Rikki Tikki Tavi reloaded

Korrektur. In einem Post von 2015, ist mir ein grober Fehler unterlaufen. Damals hatte ich geschrieben, dass Alfred Schnittke der Komponist zu einem Multfilm über Rikki Tikki Tavi sei. Schnittke hat schon zu einem Rikki Tikki Tavi Filmmusik komponiert, nur nicht zu diesem Multik. Das war ein ganz anderer, nämlich Witalij Gewiksmann (dessen Sohn Viktor heute als Rapper „Sadist“ bekannt ist, aber das nur am Rande.)

Gestern kam ein Kommentar von einem Leser oder einer Leserin mit den Initialen HB, der oder die mich auf diesen Patzer aufmerksam gemacht hat.

Ganz deutlich im Vorspann: W. Gewiksmann

Wie konnte ich nur. Verblendet, habe den Zeichentrick erkannt und gedacht, es gibt einen einzigen Rikki Tikki Tavi Film auf der Welt, nämlich diesen, weil ich ihn als Kind gesehen habe.

Schnittke hat für einen anderen Film aus Jahre 1975 die Musik geschrieben. Einen mit echten Menschen. Vom ersten Ton hätte mir auffallen müssen, dass die Multik Musik nicht von einem stammt, der moderne Musik komponiert. Ist es aber nicht.

Der Realfilm von 1975 ist nur nach Motiven von Rudyard Kipling entstanden. Es wird eine ganz andere Geschichte erzählt. Und ich vermute mal, dass sich der in Indien geborene, britische Autor 1975 ein paar Mal im Grab umgedreht hat. Denn dieser Streifen, obwohl als Kooperation zwischen Indien und der Sowjetunion entstanden, strotzt nur so von kolonialistischen Klischees und ist sogar eine ziemliche kulturelle Aneignung. Nur aus heutiger Sicht natürlich. Hätte ich ihn als Kind gesehen, wäre mir nichts dergleichen aufgefallen.

Statt der ursprünglichen Story, haben die Filmemacher*innen die Geschichte umgestaltet. Die Hauptrollen werden mit Weißen besetzt. Der Sinn umgedeutet. Wohl auch, damit sich die russischen Kinder, die den Film sehen, besser damit identifizieren können? Aber heute wirkt das nur schräg. Vor allem, wenn du die Originalgeschichte kennst.
Weißer Junge, weiße Mutter und ein weißer Vater mit Safarihut im indischen Dschungel. Das Haus wirkt wie das von Lew Tolstoj in Jasnaja Poljana. Die Inder und Inderinnen sind nur untergeordnete Statisten, Diener, Bauarbeiter, ein indischer Freund des Jungen, der plötzlich einfach nicht mehr auftaucht. Sie laufen mit, oder eher hinterher, den meisten Text haben die Weißen, wie dder britische Kolonialistensohn Teddy. Die anderen sagen wenig, erfüllen Befehle, hören zu, schweigen.
Nur ein Freund der Familie, Mister Chebna, der sich länger mit der viktorianisch gekleideten Lady unterhält, macht da eine Ausnahme.


Aber halt?
Ist das nicht die Verherrlichung des Imperialismus? Sind das nicht genau die Sturkturen, die im Kommunismus bekämpft werden sollten? Und das 1975. Warum wurde der Film nicht wegzensiert? Das ist wieder sehr interessant.

Heute jedenfalls wirkt dieser Film auf mich befremdlich. Wie eine kulturelle Aneignung in doppelter Weise. Nicht nur Indien und Kipling gegenüber, sondern sogar der Kolonialmacht Großbritannien gegenüber. Denn die eigentlichen Briten werden jetzt von russischen Schauspieler*innen verkörpert. Auf eine naive, fast schon melancholisch dostojewskijsche Art. Falls das überhaupt existiert. Immerhin wurden die indischen Darsteller nicht mit dunkelangemalten Russen ersetzt.

