Sibirische Kälte

Sobald sich eine Welle mit Schnee und Kälte über unser Land legt, wird von sibirischen Winden geredet, die uns angeblich heimsuchen. Dabei kommt sibirische Kälte bei uns hier im Norden Deutschlands nicht wirklich an. Und auch kein Schnee, höchstens ein paar Flocken.


Ist schonmal jemandem aufgefallen, dass in jeder Gruppe aus Russlanddeutschen mindestens einer oder eine aus der Gegend von Omsk kommt? Vielleicht bin ich besonders hellhörig in dieser Hinsicht, aber Tatsache ist, es stammen relativ viele von dort.

Weshalb ich darauf komme? Weil es einen Blog über Sibiriendeutsche gibt, der diejenigen anhand von Interviews und Portraits präsentiert, die in Sibirien leben oder aus Sibirien stammen.

Land und Leute aus einem besonderen Blickwinkel: http://sibiriendeutsche.tumblr.com

Ins Leben gerufen hat ihn eine junge Frau aus Österreich. Magda Sturm hat in Wien Vergleichende Literaturwissenschaft und Slawistik studiert. Und als vor einigen Jahren eine Stelle als Redakteurin (des Instituts für Auslandsbeziehungen) in Omsk ausgeschrieben war, hat sie sich kurzerhand beworben. Aus einem Jahr Aufenthalt sind nunmehr fast vier geworden.

Sie schreibt für deutschspachige Zeitschriften in Russland, arbeitet als Kulturvermittlerin und betreibt in ihrer Freizeit den Blog.

Viele Gesichter tauchen hier auf, viele Leben werden erzählt. Manche der Portraitierten halten die Kochkunst ihrer russlanddeutschen Großmütter in Ehren und machen ihrerseits einen Blog mit russlanddeutschen Gerichten, andere forschen zu ihren Wurzeln und wieder andere, meist die ältere Generation, erzählt aus einer vergangenen Epoche.

In einem Interview kommt aber auch der Hamburger Fotograf Jörg Müller zu Wort, den ein Fotoprojekt zu deutschen Auswanderern des 19. und 20. Jahrhunderts in das sibirische Dorf Litkowka geführt hat.

Seit mehr als zwei Jahren ist der nun Blog online und wächst stetig, seit Herbst 2018 ist er  kein reines Freizeitprojekt mehr, sondern ein offizieller Bestandteil von Magdas Arbeit für das Institut für Auslandsbeziehungen. Seitdem führt sie auch Workshops im Deutsch-Russischen Haus in Omsk durch: mit Schülern, Studenten und demnächst voraussichtlich auch mit Kindergartenkindern, die in dieser Institution Deutsch lernen.


Historisches, Kulinarisches oder einfach nur Menschliches ist auf dem Blog zu finden. Es ist spannend, dass unter den Deutschstämmigen in Sibirien eine Rückbesinnung auf die deutsche Kultur stattfindet und zwar auf die alte Dörfliche kultur ihrer Ahnen. Aus der Ferne wirkt es wie ein Kultur-Konzentrat. Vergleichbar einem dickflüssigen Sirup, wobei wir wieder bei Rezepten wären.

Russlanddeutsche Schnitzsuppe mit Trockenfrüchten. Foto: EckArtRezept (zum YouTube-Video)

Mini-Interview mit Magda Sturm

Magda Sturm 2017 bei einer Ausstellung über die Urvölker Sibiriens.


Ich fragte sie nach kulturellen Unterschieden, denen sie in Sibirien begegnet sei. Ihre Antwort:

Nachdem ich vor meinem Sibirien-Aufenthalt schon ein halbes Jahr in Krasnodar war, und Moskau und Sankt Petersburg besucht hatte, sind mir kulturelle Unterschiede nicht mehr so stark aufgefallen. Und je länger ich in Omsk lebe, desto schwerer fällt es mir auf diese Frage zu antworten. Bei meiner ersten Russlandreise schien mir schon, dass man in Russland im öffentlichen Raum erst mal reservierter ist, weniger lächelt und nur dann offener wird, wenn man jemanden besser kennt. Aber eine gewisse Grantigkeit sagt man ja auch den Wienern nach.

