Gute Nachricht zum Fest – POKA auf BluRay

Vor einiger Zeit habe ich mich beschwert, dass wir in Deutschland Filme von russlanddeutschen Regisseur*innen zum Thema Aussiedler kaum zu sehen kriegen.

Ich muss mich nun revidieren.

Ganz pünktlich zum Fest der Freude ist der Film Poka-Heißt Tschüss auf Russisch auf BluRay erschienen. Und für 7,- Euro (plus Versandkosten für diejenigen, die mehr als 1KG bestellen. Habe aus ernstzunehmender Quelle, dass 52 Stück 5,5 Kilo wiegen.) kann er bei der Bundeszentrale für politische Bildung erworben werden.

Habe aus ernstzunehmender Quelle erfahren, dass 55 Stück an die 5,5 Kilo wiegen. Naja, dann kann ja die gesamte Verwandtschaft eingedeckt werden. Wow, alle Geschenke mit einem Streich!


Im ZDF lief er ja mal im Sommer Rahmen des kleinen Fernsehspiels Zu nachtschlafender Zeit. Nun können ihn endlich alle gucken, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen und müssen nicht mehr bis nach Mitternacht aufbleiben. Wenn das keine gute Nachricht ist?

Ein Film über das Ausreisen aus einer Kolchose in Kasachstan, das Ankommen in einer deutschen Turnhalle, gewürzt mit einer russisch-deutschen Liebesgeschichte.

Wer nochmal nachgucken möchte, worum es hier geht, ich habe hier noch eine ältere Rezension dazu.

Und noch ein kleiner Vorgeschmack zum Film:

Ich wünsche Poka und seinen Macher*innen und allen, die teilgenommen haben, dass sich diese Filmträger viral verbreiten!

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Ein Beitrag gestern und eine Ausstrahlung morgen

Wie leicht ist es, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Oder zu vertöchtern meinetwegen, oder noch besser zu verenkeln. Nur kurz erwähnen muss man sie, das ist wohl schon alles. Hingucken und freundlich nicken, dann hört sie auf, an deinem Hemd zu zerren und dir andauernd ein Bein zu stellen.

Und wie leicht ist es, aus einer beleidigten Defensive herauszukommen. Noch vor einer Woche war mein Tenor: ihr wollt ja eh nichts über uns Russlanddeutsche wissen, ignoriert uns, wie man ärmliche Verwandte in abgerissenen Kleidern übersieht. Und wenn ihr über uns berichtet, dass so tief aus der Vorurteile-Schublade, so sehr unter der Gürtellinie, dass ich zwei Tage lang herumlaufe und haspelnd Luft hole und nah am Herzkasperl bin, wegen der Ignoranz seitens der Medien.

Doch an diesem Wochenende, ausgerechnet am 27. August, am Vorabend des 75. Jahrestages der Vertreibung der Wolgadeutschen aus ihren Siedlungsgebieten nach Sibirien, in die kasachische Steppe und andere unwirtliche Gebiete, ausgerechnet da kommt ein Beitrag im Fernsehen zu diesem Thema. Kurz, sachlich, informativ. Die ARD-Tagesthemen haben über diesen Jahrestag gestern um kurz vor Mitternacht berichtet. Ohne Seitenhiebe auf Demonstrationen zum Lisa-Fall. Ohne zu erwähnen, dass Russlanddeutsche sich schlecht integrieren, kein Deutsch sprechen und eh nur den russischen Boulevardmedien glauben schenken. Und auch ohne die AfD zu nennen, die es bei ihrem Wahlkampf auf Russlanddeutsche abgesehen hat. Oder sollte ich sagen Wahlfang?

Nein. Es war gut. Sachliche Berichterstattung zu einem (für uns allemal!) relevanten Thema.

Und morgen, also auch zeitnah mit diesem unheilvollen Datum, wird endlich der Film im ZDF ausgestrahlt, den ich bereits früher das Vergnügen hatte, zu sehen: POKA – heißt Tschüss auf Russisch. Unter der Regie von Anna Hoffmann ist er bereits 2012 entstanden und wurde bisher nur auf Festivals oder in wenigen öffentlichen Vorführungen gezeigt.

Gut. Die Uhrzeit ist unmenschlich. Für Frühaufsteher zumindest. Das kleine Fernsehspiel fängt erst nach Mitternacht an, aber danach ist er eine Woche in der Mediathek zu sehen und man kann ihn sich aufnehmen. Also will ich nicht meckern. Sondern Chips und Nüsschen bereitstellen.

