Zwei Mütter, eine Waise – eine Rezension

Es ist die Geschichte eines Waisenkindes und beginnt in der Sowjetunion irgendwo Mitte der Fünfziger Jahre. Straßenkinder bzw. Waisenkinder sind nach wie vor ein sensibles und unerfreuliches Thema in dem Land, das sich jetzt Russische Föderation nennt.

Besonders dann, wenn die Eltern gar nicht tot sind, sondern in einem Straflager leben. Und besonders dann, wenn sie scheinbar ohne juristisch nachvollziehbare Gründe für Jahrzehnte weggesperrt worden sind.

Und dennoch nimmt sich Eleonora Hummel gerade dieses Themas an und baut daraus eine Geschichte. Inspiriert wurde In guten Händen, in einem schönen Land von einer wahren Begebenheit.

Drei Leben, drei Stränge werden aus drei Perspektiven erzählt. Aus der Sicht der „Waisen“ Vika Makarowa, die glaubt ihre Mutter habe wirklich etwas verbrochen. Aus der Sicht ihrer leiblichen Mutter Olessia Lepanto, die eigentlich nur zum Theater berufen war und ihr Kind im Gulag zu Welt bringt, es aber nicht behalten darf. Und aus der Sicht einer Leidensgenossin der Mutter, Nina Belikowa, die früher entlassen wird und verspricht, das Kind ausfindig zu machen und sich darum zu kümmern.

In Ansätzen ähnelt der Plot dem Stück Der kaukasische Kreidekreis von  Bertholt Brecht. Das Schema scheint ähnlich zu sein, zwei Frauen, ein Kind. Aber natürlich macht die Autorin etwas ganz eigenes daraus.

Wie beschreibe ich die Sprache dieses Romans, darüber habe ich lange Zeit nachgedacht.

Schon ab der ersten Seite kommt die Prosa verdichtet-poetisch daher. Da heißt es: Das Fensterbrett ist ein Ort der Wünsche.

Aber Poesie deckt hier bei Weitem nicht alles ab. Lakonisch wäre wohl der Ausdruck für diesen Tonfall oder eine leicht distanzierte Ironie und eine genaueste Beschreibung der Wirklichkeit.

Es sind drei Melodien, drei innere Monologe, die zu einem Ganzen verflochten werden. Was auf den ersten Blick leicht kategorisch wirkt, denn Vika tritt permanent als ich-Erzählerin auf, ihre Mutter redet ausschließlich in der zweiten Person von sich (was anfangs ungewohnt ist) und über Nina Belikowa wird folgerichtig in der dritten Person gesprochen.

Aber das ist nur ein äußeres Muster, eine Struktur. Bemerkenswert ist, dass durch den gesamten Roman hindurch der Ton niemals anklagend oder wehleidig wird. Obwohl alle drei Frauen Opfer des großen Terrors geworden sind und sicher Grund hätten zu verzweifeln und anzuklagen.

Wahrscheinlich ist dieser distanzierte, beschreibende Ton eine Möglichkeit über das Nicht-Sagbare zu reden. Die Wirklichkeit wird wie durch ein Vergrößerungsglas gezeigt.

Die Autorin lenkt die Aufmerksamkeit auf ein scheinbar unbedeutendes Detail wie einen Fussel am Kleid. Einen kleinen Fleck, der mit dem Finger bedeckt werden muss.
Das Unerträgliche an den Lebenssituationen wird nicht explizit ausgebreitet, schwingt aber mit.

So kann ich mich als Leserin auf dieses schwere Thema einlassen.