Am Anfang war ich es zum Beispiel nicht gewohnt, dass Telefonate so abrupt enden. Nach einem »Davaj, davaj« oder »Choroscho« ist schon alles gesagt. Ich habe am Anfang ein paar Mal irritiert aufs Handy geschaut, ob mein Gesprächspartner denn wirklich schon aufgelegt hat. Auch die E-Mails sind weniger ausgeschmückt, weniger Höflichkeitsfloskeln und Konjunktive. Der Inhalt beschränkt sich einfach auf die wesentliche Information. Und anfangs fand ich etwas gewöhnungsbedürftig, dass Männer Männern beim Grüßen die Hand reichen, es aber nicht üblich ist, dass Männer Frauen die Hand reichen. Aber inzwischen fällt mir das alles gar nicht mehr auf.  Mir sind in Russland jedenfalls schon viele sehr gastfreundliche Menschen begegnet.

Dass ich russischer geworden bin, glaube ich aber nicht. Ich bin nur insofern sibirischer, als ich in Österreich manchmal aus Gewohnheit viel zu warm eingepackt aus dem Haus gehe. Es ist schon etwas dran an dem Spruch »Ein Sibirier ist nicht jemand, der nicht friert, sondern jemand, der sich einfach gut anzieht.« Je länger ich hier bin, desto wärmer ziehe ich mich an.

Und auf die Frage danach, was sie mitnehmen wird, wenn sie wieder zurückkehrt antwortet sie:

Als Nicht-Kaffeetrinkerin gefällt mir die Teekultur in Russland. Seit ich in Russland bin, trinke ich viel lieber offenen Tee als den in Päckchen. Das macht schon viel Unterschied. In den russischen Cafés käme niemand auf die Idee eine Tasse heißes Wasser und einen Teebeutel zu servieren. Besonders die Teejurten in Sibirien mag ich. Ich hatte während meiner Zeit in Potsdam bei Berlin schon öfter die Tadschikische Teestube in der Oranienburgerstraße besucht. Die Atmosphäre dort fand ich einfach toll. Und die Teejurten in Omsk und Nowosibirsk sind auch sehr gemütlich, richtige Oasen. Man zieht die Schuhe am Eingang aus, sitzt auf dem Boden auf Polstern, trinkt Tee, isst Petschenje, hört ethnische Musik – dort kann man richtig gut entspannen.

In der Jurte. Foto: Magda Sturm

Man hört in der Omsker Teejurte zum Beispiel Musik von Radik Tyulyush, einem tuwinischen Kehlkopfsänger, den ich auch mal bei einem Konzert in Omsk gehört habe. Seine Musik und die seiner früheren Gruppe Huun-Huur-Tu gefällt mir sehr gut.

Obwohl mir als Österreicherin die Berge in Omsk und Umgebung fehlen, finde ich auch die Steppenlandschaft total schön. Es ist faszinierend, wie lange man mit dem Zug durch die Landschaft fahren kann und man sieht nichts als schnurgerade Straßen, endlos weite Steppe, nur ein paar Birkenbäumchen. Und ich mag den Winter in Sibirien mit dem vielen Schnee und Eis total gern. Ich nehme auf jeden Fall alle gefütterte Kleidung nach Österreich mit, die ich mir hier gekauft habe. Die trotzt auch mal minus 40 Grad.

Tee in einer Jurte. sehr sibirisch und sehr gemütlich. Foto: Magda Sturm
Kleines Extra zum lauschen, Sibiriendeutsche auf Deutschlandfunk

Gut einhundert Jahre nachdem die ersten deutschen Siedler nach Russland ausgewandert waren, wurde 1893 das erste deutsche Dorf in Sibirien gegründet. Es waren also schon Siedlungen da, bevor die Deportationswellen weitere hundertausend Menschen aus den Kolonien an der Wolga und aus dem Kaukasus und Repatrianten aus der Ukraine hierherspülten.

Ende letzten Jahres hat sich der Deutschlandfunk in einer Sendereihe mit Sibiriendeutschen beschäftigt. Einige sehr schöne Kurzfeatures von Frederick Rother sind hierbei entstanden. Wer möchte kann da reinhören, der Anmach-Button ist unten rechts am Foto. Ich hoffe, diese Sachen sind noch länger aus Sendung:

1. Das deutsch-russische Haus in Omsk

2. Bruno Reiter, Landrat im Gebiet Assowo

3. Alexandrowka, das erste deutsche Dorf in Sibirien

4. Eine deutsche Bäckerei in Sibirien

5. Sergej, der Rückkehrer

Mit Minus vier Grad herrscht heute keine sibirische Winterkälte bei uns. Es ist höchstens so, wie im Gebiet Omsk Ende Oktober.