Georg (Pasha Antonov) und Lena (Natalia Belitski) sind ein glückliches Brautpaar. Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/7840 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Veröffentlichung bitte unter Quellenangabe: "obs/ZDF/Andreas Höfer"
Noch sind Georg (Pasha Antonov) und Lena (Natalia Belitski) ein glückliches Brautpaar. obs/ZDF/Andreas Höfer  / © Jolle-Film

Hier ist noch mal der Trailer zu dem Film, ich hatte vor längerer Zeit eine Rezension darüber geschrieben. Und ab Dienstag will ich noch den Link zur Mediathek einstellen, wo er bis zum 6. September online zu sehen sein wird. Bin gespannt auf die Reaktionen! Und hier ein Interview mit der Regisseurin Anna Hoffmann auf DeutschlandRadio Kultur.

Heute sind an einigen Orten in Russland und in Deutschland Gedenkfeiern anberaumt, zum Beispiel auf einem Friedhof in Berlin Marzahn, wo ein Denkmal steht, errichtet für die Deutschen, die unter Stalin gelitten haben.

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Der 28. August letztes Jahr in Berlin Marzahn

In NRW gibt es sicherlich auch Feierlichkeiten dazu mit Musik, Kranzniederlegung und feierlichen Reden, wie es sich gehört. Und auch gestern wurden Kerzen angezündet und Lieder gesungen. In Hamburg und anderswo.

In Russland sind solche Veranstaltungen nicht mehr verboten und auch das ist doch ein gutes Zeichen.

Poka – in Berlin

Kurzmeldung: Der Film ‚POKA –  heißt Tschüss auf Russisch‘ wird am 3. November 2015 im CineStar in Berlin (Potsdammer Straße 4) aufgeführt. Einlass ist um 15.30, Beginn um 16.00 Uhr.

Interessenten bitte anmelden unter: filmvorfuehrung_poka@giz.de

Die Vorführung ist kostenfrei.

Hier ist noch ein Interview mit der Regisseurin, wo sie über Identität, das Leben in zwei Welten und nicht zuletzt über ihren Film spricht. So wie ich es verstehe, wird er noch in diesem Herbst auf ZDF ausgestrahlt. Hoffentlich nicht zu unmenschlichen Zeiten…

http://medienblick-bonn.de/durchblick/die-unterschiedlichkeit-der-menschen-respektierten-ein-gespraech-mit-der-filmemacherin-anna-hoffmann

Starttermin unbekannt: Poka – heißt Tschüss auf Russisch

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Eine weite Reise steht Lena noch bevor © Jolle Film

Wieder eine russisch-deutsche Liebesgeschichte im Film. August 1989 – Georg, ein in Kasachstan lebender deutscher Lehrer, verbringt seinen Ernte-Einsatz in einer kasachischen Sowchose. Dort begegnet er Lena, der Tochter von Paschkin, dem Direktor dieser Sowchose. Als Komsomolzin und Kind eines hohen Kaders wurde sie ebenfalls dazu verdonnert, den Sommer über dort zu arbeiten, unfreiwillig, sie will sich eigentlich nicht mit diesen Landeiern abgeben. Doch wie es so oft kommt, die beiden verlieben sich trotz allem ineinander und treffen sich heimlich. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt, als Georgs Familie einen Aufnahmebescheid in die BRD bekommt und Lena merkt, dass sie ein Kind erwartet.

Mit „Poka – heißt Tschüss auf Russisch“ ist Anna Hoffmann ein wundervoller Film über Aussiedler gelungen. Er beginnt in Kasachstan und wechselt in eine schwäbische Turnhalle, die in ein provisorisches Aufnahmelager umfunktioniert ist. Mit Duschkontainern auf dem Schulhof. Jeder, der eine ähnliche Reise durchgemacht hat, wird vieles wiedererkennen. Die staubigen Pisten der kasachischen Steppe mit den großäugigen, rundkurvigen LKWs ebenso wie die ersten Schritte in dem neuen Land, wo vieles befremdlich ist und beileibe nicht den überzogenen Vorstellungen entspricht, die man vorher davon hatte.

Bald fangen wir richtig an zu leben“, sagt Georg zu seinem Bruder Mischa kurz vor der Ausreise, „aber die beschissene Steppe wird mir fehlen.“

Es gibt eine wunderschöne Überleitung von Ost nach West. Statt das Gewühl auf dem Flughafen nachzuerzählen, blendet die Kamera von einem Kühlschrankinneren in Kasachstan mit Reihen von selbstgemachten Pelmeni zu dem grellbunten Inhalt eines Geräts in der Notunterkunft, wo unzählige Packungen übereinandergestapelt sind.