Ich habe das Buch auch meiner Tante ausgeliehen. Sie sagt, sie hat vieles aus Russland wiedererkannt (das kann ich bestätigen auch wenn mir aufgefallen ist, dass in der Straßenbahn so ein Kasten zum Kartenabstempeln hängt. War das in echt so? Bei uns gab es dafür noch die echte Konduktorinnen, aber vielleicht trifft diese Luxusvariante auf Charkiv ja zu). Meine Tante jedenfalls erinnert sich noch an die Heimkinder, die in der Schule immer nur unter sich bleiben. Als wäre eine Trennmauer zwischen ihnen und den anderen, als wären sie Nichtberührbare. Die mit den kurzen Haaren. Manchmal sogar kahlgeschoren, auch die Mädchen, das ist die Hauruck-Methode um Läusen vorzubeugen oder deren Beseitigung zu erleichtern. Und natürlich musste das von Mädchen und auch von Jungs als Makel erlebt worden sein – und als Erkennungszeichen der Aussätzigen. Aber ich schweife ab, denn Eleonora Hummel geht nicht so weit, sich bei diesem Klischeehaften Bild aufzuhalten und es auszuwalzen.

Waisen in den Hungerjahren um 1920
Waisen in den Hungerjahren um 1920
Jahreswendfest im Waisenhaus
Jahreswendfest im Waisenhaus

Es ist mein Film. Seit ich das Buch lese, habe ich öfter an dieses Bild vom russischen Heimkind denken müssen. Große, traurige Augen, großes Gesicht, schmaler Hals und dieser kahle Kopf.

Zum Glück kehrt Eleonora Hummel solche vordergründigen Klisches nicht in den Mittelpunkt.

Er geht nicht gleich unter die Haut, dieser Stoff, aber er wirkt lange nach. Durch die distanzierte Haltung ist es nicht so, dass ich mit angehaltenem Atem über die Schrecknisse und Erniedrigungen lese und innerlich die Augen zudrücken muss. Und das ist die Kraft dieses Romans. Ich bin hineinversetzt, kann das alles aufnehmen ohne dass es mich hinwegschwemmt, ich verstehe etwas von der Zeit, erkenne die Zustände und die Zusammenhänge. Die Geschichte der Verfolgung von sogenannten Kulaken und Intellektuellen leuchtet auf. Sie werden aus der Geschichte heraufgeholt.

Hier ein Zitat, in dem die Liebe zum Detail deutlich wird:

Als es wieder soweit ist, bringt Jewgenia einen Korb voll Piroggen mit süßer Füllung mit, bestehend aus Nachtschattenbeeren vermischt mit gleichen Teilen aus Mehl und Zucker. Die zugeklebten Teigränder haben bei aller Sorgfalt dem Fruchtsaft nicht überall standgehalten, da, wo er ausgetreten ist, sind die Piroggen mit klebriger violetter Masse bedeckt. Man muss den Teller unterstellen, damit der Saft abtropfen kann. Er lässt sich nur schwer aus der Kleidung herauswaschen. (S. 158)

(Das Dilemma kenne ich zu gut, nur mit Erdbeerfüllung, ich habe beim Lesen den Geschmack der zerkochten Erdbeeren glatt im Mund, vermischt mit geschmolzener Butter allerdings. Denn es waren Wareniki und nicht Piroggen, aber dennoch. Etwas wird hier getriggert.)

Und noch ein Detail, in dem die leichte Ironie deutlich wird:

Von unserem Sommerquartier aus gehen wir mit Laternen auf Nachtwanderung durch den Wald, sitzen am Lagerfeuer, bis alle nach Bückling stinken, baden im See, spielen Volleyball ohne Netz. (S. 143)

Mir fällt auf, dass die ironischen/lakonischen Gedanken oft in den Abschnitten mit Vikas Perspektive vorkommen. Aber nicht immer, wie man bei Olessias Erinnerungen sieht:

Der Ermittler kramte in deiner Akte, warf dir ein Blatt hin.

„Was ist das?“

Du erkanntest in deiner Handschrift den ersten Gesang aus der Hölle.

