Opferhaltung leichtgemacht

– eine ultimative Anleitung

Das Einnehmen eine korrekten Opferhaltung ist eine sehr komplexe Angelegenheit, aber nicht unmöglich!

Dazu empfiehlt sich in erster Linie eine angemessene Krümmung des Rückens. Grader Rücken = Selbstbehauptung. Krummer Rücken = Unterwürfigkeit. Blick von unten = auch nicht schlecht. Leises Nuscheln =  Meisterklasse.

Es gibt für wenig Geld auch spezielle orthopädische Hilfen, die Sie anfangs nutzen können, um sich an diesen Zustand zu gewöhnen, bevor er in Ihre Substanz übergeht und dann ganz leicht abrufbar wird. Denn der Körper lernt schnell. Also. Es tut fast gar nicht weh.

Opfer-Plex© 2001
Für die richtige Krümmung des Rückens bietet die Firma DeSade spezielle Vorrichtungen an, es handelt sich um eine gelungene Mischung aus Korsett und Streckbank mit einer persönlich auf Sie abgestimmten Tragelast. Dieses Gerüst aus rostfreiem Stahl zwingt das potentielle Opfer dazu, den Kopf zu senken, sich klein zu machen. Ein aufrechter Gang oder ein aufrechter Blick sind damit nicht mehr möglich. Es gibt noch ein raffiniertes Extrafeature zum Gerät, das verhindert, dass die zu krümmende Person einen festen Stand hat. Durch die glitschige bewegliche Unterlage MoorPace©, gleitet Ihnen der Boden unter den Füßen quasi einfach weg. Sagenhaft! Kostet aber mehr. Die Nachteile von Opfer-Plex©: er ist nicht gerade unübersehbar und sollte anfangs nur innerhalb von geschlossenen Räumen getragen werden. Die Gefahr von Unfällen, weil eine Stufe oder ein Hindernis nicht rechtzeitig erkannt wird, ist ebenfalls recht hoch. Und Sie verheddern sich leichter in der Deckenlampe. Aber der daraus resultierende Stromschlag ergibt einen weiteren, nicht immer unerwünschten Effekt.

Doch die Vorteile liegen klar auf der Hand! Schon nach einigen Wochen regelmäßiger Nutzung entsteht eine Körperhaltung, die Fachleute als Quasimodo-Syndrom bezeichnen. Das Opfer-Flex© gibt es mit einem persönlich abgestimmten Lastgewicht von 50 Jahren, 70 Jahren oder 90 Jahren. Je nach dem, was Sie sich aufbürden wollen.

Als zusätzliches Feature zum Metallgerüst bieten wir einen extrabreiten Stützgürtel mit Dornen an, den ultimativen MortificationTM, der für ein dauerhaftes Unwohlgefühl sorgt und dazu verhilft, das Gesicht zu einer leidenden Grimasse zu verziehen.

Wir haben auch eine abgespeckte Version auf Lager, den Symptom-Carrier© XXS. Er passt in jede Schublade!

auf die Haltung kommt es an

Wer sich kein Hightech-Gerät (haben Sie es auf Kleinanzeigen probiert? Auch aus zweiter Hand und dritter Hand leistet so ein Gerät noch gute Hilfe) kaufen möchte, dem*der können wir einige Übungseinheiten auf Youtube empfehlen: „Opferkomplex leicht gemacht – in sieben einfachen Schritten“. Unsere führenden Expert*innen aus Politik und … Politik erklären Ihnen wie auch aus Ihnen in kürzester Zeit ein echtes Opfer werden kann.
Denn mit etwas Opferbereitschaft und einiger Übung ist es auch ohne aufwändige Vorrichtungen möglich, eine angemessene Opferhaltung einzunehmen. Dafür müssen Sie einfach die Schultern hochziehen, den Kopf etwas einziehen, den Blick senken! (Nicht vergessen: das Gegenüber nie direkt anblicken, sondern von unten hoch.)

Die Hände hängen schlaff am Körper, was ein zusätzlichen Eindruck von Hilflosigkeit oder Passivität erzeugt. Der Stand sollte eher schmaler als Schulterbreit sein. Kleine, schlurfende Schritte, niemals beschwingt gehen, nicht federnd. Niemals.

Fragen Sie sich alle zehn Minuten, ob der Rücken noch angemessen gekrümmt ist. Wenn nicht: Brust rein, Buckel raus, Schultern hoch. Kinn zur Brust.