Überhaupt ist der Film voll mit feinen Beobachtungen von Menschen, wie sie reden und wie sie sich aufeinander beziehen. Die Spannungen zwischen den frisch verheirateten Paaren sind ebenso minutiös gezeichnet wie die Blicke und Wortwechsel zwischen dem Vorsitzenden der Sowchose Sergej Paschkin und dem deutschen Familienoberhaupt Alexander Weber. Die beiden Väter werden dargestellt von den in Russland bekannten Schaupielern Gennadi Vengerov, der leider dieses Jahr verstorben ist und Jurij Rosstalnyj, der bei uns schon mal in einem Tatort zu sehen ist – als fieser Schurke der Russenmaffia.

Georg Weber ist Lehrer für Physik und Sport und wie bei so vielen werden seine Diplome in Deutschland nicht anerkannt und er muss in einer Fabrik anfangen, wo er ausgestanzte Metallreste wegfegt. Doch er lässt sich nicht entmutigen.

Hauptdarsteller Pasha Antonov, der derzeit in Hamburg beim Musical „Das Wunder von Bern“ zu sehen ist, überzeugt als Wandler zwischen den Welten ebenso wie Natalia Belitzki als Lena, die bereits als siebenjährige nach Deutschland kam und in vielen Film- Fernseh- und Theaterproduktionen auch ohne Akzent auftritt. Die Bilingualität aller Darsteller verleiht diesem Epos übrigens genau die richtige authentische Note, die viele Filme zum Thema Russland vermissen lassen. Hier aber wechseln die Darsteller je nach Situation oder Land locker vom Russischen ins oft holprige Deutsche – mit den damit verbundenen Verwicklungen und Komplikationen.

Die Nebenrollen sind bis zu den Statisten stark besetzt, eine gelungene Mischung aus Profis und Laiendarstellern. So wird zum Beispiel Georgs Bruder Mischa von Thomas Papst gespielt, der im Film so herrlich bedröppelt gucken kann und im echten Leben als Singer-Songwriter in Berlin lebt und einige Stücke zu dem Soundtrack beigesteuert hat. So zum Beispiel das Lied “Ветер степей“ (Steppenwind), das im im Aufrag der Regisseurin für diesen Film geschrieben wurde und im Abspann zu hören ist:

„Poka- heißt Tschüss auf Russisch“,  entstanden in Koproduktion mit dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF, stand bereits bei zahlreichen Festivals im Wettbewerb (so beim 35. Filmfest Max Ophüls Preis 2014 und dem 24. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern 2014 und beim Film Festival Cottbus 2014 ) und hat in Mecklenburg-Vorpommern den Förderpreis der DEFA-Stiftung und in Cottbus den Preis als Bester Jugendfilm gewonnen (dieser Preis wurde übrigens von einer deutsch-polnischen Jugendjury vergeben). Außerdem war er für den Prix Europa 2014 nominiert.

Um so erstaunlicher ist es, dass er für die breiten Massen weder im Fernsehen noch im Kino zu sehen ist. Dabei zeigt er einen wichtigen Teil der Geschichte von russlanddeutschen Übersiedlern und könnte, packend und identitätsstiftend wie er ist, durchaus zum Kultfilm avancieren. Könnte, würde, sollte. Ich schreibe im Konjunktiv. Dabei wünsche ich diesem Film und uns allen, dass er in nächster Zukunft einen Verleih und einen Sendeplatz (nein gleich mehrere Sendeplätze) findet. Und dass ich in der Zukunftsform folgendes über ihn berichten kann:

Der Film ‚Poka…‘, einer der ersten ernstzunehmenden Streifen über die Aussiedlerwellen der Neunziger Jahre, wird dann und dann auf ZDF und ARTE ausgestrahlt, er kommt dann und dann in die Kinos und so und so viele haben ihn gesehen und waren begeistert!

Ich verspreche, sobald ich die Ausstrahlungstermine für Kino oder Fernsehen erfahre, gebe ich sie hier und auf der Facebookseite von ‚Scherben sammeln‘ bekannt.

Als kleiner Vorgeschmack hier schon mal der Trailer:

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© Jolle Film

Poka – heißt Tschüss auf Russisch, (Deutschland, Kasachstan 2014),

Regie: Anna Hoffmann

Darsteller: Pavlo Pasha Antonov, Natalia Belitski, Gennadi Vengerov, Jurij Rosstalnyj, Thomas Papst, Regina Kletinitch, Patrick von Blume uvm.

Starttemin: unbekannt