Vor einer Ewigkeit hattest du, um dich auf die Schauspielschule vorzubereiten, aus der Bibliothek deiner Eltern Dantes Göttliche Kommödie, die zweisprachige Ausgabe, gerettet, sorgfältig auf Italienisch abgeschrieben und am Spiegel befestigt, um den Text beim Zähneputzen vor Augen zu haben. Sie hatten die Abschrift offenbar bei der Durchsuchung deines Zimmers als Beweisstück eingepackt.

„Das ist ein Gedicht.“

„Ein Gedicht, sieh an. Worum geht’s denn in diesem Gedicht?“

„Um die Hölle, es stammt ja nicht aus meiner Feder.“

„Soso. Wer hat’s denn gedichtet?“

„Dante.“

„Und weiter?“

„Allighieri.“

„Ali…wer? In welcher Beziehung stehst du zu diesem Dante, und wieso schreibt er über die Hölle? Gefällt’s ihm bei uns nicht?“ (S. 79)

Aber hier ist die Situation absurd. Nicht die Haltung der Protagonistin. Für ein bloßes Gedicht schuldig zu werden. Unvorstellbar. Und dennoch geschieht so etwas auch heute.

Noch eine Besonderheit des Buches, rein optischer Natur, aber bemerkenswert, wie ich finde… Auf dem Buchcover ist eine junge Frau zu sehen. Es ist in Wirklichkeit auch ein Antlitz aus einem Gulag. Das Bild stammt von Ursula Rumin, die in den Fünfzigern aus Berlin nach Russland verschleppt und in ein Lager in Workuta kam, wo sie wegen Spionage zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Sie saß 15 Monate davon ab. 1953, nach dem Tod Berijas wurde Rumin freigelassen und hat einige Bücher über diese Erfahrung publiziert. Auch sie hatte ein Kind, das sie erst im erwachsenen Alter kennengelernt hat. Ob sie es selbst auf dem Cover ist, weiß ich allerdings nicht.

Eine fremde Stimme zum Roman von Eleonora Hummel: (aus dem Tagesspiegel von vor drei Jahren)

Die erzählerische Stimme des Kindes erzeugt im Dreiklang dieser bewegenden Innenansichten den intensivsten Widerhall: unversöhnlich und radikal egozentrisch. Viktoria will endlich ein Zuhause haben und der Ödnis des Kinderheims entkommen, in dem es nicht einmal gestattet ist, am Fensterbrett auf Besuch zu warten. Sie kann nicht wissen, dass ihre Mutter zu Unrecht verurteilt wurde. Ihr ist nur gesagt worden, dass sie sich nicht an die Gesetze gehalten hat – so entstehen Ablehnung und unbegründeter Hass. Die Heimerziehung gemäß der politischen Linie führt im Laufe der Jahre zu der Überzeugung: „Ich bin in guten Händen, in einem schönen Land.“ Für Viktoria sind Erkenntnis und Versöhnung mit ihrer Mutter erst nach Jahrzehnten möglich.

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Eleonora Hummel
„In guten Händen, in einem schönen Land“
im April 2015 als Taschenbuch im Ullstein Verlag erschienen, (vorher bei einem anderen Verleger…)

Broschur
352 SeitenISBN-13 9783548287249

http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/in-guten-haenden-in-einem-schoenen-land-9783548287249.html

…als E-Book:

http://www.buecher.de/shop/sowjetunion/in-guten-haenden-in-einem-schoenen-land-ebook-epub/hummel-eleonora/products_products/detail/prod_id/41848873/

…und mehr über die Autorin:

http://www.eleonora-hummel.de/

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Die Venus als Leitstern

 

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Giorgione – Schlafende Venus

Eine junge Frau wartet in einem Berliner Bahnhof auf einen Zug aus Warschau, der eine Stunde Verspätung hat. Sie fühlt sich leicht vergrippt, kann jedoch nicht einfach weggehen, denn diejenige, die ankommen wird,  ist ihre ältere Schwester, die sie seit zehn Jahren nicht gesehen hat. Alina, die Protagonistin des Romans von Eleonora Hummel ist bereits als Kind Anfang der achtziger Jahre mit ihren Eltern aus der Sowjetunion nach Dresden ausgesiedelt, ihre Schwester Irma zog es dagegen vor, bei ihrem Mann Sergej zu bleiben. Ein Jahrzehnt später, die Mauer ist längst gefallen, treffen die ungleichen Schwestern aufeinander.