Übrigens können die Sommer in Sibirien ziemlich heiß werden, bis zu 35°. Kontinentalklima eben. Aber wenn heuer wieder so ein heißer Sommer kommt wie letztes Jahr, wird sicher niemand bei der Wettervorhersage von sibirischer Hitze sprechen. So viel sei gewiss.

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Spruch der Woche – Heimatblase

Wie stark deine Sehnsucht und wie groß deine Geisteskraft auch sein mögen, niemals kehrst du dorthin zurück, woher du gekommen bist.“


Charles de Foucauld

Jedes Mal wenn es stark regnet und sich in den Pfützen kleine Kuppeln aus Tropfen  bilden, taucht vor meinem inneren Ohr ein Wort auf: пузыри, (puseri) Bläschen. Denn als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter erklärt, dass die Tropfen Bläschen werfen, wenn es länger regnen wird. Längst ist Deutsch zu meiner Denk-, Traum- und Flüstersprache geworden. Doch wenn ich Tropfen sehe, die in den Pfützen hochspringen, denkt mein Hirn: pusari. Auch in der Stadt, die jetzt meine Heimat ist. Nicht nur meine gewählte, sondern auch die gefühlte Heimat.

Foto: Heinz Benaczek CC BY-SA 3.0

Heimat – dieses Wort habe ich früher weitestgehend vermieden. Es war nicht salonfähig, denn zu viel Blut und Boden und Volkstümelei haftete daran. Als Russlanddeutsche ist mein Bezug dazu auch viel zu komplex, um in irgendwelche Stadt-Land-Fluss-Begrifflichkeiten gepresst zu werden. Ich lasse mich nicht so einfach verorten oder auf pure geografische Koordinaten reduzieren.
Wo ich herkomme ist zunächst klar. Omsk. Eine sibirische Großstadt an der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irtysch gelegen. Ich habe sie im Alter von acht Jahren verlassen.

Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja, eine davon. Es ist eben nicht nur das Fleckchen Erde, auf dem wir zufälligerweise geboren wurden, das uns ausmacht. Auch nicht nur die Luft und die Pflanzenwelt, die uns dort umgibt. Es sind auch die Sprache, die Geschichten und die Träume, dieses kollektive Fluidum, in das wir als Kinder eintauchen. Die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen. Außer dem Birkensud, den Pelmeni und diesem sahnigen Eis erinnere ich mich bewusst auch an unzählige Folgen von Nu pogodi. Das ist das sowjetische Pendant zu Tom & Jerry, nur dass sich hier Hase und Wolf das Leben schwer machen. Das alles hat mich geprägt, ist in meine Stofflichkeit übergegangen, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. In Sibirien liegen auch die Sondersiedlungen und die Verbannungsorte, an die alle gekommen sind, die deutsch waren. Auch aus meiner Familie. Auch das formt einen Teil von mir.

Ist die Ukraine meine Heimat? Das Vaterland, in das ich noch nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber Vaters deutsche Verwandtschaft seit Generationen gesiedelt hat. In ihrer eigenen bäuerlichen Parallelwelt. Sie sind irgendwann aus Ostpreußen und aus der Pfalz dorthin eingewandert und an die 140 Jahre dort geblieben, bis zu der großen Umwälzung, die der zweite Weltkrieg mit sich gebracht hat. Was von dieser ländlichen Kultur und von den Erlebnissen während der Wanderungen ist in meine Träume eingedrungen? Gibt es einen direkten Einfluss, außer dieser fast unmerklichen Melancholie und dem Fernweh nach dieser Landschaft, die mich manchmal befallen?

Ist mir die Kleinstadt im Rheinland, wo ich meine zweite Kindheit verlebt habe, zur Heimat geworden? Lange habe ich mit dem Ort gehadert, habe mich dort fremd gefühlt, wie zu Besuch. Die mit dem Lineal gezogenen Grenzen zwischen den Feldern und die mit dem Lineal gezogenen Beziehungen zwischen den Menschen habe ich nicht als Teil von mir annehmen können. Heute erinnere ich mich an diese Lebensabschnitte und merke, dass auch sie mich verändert und berührt haben. Auch wenn mich der rheinische Frohsinn noch immer eher abschreckt. Wie einen bösen Geist, der im Karneval vertrieben werden soll.