Aber gut, normalerweise, werden Russen, besonders böse Russen im Film von anderen dargestellt. Und zwar schlecht. Mit immergleichem, schiefem Akzent, falschen Kostümen und aufgesetzter Brutaloattitüde. Nun ist es eben andersrum. Aber hier durchaus nicht respektlos. Das ist ein Plus des Films.

Es ist ein literarischer Stoff und der wird umgesetzt. Besetzt, umgedeutet. Das ist wohl künstlerische Freiheit. Der Plot hat was von Heidi, von Johanna Spyri. Der Junge erinnert an Clara, die im Rollstuhl sitzt. Sehr melodramatisch alles.

Aber die Musik ist wirklich gut!
2007 wurde Schnittkes Musik zu dem Märchen der Wanderungen und Rikki Tikki Tavi vom Label Capriccio vertont, weiß ich ebenfalls aus dem Kommentar des Lesers (oder Leserin).

Alfred Schnittke, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Frank Strobel
Rikki-Tikki-Tavi / Das Märchen Der Wanderungen


Hier der Link zum Film, den mir HB gesendet hat, eine indisch synchronisierte Fassung was noch mal sehr viel schräger klingt:
https://www.dailymotion.com/video/x4e4utr


und hier die russische Originalversion auf Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=DKJ1LpbVBLg

Danke für das Feedback, das war sicher ein wirklich grober Schnitzer. Aber ich habe wieder was gelernt!




Ich höre Schnittke – Rikki Tikki Tavi

Bei der Recherche nach dem avantgardistischen Komponisten Alfred Schnittke habe ich einen Zeichentrickfilm aus meiner Kindheit wiederentdeckt. Rikki-Tikki-Tavi ist ein sowjetischer Multfilm  oder Multik von 1976 nach dem Märchen von R. Kipling.

Der schlaue Mangust überwindet die niederträchtige Kobra. Das hat mich einst sehr geprägt. Und beim erneuten Ansehen habe ich gemerkt, wie toll dieser Film gemacht ist und wie traurig es ist, dass er es nicht über den Eisernen Vorhang geschafft hat. Er ist so anders als die uns geläufige Bildsprache der Disney-Filme, mit den ewig gleichen Gesichtern und Hintergründen und der austauschbaren Musik. Und im Gegensatz zu der amerikanischen Variante, sind die Hauptpersonen keine Kolonialherren sondern eine normale indische Familie. Wie in der ursprünglichen Geschichte.

Hier geht’s zur russischen Version von Rikki Tikki Tavi (Länge ca. 20 min).

Hier geht’s zur russischen Version von Rikki Tikki Tavi
Hier geht’s zur russischen Version von Rikki Tikki Tavi

Ich habe noch Filme mit englischen Untertiteln gefunden, aber für Kinder ist das ja nichts. Schade, dass es noch keine deutsche Synchronfassung gibt. Ein Verlust. Aber vielleicht verstehen Kinder das ja auch ohne Worte?

Teil eins - mit englischen Untertiteln
Teil eins – mit englischen Untertiteln
Teil 2 - mit engl. Untertiteln
Teil 2 – mit englichen Untertiteln

Korrektur 2021. Ein aufmerksamer Leser, eine aufmerksame Leserin, hat mich darauf hingewiesen, dass Schnittke nicht für diesen Multik die Musik komponiert hat. Es war ein gewissen Witalij Gewiksman. Schnittke hat für einen Film über den tapferen Mangus Rikki Tikki Musik gemacht. Aber für einen mit realen Schauspielern aus dem Jahr 1975. In den Kommentaren ist ein Link dazu zu einer indisch synchronisierten Fassung. Ich habe nur noch eineim russischen Original entdeckt:


Das hätte mir auffallen können, dass die Musik ganz anders ist, ist es aber nicht.
Asche auf mein Haupt. Aber zu diesem neuen Film und den Eindrücken beim schauen, habe ich in Zukunft einen neuen Post gemacht.
voilà:
https://scherbensammeln.wordpress.com/2021/09/19/rikki-tikki-tavi-reloaded/

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