Das ist der Rahmen der Handlung, aufgefüllt wird sie mit Rückblenden auf die eigene Ausreise aus der Sowjetunion, Lebenserinnerungen, die von der Oma erzählt werden und Gedanken an eigene Erlebnisse der letzten zehn Jahre. Auf dem Gleis stehend und wartend, denkt Alina an ihren Freundeskreis, ihren Liebhaber und Samstagabende in den Clubs, sie lässt Stationen ihrer Selbstfindung passieren und landet immer wieder beim Scheitern, bei den Brüchen in ihrem Leben. Sie beschreibt beispielsweise, wie sie sich zum Künstlerischen berufen fühlt, aber im Beruf der technischen Zeichnerin verharrt.

Die Venus ist dabei so etwas wie ihr Leitstern. Sie verortet Alina auch wenn sie die Orte wechselt.

Die Venus im Fenster ist nicht das aktuelle Buch von der Autorin und auch nicht ihr viel gelobter Erstling. So wie ein Sandwich-Geschwisterkind liegt es genau dazwischen und sollte die Beachtung bekommen, die es verdient.

Ich habe die verhaltene oder teilweise ablehnende Kritik zu diesem Buch gelesen und frage mich, für wen es eigentlich geschrieben wurde. Eine Rezensorin konnte mit dem Thema des Wartens am Bahnhof  nicht viel anfangen, eine andere hat die sehr langen Monologe der Großmutter kritisiert.

Für mich ist gehören diese Dinge unbedingt in das Buch, sie sind stimmig. Allein der Bahnhof und seine Metaphern. Ankommen, nicht ankommen, Wartehalle, Gleis, Durchfahrt, Übergang.  Aber vielleicht liegt es auch daran, dass sich bei mir und der Protagonistin (und der Autorin) ein Großteil des Lebenslaufs und des Hintergrunds überschneiden. Zum Beispiel erleichtern mir viele der Details, wie die Weißgoldohringe der Schwester, die Kommentare der Mutter oder auch die Rückblenden in die Stalin-Ära eine konkrete Zuordnung und knüpfen an meine eigene Geschichte an.

Doch Oma Erika bietet ihrer Enkelin keine unterhaltsame Geschichtsstunde. Wie unbeteiligt monologisiert die alte Frau über ihre Erlebnisse vor dem Krieg und danach. Sie stellt sich oft als Opfer da, aber sie klagt das System nicht an, höchstens ihren Bruder, der den Ehemann angeblich zu dubiosen Taten verführt hat. Ihre Erzählweise ist typisch, wie einen Schwall gießt sie ihre Worte über der Zuhörerin aus, aber ohne jegliche Emotion. Wie so oft üblich, spaltet sie als Traumatisierte ihr eigenes Erleben von dem Erzählten ab. Und das ist für die Zuhörer nur schwer auszuhalten. Und für die Leser möglicherweise auch.

So fühlt auch die Protagonistin ihrem Singsang ausgeliefert:

Immer wieder überkam mich die Versuchung, mir die Hände auf die Ohren zu pressen und ‚hör auf‘ zu sagen. In mir wuchs der Wunsch, eine Abwehr zu errichten gegen diese traurigen Geschichten von verlorenen Heimaten, eine Glaswand, an der sie abprallen würden ohne die Möglichkeit, tiefer einzudringen. … Oma Erika erzählte und im Grunde war es egal, ob ich zuhörte oder nicht, es war bereits ein Teil von mir. (Seite 160)