Ist es Hamburg? Hamburg, meine Perle? Ich bin eine Wahlhamburgerin, wie die meisten, die ich hier kennengelernt habe. Doch wie tief geht meine Verwurzelung in den Asphalt deines städtischen Dschungels? Seit ich im Norden bin, erlebe ich erstmalig so etwas wie eine Widerspiegelung in der Landschaft, fühle mich mit den Menschen verbunden.

Neulich sagte ein Freund, Heimat sei für ihn etwas sehr Lokales. Nicht nur die Stadt, mit der er sich identifizieren, sondern der Stadtteil. Der Kiez, in dem er wohnt und in dem er Freundschaften aufgebaut hat, auch durch die Kinder. Die unmittelbare Nachbarschaft vermittle ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit,  aber doch nicht etwas so Abstraktes wie eine Nation.

Soll Heimat wirklich so austauschbar sein dürfen und sich mit jedem Umzug durch eine reine Koordinatenverschiebung ändern? Bleibt nichts von den alten Heimaten, den wirklichen und den ideellen etwas an uns haften? Ein Ton, eine Färbung, ein Zungenschlag? Die Vorlieben für bestimmte Speisen, die Art, wie du dich verhältst, wenn es wirklich brenzlig wird? Die Fähigkeit, indirekt zu sein? Es zu lieben, wenn Menschen nach einem guten Essen anfangen zu singen? Die Art mit Kindern umzugehen und mit Alten?

Eine alte Heimat und eine neue, die im besten Fall einvernehmlich ineinander verzahnt sind. Deren feine Grenzlinien nicht wie Wunden brennen. Wenn Heimat und Heimat sich wie Freunde begegnen, nicht wie Feinde nach alten Kriegen.

Vielleicht kann der Freund locker behaupten, dass ethnische Zugehörigkeit unwichtig und die Heimat auf einige Straßenzüge begrenzt sei, weil er sie niemals verloren hat. Er, der jederzeit in einen Zug steigen kann, um seinen Geburtsort in Hessen zu besuchen. Wo möglicherweise noch ein Elternhaus auf ihn wartet, auf dessen Dachboden seine Spielsachen von damals schlummern, leicht muffig, aber gut erhalten. Seine Muttersprache wird von seiner Umgebung gesprochen, egal, in welchem Kiez in Hamburg er sich aufhält. Oder in Berlin. Oder Köln.

Dann könnte ich auch sagen, meine Heimat ist der Kiez, in dem ich wohne. Alles andere ist egal. Aber ich kann es nicht. Zu viele Werst liegen zwischen der Omka und der Elbe. Zu viele Stunden. Und ich meine nicht nur die vier Stunden Zeitunterschied.

Ich habe nicht geweint, als ich dort weg bin. Erst viele Jahre später. Lange durfte ich nicht zeigen, dass ich die Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue Heimat einfügen, vor der es hieß, das sei die historische Heimat meiner Ahnen. Ahnen von denen ich nichts wusste, die für mich keine Gesichter und keine Namen hatten. Heimat sollte immer Deutschland sein.

Daheim war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa wir? Zieht euch warm an, sonst werdet ihr noch russifiziert. Klingt nach einem schlimmen Bazillus. Kein einziger bemalter Holzlöffel, keine Matrjoschkapuppe und schon gar nicht ein Samowar sollten an das erinnern, wo wir herkommen.

Neulich hatte eine Frau mir sogar bescheinigt, ich hätte Null Akzent und hätte mich nahtlos intrigiert in die neue Gesellschaft. Das ist kein Schreibfehler. Sie sagte wirklich intrigiert. Als hätte ich mich hinein gemogelt in eine Gemeinschaft, in der ich eigentlich nichts zu suchen habe.

Als Kind durfte ich nicht trauern. Nicht um meinen Kiez in Omsk mit den vielen Spielplätzen, nicht um die Freunde, die ich verloren hatte. Und auch nicht um die Hündin, die ich so lange erträumt und erbettelt und ins Herz geschlossen hatte und die kurzerhand an irgendeinen Nachbarn meines Großvaters gegeben wurde. Als Kettenhund.

Das Gewesene einfach über Bord zu werfen. Einen Cut zu machen. Sich neu erfinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Und vor allem fordert Anpassung einen hohen Preis. Ein Stück von dir geht für immer verloren, wenn du die Heimat verlierst.

