Wann ist die dunkle Nacht zu ende?

Wieder mal ist was passiert. Und wiedermal ist eine kleine Anzahl derer, die laut schreien am besten zu hören. Die mit den Autokorsos. Diejenigen, die die russische Trikolore schwenken, weil sie sich diskriminiert fühlen. Fehlt noch, dass sie das „Zett“ in den Farben des St. Georg-Bandes vor sich hertragen.

Es ist das System, das verurteilt werden muss. Foto: Artem Chernow, 1990

Selbst wenn sie aus Angst vor Diskriminierung mitlaufen, oder eher fahren, werden sie von außen als pro-russisch gesehen. Als diejenigen, die den Angriff gutheißen.

Ich weiß, das alles ist eher nebensächlich.
Als ob es im Moment das Wichtigste wäre, nach sechs Wochen Angriffskrieg in der Ukraine.

Als Helene Fischer sich neulich öffentlich gegen das Putin-Regime positioniert hat, war die zweite Reaktion, dass sie in deutschen Medien als Russin oder russischstämmig bezeichnet wurde und nicht als Tochter deutschstämmiger Eltern aus Sibirien. Nach der Freude, dass sie sich geäußert hatte. Auch mir war die falsche Bezeichnung aufgestoßen, aber ist es gerade wesentlich?

Noch vor wenigen Tagen habe ich in sozialen Medien kritisiert, dass russländische Soldaten in der Ukraine als Orks bezeichnet werden. Das sei ebenso entmenschlichend wie die propagandistischen Tiraden aus Moskau. Hätte ich mir lieber sparen können, denn einen Tag später kamen die Berichte aus Butscha.

Es ist wohl nicht die richtige Zeit für Zwischentöne, nicht wenn Städte zerbombt und Zivilpersonen auf brutale Weise getötet werden. Und das ist leider noch ein Euphemismus.

Es ist zwar nicht schön, dass alle, die angeblich irgendwas mit Russland zu tun haben, blöd angemacht werden. Aber Anschläge wie der auf die Lomonossow-Schule in Berlin, sind zum Glück sehr selten.

Es ist auch nicht schön, wenn mein betagter Vater, der mit seiner Familie vor 80 Jahren aus der Ukraine fliehen musste, vor der roten Armee wohlgemerkt, heute auf seinen Spaziergängen von wohlmeinenden Nachbarn angesprochen wird mit: Na, was hat DEIN Präsident sich dabei gedacht?

Dumme Menschen generalisieren und fangen an, alle undifferenziert zu mobben. Das ist eine blöde Begleiterscheinung. Aber deshalb Autokorsos durch Berlin und Frankfurt abzuhalten und russische Flaggen zu schwenken ist eine eher unangemessene Reaktion.

Allein schon aus Nachhaltigkeits-Gründen sollte man Autokorsos verbieten.

Wichtig ist, dass der Krieg irgendwie gestoppt wird, dass das Gemetzel und die Vertreibungen aufhören.

Übrigens wenn euch wirkliche Diskriminierung passiert: es gibt hier eine Meldestelle für antislavische Diskriminierung im Netz. Bitte wendet euch in solchen Fällen nicht an die russische Botschaft, denn die nutzen das nur für ihre Propaganda.
Ich würde diese Demos zwar nicht als Korsos der Schande zu bezeichnen, wie einige Kolleginnen, aber ich würde mir wünschen, meine Leute würden sich nicht von dubiosen Hintermännern für Propaganda ausnutzen lassen. Aber es passiert.
Solche Demos sind momentan so notwendig wie ein Kropf. Ebenso wie die Influencerinnen und Vlogger, die sich vor den Karren der russländischen Propaganda spannen lassen. zunächst wollte ich sie ja nicht namentlich nennen, um ihnen nicht auch noch eine Plattform zu geben. Aber über eine hat Volksverpetzer einen Faktencheck-Bericht veröffentlicht. Darin werden die Mechanismen und die Absurdität bestimmter Behauptungen der emsigen PR-Arbeiterin deutlich.

In der Einladung wird davor gewarnt, das Z zu präsentieren. Immerhin.

Zum Glück ist nur ein kleiner Teil der Menschen aus den postsowjetischen Communities bei solchen Aktionen dabei. Ein nicht zu vernachlässigender Teil engagiert sich für die Ukraine, organisiert Konvois mit Medikamenten in die Kriegsgebiete, bleibt auf Abruf, um für Geflüchtete vor Ort oder per Telefon zu übersetzen oder schreibt Artikel gegen den Krieg und über diejenigen, die sich von der Sichtweise des Kreml einnehmen lassen.

Ich hoffe, dass unsere Demokratie standhaft bleibt, und in Zukunft solche seltsamen Auswüchse wie die Autokorsos unterbindet. Besonders im Hinblick auf ein bestimmtes Datum. Ich habe Sorge, was am 9. Mai passieren wird. Ob es in deutschen Städten noch mehr prorussische Paraden zum Tag des Sieges geben wird. Hatten wir in den letzten Jahren auch, aber dieses Jahr werden sie sicher noch excessiver geführt. Die gegenwärtige Lage verbietet eigentlich solche Aufmärsche, aber wem sage ich das.

Die Demo am kommenden Sonntag in Frankfurt ist übrigens nicht verboten, darf aber nur unter strengen Auflagen stattfinden. Ohne Autos, ohne die Zeichen Z und V und ohne Verunglimpfungen des Staates Ukraine.
Und es sind große Gegendemos zu erwarten. Mit vielen Teilnehmenden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, darunter auch vielen Deutschen aus Russland. Aber werden sie im Gedächtnis bleiben oder die wenigen Putinisten?

All das bleibt an uns hängen. Wie auch das Klischee vom erbarmungslosen Killer. Dafür sorgt das chauvinistische Regime aus Moskau gerade zu genüge. Es wird mehrere Generationen brauchen, um das wieder aufzuarbeiten, das wieder geradezurücken. Wie soll sich Russland nach diesem Debakel wieder aufrappeln?
Ab jetzt wird alles Russländische und Russland selbst nur durch einen Filter des gnadenlosen barbarischen Angreifers betrachtet. Ist das etwa das Bild der Stärke, das uns Putin vermitteln will?

Die Ideologen des Regimes bezeichnen sich selbst als Kämpfer gegen den Faschismus und als Retter der Zivilisation (nur nicht als Retter der westlichen, versteht sich). Aber mit welchen Mitteln? In diesem Artikel von Dekoder werden die Ideen solcher Vordenker wie Alexander Dugin und die anderen Bausteine des Putinismus vorgestellt. Sie gaben sich schon früh zu erkennen.

Haben wir nicht die Alarmglocken läuten gehört?
Anna Politkowskaja wurde getötet, nachdem sie während der Tschetschenienkrieges über genau solche unmenschlichen Gräuel berichtet hat, wie sie jetzt in den Vororten ukrainischer Städte passieren. Was brauchen wir noch, um aufzuwachen?


Es gibt keinen guten Abschluss für diesen Post. Denn eigentlich möchte ich von ganzem Herzen schreiben, dass dieser elende Krieg aufhört. Leider kann ich mir das im Moment selbst nicht glauben.
Und wie gesagt, alles worüber ich hier berichte, sind nur Nebenschauplätze. Der wirkliche Krieg tobt woanders.

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