Die Enkelin kann sich nicht wehren. Sie ist schon infiziert und hat diese unausgesprochenen Emotionen verinnerlicht. Alina gehört bereits der nächsten oder sogar übernächsten Generation der Vertriebenen an. Und hat ihre eigene Auswanderung, ihre eigene Umpflanzung erlebt, die sie noch nicht verdaut hat. Von einem vor Gesundheit strotzenden Kind verwandelt sie sich in eine kränkelnde und fast hypochondrische Erwachsene, der es schwer fällt, Fuß zu fassen. Sie wandelt fast unbeteiligt durch die Welt, trifft Menschen, aber sie berühren sie nicht. Sie nimmt alles genaustens wahr, aber sie lässt sich nicht hineinziehen in ihr Treiben. Alina lebt sich nicht aus, bleibt zögerlich, hat Sehnsüchte, setzt sie aber nicht um. Sie wirkt angepasst. Vielleicht zu sehr?

Ist das eine Folge ihrer eigenen Migration oder sogar eine Auswirkung des Grauens, das die Generationen vor ihr erlebt haben? Oder einfach ihre Art, sich der Fremde und dem Leistungsdruck zu verweigern? Krankheit und Nichthandeln als Ausweg.

Die psychosomatischen und psychischen Zusammenhänge bleiben nur angedeutet, Eleonora Hummel geht subtil vor, sie beschreibt einen Zustand, sie gibt keine expliziten Erklärungen oder eindimensionalen Lösungen vor. Die Autorin bleibt selbst im Hintergrund, lässt Oma Erika monologisieren, lässt Alina ihre Handlungen ausführen ohne ihre Motive zu werten oder zu erörtern.

Und das ist eindeutig eine Stärke dieses Romans.

Allerdings muss man man schon genau lauschen, um die Botschaft zu erhaschen. Und vielleicht fehlen den einheimischen Lesern  (und Literaturkritikerinnen) manchmal die passenden Codes dazu. Es gibt eine Stelle, da fällt es mir besonders auf, dass Menschen, die nicht in Sowjet-Russland gelebt haben, den Sinn nicht komplett erfassen können:

Rudis Vater hieß Fritz, und das war der Grund, warum die Familie bereits in den Siebziger Jahren in die DDR ausgereist war. Kein guter Name für einen anständigen Sowjetbürger, aber Fritz hat sich zeitlebens geweigert, ihn ändern zu lassen. (Seite 178)

Für einen nicht russisch sozialisierten Leser, würde der Satz mit einem beliebigen deutschen Namen wie Hans oder Albert ebenso funktionieren. Der Witz aber ist, dass in Russland alle Deutschen einheitlich als Fritzen beschimpft wurden und das Fritz dort ein Synonym zu Faschist war und ist. Diejenigen, die in Russland geboren sind, und insbesondere die Deutschen, die dort nach dem zweiten Weltkrieg gelebt haben, können ermessen, wie viel Hass und Verachtung in dieser Bezeichnung liegt und so ein Name durchaus ein Grund sein kann, das Land zu verlassen.
Vielleicht wäre an dieser Stelle noch eine winzige Erklärung hilfreich, nur ein Satz und kein soziogeschichtlicher Ausflug.  Denn so ist es mit vielen Büchern: der Sinn entsteht im Kopf des Lesenden und kann nur damit gefüttert werden, was dieser weiß. Alles genauestens aufzudröseln würde den Fluss der Erzählung nur behindern.

In solchen Momenten drängt sich mir die Frage nach der Zielgruppe auf. Für wen wurde dieses Buch geschrieben? Etwa nur für Aussiedler, die jede Feinheit davon verstehen und jede Situation nachvollziehen können? Schade nur, dass es gemeinhin von ihnen heißt, sie würden nicht so häufig zu Büchern greifen. Bei diesem verpassen sie jedenfalls eine ganze Menge. (Vorurteile lassen grüßen, beweist mir das Gegenteil!)