Die Heimat liegt wie die Kindheit in einem Raum, der nicht existiert. Es gibt zwar ein Rücksehnen oder Erinnern daran, aber es führt kein realer Weg dorthin. Selbst wenn jemand an dem Fleckchen Erde lebt, den seine Vorfahren seit grauen Urzeiten nicht verlassen haben. Die Welt um diesen Ort verändert sich. Unaufhörlich. Es bleibt nichts so wie es ist. Bei manchen Menschen trifft Heimweh eben auf Fernweh, so wie bei mir.

Der Ort an dem ich lebe, ist real. Der Ort, an dem ich gelebt habe, liegt zurück in der Zeit. Auch wenn es reinräumlich gesehen der gleiche ist. Aber es ist eben nicht derselbe. Und einige Anteile meiner Heimat, meiner Beheimatung teile ich mit Leuten. Mich verbindet etwas. Die Sprache wohl am meisten. Über die Worte habe ich gelernt mich mit diesem Land zu verbinden. Ich habe neue Denkstrukturen übernommen, aber auch sie stoßen in mir an ihre Grenzen. Wenn sie auf die älteren Muster treffen. Die Grenzen liegen in mir. Ich habe Grenzen überflogen, aber die eigentlichen Grenzen liegen in mir. Feine Haarrisse, Mosaikteilchen, die an den Kanten nicht ganz passen, aber dennoch mein inneres Mosaik bilden.

Zurück in das Land der Kindheit kann ich nicht mehr, aber ab und an taucht etwas daraus auf, wie ein Bild, eine Melodie oder das Wörtchen puseri, wenn es wie aus Kübeln gießt. Und ich lebe ja in Hamburg, in einer Heimat, in der es öfter mal erbarmungslos regnet.

 

Die Dame am Steuer – Clärenore Stinnes im Sowjetreich

Am heutigen Tag, vor genau 90 Jahren, dreht Fräulein Stinnes am Zündschlüssel ihrer Limousine und beginnt ihre Weltumrundung. Mit dem Adler Standard 6 bricht sie am 25. Mai in Frankfurt am Main gen Osten auf. Mit dabei ist ein vollbeladener Begleit-LKW, eine Reisekasse von 100 000 Mark, drei Mann Besatzung – zwei Mechaniker der Firma Adler und der Kameramann Carl-Axel Söderström, der die Reise dokumentieren soll – und ihr Irish Setter Rüde Lord. Ihr Ziel: aus westlicher Richtung genau hier wieder einzutreffen. Sie will die erste Frau sein, die mit einem Automobil die Weltkugel umrundet.

Über zwei Jahre sollte diese Tour de Force dauern. Die Automobilistin kommt mit ihrem Tross oft durch Gegenden, wo es keine Straßen gibt und wo zuvor noch nie so ein selbstfahrendes Gerät gewesen ist. So gleitet, ruckelt, rutscht das Fahrzeug durch Wüsten, Schlammwege, über Berge und Schotter und über den zugefrorenen Baikal-See oder muss über weite Strecken geschoben und gezogen werden. Schier unmenschliche Strapazen werden sie durchleiden und nach 48000 km unter Jubel am Ausgangspunkt ihrer Reise wieder antreffen.

Es bleiben am Ende nur noch Clärenore und Carl-Axel als eingeschworenes Abenteuergespann übrig. Die beiden Mechaniker werden sie bereits nach wenigen Tausend Kilometern verlassen müssen, zum Teil krankheitsbedingt.

Clärenore Stinnes, Aufnahme: E. Bieber, 1926

Die Weltreise ist als Promotionstour gedacht, gesponsert von der deutschen Automobilindustrie und mit einem hohen Widerhall in der internationalen Presse. Söderström muss fast zeitgleich Material für die Wochenschauen zur Verfügung stellen.

Clärenore Stinnes ist bereits mit Mitte zwanzig eine erfahrene Rennfahrerin. Unter anderem nimmt sie 1925 in Russland an der internationalen Zuverlässigkeits-Rallye teil, dem Всесоюзный испытательный автомобильный и мотоциклетный пробег 1925 года, von Leningrad über Moskau bis nach Tiflis und wieder retour. Als einzige Frau unter 135 Teilnehmern gewinnt sie den dritten Platz, der ersten in ihrer Wagenklasse.