Achten Sie unbedingt auch auf die Position der Mundwinkel/Augenbrauen.  Das ist zwar etwas für Fortgeschrittene, aber sehr wirksam: Augenbrauen über der Nasenwurzel hochziehen – Mundwinkel dagegen nach unten. Bei Gelegenheit ein kleines Grinsen aufs Gesicht bringen, was bei heruntergezogenen Mundwinkeln einer gewissen Übung bedarf. Wie gesagt, das ist eher etwas für Fortgeschrittene.

Das Geheimnis: innere Haltung

Auch die innere Einstellung ist bei dem Prozess der Opferwerdung enorm wichtig. Wir nennen diese überaus nützliche Qualität vorauseilendes GekränktseinTM.

Für eine authentische Opferhaltung, nicht nicht nur rein äußerlich ist, empfehlen wir Ihnen, alles auf sich zu beziehen und persönlich zu nehmen. Zucken Sie am besten bei jedem Kontakt mit anderen zusammen, als ob Sie einen Schlag oder eine Beschimpfung erwarten. Richtig, erwarten Sie bei jeder Aussage eine Kränkung und sie wird sie ereilen – garantiert!

Dann kommt die passende Körperhaltung bald wie von selbst.

Eine Falle, die es zu vermeiden gilt: nicht kämpferisch wirken. Niemals streiten, nie für sich einstehen, nur meckern und nölen! Nicht vergessen, nicht kämpfen! Nicht die Faust recken, nur den Finger. Mit dem Finger können Sie gern auf den*die Aggressor*innen zeigen und etwas nölen. Letzteres aber nur, wenn genügend Publikum anwesend ist.

Reden Sie immer leise aber unverständlich! Und ja, wiederholen Sie immer wieder wie ein Mantra: Blick von unten, krummer Rücken. Bis es Ihnen in Fleisch und Blut übergeht. So kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Ob mit Opfer-Plex© 2001 oder ohne – Sie werden sehen, mit etwas Übung erzielen Sie bereits in wenigen Wochen//Generationen zufriedenstellende Resultate und werden Ihre Opferhaltung nie mehr ablegen wollen.

 

Karl Schlögel: „Terror und Traum. Moskau 1937“

Wenn ich schon dabei bin, über den Großen Terror zu schreiben, muss ich ein anderes hervorragendes Werk erwähnen. Es heißt „Terror und Traum – Moskau von 1937“ verfasst von dem Osteuropahistoriker Karl Schlögel. Man kann fast nicht Buch dazu sagen, es ist eine monumentale Sammlung von 33 verschiedenen Novellen und ist in einem Zeitraum von mehreren Jahrzehnten und mithilfe von vielen Menschen aus Russland und dem Westen entstanden. Mit Anhang zählt es über 800 Seiten, allerdings liest es sich so spannend wie ein Thriller, – „mit dem Unterschied,“ so schreibt es der Tages-Anzeiger aus Zürich, „dass sich alles tatsächlich zugetragen hat.“

Umfassende Studie eines Ausnahmezustandes
Umfassende Studie eines Ausnahmezustandes

Das Widersprüchliche tritt deutlich zutage, 1937 ist gleichzeitig das Jahr der gigantischen Flugschauen und Jubiläen (u.a. 20 Jahre Revolution, Puschkin-Jahr), der Schauprozesse und Massen-Exekutionen und der großen die sowjetischen Errungenschaften preisenden Ausstellungen. Karl Schlögel durchforstet Zeitungen, Reklametafeln, Publikumsfilme und Monumentalgemälde, er filtert seine Erkenntnisse aus Choreografien und Liedern der großen Aufmärsche, ausarchitektonischen Plänen, Privataufzeichnungen und Briefen jenes Jahres. So entsteht ein dichtes Gewebe von parallel-laufende Strömungen, das sehr bezeichnend ist und auf vielschichtige Weise den Nährboden beleuchtet, aus dem die Verbrechen des Stalinschen Regimes entstehen konnten.

Eins der 33 Kapitel befasst sich mit dem Roman „Meister und Margarita“ von Bulgakow, der genau in dieser Zeit entstanden ist und unter anderem packend das Verschwinden der Menschen in einer Gemeinschafts- oder Kommunalwohnung beschreibt.