Ich glaube eher, dass durch die Themen der Entwurzelung, der Suche nach dem eigenen Weg und dem Ankommen in einem neuen Land ‚Venus am Fenster‘ für viele Anknüpfungspunkte bieten kann. Allein dieses Gefühl der 80iger Jahre, das da beschreiben wird,  dass das eigentliche Leben nie da stattfindet, wo man sich gerade aufhält. Wie in einer großen Wartehalle. Wobei wir wieder beim Bahnhof wären.

Wenn ich mir an dem Roman etwas anders gewünscht hätte, dann das Ende. Mir kommt es so abrupt vor. Es wäre mir lieber, wenn Irma und Alina noch tiefer in den Konflikt gehen würden. Denn ich kann mir vorstellen, dass diese zehn Jahre und die verschiedenen Lebensentwürfe die beiden Schwestern auf so existentielle Art trennen und sie aufeinanderprallen lassen wie die tektonischen Platten vom St. Andreas Graben. Statt dessen gehen sie sehr behutsam miteinander um. Sie knallen nicht. Und da, wo die Diskrepanzen anfangen könnten sichtbar zu werden, hört die Geschichte auf.

Doch das gehört vielleicht auch zum Konzept des Buches.

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Eleonora Hummel, Die Venus im Fenster

Roman

Steidl Verlag, Göttingen 2009
ISBN 9783865218780
Gebunden, 217 Seiten, 18,00 EUR

Ingenieure am Rande des Nervenzusammenbruchs

Liebster Hans_Still
Noch sehr entspannt: Otto, Hans und Willi © Passenger Film Studio

Gestern war die Deutschlandpremiere der russisch-deutschen Koproduktion „Liebster Hans, bester Pjotr“ beim Filmfest Hamburg zu sehen. Ein Arthouse-Film über den Vorabend des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, der in mehr als einer Hinsicht von gewohnten Sichtweisen abweicht. Eine Rezension.

Im Frühling des Jahres 1941 kommen deutsche Spezialisten, drei Männer und eine Frau, nach Russland um gemeinsam mit ihren russischen Kollegen an der Entwicklung optischer Linsen zu arbeiten. Das ist möglich, weil der Ribbentrop-Molotov-Pakt für kurze Zeit für eine politische Entspannung und somit für wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern sorgt.

Es ist ein Austausch der besonderen Art. Nicht als Kriegsgefangene, nicht als Zwangsarbeiter, sondern als Experten kommen die vier Ingenieure in das fremde Land und sollen eine Linse erschaffen, die die Wirklichkeit klarer darstellen soll als je ein Glas zuvor. Als einer der Experten, Hans, den Ofen durch Überhitzen zur Explosion bringt, und es sogar Opfer gibt, spitzt sich die Situation zu.

Bruch mit Erwartungen
Die ausländischen Experten werden nicht als Meister der Technologie dargestellt, sie verzweifeln an der Materie, sie ringen, sie sind ihren eigenen Zwängen unterworfen und kämpfen gegeneinander. Es gibt keine Helden, keine Heldentaten, keine große Kameradschaft. Das allein ist ungewöhnlich für einen russischen Film, der in dieser Zeit spielt.

Doch nicht nur das widerspricht unseren Erwartungen an diesen Arthouse-Film. Der Regisseur Alexandr Mindadze, der auch das Drehbuch zu  „Liebster Hans, bester Pjotr“ geschrieben hat, verwendet keine übliche Erzählstruktur, der Sinn entzieht sich oft, man wird einfach hineingeworfen in Konflikte und Situationen.

Walerij Kitschin schreibt für ‚Russia Beyond the Headlines‘: Mindadze nennt seine Methode „Prinzip versteckter Exposition“: In dem Film gibt es keinen Bezugspunkt, von dem aus der Zuschauer den Handlungsverlauf nachvollziehen könnte. Mindadzes Aufmerksamkeit gilt dem emotionalen Zustand einer Gesellschaft, die mit Haut und Haar in den Sog eines aufkommenden großen Krieges gerät. Und er verdichtet die Handlung, spannt ihre Triebfedern an: Menschen gelangen an den Rand der Hysterie und darüber hinaus. Sie verlieren nach und nach die Selbstkontrolle.