Dame mit Hut in der Männerdomäne Autorennsport

Hier wird auch die Idee geboren, eine Fahrt um den Globus zu wagen, die sie mehrere Jahre minutiös vorbereitet. Sie studiert Karten, legt an der Strecke Punkte für Benzin-Depots fest, verschafft sich einen diplomatischen Passierschein. Als Tochter des Großindustriellen Hugo Stinnes hat sie ihre Kontakte und nutzt sie auch.

Sechs Monate Schlamm und Schnee

Mich interessiert natürlich ein besonderer Abschnitt dieser Weltreise: das Sowjetrussland der auslaufenden zwanziger Jahre.

In der russischen Hauptstadt und einigen Orten im europäischen Teil ist moderne Technik nichts Unbekanntes. Aber im Hinterland fahren sie durch Gegenden, in denen noch nie ein Automobil gesichtet wurde. Dementsprechend werden sie empfangen: Die Pferde scheuen, die Menschen bekreuzigen sich am Wegesrand als ob sie der Teufel persönlich wären oder ihnen folgt ein begeisterter Tross von Kindern und Erwachsenen.

Trotz aller Eile sind sie um Wochen in ihrem Plan zurück. Das Risiko in den sibirischen Weiten eingeschneit zu werden ist groß. Sie kommen kaum voran, die Straßen sind nur Schlamm und Matsch. Nach Überschwemmungen in der Ukraine verladen sie die Wagen kurzerhand auf die Eisenbahn, um weiterzukommen. Aber es wird nicht besser.

Es gibt da ein Zitat, das Gogol oder Puschkin zugesprochen wird. в России две беды: дураки и дороги. Was soviel heißt wie, in Russland gibt es zwei Übel, die Dummköpfe und die Straßen. Und zumindest das zweite Übel haben die Abenteuerin und ihre Männer zur Genüge erfahren dürfen.

Die Reise verzögert sich. Durch den Wintereinbruch bleiben sie ganze drei Monate in Irkutsk. Verbringen Weihnachten bei einer dänischen Familie und vertreiben sich die Zeit, in dem sie im hohen Norden burjatische Ureinwohner bei der Jagd filmen.

Die filmischen Zeugnisse, die Söderström in der Sowjetunion sammelt, sind noch heute wertvoll und bilden einen angenehmen Kontrast zu den sonst propagandistischen Filmdokumenten aus Russland der damaligen Zeit.

Im sibirischen Winter festsitzend, erkunden Clärenore und Carl-Axel die Möglichkeit, über den Zugefrorenen Baikalsee in Richtung Mongolei überzusetzen. Für alle Fälle nehmen sie zwei Bretter mit, über die der Wagen rollen soll, falls das Eis brechen sollte. Wäre der Wagen nur ein wenig langsamer über das Eis gefahren, hätte das Abenteuer schon hier sein unschönes Ende nehmen können. Aber sie haben Glück. Am 7. Februar 1928, nach 16 728 km erreichen sie Ulan-Ude an den Felsufern der Selenga.

In ihrem Tagebuch notiert Clärenore:

Immerwährend krachte der See, die Luft wie mit fernem Geschützfeuer erfüllend, in den Bergen widerhallend. Von Süden nach Norden rollte es heran. Wie Scheibenklirren sprang das Geräusch unter unseren Füßen weiter. Hie und da öffnete sich das Eis in Zentimeterbreite, das Wasser sickerte durch. Wir durften uns keine Zeit nehmen, darauf zu achten, denn wir wollten hinüber.

Erst hier, in der Mongolei bieten sich Carl-Axel und Clärenore das du an. Ursprünglich hatte sie sich für diesen Kameraoperateur entschieden, gerade weil er verheiratet war. Während der Reise merken sie jedoch, dass sie sich aufeinander blind verlassen können und ein gutes Team bilden. Zwar begleitet Söderströms Frau Marthe ihren Mann auf der kurzen Etappe zwischen Frankfurt und Stockholm (Clärenore beschließt, die Reiseroute zu verlängern und Carl-Axel zu Hause abzusetzen) aber die Eheleute haben sich entfremdet.

Das Fräulein Stinnes und ihr Kameraoperateur kommen sich spätestens beim Schneiden des Filmmaterials und der Zusammenstellung der Dokumentation endgültig näher. Sie heiraten Ende 1930, ziehen nach Schweden und bewirtschaften einen Hof, der der Familie Stinnes früher als Feriendomizil diente. Weder wird Clärenore jemals wieder ein Rennen fahren, noch Carl-Axel einen kommerziellen Film drehen. Zwar machen sie Pläne für einen neuen Dreh in der Karibik. Doch dazu wird es nicht kommen, sie bleiben in Schweden, bekommen sie drei Kinder und nehmen während des Krieges noch zwei finnische Jungen auf.