Spannend ist auch der Abschnitt über das Telefonbuch von ’37. Anhand der Vergleiche, die er mit dem Verzeichniss des Jahres davor zieht, wird auf ganz pragmatische Weise deutlich, wie viele Menschen verschwinden – welche Schneise das Regime in die Bevölkerung dieser Stadt schlägt. Bewegend ist auch das Kapitel über Gräberfelder von Bukowo oder anderen Objekten in der näheren Umgebung von Moskau, wo Spezialkräfte Menschen, die oft nach willkürlichen Kriterien ausgesucht waren, exekutierten um bestimmte Quoten zu erreichen.

Die Lektüre ist phasenweise bedrückend, aber erhellend mit all den verschiedenen Aspekten – vielleicht nicht ganz einfach am Stück zu lesen, aber geeignet für all jene die tiefer in die Schichten dieser Zeit eintauchen wollen.

Übrigens finden sich auch Aussiedler in diesem Buch wieder, besser gesagt, sowjetische Bürger deutscher Nationalität. Sie sind Teil der „großen Säuberungen“. Anhand des Befehls Nummer 00439 vom 25.07.1937 wurde die „Deutsche Operation“ des NKWD eingeleitet, in deren Verlauf „summarisch Deutsche – deutsche Staatsbürger, in der Sowjetunion lebende Emigranten, aber auch Sowjetbürger deutscher Herkunft – als Spione, Agenten und Terroristen verdächtigt und verhaftet“ wurden.
Das erklärt für mich auch die Welle der Verhaftungen in den deutschen Siedlungen und die Abwesenheit der Männer noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Da reichte nicht nur ein Brief aus dem Ausland, da reichte oftmals ein unrussisch klingender Name.

Was mir allerdings bei der Lektüre besonders aufging, ist folgendes: es war nur eine Operation unter vielen. Polen, Litauer, Esten, Ukrainer oder Tadschiken und all die Genossen der anderen Brüder- und Teilstaaten des sowjetischen Imperiums haben ebenfalls unter diesen Säuberungen gelitten. Nicht zu vergessen die zigtausenden Russen, die als Diversanten und Kulaken und Konterrevolutionäre verfemt und verfolgt wurden. Lager oder Erschießung, das ist nicht etwas, dass speziell für die Deutschen galt. Es war universell. Auch vor Bolschewiken der ersten Stunde machten die Schergen Stalins und Schukows nicht Halt.

Ich habe übrigens nachgeschaut, ob Georgier auch davon betroffen waren, weil doch Stalin aus Georgien kommt. Waren sie, auch sie wurden von den Säuberungsmaßnahmen nicht verschont. Georgische SSR steht auf Platz 4 der Liste mit der Zahl 5000. Die Ukraine ist in 8 Gebiete unterteilt, ebenso Kasachstan. Im Gebiet Odessa betrifft dieser Befehl 4000 Menschen.

Krass, es wurden tatsächlich zu erreichende Quoten, in „Übereinstimmung mit den von den Volkskommissaren des NKWD der Republiken und den Leitern der Gebiets- & Regionalverwaltung des NKWD“ festgelegt. Die Zahlen 5000 oder 4000 bezeichnen also nicht die tatsächlichen Opfer, sondern die anvisierten Summen der zu tötenden Personen.

Mir sind diese Dinge so wichitg, weil ich beim Zuhören unserer Familiengeschichten den Eindruck bekommen habe, nur wir seien Opfer gewesen. Es hat sich das Gefühl festgesetzt, obwohl ichs vom Verstand natürlich nicht so gesehen habe, nur unserer Gruppe habe man so übel mitgespielt.

Das mag selbstverständlich sein für andere. Für mich ist die Beschäftigung mit der Geschichte eine echte Horizonterweiterung in dieser Hinsicht.

Ich will hier nichts kleinreden oder relativieren, natürlich haben viele unserer Vorfahren das Recht, sich als Opfer zu fühlen – das Schicksal hat ihnen ziemlich übel mitgespielt – aber sie waren lediglich eine Gruppe unter vielen. Eine Zeile auf der Liste mit den zu erreichenden Tötungsquoten des Regimes.

Karl Schlögel „Terror und Traum. Moskau 1937“, Sachbuch,  Fischer Verlag 2008, Preis € (D) 14,95, (Taschenbuch)