Das vorherrschende Element ist und bleibt das Glas, fast alle Gespräche drehen sich darum. Der Druck ist hoch, es muss gelingen, die Superlinse zu entwickeln. Auch die Menschen werden im Film wie durch ein Vergrößerungsglas gezeigt. Durch die Montage und das Spiel mit Kontrasten erscheint alles wie zersplittert, lange Passagen, Überfahrten, lange Bewegungen, werden statischen, theatralisch anmutenden Sequenzen gegenübergestellt. Dazwischen frenetische Ausbrüche, wie Glas, das plötzlich zu Bruch geht. Und immer wieder Nahaufnahmen, als würde man die Protagonisten selbst durch eine stark fokussierende Linse betrachten. Sehr intim, aus seltsamen Winkeln,  in denen nur Fragmente zu sehen sind. Füße. Ein Nacken. Ausschnitte.

Um diese besondere Wirkung zu erzielen, wurden beim Filmdreh selbst spezielle Linsen eingesetzt und auch die schrägen Winkel sind mit Bedacht gewählt, so hat es der Regisseur beim anschließenden Gespräch erwähnt.

Dass etwas Bedrohliches im Schwange ist, bleibt die ganze Zeit über spürbar, wird aber nicht explizit erläutert. Es gibt kaum konkrete Anzeichen für die politische Lage. Einmal zückt die deutsche Ingenieurin Greta ein Zigarettenetui mit Hakenkreuz oder marschiert mit einer Soldatenkappe zu einem lustigen Marschlied durch den Raum. Ansonsten kommt er ohne direkten Andeutungen aus, kein Propagandageschwätz, keine Naziterminologie ist zu hören. Dieser Frühling steht unter keinem guten Stern, sagt einer der Spezialisten. Seine Vorahnung zieht sich durch den gesamten Film.

Statt durch Synchronisation die Stimmung und die Stimmen zu verfälschen, sind die Originalsprachen so belassen worden. Auf diese Weise wird es auch nachvollziehbar, wie die deutschen und die russischen Kollegen aufeinander treffen, vorsichtig tastend, zuweilen aneinander vorbei redend. Nur da wo jemand die Sprache des anderen beherrscht, gibt’s einen echten Dialog. Meistens jedenfalls.

Der Ton unterstützt die Stimmung des Films. Michael Katschmarek verwendet keine überlagerte Filmmusik sondern natürliche Geräusche, dumpfes Fabrikstampfen, das Ticken einer Uhr, die menschliche Sprache. Wenn Musik auftaucht, dann nur weil grad ein Tango auf dem Grammophon ertönt.

Umstritten von Anfang an
In Moskau wurde der Film bereits im Sommer aufgeführt und bekam sehr widersprüchliche Kritiken. Allein die Tatsache, dass in ihm über weite Strecken die deutsche Sprache zu hören ist, hat die russischen Zuschauer polarisiert. Im Kulturmagazin seance.ru erschienen gleich zwei Rezensionen, eine pro und eine kontra. So nennt ihn die Filmkritikerin Maria Kuwschinowa begeistert ‚den meistunterschätzten Film des Jahres‚, während ihr Kollege Andrej Kartaschow schreibt, dass der Film ‚ein Gefühl von Vakuum hinterlässt,‘ das auch nicht durch die ’subjektive Kameraführung‘ oder ‚die lauten Effekte kompensiert wird.‘