1931 kommt ihre Dokumentation Im Auto durch zwei Welten in die Kinos. Als Stummfilm konzipiert, muss schnell eine Tonspur drübergelegt werden, denn die Entwicklung hatte sie bereits überholt, als sie noch auf Tour waren. Clärenore macht persönlich die Erzählstimme und ein bekannter Komponist steuert die Filmmusik bei.

In Wirklichkeit ist die Dokumentation viel länger, dieser kurze Streifen gibt die Strapazen nicht im Ansatz wieder.

Heute ist diese Pionierin in unserem Denken nicht mehr so richtig präsent. Ab und zu läuft eine Dokumentation über sie auf ARTE. Und 2009 entstand ein deutsches Dokudrama mit vielen Einsprengseln des alten Materials. Mit Sandra Hüller als ziemlich spröde daherkommendes Fräulein Stinnes und mit dem dänischen Schaupieler Bjarne Henriksen als formvollendetem Gentleman. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das ein Denkmal für diese außergewöhnliche Frau hätte sein können. Es ist verständlich, dass es allein schon ökonomisch unmöglich ist, mit einem Filmteam die Strecke von 48 000 km durch 23 Länder nachzufahren. So jedoch wirkt zumindest der Abschnitt, der in Russland spielt eher kulissenhaft und hölzern. Und es wird nicht deutlich, dass sich die beiden Hauptakteure ineinander verlieben. Vielleicht kam es in der Realität auch erst nach der Reise. Aber würde das den Plot nicht auf besondere Weise würzen?

Die Weltumrundung unter den Bedingungen von 1927 ist eine ungeheure Leistung, die nur mit äußerster Beharrlichkeit und  Durchhaltevermögen zu schaffen war. In einem Interview sagt Clärenore Stinnes mit 85, in der heißen Phase des Kalten Krieges:

‚Ich würde heute die Fahrt noch mal machen, wenn ich damit Russen, Europäer und Amerikaner in einer Einheit zusammenschweißen könnte. Dann würde ich das trotz meines Alters noch mal machen. Selbst wenn ich auf der Strecke bleiben würde.‘

Vier Jahre später stirbt die unerschrockene Pionierin, jedoch ohne die Welt ein zweites Mal umrundet zu haben.

Bücher:

Clärenore Stinnes, Im Auto durch zwei Welten: Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt 1927 bis 1929, Edition Frauenfahrten

Eine Frau fährt um die Welt, die spektakuläre Reise der Clärenore Stinnes 1927-1928, Bildband von Carl-Axel Söderström und Gabriela Habinger, Verlag Fredeking & Thaler

Michael Winter, PferdeStärken: Die Lebensliebe der Clärenore Stinnes

Filme:

1931, Im Auto durch zwei WeltenClärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström

2009, Fräulein Stinnes fährt um die Welt, Regie Erica von Moeller, mit Sandra Hüller und Bjarne Henriksen

Ein Stück Russland in einer Wilhelmsburger Kneipe

Es geht musikalisch weiter. Vor kurzem habe ich mich gefragt, was aus dem Hamburger Liedermacher Zhenja Urich geworden ist, und letzte Woche hat er im Rahmen des Wilhelmsburger Festivalwochenendes ein Konzert gegeben.

‚Deichdiele‘ heißt die Kneipe, die sich an einer Kreuzung mit hübschen Gründerzeitbauten befindet. Helle Räume und Fünfzigerjahre Möbel und in der Kuchenvitrine liegen noch zwei Stücke russischer Zupfkuchen. Ob extra für dieses Konzert gebacken oder nicht, kann ich nicht sagen.

Zhenja_konzert_2

An diesem kühlen Juni-Nachmittag tritt hier also Zhenja Urich auf mit seiner Gitarre, einer Mundharmonika und Kazu im Gepäck – und vielen russischen und ein paar deutschen Songs, nicht alle sind von ihm selbst geschrieben, aber doch einige. Und es wird warm werden bei diesem Konzert – im Raum und auch ums Herz.

