dauernd verrenne, denkt sie. Im Raum. Im Leben. Zumindest ein paar Sackgassen sind ihr sicher. Aber wie sagte ein kluger Mann: Sich zu verlaufen, erweitert die Ortskenntnis. Wer weiß, vielleicht heißt das ja, dass neue Orts- und Gitterzellen gebildet werden.
Es kann doch nicht sein, dass es allen so geht, die ausgewandert sind. Dann würde doch die Hälfte der Bevölkerung orientierungslos durch die Gegend torkeln. In Großstädten zumindest. Witzig, denn als Kind konnte sie sich genaustens orientieren. Ist weiter und immer weiter weggelaufen von der Wohnstraße und hat immer zurückgefunden. Wie eine Taube mit einem Erdmagnetsensor. Oder die Ratte in May-Britts und Edvards Labor. Aber bei ihr ist diese Gabe irgendwann abhanden gekommen und sie wurde hilflos. Irgendwo hat sie noch gelesen, dass der Orientierungssinn von der Menge an männlichen und weiblichen Hormonen im Körper abhängt. Je mehr Östrogene, desto verwirrter? Das ist doch der Freibrief für Diskriminierungen. Dann ist ihr die unbewiesene Theorie mit den verschobenen Gitterzellen doch lieber. Sie ist doch keine Laborratte. Oder?

Ach, hier ist es, die Nummer 43. Na dann mal los.

Sonnenblumenkerne II

„Weißt du, Oljetschka“, sagt der Großvater und rührt mit dem Holzschaber in der alten ausgedellten Pfanne, „das mit den Menschen ist wie mit den Sonnenblumekernen.“

Sie stehen in der Küche ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung, Olja und der Opa, und der Opa röstet ihnen grade ein paar frische Sonnenblumenkerne auf dem Gasherd zurecht. Kerne mit schwarzer Schale. Das sind die besten. Und natürlich ohne Salz, aber mit einem Tropfen Öl, auf ukrainische Art.

„Nimm an, diese Sonnenblumenkerne, das sind wir alle. Ein Haufen miteinander. Manche dicker, manche dünner, größer oder kleiner. Und die Pfanne da, das ist die Welt, rund ist sie ja auch. Und unten in der Welt, wo es ganz heiß ist, da sammelt sich das ganze Leid. Mach mal das Fenster auf,  mein Täubchen, die Schalen fangen schon an zu schmaucheln, gleich sind sie fertig.“

Olja steigt auf den Taburet, einen schmalen hohen Hocker und öffnet vom Fenster, das kleine obere Teil. Fortatschka genannt. Die Schwaden der gerösteten Kerne vermischen sich mit der Frühlingsluft.

„Der Holzlöffel hier“, fährt der Großvater fort, „ist was uns umtreibt. Was eben so mit einem passiert. Die Hand des Schicksals oder eben der Ukas von Väterchen Stalin. Der Löffel rührt in der Pfanne, damit alle was von der Hitze des Bodens abbekommen und gut werden. Damit nicht einige unten ausharren und verbrennen und die anderen roh bleiben, denn du weißt ja mein Täubchen, wer rohe Sonnenblumenkerne knuspert, kriegt leicht Bauchweh, hat dir deine Mama das schon erzählt?“

„Ja, das weiß ich doch Opa“, sagt Olja.

„Ach, mein Täubchen, du fragst dich doch sicher, wann Onkelchen Stalin mir Sonnenblumenkerne geröstet hat? Das ist nur so ein Beispiel. So wie in der Pfanne geht’s drunter und drüber in der Welt, die einen kommen hinter Stacheldraht und die anderen auf einen hohen Posten. Denn wie gut ich auch rühre, ich kann nicht gleichmäßig alle anrösten. Das ist eben Schicksal. Manche bleiben länger unten am Boden, sie werden zu stark gebraten, verkohlen. Und andere sind kaum angeröstet, fast weiß. Mia esse sie trotzdem, gell Oljenka“,  fügt er auf deutsch hinzu.

„Schau Opa“, ruft sie und zeigt mit ihrem Fingerchen in die Pfanne, „dieser Kern da bist du und dieser bin ich!“

„Genau, und bei meinem Glück lande ich öfter und länger unten, wo es richtig heiß ist. Jeder kriegt sein Los ab, aber siehst du, manche eben mehr, und andere bleiben verschont. So wie du.“

„Warum?“

„Weil du mein Augapfel bist, Oljenka.“

„Kann ich den schon jetzt haben, Opa, meinen, ich will ihn schon knacken, bitte!“

„Hier, warte“, er fischt ihn vorsichtig raus, bevor er noch wegflutscht, „dein Kern, der soll vom Feuer nicht zu viel abbekommen.“

Die Mutter schaut rein, „Hu, Vater, wie ist es verraucht, und wie es stinkt, was bringst du Olga eigentlich bei? Sonnenblumenkerne knacken doch nur die alten Omas auf den Bänken vor den Häusern. Und gesund ist das doch auch nicht .“ Sie geht ans Fenster und reißt noch ein Fensterchen auf.

„Ach lass, Lenotschka, lass uns doch, wenns ihr schmeckt. Weißt du mein Täubchen“, sagt der Opa und kippt die Ladung Sonnenblumenkerne auf eine Zeitung zum Abkühlen, „das Feuer ist aber auch wichtig, nur wenn sie genug Hitze abbekommen, die Kerne, schmecken sie uns doch.“