Natalia Prigorjewa von Nesawissejema Gezeta stellt fest: ‚Liebster Hans, bester Pjotr“ ist ohne eine einzige Schlachtfeldszene gedreht, ohne jede Szene heldenhaften Dahinscheidens, ohne die Schreihälse des hurra-patriotischen Kinos, er ist einer der stärksten russischen Filme über den Krieg der letzten Zeit.‘

Schon im Vorfeld hat das Ministerium für Kultur hat die Finanzierung gestoppt, weil ein Gremium entschieden hatte, dass dieser Streifen die Geschichte aus russischer Sicht nicht wahrheitsgemäß darstellen würde. Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes fürchtete man die Ablehnung durch russische Kriegsveteranen. „In diesem Film könnte ein etwas anderer Blick vorherrschen als von den Veteranen des Großen Vaterländischen Kriegs erwartet“, begründete Wjatscheslaw Telnow, der Vorsitzende des Departements für Kinematografie, diese Entscheidung.

Doch nach vielen Verhandlungen und kleineren Änderungen im Skript, konnte der Film im letzten Jahr in der Ukraine doch noch gedreht werden. So mussten noch die Anfangstitel geändert werden – ohne die Erwähnung der genauen historischen Daten und des deutsch- sowjetischen Nichtangriffspaktes im Vorspann bekam er die Lizenz.

Alexandr Mindadze meinte gestern auf eine Nachfrage aus dem Publikum lediglich lakonisch, es sei hilfreich gewesen, dass er bereits in Sowjetzeiten Filme gemacht und so gelernt habe, wie man mit der Zensur umgeht. Etwas mehr von dem skandalumwitterten  Presserummel hätte ich dem Film hier in Hamburg allerdings schon gewünscht!

Ach ja, hier der Trailer zu dem Film, der aus russisch ‚Милый Ханс, дорогой Петр‘ heißt:

https://www.youtube.com/watch?v=YFluoibyswE

Wahre Begebenheit
Zur Premiere sind der Regisseur Alexandr Mindadze, alle Darsteller der vier deutschen Spezialisten (Birgit Minichmayr, Jakob Diehl, Mark Waschke und Marc Hosemann) und die Schauspielerin Anna Skidanowa nach Hamburg gereist und stellen sich nach der Vorführung den Fragen des Publikums.

Martin Kunze
Alexandr Mindadze mit seinen Mimen © Martin Kunze

Die deutschen Schauspieler erzählten wie es war, mit einem russischen Regisseur zu drehen. „Die langen Plansequenzen waren eine Neuheit für mich“, sagte Birgit Minichmayr, die Darstellerin der Greta, „und haben mir ein großes Vergnügen bereitet.“ Ebenfalls ungewöhnlich fand sie, dass das Drehbuch in Prosa geschrieben war und nicht als Dialog. „Doch so kam mehr von der Atmosphäre und der Stimmung rüber“, warf Jakob Diehl ein, der den Hans spielt.

Ein Zuschauer bedankte sich für diese „meisterhaften Chiffren der Rebellion“, er habe sich regelrecht in die Vorkriegszeit hineinversetzt gefühlt. Besonders die Szenen am Ende des Films würden „den tödliche Schrecken des herannahenden Krieges zeigen, ohne dass ein Schuss fällt“.

Übrigens wurde die Idee zum Film unweit von Hamburg geboren, als Mindadze seinen damaligen Produzenten Matthias Esche in Mölln besuchte. Sie basiert auf dem Zeitungsbericht über einen deutschen Ingenieur, der im Zuge der ökonomischen Zusammenarbeit 1941 nach Russland kommt und dann, nach dem Ausbruch des Krieges mit der Sowjetunion, wieder an den gleichen Ort zurückkehrt – diesmal als Offizier.

Diese Kleinstadt Mölln taucht als Sehnsuchtsort im Film auf.  Einer der deutschen Ingenieure, Willi, will dort sein Häuschen bauen und nennt dieses Fleckchen Erde sein Paradies. Ein bitterer Gedanke wenn man weiß, was in den kommenden Jahren so passieren wird.