Das Konzert ist eine kleine Zeitreise, ein Ausflug in die musikalische Welt der Sowjetzeit. Nostalgischer Auftakt: ‚der Himmelblaue Wagen‘ aus dem Zeichentrick über Tscheburaschka und Krokodil Gena. Auch Lieder von Bulat Okudschawa oder Viktor Zoy stehen auf dem Programm. Dazwischen, Songs von seinem eigenen Album – ‚Hinterm Horizont‘, das er nach dem Bruch mit seiner ehemaligen Band „Peripheria“ aufgenommen hat. (Jegliche Verbindung zu Udo Lindenberg ist purer Zufall!)

Urichs Präsenz ist erstaunlich stark. Die Stimme mal rauh und kratzig wie die von Wladimir Wyssotzki und dann doch so volltönend wie bei dem Lied Конь ‚Konj‘ der Gruppe LjuBevon 1993, das wie einaltes Volkslied klingt. Kurzweilig sind auch die Kommentare zwischen den Songs, als erstes bittet er das Publikum, keine Angst zu haben, wenn die Russen kommen, und erzählt auch schon mal von einem unfreiwilligen Ständchen, das er auf dem Flughafen in St. Petersburg halten musste, weil bei ihm so viel Metall (diverse Mundharmonikas) im Handgepäck gesichert worden ist, und er unter Beweis stellen durfte, wie gut er dieses Instrument beherrscht.

Urich, der Ende der siebziger in eine russlanddeutsche Familie hineingeboren ist, hat keine Scheu, sich als Russen zu bezeichnen, fast alle seine Lieder sind auch in russischer Sprache, die er seine Muttersprache nennt – einzig ein umgedichtetes Kinderlied und der „Bewerbungssong“ singt er auf Deutsch. Der russische Klang passt einfach zu dieser Musik und dieser Stimme. Wenn man versucht die Zeilen zu übersetzen, verlieren sie eindeutig was.

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Dialog zwischen Interpreten und einem Zuschauer:

– Habt ihr Fragen?

– Was hieß das eben?

– 50 Zeilen, du willst doch nicht alles übersetzt haben?

Aber eine Zeile will ich hier doch übersetzen, aus seinem Lied, „Welikij Gorod“, (Riesige Stadt):

Схватил гитару, отдуши сыграл – in etwa: Ich schnappte mir die Gitarre, und spielte aus der Seele.

So kommen die Lieder rüber, als hätte sich einer seine Gitarre geschnappt und aus ganzer Seele angefangen zu singen – von Plänen, die anders rauskommen als gedacht, vom Getriebensein, vom Leben.

Zhenja Urich ist übrigens in einem kleinen Dorf in der Nähe von Omsk aufgewachsen, also in mehr als einem Sinn ein Landsmann von mir. Seit Mitte der Neunziger ist er in Deutschland und fängt bereits zwei Jahre nach der Ankunft an, eigene Lieder zu schreiben. Mit der Band oder auch solo hatte er schon viele Auftritte nicht nur in Deutschland und der russischen Föderation, sondern auch in den Baltischen Ländern und in Polen.
Doch eigentlich braucht er keine Band im Hintergrund, mit seiner Ausstrahlung und seiner Stimme performt er eine gelungene Ein-Mann-Show – schade nur, dass er nicht mehr so häufig auftritt, denn, so sagt er selbst lakonisch: er müsse sich jetzt vermehrt als Handwerker engagieren, um seine Familie zu ernähren.

Nach dem Konzert habe ich mich mit einer Zuschauerin (kurze Haare, Nickelbrille) über das Konzert unterhalten. Sie meinte, sie kann zwar kein Russisch, hatte aber den Eindruck, dass trotzdem vieles rüberkam. Besonders bei dem Lied, „Ich komme wieder“ aus der Feder eines jungen Dichters aus Rostow am Don, der sich in einen Überfall auf eine junge Frau eingemischt hatte und daraufhin so brutal von der Miliz zusammengeschlagen wurde, dass er seinen Verletzungen erlag. Man hätte in dem Lied gespürt, dass er sein Ende geahnt haben muss. Ach ja, und sie fand auch, dass die Mundharmonika eine besondere Atmosphäre geschaffen hätte. Dieses Instrument hat was Vertrautes, Intimes, sagte sie, als würde man in einem eingeschworenen Kreis um ein Lagerfeuer sitzen.

Wer will, kann ihn auf youtube suchen: mit den Tags Женя Урих oder Zhenja Urich. Aber live ist natürlich besser…

Fazit: gelungener Liveauftritt auch ohne erweiterte Fremdsprachenkenntnisse. Alle Sternchen!